„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt“ – Selbstfürsorge für pädagogische Fachkräfte in Kita und Kindertagespflege

Christina Zehetner

Die Adventszeit ist in vielen Kitas und in der Kindertagespflege eine besonders intensive und bewegte Zeit. Sie ist erfüllt von Erwartungen, zusätzlichen Aufgaben und vielen Emotionen – und genau deshalb braucht es bewusste Selbstfürsorge. Pädagogische Fachkräfte sind wichtige Bezugspersonen für Kinder, und ihr eigenes Wohlbefinden prägt das Erleben und die Atmosphäre im Alltag. Dieser Beitrag beschreibt typische Belastungen, zeigt, welche Folgen es hat, wenn Selbstfürsorge zu kurz kommt und unterstützt mit kleinen praktischen Übungen die Ruhe und Gelassenheit in der Weihnachtszeit.

1. Was bedeutet Selbstfürsorge?

Selbstfürsorge ist die bewusste Entscheidung, gut mit sich selbst umzugehen – körperlich, emotional und mental. Für pädagogische Fachkräfte sollte sie keinen Luxus darstellen, sondern eine grundlegende professionelle Kompetenz. Selbstfürsorge beeinflusst die Art, wie pädagogische Fachkräfte Kindern begegnen, wie sie kommunizieren und wie stabil sie bleiben, wenn es turbulent wird.

Selbstfürsorge bedeutet:

  • die eigenen Energiegrenzen wahrzunehmen
  • Stresssignale frühzeitig ernst zu nehmen
  • sich Erholung und kleine Pausen zu erlauben
  • innere Freundlichkeit, statt Selbstkritik zu kultivieren
  • Unterstützung zu holen und abzugeben, wenn nötig

In Kita und Kindertagespflege entsteht Selbstfürsorge oft weniger durch große Auszeiten, sondern durch kleine Mikro-Momente der Regulation mitten im Alltag.

2. Welche Stressfaktoren erleben pädagogische Fachkräfte?

Belastungen entstehen in Kita und Kindertagespflege aus einem Zusammenspiel aus äußeren, inneren und gesellschaftlichen Faktoren.

Äußere Stressfaktoren

  • Personalmangel und Ausfälle
  • hohe Lautstärke, ständige Reizüberflutung
  • organisatorische Anforderungen (Dokumentation, Elterngespräche, Planung)
  • heterogene Gruppen, Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf
  • Zeitdruck und Termindichte

Innere Stressfaktoren

  • hoher eigener Qualitätsanspruch
  • das Gefühl, „allen gerecht werden zu müssen“
  • fehlende Abgrenzung, Perfektionismus
  • Überverantwortung für Familiensituationen der Kinder
  • eigene biografische Stressmuster

Gesellschaftliche Stressfaktoren

  • Steigende Erwartungen an Kitas und die Kindertagespflege: Bildungsauftrag, Prävention, Inklusion, Sprachförderung, Teilhabe.
  • Fachkräftemangel: dauerhafte Arbeitsverdichtung, evtl. zu wenig Pausen.
  • Veränderter Familienalltag: hohe Erwartungen von Eltern, mehr Kommunikationsbedarf.
  • Gesellschaftliche Krisen: Klima, Politik, Wirtschaft – allgemeine Anspannung spürbar im Alltag.
  • Mehr psychische Belastungen bei Kindern und Familien: erhöhter Bedarf an emotionaler Begleitung.
  • Beschleunigte Lebenswelt: ständige Erreichbarkeit, Informationsflut, wenig echte Ruhezeiten.

Diese Wechselwirkungen sind mittlerweile gut untersucht. Studien zeigen, dass pädagogische Fachkräfte zu den Berufsgruppen gehören, die zwar eine hohe Befriedigung aus der direkten Arbeit mit Kindern ziehen, aktuell aber auch mit einer Vielzahl neuer komplexer Aufgaben konfrontiert sind. Daraus kann langfristig ein erhöhtes Risiko für Stress, Anspannung und emotionale Erschöpfungszustände entstehen (Rönnau-Böse & Gildhoff, DKLK-Studie, Viernickel & Weßels).

3. Adventszeit: Besondere Belastungen in Kita und Kindertagespflege

Die Adventszeit wird oft als „besinnlich“ bezeichnet – im beruflichen Alltag mit Kindern ist sie häufig das Gegenteil. Zusätzliche Belastungsfaktoren für pädagogische Fachkräfte sind:

  • mehr organisatorische Aufgaben: Feiern, Backaktionen, Elternangebote
  • erhöhte Erwartungen: von Eltern, Trägern und oft auch von einem selbst
  • emotional aufgeladene Themen: Weihnachten ist für manche Kinder auch mit Verlust oder Stress verbunden
  • Zeitknappheit: Ende des Jahres, Abschlussdokumentationen
  • Reizüberflutung: Lichter, Musik, Deko, hohe Lautstärke, Nikolausbesuch
  • eigene private Verpflichtungen

Gerade in dieser Phase ist Selbstfürsorge wichtig, um nicht auszubrennen.

4. Welche Risiken entstehen, wenn Fachkräfte zu lange nicht auf sich achten?

Anhaltende Selbstüberforderung kann zu

  • chronischer Erschöpfung
  • Schlafproblemen und körperlichen Beschwerden
  • Gereiztheit und Konflikten im Team
  • geringerer Belastbarkeit gegenüber Kinderverhalten
  • sinkender Beziehungs- und Interaktionsqualität
  • Reduktion der eigenen Kreativität und Freude
  • langfristig: Burnout und Arbeitsunfähigkeit

führen. Selbstfürsorge ist daher keinesfalls als privates Vergnügen, sondern als eine professionelle Gesundheitsprävention zu verstehen. Sie stärkt nicht nur die Fachkraft selbst, sondern schafft Sicherheit für alle Kinder – und ist damit Teil des Kinderschutzes im Alltag.

5. Praktische Übungen & Impulse für Selbstfürsorge im Kita-Alltag und der Kindertagespflege

Die kleinen, schnell anwendbaren Übungen lassen sich gut zusammen mit den Kindern durchführen und in den Kita-Alltag integrieren.

Zauberherz – Mini-Übung für Ruhe & Verbundenheit

So geht’s:

  • Eine Hand auf die Brust legen.
  • Kurz spüren, wie sich die Wärme unter der Hand ausbreitet.
  • Drei tiefe Atemzüge nehmen.

Beim Ausatmen leise zu sich sagen: „Ich bin hier. Ich atme. Ich schaffe das.“

Wirkt: beruhigend, verbindend, selbstregulierend.
Mit Kindern: als kleine Morgenrunde oder Zwischendurch-Pause.

Ballon-Atmung – gemeinsam groß und klein werden

So geht’s:

  • Hände vor dem Bauch zusammenhalten, als halte man einen kleinen Ballon.
  • Beim Einatmen die Hände langsam auseinanderziehen – der „Ballon“ wird größer.
  • Beim Ausatmen die Hände wieder näher zusammenführen.

Wirkt: reguliert die Atmung, entspannt, schafft Fokus.

Wetterspiel mit Regenbogen-Atmung

So geht’s:

Die Fachkraft benennt „Sonne“, „Wind“, „Regen“, „Regenbogen“.

  • Sonne: Strecken und weit öffnen.
  • Wind: Arme locker schütteln.
  • Regen: Hände rieseln lassen.
  • Regenbogen-Atmung: einen imaginären Regenbogen mit dem Arm zeichnen und dazu tief ein- und ausatmen.

Wirkt: kleine Bewegungseinheit, Entladung von Spannung, spielerische Regulation.

6. Mini-Selbstfürsorge im Alltag – 10 Ideen

  • Einen Schluck Wasser trinken – bewusst.
  • 10 Schritte langsam gehen, wenn alle Kinder versorgt sind.
  • Ein Timer für Minipausen: 2 Minuten bewusst atmen.
  • Teamkolleginnen und Kollegen um kleine Entlastung bitten.
  • Für jeden Tag eine Grenze klar setzen („Heute verzichte ich auf…“).
  • Handyfreie Momente vergrößern.
  • Kurzes „Atemlächeln“: lächeln + tief ausatmen.
  • Drei Dinge notieren, die gelungen sind.
  • Lautstärke-Reset: für 1 Minute alle Geräusche im Raum wahrnehmen.
  • Kurz die Hände wärmen und über den Nacken streichen.

7. Fazit

Selbstfürsorge in der Adventszeit ist kein zusätzlicher Punkt auf der To-do-Liste, sondern eine Haltung, die stärkt, schützt und die pädagogische Arbeit trägt. Gerade in den Wochen, in denen viele Erwartungen, Emotionen und Termine aufeinandertreffen, brauchen Fachkräfte innere Pausen, freundliche Selbstzuwendung und kleine Atemräume. Wer gut für sich sorgt, schafft für Kinder eine Atmosphäre der Ruhe, Sicherheit und Freude – und ermöglicht sich selbst einen gelingenden, gesunden Jahresausklang.

Literatur

  • DKLK Deutscher Kitaleitungskongress (20222): DKLK-Studie 2022. Themenschwerpunkt: Gesundheit und Gesundheitsprävention in der Kita. Eine repräsentative, bundesweite Befragung unter Kita-Leitungen. Abgerufen unter: https://deutscher-kitaleitungskongress.de/rueckblick-downloads/ (19.11.2025)
  • Groen, G., Weidtmann, K., & Vaudt, S. (Hrsg.). (2024). Selbstfürsorge in psychosozialen Berufen. UTB / Psychiatrie Verlag.
  • Holzrichter, T. (2016). „Ich tue mir gut.“ – Selbstfürsorge für ErzieherInnen: Praxishilfen für Gesundheit, Ausgeglichenheit und gute Laune im Berufsalltag. Verlag an der Ruhr.
  • Reichhart, T. (2019). Das Prinzip Selbstfürsorge: Wie wir Verantwortung für uns übernehmen und gelassen und frei leben. Roadmap für den Alltag. Kösel.                                                                 
  • Rönnau-Böse, M., & Fröhlich, Gildhoff K. (2020): Resilienz im Kita-Alltag. Was Kinder stark und widerstandsfähig macht. Herder.
  • Korella, P. (2024): Resilienztrainings erfolgreich leiten. Der Seminarfahrplan. managerSeminare. Verlags GmbH.
  • Ringl, C. (2020). Selfcare. Das Wie und Wozu der Selbstfürsorge für pädagogische Fachkräfte. GRIN   
  • Viernickel, S., Weßels, H. (2020): Ressourcen und Belastungen frühpädagogischer Fachkräfte. Ein Vergleich der Arbeitsfelder Kindertageseinrichtung und Kindertagespflege. Zeitschrift Frühe Bildung Jg. 9, Heft 2. Hogrefe.
  • Zito, D., & Martin, E. (2021). Selbstfürsorge und Schutz vor eigenen Belastungen für soziale Berufe: mit Online-Materialien. Beltz Juventa.

Autorin

Christina Zehetner ist Erzieherin und Sozialpädagogin. Sie hat langjährige praktische Erfahrungen in der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendhilfe und arbeitete mehrere Jahre im Jugendamt. Die Autorin ist als freiberufliche Referentin für pädagogische Fachkräfte tätig. Ihre Schwerpunkte sind psychische Gesundheit, Resilienz, Selbstfürsorge und Kinderschutz. Sie ist Teil das Redaktionsteams des Online-Familienhandbuchs im Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz.

Kontakt

Christina Zehetner

E-Mail

Website

eingestellt am 27. November 2025