Selbstsorge in der Kita - eine Grundvoraussetzung für die Sorge um Kinder 

Andreas Schulz

Andreas Schulz
Andreas Schulz - privat

Ein freundlicher Blick auf sich selbst, auf die eigenen fachlichen Fähigkeiten, sowie eine solide Fachkenntnis bilden eine wesentliche Grundvoraussetzung für ein zufriedenstellendes Arbeitsleben. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen lässt sich auch als wichtiges pädagogisches und soziales Konzept verstehen. Selbstsorge dient der Aufrechterhaltung der eigenen Lebensqualität. Selbstsorge lenkt den Blick auf die Verantwortung für sich selbst und die eigene Lebensgestaltung. Eine gelingende Selbstsorge ist eine die Voraussetzung für eine gelingende Sorge für die anderen.

Was ist Selbstsorge?

Zur Selbstsorge gehört auch die Pflege eines gesunden Selbstwertgefühls. „Das Selbstwertgefühl ist die gefühlsmäßig verankerte Beziehung eines Menschen zu sich selbst und schließt die Akzeptanz der eigenen Person sowie Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten ein“ (Krause und Lorenz 2009, S. 51). Die Selbstsorge zeigt sich in einer Reihe von Lebenskompetenzen (Selbstwahrnehmung, kreatives Denken, Entscheidungsfähigkeit, Problemlösefähigkeiten, interpersonale Beziehungsfähigkeiten, Stressbewältigung), die sich als Grundlage für Präventionsprogramme zur Förderung der psychischen und physischen Gesundheit eignen (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2009, S. 41).

Achtsamkeit

Pädagogischen Fachkräften ist es selbstverständlich, die ihnen anvertrauten Kinder an ein achtsames Verhalten heranzuführen und sie zu ermutigen, auch sich selbst ernst zu nehmen mit ihren Wünschen, aber auch aufeinander zu achten. Ein achtsamer Umgang der pädagogischen Fachkräfte mit sich selbst und untereinander bietet aber auch ein gutes Modell für ganz kleine und größere Kinder. Kinder sind in ihrer emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklung auf sorgsame Erwachsene angewiesen, die sie ins Leben führen und ihnen Halt und Orientierung geben.

Eine pädagogische Fachkraft, die achtsam und aufmerksam mit sich selbst umgeht, hat mehr Kraft für Kinder und ist somit im Kontakt mit den Kindern präsenter und spürbarer. Insbesondere kleine Kinder spüren die Haltung, die achtsame Menschen ausstrahlen: die Berührungen sind behutsam und vorsichtig, die Blicke zugewandt und aufmerksam. Pädagogische Fachkräfte, die gut für sich selbst sorgen können, sind ruhiger und gelassener und wirken beruhigend auf kleine Kinder. Sie werden die Lautstärke kleinerer Kinder eher als ursprünglichen Ausdruck des Lebens ansehen („Sind so kleine Kinder“) und nicht als störendes Element ihres eigenen Ruhebedürfnisses.

Selbstachtsamkeit und ein achtsamer Umgang miteinander sind somit beide Seiten einer Medaille. Achtsame Menschen lassen einander gelten, denn sie brauchen nicht ängstlich fürchten, durch andere Menschen eingeengt und eingeschränkt zu werden (hoher Selbstwert). Dieses soziale Prinzip der Wechselseitigkeit gilt auch für Selbstfürsorge und ein fürsorgliches Verhalten untereinander.

Selbstachtsamkeit und eine respektvolle und wertschätzende Achtsamkeit gegenüber Kindern werden nicht durch lehrreiche Worte vermittelt, sondern durch vorgelebtes Verhalten der pädagogischen Fachkräfte, das auch schon für sehr kleine Kinder spürbar und emotional erlebbar ist (Lernen am Modell).

Selbstsorge und Selbstwertgefühl

Selbstsorge beruht im Umgang mit sich selbst auf einem positiven Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, der Fähigkeit zu einer angemessenen Selbstbeobachtung und Selbstwahrnehmung, der Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, der Überzeugung, mit dem eigenen Handeln gezielt auf die Welt einwirken zu können (Selbstwirksamkeit), der Fähigkeit zur Selbststeuerung und Selbstachtsamkeit.

Im Umgang mit anderen Menschen stehen Qualitäten wie Achtung, Respekt, Kompromissfähigkeit, Kritikfähigkeit und sprachliche Kompetenz im Vordergrund. Dabei stehen Selbstsorge und Fremdsorge, Selbstverantwortung und Fremdverantwortung in einem Wechselverhältnis. Eine Balance zwischen beiden kann verloren gehen: als Überbetonung des Selbstinteresses auf Kosten der Verantwortung für Andere, und als Überbetonung der Sorge für Andere auf Kosten der Selbstsorge (Schmidt-Lellek 2008, S. 205).

Ein achtsamer und fürsorglicher Blick auf sich selbst beinhaltet u.a. eine freundlich-kritische Einstellung zu sich selbst, die Pflege eigener Ressourcen, das Wahrnehmen eigener Grenzen sowie Überlegungen, ob die pädagogische Arbeit in der Form ihrer Umsetzung für die pädagogische Fachkraft nachvollziehbar und sinnvoll ist.

Abgrenzung zu egoistischem Verhalten

Als egoistisch werden Verhaltensweisen bezeichnet, die durch das Ziel motiviert sind, ausschließlich zum eigenen Vorteil zu handeln, ohne Rücksicht auf die Folgen zu nehmen, die sich daraus für andere ergeben. Selbstfürsorge hingegen berücksichtigt sowohl eigene Wünsche und Bedürfnisse als auch die Wünsche und Bedürfnisse der anderen Menschen.

Selbstfürsorgliches Handeln hilft, im eigenen Berufsleben nicht in Selbstentfremdung abzugleiten. Zum Beispiel können pädagogische Fachkräfte, die Leitungsaufgaben wahrnehmen, die mit dieser Position verbundenen Verwaltungsaufgaben als ihrem beruflichen Selbstverständnis fremd ansehen. In oft längeren Übergangszeiten tauchen sie immer wieder in ihren alten Gruppen auf, um Kraft aus einer ihnen vertrauten Tätigkeit zu schöpfen. Eine ausgeprägte, anpassungsfähige und innerlich bejahte Haltung der Selbstfürsorge ist ein wichtiger Bestandteil sozialer Kompetenz, insbesondere bei Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten (Schulz 2010).

Selbstfürsorge und Psychohygiene

Selbstfürsorge dient der fürsorglichen Kontrolle und Steuerung des eigenen Verhaltens und der eigenen Befindlichkeit. Selbstfürsorge lässt sich auch als psychohygienische Maßnahme begreifen (Hoffmann und Hofmann 2008, S. 14). Ein achtsames Verhalten hilft, die eigene Gesundheit zu wahren.

Der Blick auf das eigene Befinden verhindert ein seelisches Auslaugen durch eine erstarrte fürsorgliche Haltung, die ausschließlich auf andere zielt und sich selbst übersieht (Selbstabwertung). Das bewusste Hin- und Herwandern mit der eigenen Aufmerksamkeit im Umgang zwischen sich und anderen Menschen schont die eigenen Kräfte und sorgt dafür, dass die pädagogische Fachkraft ihre Lebenskraft und ihre Empathie für die Kinder beibehält. „Am stärksten gefährdet sind vermutlich diejenigen Helferinnen und Helfer, die ihre Belastungen nicht mehr spüren und erleben ... „Wer nichts fühlt, fühlt sich auch nicht pausenbedürftig und urlaubsreif und kann nichts gegen die Belastung unternehmen“ (Fengler 2008, S. 41).

Aspekte der Selbstfürsorge

Selbstfürsorge zeigt sich sowohl in einer liebevoll-annehmenden Einstellung zu sich selbst als auch in der Bereitschaft, diese Haltung im privaten und beruflichen Leben umzusetzen und sich für sich selbst einzusetzen. Das Wichtigste bei der Selbstfürsorge ist die innere Erlaubnis, auf sich selbst achten zu dürfen. Diese Erlaubnis kann sich in Gedanken ausdrücken, wie z.B. „Ich zähle. Ich bin wichtig. In meinem Leben achte ich auf meine Bedürfnisse und Wünsche. Wenn ich auf mich selbst achte, habe ich auch Kraft für andere Menschen.“ Diese Einstellung bietet eine Alternative zu der Vorstellung, dass andere Menschen und ihre Bedürfnisse Vorrang vor den eigenen Wünschen und Bedürfnissen haben. Diese Haltung bringt Schwierigkeiten mit sich: eine pädagogische Fachkraft, die sich ständig hinten anstellt, wird kaum glaubhaft Kindern vermitteln können, dass diese sich selbst mit ihren Wünschen und Bedürfnissen ernst nehmen dürfen.

Selbstfürsorge bedeutet auch, die körperlichen Grundbedürfnisse nach Aktivität und Zeiten der Ruhe und Entspannung („Manchmal brauche ich eine Hütte für mich alleine, um ruhig zu werden und meinen Gedanken nachzugehen“). Diesen eigenen Rhythmus gilt, es aufzuspüren und ihn, soweit möglich, auch im beruflichen Alltag zu beachten. Je nach Lebensalter und dem persönlichen Biorhythmus, können die Zeiten der Aktivität und der Ruhe von den vorgegebenen Arbeits- und Pausenzeiten abweichen. In einer gut geführten Einrichtung ist es durchaus möglich, wechselseitig Rücksicht auf diese persönlichen Bedürfnisse zu nehmen und einander Momente der Ruhe und einen kurzen Rückzug zu ermöglichen.

Selbstfürsorge bedeutet in diesem Zusammenhang auch, auf Anzeichen des Körpers und der Psyche zu achten und diese ernst zu nehmen („Ich merke, dass meine Aufmerksamkeit im Kontakt mit den Kindern nachlässt. Ich bitte meine Kollegin in der Gruppe, in den nächsten 10 Minuten alleine auf die Kinder in unserer Gruppe zu achten“). Im Kontakt mit Kindern ist die miteinander bewusst gelebte Zeit maßgebend. Insofern bedeutet eine kurze Pause keinen Rückzug aus der Beziehung zu den Kindern, sondern eine erfrischende Abwechslung, um sich danach wieder auf die Kinder einstellen zu können. Werden die Anzeichen für eine Pause missachtet und Grenzen überzogen, holen sich Körper und Psyche ihre Pause z.B. durch verminderte Aufmerksamkeit und Müdigkeit. Diese wird noch durch das anstrengende Bemühen, die Signale des Körpers beiseitezuschieben und das Ruhebedürfnis zu missachten, erhöht. Eine kurze Pause kann daher zeitökonomischer sein als das Aushalten einer ermüdenden Situation. Insbesondere bei älteren pädagogischen Mitarbeiterinnen wird der Wunsch geäußert, nicht mehr mit den ganz kleinen Kindern auf dem Boden zu spielen und diese auf den Wickeltisch zu heben, sondern die Art ihrer Aufgaben der sich im Laufe der Jahre verringernden Kraft anzupassen.

Zur Selbstfürsorge gehören Abwechslung im Kontakt mit Menschen, neue geistige Anregungen (Zeit für Gespräche, Fortbildungen) und Impulse. Diese erhalten Lebendigkeit und Lebensfreude aufrecht. Auch kurze Gespräche unter Kolleginnen können entlastend wirken. Ausführliche Fachgespräche helfen, langfristig neue und tragende Impulse für die eigene Arbeit zu erlangen.

Zur Selbstfürsorge gehört ebenfalls, bei äußerem Druck aktiv für ein persönliches Wohlbefinden zu sorgen. Dies kann sowohl durch die Entwicklung ermutigender Gedanken geschehen („Ich achte auf meinen Rhythmus. Ich werde die Aufgabe ruhig angehen, auch wenn mein Gegenüber aufgeregt ist. – Ich will, ich kann, ich darf auch Nein sagen“). Die Abgrenzung ist dabei keine schroffe Abweisung, sondern dient dazu, die Verfügung über die eigene Zeit zu wahren und selbst zu entscheiden, welche Aufgaben in welcher Form abgearbeitet werden sollen. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die auf ihren eigenen Rhythmus achten und mit ihm leben, durchaus leistungsfähig sind. Die Leistungsfähigkeit kann sinken, wenn ihnen ein ihnen fremder Rhythmus aufgebürdet wird oder durch die Leitung oder den Träger unsinnige Leistungsanforderungen gestellt werden (Fengler und Sanz 2011, S. 99).

Selbstfürsorge beinhaltet dabei auch, sich selbst zum Thema zu werden über sich selber zu bestimmen und sich selbst handelnd zum Ausdruck zu bringen (Bieri 2014). Zur Selbstsorge gehört auch, sich seinen Raum notfalls zu erkämpfen. So kann es für pädagogische Fachkräfte sehr entlastend sein, gemeinsame Teamsitzungen mit einem Blitzlicht zur persönlichen Befindlichkeit zu beginnen („Ich bin wichtig“). Ob ein Teammitglied sich äußert, sollte jedoch eine freie Entscheidung jeder einzelnen pädagogischen Fachkraft sein und nicht zum Mittel sozialer Kontrolle abgleiten.

Selbstsorge und Selbstbestimmung

Selbstsorge muss aktiv gepflegt werden. Daher ist es von zentraler Bedeutung, Warnzeichen frühzeitig wahrzunehmen und z.B. durch ermutigende Selbstinstruktionen gegenzusteuern. Ein wesentliches Element der Selbstsorge ist, darauf zu achten, eigene Entscheidungen im Berufsalltag zu treffen (Selbstbestimmung). Insbesondere in Konfliktgesprächen hilft eine konsequent umgesetzte Selbstsorge der Leitung, sich emotional zu schützen und bei den Mitarbeiterinnen eine lösungsorientierte Selbstreflexion anzuregen. Selbstsorge fördert auch die Teamentwicklung und hilft, die Qualität des Umgangs miteinander zu steigern (klare und respektvolle Kommunikation, Ausbau der Kooperation).

Selbstsorge als soziales Modell

Eine souveräne Selbstsorge wirkt als Modell für die Kinder. Im Kontakt mit den Eltern kann eine reflektierte Selbstsoge die Eltern dazu ermutigen, Selbstsorge nicht als Egoismus anzusehen, sondern eigene Belange und Lebenswünsche ernst zu nehmen und bewusster zu pflegen. So können Eltern gute Modelle für ihre Kinder sein und ihnen vermitteln, wertvolle Menschen zu sein, die es wert sind, sich ernst zu nehmen.

Literatur

  • Bieri, P. (2014): Wie wollen wir leben? Residenz-Verlag. St. Pölten.
  • Fengler, J. (2008): Helfen macht müde. Leben Lernen 77. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta.
  • Fengler, J./Sanz, A. (2011): Ausgebrannte Teams. Burn-out-Prävention und Salutogenese. Leben Lernen 235. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta.
  • Fröhlich-Gildhoff, K./Rönnau-Böse, M. (2009): Resilienz. Basel: Ernst Reinhard Verlag.
  • Hoffmann, N./Hofmann, B. (2008): Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. Basel: Beltz-Verlag.
  • Krause, Chr./Lorenz, R.-F. (2009): Was Kindern Halt gibt. Salutogenese in der Erziehung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Schmidt-Lellek, C. (2008): Der Umgang von Fach- und Führungskräften mit sich selbst. In F. Buer/C. Schmidt-Lellek (Hrsg.): Life-Coaching. Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit (S. 205 – 225). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Schulz, A. (2010): Selbstreflexion und Soziale Kompetenz. Organisationsberatung Supervision Coaching (2010) 17:361 – 371; DOI 10.1007/s11613-010-0203- z.

Autor

Andreas Schulz
Psychologischer Psychotherapeut & Supervisor

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eingestellt am 31. März 2026