Eingewöhnung in Krippe und Kita - was Eltern und Fachkräfte gemeinsam tragen

Kita-Zentrale-Redaktion

Die Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten gilt als Schlüsselsituation für Bindung, Stressregulation und gelingende Bildungsbiografie. Forschung zu Bindung und kindlichen Stressreaktionen zeigt, dass kleine Kinder in dieser Phase auf feinfühlige Begleitung durch vertraute Bezugspersonen angewiesen sind. Mit dem Berliner, dem Münchener und der Partizipatorischen Eingewöhnung stehen in Deutschland gut erprobte Ansätze bereit, die sich in Tempo, Rollenverständnis und Beteiligung unterscheiden. Der Beitrag bündelt den Forschungsstand, ordnet die Modelle vergleichend ein und beschreibt für Eltern wie pädagogische Fachkräfte typische Stolperstellen, konkrete Handlungsoptionen und den respektvollen Umgang mit einem Eingewöhnungsabbruch.

Was die Forschung über die Eingewöhnung zeigt

Die Eingewöhnung in eine außerfamiliäre Betreuung ist für ein Kleinkind einer der einschneidendsten Übergänge in den ersten Lebensjahren. Sie bringt neue Bezugspersonen, einen neuen Tagesablauf und für die Familie einen bedeutsamen neuen Lebensabschnitt. Die fachliche Grundlage liefert die Bindungstheorie: John Bowlby (1969) beschrieb Bindungsverhalten als ein System, das dem Kleinkind Sicherheit gibt und Erkundung erst ermöglicht. Mary Ainsworth und ihre Mitarbeiterinnen (1978) zeigten in der Forschung zur sogenannten Fremden Situation, dass Bindungsmuster das Verhalten in Trennungssituationen prägen.

Wie sehr die Eingewöhnung den kindlichen Organismus belastet, hat die Studie von Lieselotte Ahnert, Megan Gunnar, Michael Lamb und Martina Barthel (2004) gezeigt. Sie untersuchten 70 Kinder im Alter von 15 Monaten beim Eintritt in die Krippe und maßen Cortisol als Stressindikator. Nach dem Weggang der Mutter stiegen die Werte um 75 bis 100 Prozent über das familiäre Ausgangsniveau. Sicher gebundene Kinder zeigten in der elternbegleiteten Anpassungsphase niedrigere Cortisolwerte als unsicher gebundene Kinder. Die Befunde unterstreichen, was Praktikerinnen und Praktiker täglich erleben: Eingewöhnung ist Stress, und sie verlangt einen Rahmen, der diesen Stress abfedert.

Klaus und Karin Grossmann (2012) haben über mehrere Jahrzehnte gezeigt, dass frühe Bindungserfahrungen das spätere emotionale Gefüge prägen. Für die Eingewöhnung folgt daraus: Nicht das Eintrittsalter allein entscheidet über das Belastungsrisiko, sondern die Passung von Entwicklungsstand, familiärer Situation, Betreuungsqualität und Eingewöhnungsgestaltung.

Berliner Modell und Münchener Modell im Vergleich

Auf dieser Grundlage haben sich in Deutschland vor allem zwei Eingewöhnungsmodelle etabliert, insbesondere für Krippe, Kindertagespflege und U3-Betreuung. Beide sehen Eingewöhnung als gemeinsam getragenen Prozess von Kind, Eltern und Fachkräften, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte.

Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári-Heller (2011) am infans - Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e.V. entwickelt. Es legt den Fokus auf den Aufbau einer sekundären Bindungsbeziehung zur Bezugserzieherin und gliedert die Eingewöhnung in vier Phasen: dreitägige Grundphase mit anwesendem Elternteil, erster kurzer Trennungsversuch, Stabilisierungsphase mit schrittweisem Pflegewechsel zur Fachkraft und Schlussphase mit erreichbaren, aber nicht mehr anwesenden Eltern. Die Reaktion des Kindes auf die erste Trennung ist diagnostisch entscheidend. Laewen und Kolleginnen veranschlagen ein bis drei Wochen; realistisch sind oft eher zwei bis drei.

Das Münchener Eingewöhnungsmodell in der Darstellung von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll (2013) geht auf ein Münchner Forschungs- und Qualifizierungsprojekt unter Leitung von E. Kuno Beller zurück. Es versteht das Kind als kompetenten Akteur seines Übergangs und setzt andere Akzente als das Berliner Modell: Vorbereitung, Kindergruppe, Elternbeteiligung und der Übergang als Lernprozess des gesamten Systems stehen stärker im Vordergrund. Fünf Phasen strukturieren den Verlauf: Vorbereitung, Kennenlernphase, Sicherheit, erste Trennungen und abschließende Auswertung mit den Eltern. Eltern werden nicht nur als sichere Basis, sondern als aktive Bildungspartner einbezogen; auch die Kindergruppe spielt eine bewusst gestaltete Rolle. Theoretisch stützt es sich zusätzlich auf die Transitionsforschung von Griebel und Niesel (2017). Üblich sind drei bis vier Wochen; je nach Kind und Einrichtung auch länger.

Welches Modell trägt für welches Kind? Das Berliner Modell passt besonders, wenn eine Einrichtung mit klar definierten Phasen arbeitet und der Bindungsaufbau zur Bezugserzieherin im Vordergrund stehen soll. Das Münchener Modell entfaltet seine Stärken dort, wo Einrichtungen Elternbeteiligung und Kindergruppe stärker pädagogisch einbeziehen. Eine reflektierte Mischform kann fachlich tragfähig sein - problematisch wird es, wenn jede Fachkraft anders vorgeht und Eltern widersprüchliche Signale erhalten.

Die Partizipatorische Eingewöhnung als jüngere Weiterentwicklung

Über das Berliner und das Münchener Modell hinaus wird die Partizipatorische Eingewöhnung nach Marjan Alemzadeh (2023) als jüngere Weiterentwicklung diskutiert. Sie knüpft an die Idee eines gemeinsam getragenen Übergangs an und stärkt die Beteiligung von Kind und Eltern. Ausgangspunkt ist Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention: Kindliche und elterliche Signale werden im Verlauf ernst genommen und fachlich beantwortet. Das Modell beschreibt sieben Phasen - Informieren, Ankommen, In Kontakt gehen, Beziehungen aufbauen, Sich in der Kita wohlfühlen, Bereit für den Abschied und Die Kita wird zum Alltag. Zentral ist das Wahrnehmende Beobachten: Fachkräfte achten auf verbale und nonverbale Signale, prüfen nächste Schritte mit Eltern und Team und richten das Tempo am Kind aus. Für die Praxis ist die Partizipatorische Eingewöhnung damit weniger ein starrer Zeitplan als ein fachlicher Rahmen, der Bindung, Transition und Beteiligung zusammendenkt.

Typische Stolperstellen im Alltag

Trotz guter Modelle scheitern Eingewöhnungen regelmäßig an Faktoren, die sich vermeiden lassen, wenn beide Seiten sie kennen.

Zeitdruck der Familien. Viele Eltern sind an ein konkretes Datum für den Wiedereinstieg in den Beruf gebunden. Der Reflex, eine Eingewöhnung in zwei statt vier Wochen abzuschließen, ist verständlich, kollidiert aber häufig mit dem Tempo, in dem kleine Kinder Sicherheit aufbauen. Fachlich spricht man von Scheinanpassung, wenn das Kind äußerlich ruhig wirkt, die Fachkraft aber noch nicht zuverlässig zur Regulation nutzt. Belastungszeichen zeigen sich dann oft verzögert, etwa in verändertem Schlaf, Rückzug oder anhaltender Unruhe.

Unklare Rollen in der Begleitphase. Eltern fragen häufig: Was tue ich eigentlich in dieser Zeit im Raum? Im Berliner Modell ist die Rolle eine sichere Basis im Hintergrund; im Münchener Modell ist eine etwas aktivere Teilhabe vorgesehen. Beiden gemeinsam ist, dass die begleitende Person nicht parallel arbeitet, telefoniert oder nebenbei Geschwister versorgt. Wenn diese Rolle nicht besprochen wird, entsteht Verunsicherung auf beiden Seiten.

Wiedereinstieg nach Krankheit. Krankheitspausen sind in der Eingewöhnungsphase häufig. Nach längeren Unterbrechungen können die zuletzt erreichten Phasen meist nicht einfach fortgesetzt werden. Tragfähiger ist, ein bis zwei Stufen zurückzugehen und wieder mit kürzeren Anwesenheitszeiten und elterlicher Begleitung zu starten.

Geschwistereffekte. Ein älteres Geschwisterkind in derselben Einrichtung kann die Eingewöhnung erleichtern, weil Räume und Fachkräfte vertraut sind. Es kann aber auch irritieren, wenn das jüngere Kind die Einrichtung bislang vor allem als Ort des Geschwisterkindes erlebt hat. Auch hier braucht es eine eigenständige Begleitung mit individueller Bezugserzieherin.

Wahl der begleitenden Person. Aus den Befunden von Ahnert und Kolleginnen (2004) ergibt sich für die Wahl der begleitenden Person eine vorsichtige Leitlinie: eine verlässliche, emotional tragfähige Bezugsperson möglichst kontinuierlich über die Eingewöhnungstage. Wechsel zwischen Mutter, Vater oder Großeltern an aufeinanderfolgenden Tagen verlängern den Prozess in der Regel.

Was beide Seiten konkret tun können

Vor dem ersten Kita-Tag. Ein ausführliches Aufnahmegespräch ist der Grundpfeiler einer gelingenden Eingewöhnung. Eltern erzählen, was ihr Kind beruhigt, wie es schläft und welche Signale auf Überforderung hinweisen. Fachkräfte erläutern Ablauf, Dauer, Rolle der Eltern und Kriterien für den Übergang zur nächsten Phase. Schriftliche Informationen helfen, weil im Gespräch viele Details verloren gehen. Wenn die Familiensprache nicht Deutsch ist, sind übersetzte Materialien oder eine sprachmittelnde Person eine wichtige Unterstützung.

In den ersten Tagen. Die ersten Tage vertragen Reduktion: ein bis zwei Stunden gemeinsam in der Einrichtung, die Fachkraft beobachtet behutsam, das Kind orientiert sich. Übergangsobjekte wie ein Kuscheltier, ein Schnuller oder ein Tuch mit dem Geruch der Familie sind keine Sentimentalität, sondern wirksame Hilfen der Selbstregulation.

Beim ersten Trennungsversuch. Ein klarer, kurzer Abschied trägt besser als langes Hin und Her: „Tschüss, ich komme nach dem Mittag wieder.“ Die Eltern bleiben erreichbar. Die Fachkraft beobachtet, ob das Kind sich trösten lässt, Blickkontakt sucht und wieder ins Spiel findet. Wichtiger als das Ende des Weinens ist, ob es erneut Kontakt zur Fachkraft aufnimmt.

In der Stabilisierungsphase. Pflegehandlungen wie Wickeln, Füttern oder Begleiten zum Schlafen sind intime Situationen. Sie gehören erst in die Hände der Fachkraft, wenn das Kind ausreichend Vertrauen aufgebaut hat. Das Einschlafen ist für viele Kinder besonders sensibel und gehört an das Ende der Eingewöhnung, nicht an den Anfang.

In der täglichen Abstimmung. Ein kurzer Austausch zwischen Eltern und Fachkraft am Ende jedes Eingewöhnungstages schafft Vertrauen: Was war gut? Was war schwierig? Welcher Schritt steht morgen an?

Bei Unsicherheit. Wenn Eltern Zweifel haben, sollten sie ihre Beobachtungen direkt ansprechen. Wenn Fachkräfte Sorgen haben, sollten sie die Eltern frühzeitig einbeziehen. Gemeinsames Beobachten ist wertvoller als die stille Hoffnung, es werde sich von allein lösen.

Wann ein Eingewöhnungsabbruch das richtige Signal ist

In den meisten Fällen führt eine geduldige, gemeinsam getragene Eingewöhnung zum Ziel. In seltenen Situationen zeigt sich aber, dass die aktuelle Konstellation nicht trägt. Anzeichen sind anhaltende Verzweiflung des Kindes über mehrere Wochen ohne erkennbare Beruhigung, deutliche körperliche Belastungszeichen, Rückschritte in bereits erworbenen Fähigkeiten oder eine elterliche Belastung, die emotional nicht mehr tragfähig ist. Bei wiederholtem Erbrechen, deutlichem Gewichtsverlust oder anhaltender Schlafverweigerung sollte zusätzlich kinderärztlich abgeklärt werden, ob medizinische Ursachen vorliegen.

Vor einem endgültigen Abbruch lohnt sich zu prüfen: Kann die Eingewöhnung pausiert und neu begonnen werden? Kann die Bezugserzieherin gewechselt werden? Braucht das Kind mehr elterliche Präsenz, als das bisherige Vorgehen vorsieht? Kann externe Fachberatung über Frühförderstelle, Erziehungsberatungsstelle oder Träger hinzugezogen werden?

Wenn diese Schritte ausgeschöpft sind und die Belastung des Kindes weiter besteht, ist der Abbruch keine Niederlage, sondern eine fachlich verantwortete Entscheidung. Wichtig ist ein Abschlussgespräch ohne Schuldzuweisung: Was wurde beobachtet, welche Alternativen wurden geprüft, welche nächsten Schritte folgen? Auch das Kind verdient einen ruhigen Abschied statt eines abrupten Verschwindens.

Was bleibt

Eine gute Eingewöhnung ist nicht die schnellste, sondern die, an deren Ende ein Kind sich sicher fühlt, eine tragfähige Beziehung zur Fachkraft aufgebaut hat und seine Eltern ohne Sorge in den Tag gehen können. Diese Qualität entsteht durch ein im Team getragenes Konzept, sorgfältige Vorbereitung, realistische Zeiträume und die Bereitschaft, flexibel auf das einzelne Kind zu reagieren. Bowlbys und Ainsworths Forschung, die Studien von Ahnert und Grossmann sowie die Modelle von Laewen, Andres, Hédervári-Heller, Winner, Erndt-Doll und Alemzadeh bieten dafür einen tragfähigen Rahmen.

Quellen

  • Ahnert, L., Gunnar, M. R., Lamb, M. E. & Barthel, M. (2004): Transition to child care: Associations with infant-mother attachment, infant negative emotion, and cortisol elevations. Child Development, 75(3), 639-650.

  • Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978): Patterns of Attachment. A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.

  • Alemzadeh, M. (Hrsg.) (2023): Partizipatorische Eingewöhnung. Übergänge sensibel begleiten. Freiburg im Breisgau: Herder.

  • Bowlby, J. (1969): Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. New York: Basic Books.

  • Griebel, W. & Niesel, R. (2017): Übergänge verstehen und begleiten. Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. 4. Auflage. Berlin: Cornelsen.

  • Grossmann, K. & Grossmann, K. E. (2012): Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta.

  • Laewen, H.-J., Andres, B. & Hédervári-Heller, É. (2011): Die ersten Tage - ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege. 7. Auflage. Berlin: Cornelsen.

  • Winner, A. & Erndt-Doll, E. (2013): Anfang gut? Alles besser! Ein Modell für die Eingewöhnung in Kinderkrippen und anderen Tageseinrichtungen für Kinder. 2. Auflage. Weimar/Berlin: verlag das netz.

Autorin

Kita-Zentrale-Redaktion. Das Redaktionsteam vereint mehrjährige Praxiserfahrung als Erzieherin, in Praxisanleitung und in leitenden Positionen mit einem Hochschulabschluss in Sozialpädagogik. Kita-Zentrale veröffentlicht Fachbeiträge und Arbeitshilfen für Kita-Leitungen.

Kontakt

Website

eingestellt am 31.07.2026