Armutssensibles Handeln in Kindertageseinrichtungen

Zentrale Befunde und Impulse aus dem Modellprojekt „Zukunft früh sichern!“

Die individuelle Stärken und die Resilienz von Kindern zu fördern und Möglichkeiten zur Vorbeugung von Armutsfolgen im Bereich der frühen Bildung auszuloten, war Ziel des Modellprojekts „Zukunft früh sichern“ (2019 und 2023), das in sieben Kitas im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf durchgeführt wurde. Gefördert wurde das Projekt von der RAG-Stiftung, begleitet und evaluiert vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.

Kinderarmut in Deutschland

Wenn im reichen Industrieland Deutschland zehn Kinder auf einem Spielplatz spielen, sind statistisch zwei Kinder von Armut betroffen oder gefährdet. Landesweit ist es jedes 5. Kind, in Stadtteilen wie Gelsenkirchen-Ückendorf mehr als doppelt so viele. Das heiße nicht, dass diese Kinder auf der Straße leben oder arbeiten müssten, um zu überleben, wie in sehr armen Ländern, sagt Armutsforscherin Irina Volf vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die das ZUSi-Projekt wissenschaftlich begleitet und evaluiert hat. Die Kinder haben aber schlechtere Chancen auf eine altersgemäße Entwicklung und größere Hürden auf ihrem Bildungsweg (Volf in Grunau 2022).

Bild Entwicklung Armut

Ausgangslage im Modellprojekt: Kinder aus armen Familien erreichten im Alter von vier bis viereinhalb Jahren im Durchschnitt nur 50 Prozent des altersgemäßen Entwicklungsniveaus.

Modellprojekt „ZUSi - Zukunft früh sichern!“

Das Modellprojekt „ZUSi – Zukunft früh sichern!“ wurde als Teil der Präventionskette gegen Kinderarmut zwischen April 2019 und April 2023 in sieben städtischen Kindertageseinrichtungen im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf umgesetzt. Das Projekt wurde durch die RAG-Stiftung initiiert und gefördert und zielte darauf ab, sowohl die individuellen Stärken und Talente der Kinder in Ückendorf durch zusätzliche Angebote zu fördern als auch vielfältige Ansätze zur Vorbeugung und Bekämpfung von Armutsfolgen bei Kleinkindern zu entwickeln und zu erproben, indem das Bewusstsein für die Bedeutung eines armutssensiblen Handelns der Fachkräfte im Kitabereich geschärft wurde. Des Weiteren wurden Kooperationen in multiprofessionalen Teams (z. B. Erzieher*innen, Kindheitspädagog*innen, Sozialpädagog*innen, Kinderpfleger*innen bzw. Sozialassistent*innen so- wie Bildungsbegleiter*innen) sowohl innerhalb der Kindertageseinrichtungen als auch im Sozialraum gestärkt und ausgebaut.

Umsetzung und Projektaktivitäten

Die Projektaktivitäten richteten sich in der ersten Projektphase zwischen August 2019 und Juni 2021 an Kinder, die im Jahr 2019 vier bis viereinhalb Jahre alt waren und demnach im Jahr 2021 eingeschult wurden. Handlungsfelder waren Qualifizierungsmaßnahmen (insbesondere zum armutssensiblen Handeln) für pädagogische Fachkräfte, zusätzliche Aktivitäten mit Kindern, Veränderung bestimmter Abläufe im Kita-Alltag, sowie Erprobung und Etablierung neuer Kooperationen im Sozialraum. Durch die Übertragung der gewonnenen Erkenntnisse auf eine weitere Kohorte vier- bis viereinhalbjähriger Kinder haben in der zweiten Projektphase zwischen August 2021 und April 2023 viele weitere Kinder vom Modellprojekt profitiert.

Das Projekt nahm jedes Kind mit seinen Stärken, Förderbedarfen und seiner Lebenslage einzeln in den Blick. Dies und die Umsetzung einer passgenauen, individuellen Förderung eines jeden Kindes erfolgten im Zusammenspiel multiprofes- sioneller Teams. Im Modellprojekt unterstützten sieben Bildungsbegleiter*innen die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte in den sieben Kindertagesstätten. Die Aufgabe der Bildungsbegleiter*innen bestand darin, an der konzeptionellen Entwicklung von Angeboten mitzuarbeiten und diese Aktivitäten mit den Kindern durchzuführen. Eine mit der Projektkoordination betraute Person begleitete die Teams in den sieben Kitas und vernetzte diese im Sozialraum mit weiteren Akteur*innen wie der Musikschule, Sportvereinen, weiteren Bildungseinrichtungen sowie Künstler*innen.

Ergebnisse des Modellprojekts

Das ZUSi-Projekt wirkte sich insgesamt positiv auf die teilnehmenden Kinder aus. Besonders stark profitierten Kinder aus vulnerablen Gruppen. So konnten speziell Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau von der Förderung deutlich profitieren. Werden die Fortschritte der Kinder aus armen Familien mit den Fortschritten der Kinder aus den nicht armen Familien verglichen, lässt sich feststellen, dass die beiden Gruppen von der Förderung gleichermaßen stark profitiert haben. Die Schere hat sich also nicht weiter geöffnet, die grundlegenden Differenzen blieben aber auch zum Zeitpunkt der Einschulung bestehen.

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die ZUSi- Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung im Jahr 2021 trotz der schwierigen Umstände infolge der Maßnahmen zum Eindämmen der Corona-Pandemie ein um elf Prozentpunkte höheres mittleres Entwicklungsniveau als 2019 im Alter von vier bis viereinhalb Jahren erreichten (2019: 57 % vs. 2021: 68 %). Differenziert nach Armut zeigt sich, dass arme Kinder zwar sowohl 2019 als auch 2021 stets niedrigere Entwicklungsniveaus aufwiesen als nicht arme Kinder (2019: 50% vs. 67 %; 2021: 60 % vs. 78 %). Dank des Engagements und des armutssensiblen Handelns der Bildungsbegleiter*innen und der Fachkräfte in Kitas konnten jedoch alle Kinder von der ZUSi- Förderung etwa im gleichen Maß profitieren und ihre Entwicklungsniveaus steigern (arm: um zehn Prozentpunkte; nicht arm: um elf Prozentpunkte).

Aus Sicht der Fachkräfte konnten die Kinder aus armen Familien durch die Projektaktivitäten besser auf den Übergang in die Schule vorbereitet werden. Die zusätzlichen finanziellen Projektressourcen ermöglichten zudem, dass fast alle ZUSi-Kinder in ihren Begabungen, Interessen und Talenten gefördert wurden und eine Stärkung der Resilienzkompetenzen erfahren konnten (Schipperges/Volf S. 28)

Fazit

Armutssensibilität lässt sich in jeder Kita institutionell verankern

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass alle pädagogischen Konzepte von Kitas geeignet sind, mit Kindern und Eltern in Armutslagen zu arbeiten. Dies gilt für den Situationsansatz ebenso wie die Montessoripädagogik, die offene Arbeit oder den Ansatz der vorurteilsbewussten Erziehung – um nur einige Ansätze zu nennen. Dennoch lohnt es sich, das jeweilige Konzept noch einmal durch die „Augen“ der Armutssensibilität zu überprüfen.

Wie können Einrichtungen eine institutionelle Armutssensibilität entwickeln?

In einem ersten Schritt ist es wichtig, zwischen Armutssensibilität als eigenständiger Kompetenz pädagogischer Fachkräfte und als Qualitätsmerkmal auf struktureller Ebene der Einrichtungen zu unterscheiden.  Armutssensibles Handeln als Kompetenz pädagogischer Fachkräfte bedeutet, in der Lage zu sein bzw. regelmäßig geschult zu werden, aus Perspektive der von Armut betroffenen Kindern zu denken, seine spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und angemessen sowie ressourcenorientiert darauf zu reagieren. Armutssensibles Handeln mit Fokus auf die Einrichtungen bedeutet, Armutssensibilität nicht als einmalige Zusatzaufgabe, sondern als einen Prozess zu verstehen. Dieser soll auf verschiedenen Ebenen angestoßen und systematisch umgesetzt werden, um Zugänge für eine gleichberechtige Teilhabe zu ermöglichen bzw. Barrieren abzubauen. Dazu gehört auch, armutssensible Sprache, Materialien und Verfahren einzusetzen und diese offen zu reflektieren.

Kontakt

Dr. Irina Volf
Bereichsleitung Armut, Radikalisierungsprävention

E-Mail

Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.

Weitere Informationen

eingestellt am 14.06.2024

Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz
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