Sex in der Schwangerschaft

Andrea Przyklenk

Ob und in welchem Rahmen Sex in der Schwangerschaft erlaubt ist, beschreibt nachfolgender Artikel. Dabei gibt es keine Standardempfehlung. Vielmehr wird auf die unterschiedlichen individuellen Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Frauen und Männern eingegangen und die medizinische Komponente mit beachtet.

Schwangerschaft, zumal die erste, bedeutet für Frau und Mann eine Veränderung ihrer Beziehung – auch ihrer sexuellen Beziehung. Zu Beginn der ersten Schwangerschaft ist Sex vor allem mit Unsicherheit verbunden. Fast jedes Paar stellt sich zu irgendeinem Zeitpunkt die beiden Fragen “Dürfen wir?” und “Wollen wir?”

Kann Geschlechtsverkehr dem Ungeborenen schaden? Können unbeabsichtigt Wehen ausgelöst werden? Können Krankheiten übertragen werden? Dies sind die Fragen, die werdende Eltern beschäftigen. Prinzipiell gilt: Sex während der Schwangerschaft ist überhaupt kein Problem. Sie können alles tun, was Ihnen beiden Spaß macht. Auch heftigere Stöße können dem Baby nicht schaden. Es empfindet sie ähnlich wie die Erschütterungen bei der Schwangerschaftsgymnastik.

Mit wachsendem Bauch empfinden viele Schwangere die Missionarsstellung (Frau unten, Mann oben) als unangenehm. Die Seitenlage, wenn Mann und Frau einander zugewandt auf der Seite liegen oder die Löffelchen-Stellung, bei der der Mann hinter der Frau liegt, werden oft als angenehmer empfunden. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, vorausgesetzt Sie wollen es beide.

Vorsicht ist geboten, wenn eine Neigung zu Früh- und Fehlgeburten besteht oder vorzeitige Wehen einsetzen. Außerdem sollte man während der Schwangerschaft nicht auf Kondome verzichten. Sie schützen das ungeborene Kind und seine Mutter vor Infektionen. Vom Sexverzicht auf ärztliche Anordnung sind nur acht Prozent aller Paare betroffen.

Psychische Belastungen

In der Regel geht es auch gar nicht um körperliche Probleme, wenn Paare während der Schwangerschaft Schwierigkeiten mit dem Sex haben. Vielen Leuten spielt eher die Psyche Streiche. Viele Schwangere, besonders die Frauen, die zum erstenmal ein Baby erwarten, sind während der Schwangerschaft so mit sich selbst und den vielen Veränderungen, die in ihrem Körper vor sich gehen, beschäftigt, dass Sex für sie überhaupt nicht mehr existiert. Es ist ein Vergnügen aus einer anderen Welt, an das man keinen Gedanken verschwendet. Auch der Partner muss häufig damit leben, dass er zeitweilig nicht mehr so wichtig ist wie bisher.

Für Männer ist die Schwangerschaft auch nicht ganz einfach. Sie müssen zum einen damit fertig werden, dass sie gegenüber dem Baby in den Hintergrund treten, zum anderen verändert sich natürlich die Partnerin auch körperlich.

Hinzu kommt, dass sowohl Frauen als auch Männern durch die erste Schwangerschaft bewusst wird, dass sie in Zukunft Verantwortung für einen anderen Menschen haben werden. Besonders Männer überfällt angesichts dieser Verantwortung Existenzangst. Auch die Frage, ob man die Elternrolle richtig ausfüllen kann, geistert durch die Köpfe. Und last but not least schafft natürlich die Verantwortung für das Baby für die eigene Zweierbeziehung eine gewisse Verbindlichkeit – man kann sich nicht mehr davon schleichen.

All diese psychisch-seelischen Belastungen können durchaus dazu führen, dass man längere Zeit keine Lust auf Sex hat. Aber das bedeutet nicht, dass man auf Zärtlichkeit und körperliche Nähe verzichten muss – im Gegenteil, sie trösten und geben Stabilität. Und keine Angst: Wenn Sie darauf vorbereitet sind, dass sich etwas verändert, kommen Sie besser damit zurecht. Eine Umfrage der Zeitschrift “Eltern” hat darüber hinaus gezeigt, dass fast jede dritte Frau während der Schwangerschaft mehr Lust als je zuvor hatte. Aber es kann auch ganz anders sein.

Wichtig: Sprechen Sie darüber

Alle Paare, die ich für mein Buch “Liebe und Sex junger Eltern” zum Thema Sex in der Schwangerschaft interviewt habe, waren sich zumindest in einem einig: Alles wird viel einfacher, wenn man darüber redet.

Eine Frau sollte bedenken, dass ein Mann letztlich nicht in der Lage ist, dasselbe zu empfinden wie sie. Er ist einfach nicht schwanger. Er kann auch nicht wissen, wie es seiner Frau tatsächlich geht, was sie fühlt, welche Ängste sie hat. Vielleicht kann er es ahnen, aber letztlich ist er darauf angewiesen, dass sie ihn an der Schwangerschaft, ihren Gefühlen und Wünschen teilhaben lässt. Umgekehrt sollten Männer ruhig offener mit ihren eigenen Bedenken und Ängsten umgehen. Wenn Sie in der Lage sind, sich während der Schwangerschaft dem Partner/der Partnerin zu öffnen, wird das Ihrer Beziehung über die Schwangerschaft hinaus gut tun.

Ärzte und Sexualberater erleben immer wieder, dass zwischen den Partnern Sprachlosigkeit herrscht und dadurch gerade in besonderen Situationen (und das ist eine Schwangerschaft nun einmal!) die größten Probleme auftreten. Sie raten: “Reden, reden, reden … ist das Beste, was man empfehlen kann. Oft geraten Paare gerade in der Schwangerschaft in einen regelrechten Teufelskreis des Schweigens. Der Mann getraut sich aus Rücksicht nicht zu fordern. Die Frau denkt, er fände sie nicht mehr attraktiv und zieht sich zurück, was ihn wiederum in seiner Zurückhaltung bestärkt. Und schon gibt es kein Zurück – es sei denn, Sie reden darüber” .

Und noch ein Wort an die Männer:

Es gibt keine Regel für Sex in der Schwangerschaft. Jede Schwangerschaft ist anders. Jede Frau ist anders. Gehen Sie auf die Wünsche Ihrer Frau ein. Ihre Frau ist zwar dieselbe wie vor der Schwangerschaft, aber nur oberflächlich betrachtet. Die Hormonumstellung und die körperlichen Veränderungen bleiben nicht ohne Spuren. Frauen sind während der Schwangerschaft sensibler, weinen häufiger, sind nervöser, leiden unter Schlafstörungen und ähnliches mehr. Deshalb ist die emotionale Anteilnahme des Partners sehr wichtig für die Schwangere. Sie muss wissen, dass sie geliebt wird, auch wenn sie gerade keine Lust auf Sex hat. Und denken Sie daran: Sex ist nicht immer gleich Geschlechtsverkehr oder Penetration. Kuscheln, Petting und der Austausch von Zärtlichkeiten gehören auch dazu. Neun Monate Rücksichtnahme ist einfacher, als ein Kind auszutragen und zu gebären.

Weitere Beiträge der Autorin hier in unserem Familienhandbuch

Autorin

Andrea Przyklenk ist freie Journalistin und Autorin und lebt in der Nähe von Stuttgart.

Sie hat mehrere Bücher zu Familienthemen veröffentlicht :

  • z.B. im Kösel Verlag: “Liebe und Sex junger Eltern. Ein Ratgeber für die Schwangerschaft und die Zeit danach” ,
  • “Mit Lebenslust durch die besten Jahre. Genießen, handeln, Neues wagen” (mit Gisela Schnäbele) und “Ich mach mir nichts aus Mädchen".
  • "Wenn Jungs schwul sind” (mit Maximilian Geißler).

Die Autorin ist erreichbar per E-Mail
 

Erstellt am 23. April 2002, zuletzt geändert am 23. April 2002

Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz
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