MINT-Förderung im Alltag - Wie Eltern ohne Vorwissen naturwissenschaftliches Denken bei Kindern von 3 bis 8 Jahren anregen können
Louis Rittersberger & Mateo Brecic
Im Familienalltag fällt dieses eine Wort besonders oft: „Warum?“ Warum leuchtet der Mond? Warum läuft mir der Schatten nach? Warum wird die Banane braun? Was viele Eltern an einem langen Tag schon mal als endlose Fragerei erleben, ist in Wahrheit der Anfang des naturwissenschaftlichen Denkens. Kinder wollen die Welt verstehen. Sie beobachten, vergleichen, stellen Vermutungen auf und probieren aus. Genau das tun Forscherinnen und Forscher auch, nur mit besserer Ausrüstung.
Diesen Forscherdrang zu begleiten, ist leichter als viele denken. Es braucht kein Fachwissen und keine teure Ausstattung, sondern Offenheit und den Mut, auch mal zu sagen: „Das finden wir gemeinsam heraus!“
Warum gerade die ersten Jahre zählen
Natürliche Neugier hat einen Höhepunkt, und der liegt früh. Zwischen drei und acht Jahren wollen Kinder alles wissen, fassen alles an und geben sich mit einem schnellen „Das ist halt so“ nicht zufrieden. Dabei gehen Vorschulkinder beim Lernen erstaunlich wissenschaftlich vor: Sie stellen Vermutungen auf, probieren sie aus und ziehen daraus ihre Schlüsse. Doch diese natürliche Forscherlust hält nicht von alleine an. Umso wichtiger ist es, diese Phase nicht verstreichen zu lassen, sondern Kinder gerade jetzt im Fragen und Ausprobieren zu begleiten. Denn was in diesen Jahren fast von selbst entsteht, lässt sich später nur mit deutlichem Mehraufwand zurückgewinnen.
Entscheidend ist dabei nicht die richtige Antwort auf naturwissenschaftliche Fragen, sondern dass ein Kind überhaupt ins Forschen kommt. Die Chemiedidaktikerin Mirjam Steffensky bringt es in ihrer Expertise zur frühen naturwissenschaftlichen Bildung auf den Punkt: Wer alltägliche Naturphänomene als Lerngelegenheiten nutzt, stärkt nicht nur den Forscherdrang der Kinder, sondern auch ihr Selbstvertrauen. Genau das ist der Kern. Ein Kind, das gelernt hat, selbst auf die Lösung zu kommen, geht auch das nächste Rätsel selbstbewusster an.
Es gibt aber noch einen zweiten Grund, nicht zu warten. Im Kita- und Kindergartenalter begeistern sich Mädchen und Jungen noch gleichermaßen für MINT-Themen. Der Interessenunterschied, der später dazu führt, dass sich weniger Frauen für MINT-Berufe entscheiden, entsteht erst im Lauf der Grundschulzeit, wie ein Forschungsüberblick der Stiftung Kinder forschen zeigt. Das ist ein weiteres starkes Argument dafür, alle Kinder gleichermaßen und möglichst früh an naturwissenschaftliche Themen heranzuführen, bevor sich gesellschaftliche Rollenbilder festsetzen.
Der wichtigste Schritt: vom Erklären zum gemeinsamen Fragen
Viele Eltern zögern, weil sie glauben, sie müssten selbst alle Antworten parat haben. Dabei braucht es kein Physikstudium, um mit einem Kind die Welt zu erforschen, denn entscheidend ist nicht, wie viel eine Begleitperson weiß, sondern wie sie auf die Fragen des Kindes eingeht. Was Kinder brauchen, sind aufmerksame Gegenüber, die ihre Fragen ernst nehmen und gemeinsam mitforschen.
In der Fachdidaktik hat sich dafür der Ansatz des forschenden Lernens etabliert, im Englischen Inquiry-Based Learning. Die Idee dahinter ist einfach: Der Fokus liegt nicht darin, die fertigen Antworten zu liefern, sondern dem Kind zu helfen, eigene Fragen zu stellen und selbst auf die Antworten zu kommen. Der Erwachsene wird zum Forschungspartner, der mit dem Kind gemeinsam mitstaunt und Hypothesen aufstellt. Dabei dürfen Erwachsene auch sagen: „Das weiß ich nicht. Lass es uns gemeinsam herausfinden!“ Gerade dieses Eingeständnis vermittelt Kindern eine wichtige Botschaft: Wissenschaft beginnt mit einer Frage, nicht mit einer Antwort.
Praktisch bedeutet das, nicht jede Frage sofort zu beantworten, sondern auch mal Rückfragen zu stellen. Vier Arten von Fragen helfen dabei, die Neugier beim Forschen wachzuhalten:
-
Beobachten: „Was siehst du? Was ist anders als vorher?“ Das schärft den Blick.
-
Vermuten: „Was glaubst du, warum das so ist? Was könnte passieren, wenn …?“ Das ermutigt zu eigenen Hypothesen.
-
Ausprobieren: „Wie könnten wir das herausfinden? Wollen wir es testen?“ Das macht aus dem Denken ein Handeln.
-
Nachdenken: „Ist es so gekommen, wie du dachtest? Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“ Das hilft, aus der Erfahrung zu lernen.
Eine Regel ist dabei entscheidend: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Vermutet ein Kind, dass ein Stein schwimmt, ist das keine falsche Antwort, sondern eine Vermutung, die man gemeinsam überprüfen kann. Dieser Umgang nimmt Kindern die Angst vor falschen Antworten. Und gerade Kinder, die sich bisher wenig zugetraut haben, gewinnen so den Mut, es trotzdem zu versuchen.
Das Labor ist schon da: Küche, Bad und Garten
Forschen muss weder teuer noch aufwendig sein. Der größte Vorteil von Eltern gegenüber jeder Bildungseinrichtung ist die Nähe zum Alltag. Küche, Bad, Garten und Spielplatz stecken voller Lernmomente, denn MINT begegnet uns überall.
-
In der Küche wird Chemie zum Anfassen: Warum geht der Teig auf? Was passiert, wenn Essig auf Backpulver trifft?
-
Im Bad lassen sich Schwimmen und Sinken erforschen: Warum schwimmt die Ente, aber der Löffel geht unter?
-
Im Garten zeigt sich die Natur: Wohin läuft das Regenwasser? Warum sind manche Blätter rot und andere grün?
-
Unterwegs wird Zählen zum Spiel: Wie viele rote Autos stehen an der Ampel? Wie viele Stufen sind es bis nach oben?
Der Trick liegt nicht darin, solche Situationen zu planen, sondern sie wahrzunehmen und aufzugreifen. Ein kurzes gemeinsames Staunen am Waschbecken wirkt oft mehr als eine vorbereitete Lerneinheit.
Drei Experimente für den Einstieg
Die folgenden drei Experimente eignen sich perfekt für Kinder von drei bis acht Jahren. Alles, was ihr dafür braucht, habt ihr vermutlich schon zu Hause.
Wer mit den Kindern noch weiterforschen möchte, probiert einfach kleine Variationen aus: Was passiert mit noch wärmerem Wasser? Hält die Ladung länger, wenn man den Ballon stärker reibt? Ein einzelner Versuch, den man immer wieder abwandelt, bringt für das Lernen mehr als zehn schnelle Experimente hintereinander.
Wenn das Experiment nicht klappt
So schön die Versuche in der Theorie sind, im echten Leben läuft selten alles nach Plan. Beim Unterwasser-Vulkan steigt die Farbe nicht auf, weil das Wasser im kleinen Glas zu kühl war. Der Pfeffer springt nicht nach oben, weil der Ballon im feuchten Badezimmer seine Ladung verloren hat. Und das Kind, das sich so auf den „Zauber“ gefreut hat, ist enttäuscht. Solche Momente gehören dazu, und sie sind wertvoller, als viele denken.
Denn genau hier beginnt das, was Forschen wirklich ausmacht. Auch im Labor klappt der erste Versuch nur selten. Forscherinnen und Forscher verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, herauszufinden, warum etwas nicht funktioniert hat. Ein gescheiterter Versuch ist deshalb kein Misserfolg, sondern der Anfang der nächsten Frage: Woran hat es gelegen? Und was können wir beim nächsten Mal anders machen?
Damit knüpft dieser Moment direkt an die wichtigste Regel von vorhin an: Es gibt keine falschen Antworten. Genauso gibt es keine gescheiterten Versuche, sondern nur Versuche, aus denen man etwas lernt. Wer als Kind erlebt, dass Scheitern kein Grund zum Aufgeben ist, nimmt diese Haltung mit: beim Schuhe binden, beim Rechnen, bei allem, was anfangs schwerfällt. Und das ist eine Fähigkeit, die weit über das Forschen hinausreicht und ein Leben lang hält, gerade in einer Welt, die immer komplexer und reizüberfluteter wird.
Weiterführende Angebote
Wer mit den Kindern weiterforschen möchte, findet bei Modolino eine wachsende Sammlung erprobter Experimente für Kinder von drei bis acht Jahren, alle mit einfachen Haushaltsmaterialien und übersichtlichen Schritt-für-Schritt-Druckanleitungen. Auch die Stiftung Kinder forschen bietet kostenlose Materialien zur frühen MINT-Bildung.
Literatur
-
Gopnik, A. (2012): Scientific Thinking in Young Children: Theoretical Advances, Empirical Research, and Policy Implications. Science, 337(6102), 1623–1627. https://doi.org/10.1126/science.1223416
-
Morgan, P. L., Farkas, G., Hillemeier, M. M. & Maczuga, S. (2016): Science Achievement Gaps Begin Very Early, Persist, and Are Largely Explained by Modifiable Factors. Educational Researcher, 45(1), 18–35. https://doi.org/10.3102/0013189X16633182
-
Oppermann, E. & Keller, L. (2018): Geschlechtsunterschiede in der frühen MINT-Bildung. Forschungsüberblick. Berlin: Stiftung Haus der kleinen Forscher. Link
-
Statistisches Bundesamt (2026): Immer mehr Frauen entscheiden sich für ein MINT-Studium. Pressemitteilung Nr. N006 vom 28. Januar 2026. Wiesbaden. Link
-
Steffensky, M. (2017): Naturwissenschaftliche Bildung in Kindertageseinrichtungen. WiFF Expertisen, Band 48. München. Link
-
Stiftung Kinder forschen (o. J.): Forschendes Lernen in Kita und Grundschule. Berlin. Link
Autor
Louis Rittersberger ist Physiker (B. Sc., TU Darmstadt) und hat gemeinsam mit dem Ingenieur Mateo Brecic das Bildungsprojekt Modolino gegründet. Ihr Ziel ist es, Naturwissenschaft für Kinder von drei bis acht Jahren erlebbar zu machen. Auf modolino.com finden Familien über 80 kostenlose Experimente mit Anleitung zum Ausdrucken, wissenschaftlicher Erklärung und Videoanleitung. Jedes Experiment wird von ihm persönlich auf Korrektheit und Sicherheit geprüft, bevor es veröffentlicht wird.
Kontakt
Louis Rittersberger, Modolino
eingestellt am 15.07.2026
