Geschlechterspezifische Gewalt verstehen und Jugendliche stärken und schützen

Alicia Fischer

Alicia Fischer
Alicia Fischer

Nachfolgender Beitrag von UN Women Deutschland stellt geschlechterspezifische Gewalt an Mädchen und Frauen in den Fokus. Dabei wird deutlich, dass es gerade bei sexualisierter Gewalt um eine Form von Machtausübung und Diskriminierung geht. Die digitale Welt verschärft diese Situation darüber hinaus, so dass sich Mädchen und Frauen in bestimmten Situationen zunehmend unsicher fühlen. Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können und wo es Hilfe im Netz gibt, wird ausführlich beschrieben.

Geschlechterspezifische Gewalt ist ein zentrales, gesellschaftliches Problem, von dem Frauen und Mädchen weltweit täglich betroffen sind. Geschlechterbasierte oder geschlechterspezifische Gewalt beschreibt gewaltvolle Handlungen gegenüber einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit. Diese Form der Gewalt ist in der Ungleichbehandlung von Frauen, im Missbrauch von Macht sowie in sexistischen Gesellschaftsstrukturen verankert. Der Begriff wird benutzt, um zu verdeutlichen, dass gesellschaftliche Strukturen das Risiko für Mädchen und Frauen erhöhen, bestimmte Formen von Gewalt zu erleben. Auch wenn Frauen und Mädchen überproportional von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind, können auch Männer und Jungen Betroffene sein. Geschlechtsspezifische Gewalt äußert sich in psychischer, körperlicher, digitaler und sexualisierter Gewalt.

Im Gegensatz zu „sexueller Gewalt“ macht „sexualisierte Gewalt“ deutlich, dass es um Gewalt mit sexuellen Mitteln geht, nicht um Sex. Im Vordergrund geht es um eine Form der Machtausübung und Diskriminierung, nicht um die sexuelle Befriedigung oder einen sogenannten „Trieb“.

Hierbei ist es besonders wichtig nicht den Betroffenen die Verantwortung zuzuschreiben mit der Annahme, dass diese zum Teil oder komplett die Verantwortung für den erlittenen Übergriff tragen. Stattdessen muss man Betroffene schützen und unterstützen, Täter stellen und schon früh Jugendliche, egal welchen Geschlechts, für dieses Thema sensibilisieren. 

Gewalt im öffentlichen und digitalen Raum: Ein Alltag mit Unsicherheiten

Geschlechterspezifische Gewalt ist kein Randphänomen, sondern prägt den Alltag vieler Mädchen und Frauen. Verschieden Studien verdeutlichen das Ausmaß: Neun von zehn Frauen berichten von Erfahrungen wie Hinterherpfeifen, aufdringlichen Blicken oder unangemessenen Kommentare. Darüber hinaus haben etwa 30% der Befragten sexualisierte Gewalt erlebt und 50% gaben an, dass versucht wurde sie zu solchen Handlungen zu zwingen (Dunkelfeldstudie SKiD, 2020).

Dadurch ist der Alltag von Mädchen und Frauen oftmals durch Unsicherheiten und Angst geprägt. Viele Mädchen und Frauen vermeiden öffentliche Verkehrsmittel, Parks oder bestimmte Straßen, besonders im Dunkeln.

Die digitale Welt verschärft die Situation. Digitale Gewalt umfasst gewaltvolle Handlungen, die im digitalen Raum, z.B. in Sozialen Medien, stattfinden. Digitale Gewalt findet zwar in virtuellen Räumen statt, hat aber ganz konkrete Auswirkungen auf die Betroffenen, und ist oft eng verknüpft mit Gewalt in der „realen“ Welt. Vor allem junge Menschen (60% der 16/17- jährigen Frauen) sind betroffen und insgesamt haben fast 40% schon einmal digitale Gewalt erlebt (Dunkelfeldstudie LeSuBiA, 2026).

Digitale Gewalt äußert sich sehr unterschiedlich:

Cybermobbing umfasst das absichtliche Beleidigungen, Herabsetzen, Bedrohen sowie Erpressen und die Verbreitung falscher Behauptungen mittels des Internets, wodurch sich die Inhalte deutlich schneller und an mehr Personen verbreiten können.

Unaufgefordertes Sexting, also das Versenden von sexuellen expliziten Nachrichten, zu denen die Empfänger/innen nicht ihr Einverständnis gegeben haben, gehört auch zu digitaler Gewalt.

Das sogenannte „Revenge Porn“ lässt sich wortwörtlich als „Rache Porno“ übersetzen und meint die Veröffentlichung pornografischer oder intimer Videos oder Bilder einer Person ohne deren Zustimmung. Dieser Racheakt erfolgt häufig im Rahmen einer ehemaligen Beziehung und Frauen jungen und mittleren Altes sind überproportional betroffen. Dabei ist nie die Person schuld, die intime Bilder von sich macht, sondern immer diejenige, die sie ohne Einverständnis weiterversendet oder veröffentlicht.

Durch Künstliche Intelligenz (KI) können pornografische Videos und Fotos gefälscht und als vermeintlich echte Daten weitergesendet werden.

Die Formen digitaler Gewalt ändern und entwickeln sich stetig und werden noch viel zu wenig erfasst. Bisherige Daten machen deutlich, dass digitale Gewalt kurzfristige und langfristige körperliche, psychische und ökonomische Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat. Die Gewalt bzw. die allgegenwertige Angst vor Gewalt hindert Frauen und Mädchen an einer gleichberechtigten und umfassenden Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. So stehen betroffene oftmals ohne wirksamen Schutz da, während Täter/innen kaum Konsequenzen befürchten müssen.

Was Eltern tun können: Prävention, Aufklärung und Stärkung

Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Prävention geschlechterspezifischer Gewalt. Sie sind oft die ersten Bezugspersonen, an denen Kindern soziale Normen, Werte und Verhaltensweisen orientieren.

Ein wichtiger Schritt ist die frühe Sensibilisierung und altersgerechte Aufklärung. Kinder sollten von Beginn an lernen, dass alle Menschen gleichwertig sind, unabhängig von Geschlecht oder Aussehen. Eltern können dies im Alltag konkret umsetzen, indem sie beispielsweise darauf achten, wie sie über andere sprechen, welche Bücher und Medien sie wählen und welche Rollenbilder darin vermittelt werden. Gespräche über respektvollen Umgang miteinander und Grenzen von einem selbst und auch die der anderen, sollten regelmäßig geführt werden und nicht nur nach einem entsprechenden Anlass. Dabei ist es wichtig nicht nur Mädchen vor Gefahren zu warnen und darauf vorzubereiten, sondern auch Jungs über grenzüberschreitendes Verhalten aufzuklären, um so den Ursprung der Probleme anzugehen. Jungs sollten ebenso als Akteure für Gleichberechtigung und respektvolles Miteinander adressiert werden und verstehen, dass Geschlechtergerechtigkeit ein Thema der gesamten Gesellschaft ist, und sie selbst auch ihren Teil zur Veränderung beitragen können und sollen.

Kinder übernehmen viele Einstellungen unbewusst von ihren Eltern. Deshalb ist es wichtig sich selbst kritisch zu hinterfragen: Werden Mädchen und Jungen unterschiedlich behandelt? Werden bestimmte Eigenschaften (z.B. Stärke oder Emotionalität) unbewusst einem Geschlecht zugeordnet?  Verteile ich Aufgaben im Haushalt angelehnt an Stereotypen? Fördere ich emotionale Offenheit geschlechtsunabhängig?

Gegen Gewalt im öffentlichen Raum (egal ob man selbst betroffen ist oder Beobachter/in) kann die 5-D-Methode angewendet werden. Das sind fünf einfache Schritte, die auch Kinder und Jugendliche leicht lernen können. Erklär-Videos mit einfachem Training findest du hier: Aufstehen - Stand Up.

Kinder und Jugendliche sollten eng begleitet werden, wenn sie sich durch die digitale Welt bewegen. Sprich mit deinen Kindern über digitale Gewalt und was man dagegen tun kann:

  • Blockieren und melden: Nutze die Tools der Plattformen, um Kontakte und Vorfälle zu melden
  • Verbreitungen stoppen: Verwende Verfügbare Tools, um private Bilder und Videos ohne Zustimmung entfernen zu lassen (z.B. „Take it down“)
  • Beweise sichern: Screenshots, Links und Zeitstempel- Halte alles fest, diese Informationen sind wichtig, wenn du etwas meldest
  • Sprich mit jemandem dem du vertraust: man muss dies nicht allein durchstehen. Teile, was passiert mit Freund/innen Familien, Organisationen oder ruf an bei dem Hilfetelefon: 116016
  • Konten sichern: Aktiviere die zwei-Faktor-Authentifizierung, überprüfe deine Privatsphäre Einstellung und achte auf mögliche Spyware oder Tracking-Apps

Darüber hinaus ist die Vermittlung von körperlicher Selbstbestimmung von großer Bedeutung. Kinder sollten lernen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren. Dazu gehört, dass sie „Nein“ sagen dürfen, auch gegenüber Erwachsenen, und das dieses Nein akzeptiert wird. Gleichzeitig sollten auch die Grenzen anderer vermittelt werden. Das Prinzip „Nur Ja heißt Ja“ lässt sich einfach vermitteln, indem man erklärt, dass Zustimmung immer klar und freiwillig sein muss. Im Alltag kann das einfach integriert werden indem man nach Zustimmung bei z.B. einer Umarmung fragt.

Zusammenfassend zeigt sich, dass geschlechterspezifische Gewalt ein tief verankertes gesellschaftliches Problem ist, dem nur durch gemeinsames Handeln wirksam begegnet werden kann. Prävention beginnt im Alltag durch Aufklärung, offene Gespräche und dem Vorleben von Respekt und Stärke. Der Weg ist mühsam und scheint noch weit, aber wenn unter anderem Eltern anfangen, Verantwortung für das Verhalten und das Schützen ihrer Kinder zu übernehmen, können wir dazu beitragen, Gewalt vorzubeugen, Betroffene zu schützen und langfristig eine Kultur der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts zu fördern.

An diese Stelle setzt auch die Arbeit von UN Women Deutschland an: Wir machen auf Missstände aufmerksam, sensibilisieren für Themen wie Gewalt und Gleichstellung und setzen uns für langfristige Veränderungen ein. Eine große Rolle spielen dabei unsere jährliche Kampagne zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen „Orange the World“ sowie die HeForShe Initiative zur Einbindung von Männern und Jungen. Das Weitertragen von Wissen und die Unterstützung unserer Arbeit kann so auch einen wertvollen Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft leisten. Gemeinsam können wir etwas verändern.

Weiterführende Infos und Links

www.unwomen.de

www.gewalt-stoppen.org

Kontakt

Alicia Fischer (sie/ihr)
Kommunikation, Kampagne, Social Media
UN Women Deutschland e.V.
Anklamer Straße 38, 10115 Berlin

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eingestellt am 21.05.2026