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Das Recht auf gewaltfreie Erziehung

Erstellt am 6. Juni 2001, zuletzt geändert am 9. März 2010

Karl Späth

“Die Würde des Menschen ist unverletzlich”, so lautet Artikel 1 unserer Verfassung, und dieser gilt für Erwachsene wie für Kinder gleichermaßen. Untersuchungen und Alltagserfahrungen belegen jedoch, dass mehr als die Hälfte aller Kinder gelegentlich oder regelmäßig geschlagen werden, und zwar von ihren Eltern, Großeltern, älteren Geschwistern oder dem Freund oder der Freundin ihrer Mutter oder ihres Vaters. Dabei sind Ohrfeigen und Schläge nur eine Form der Gewaltanwendung in der Erziehung. Denn neben körperlichen Bestrafungen müssen viele Kinder seelische Verletzungen in Form von beleidigenden Beschimpfungen, Demütigungen, Missachtung und Vernachlässigung erdulden. All dies ist mit dem Grundrecht jedes Kindes auf Respektierung seiner Persönlichkeit nicht vereinbar. Außerdem erlernen die betroffenen Kinder dadurch Verhaltensweisen, die einen Teufelskreis von Gewalt und Unterdrückung auslösen sowie ein friedliches und partnerschaftliches Zusammenleben in der Familie und der Gesellschaft erschweren.

Die Verantwortung des Staates

Spätestens seit der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen im Jahr 1989 besteht für all die Länder, die diese Konvention unterzeichnet haben – die Bundesrepublik Deutschland gehört seit 1992 dazu -, Handlungsbedarf. Denn sie haben sich verpflichtet, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Kinder vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung zu schützen.

Was aber kann ein Staat zum Schutz von Kindern tun? Er kann zum einen klare und eindeutige gesetzliche Regelungen schaffen, die für jedermann, also Erwachsene und Minderjährige, verständlich sind und eine Orientierung für ihr Handeln geben. Und er kann zum anderen dafür Sorge tragen, dass all die Beratungs- und Unterstützungsangebote zur Verfügung gestellt werden, die notwendig und erforderlich sind, um die gesetzlichen Vorgaben in der Praxis Wirklichkeit werden zu lassen. Das erstere, die Schaffung einer vernünftigen gesetzlichen Regelung, ist nach langwierigen Beratungen seit November 2000 geschafft. Die Bereitstellung der erforderlichen Beratungs- und Unterstützungsangebote für Kinder und Eltern muss noch realisiert werden.

Das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ So lautet jetzt der Paragraph 1631 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuch. Damit werden sowohl die Kinder selbst als auch die Erwachsenen direkt angesprochen. Allen Kindern wird ein Recht auf die Erfahrung eingeräumt, dass ein Zusammenleben in der Familie auch in Konfliktsituationen ohne Gewaltanwendung möglich ist. Alle Erwachsenen werden verpflichtet, ihre erzieherische Verantwortung, also ihre Erziehungspflicht und ihr Erziehungsrecht, ohne den Einsatz von Gewalt wahrzunehmen und zu erfüllen. Was im Kindergarten, in der Schule und der Berufsausbildung schon lange gilt sowie sich bewährt und weitgehend durchgesetzt hat, gilt nun ohne Einschränkung überall dort, wo Kinder erzogen werden – also auch in der Familie. Damit werden an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und alle übrigen Erziehungsberechtigten bei der Erziehung von Kindern dieselben Ansprüche gestellt, was das Verständnis füreinander und die Bereitschaft zur gegenseitigen Beratung und Unterstützung hoffentlich beflügeln wird.

Beratung und Unterstützung statt Richter und Staatsanwalt

Wie aber können Kinder ihr Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt durchsetzen und wie können die Eltern dazu gebracht werden, das Verbot des Einsatzes von Gewalt in der Erziehung zu respektieren und einzuhalten? Der Gesetzgeber hat ganz bewusst darauf verzichtet, einen Strafkatalog zu erstellen, der bei Verstößen gegen die Verpflichtung zur gewaltfreien Erziehung zum Einsatz kommt und damit Richter und Staatsanwälte zu Wächtern über die Erziehung in der Familie machen würde. Dies gilt natürlich nicht für Misshandlungen, grobe Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch von Kindern, denn diese Straftaten werden wie bisher auch weiterhin durch das Gericht geahndet.

Nicht durch Strafandrohungen, sondern durch Aufklärung und Beratung, Unterstützung und Entlastung von Kindern und Eltern sollen körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen aus der Erziehung verbannt werden. Eltern sollen durch das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung nicht eingeschüchtert oder verunsichert und damit handlungsunfähig gemacht werden. Ganz im Gegenteil, die Erziehungskompetenz und Handlungsfähigkeit der Eltern sollen und müssen gestärkt werden, damit sie auch dann, wenn sich ihre Kinder wieder einmal nervig, aggressiv und unkontrolliert verhalten, ohne Prügel und Demütigungen reagieren können.

Falls Vater oder Mutter in einer Überforderungssituation oder im Affekt dennoch einmal die Hand ausrutscht, dann kann das betroffene Kind zwar nicht zum Gericht gehen und die Verletzung seines Rechtes auf gewaltfreie Erziehung anzeigen. Das Kind befindet sich aber in jedem Fall moralisch im Recht – der schlagende Vater oder die schlagende Mutter dagegen im Unrecht. Eltern werden also künftig Schläge und Demütigungen, aus welchem Grund und mit welcher Absicht sie auch immer geschehen, nicht mehr rechtfertigen können. Sie befinden sich moralisch gesehen ihrem Kind gegenüber im Unrecht und sollten dieses Unrecht wieder gut machen, indem sie sich für ihr Verhalten bei ihrem Kind entschuldigen und sich vornehmen, künftig solche Verhaltensweisen zu vermeiden – falls erforderlich durch die Inanspruchnahme fachlich qualifizierter Beratung und Unterstützung. Damit wird deutlich, dass das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung nicht von den Eltern allein eingelöst werden kann und muss, sondern die gesamte Gesellschaft in der Mitverantwortung steht.

Der Beitrag der Jugendhilfe zur Erfüllung des Rechts auf Erziehung ohne Gewalt

Die gesellschaftliche Mitverantwortung für die Erziehung von Kindern wird durch die Jugendhilfe, also die Jugendämter und die freien Träger mit ihren Beratungsdiensten und Betreuungseinrichtungen, wahrgenommen. Deshalb hat der Gesetzgeber die Jugendhilfe auch für die Verwirklichung des Rechts von Kindern auf eine Erziehung ohne Gewalt in die Pflicht genommen und ihr durch eine Ergänzung im Kinder- und Jugendhilfegesetz den Auftrag erteilt, vor allem in der Familienbildung und Familienberatung Angebote zu machen, die Kindern und Eltern „Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können“ (§ 16 Abs. 1 KJHG). Denn zur Erziehung gehört es ja auch, dass Kindern Grenzen gesetzt werden müssen und dass die Einhaltung von gemeinsam vereinbarten Regeln oder Absprachen eingefordert wird. Dies geht nicht immer ohne Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und Streit. Die Beilegung solcher Konflikte und Auseinandersetzungen auf eine möglichst einvernehmliche Art und Weise, also ohne Einsatz von Gewalt durch den jeweils Stärkeren, – das muss immer wieder neu gelernt und eingeübt werden.

Vor allem Erziehungsberatungsstellen und Familienbildungsstätten, aber auch Kindertageseinrichtungen, müssen Eltern und allen anderen für die Erziehung von Kindern Verantwortlichen solche Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten anbieten, damit die Erziehung von Kindern nicht nur als Belastung empfunden wird, sondern auch als Lebensbereicherung erfahren werden kann. Diese Beratungs- und Unterstützungsangebote müssen dabei den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, Ansprüchen und Erwartungen von alleinerziehenden Vätern und Müttern, von Eltern mit persönlichen und sozialen Problemen und von ausländischen Familien Rechnung tragen können.

Dies alles lässt sich aber nicht verwirklichen ohne die Bereitstellung zusätzlicher finanzieller Mittel für die Jugendhilfe. Dem Gesetzgeber war dies durchaus bewusst, denn in der Begründung zum Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung ist zu lesen: „Durch die flankierend vorgesehene Ergänzung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes um Angebote zur Förderung der gewaltfreien Erziehung sind insbesondere durch vermehrten Personalaufwand Mehrkosten bei den Jugendämtern zu erwarten.“ Für die Finanzierung dieser zusätzlichen Kosten ist also nicht der Bund zuständig, der das Gesetz verabschiedet hat, sondern es sind die Städte und Kreise. Die Kreis- und Stadtparlamente entscheiden also bei der Aufstellung ihrer Haushalte und der Verteilung ihrer Finanzmittel darüber, ob das Jugendamt als Kostenträger in der Lage ist, Eltern die von ihnen gewünschten und benötigten Beratungs- und Unterstützungsangebote zur Verfügung zu stellen oder ob diese mit der Erfüllung ihrer Verpflichtung zu einer Erziehung ohne Gewalt allein gelassen werden.

Die Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern“

Unmittelbar nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung hat das zuständige Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine breit angelegte Kampagne unter dem Motto „Mehr Respekt vor Kindern“ gestartet. Im Rahmen dieser Kampagne sollen Eltern und andere Erziehungsberechtigte durch Plakate, Fernsehspots und Informationsbroschüren für Erziehungsfragen sensibilisiert und für die Akzeptanz der Leitnorm einer Erziehung ohne Gewaltanwendung gewonnen werden. Dabei werden vielfältige Anregungen gegeben, wie gerade in belastenden und konfliktreichen Situationen Erwachsene mit Kindern partnerschaftlich umgehen können. Zusätzlich werden in annähernd 40 Städten und Gemeinden im gesamten Bundesgebiet für einen Zeitraum von zwei Jahren vom BMFSFJ gesponserte Fachveranstaltungen und Aktionen durchgeführt, die alle dazu beitragen sollen, ein kinder- und familienfreundlicheres Klima in unserer Gesellschaft zu schaffen – denn dies ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass das Recht auf eine Erziehung ohne Gewalt für möglichst viele Kinder in unserem Land Wirklichkeit wird.

Ausführliche Informationen zu dieser Kampagne und eine Fülle weiterer Hinweise und Anregungen gibt es im Internet unter http://www.mehr-respekt-vor-kindern.de. Zusätzlich ist für alle Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Aktionen und Aktivitäten dieser Kampagne ergeben, eine Info-Hotline unter der Telefonnummer 0221/1608232 eingerichtet worden. Dort kann auch das vom BMFSFJ bereitgestellte Info-Material bestellt werden.

Autor

Karl Späth, Diplom-Pädagoge, ist Referent für Erziehungshilfen im Diakonischen Werk der EKD in Stuttgart.

Adresse

Karl Späth
Justus Liebig Weg 7
72108 Rottenburg

Tel. 07472/21707

E-Mail: Karl Spaeth (Karl NULL.Spaeth null@null gmx NULL.net)