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Die Liebe geht durch den Kopf – Wie Gedanken Beziehungen beeinflussen

Erstellt am 23. November 2004, zuletzt geändert am 4. Juni 2013

   Prof. Dr. Eva Wunderer
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Was Partner/innen übereinander und über ihre Beziehung denken, hat großen Einfluss darauf, wie zufrieden sie miteinander sind, wie häufig und wie konstruktiv sie streiten und wie stark sie sich gegenseitig unterstützen. Es lohnt sich also, sich Gedanken zu machen – beispielsweise über grundlegende Annahmen, Ansprüche, Erklärungsmuster und die berühmte „rosarote Brille“.

Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben und beschließen, den zukünftigen Weg gemeinsam zu gehen, sind sie keine „unbeschriebenen Blätter“. Nicht nur Vorerfahrungen mit anderen Partnern/innen haben ihre Spuren hinterlassen; jeder bringt auch ganz spezifische Erwartungen, Ansprüche und Vorurteile in die Partnerschaft ein. Diese sind oft nicht bewusst oder bleiben nicht selten unausgesprochen. Dennoch beeinflussen sie die Qualität der Beziehung in hohem Maße. Besonders förderlich sind dabei, das zeigt die psychologische Forschung, folgende fünf Arten von Denkprozessen oder Kognitionen (lat. cognitio = Kenntnis):

  1. Man sieht den/die Partner/in durch eine rosarote Brille, idealisiert ihn/sie.
  2. Man hält die Liebe nicht nur für Schicksal sondern glaubt auch an ihre Veränderbarkeit.
  3. Man stellt hohe Ansprüche an den/die Partner/in.
  4. Man führt negative Beziehungsereignisse eher auf äußere Umstände zurück und macht nicht grundsätzlich /die Partner/in dafür verantwortlich.
  5. Man denkt positiv über die gemeinsame Zukunft.

Die rosarote Brille: Illusionen machen glücklich

Die richtige Wahl! „Liebe beruht auf einer starken Übertreibung des Unterschiedes zwischen einer Person und allen anderen”, meinte der irische Schriftsteller George Bernard Shaw. Demnach entsteht Liebe durch verzerrte Wahrnehmung: Der oder die Geliebte werden als einmalig und allen anderen meilenweit überlegen erlebt, obgleich die Unterschiede zum Rest der Menschheit vielleicht gar nicht so groß sind. Die amerikanische Beziehungsforscherin Sandra Murray prägte für solcherlei Überschätzung des/r Partners/in den Ausdruck „positive Illusionen”. Sie fand heraus, dass diese der Beziehung zuträglich sind, stärken sie doch die Auffassung, den einzig Richtigen, die einzig Richtige gefunden zu haben. Wer seine/n Partner/in positiver wahrnimmt, als diese/r sich selbst sieht oder gute Freunde sie/ihn sehen, und die Schwächen des/r anderen herunterspielt, ist zufriedener und erlebt die Beziehung als weniger konflikthaft.

Aller Anfang ist rosarot. Für den/die Partner/in ist die Aufwertung in der Regel ebenfalls positiv, solange sie ihm/ihr noch realistisch erscheint und er/sie über einen guten Selbstwert verfügt – Personen mit geringem Selbstwert werden ungern überschätzt. Frisch Verliebte profitieren dabei in stärkerem Maße von den positiven Effekten einer solchen „rosaroten Brille”. Paare, die ihr Leben seit längerem miteinander teilen, schätzen es, wenn ihr/e Partner/in sie ähnlich sieht, wie sie sich selbst, da sie dann das Gefühl haben, dass der/die andere sie gut kennt und sie miteinander vertraut sind.

Der rosarote Engelskreis. So weicht unsere Wahrnehmung systematisch von der Realität ab, in eine Richtung, die unser gegenwärtiges Empfinden und Erleben in der Partnerschaft verstärkt. Die US-Forscher Susan Osgarby und W. Kim Halford ließen in einer Studie Paare Tagebücher führen über negative und positive Beziehungsereignisse. Einige Zeit später baten sie die Partner/innen, die Ereignisse zu erinnern, ohne dabei freilich das Tagebuch zur Hand zu nehmen. Das Resultat: Glückliche Paare gaben mehr positive Ereignisse an als im Tagebuch verzeichnet, beurteilten die negativen Ereignisse hingegen realistisch. Unglückliche Paare unterschätzten positive Ereignisse und überschätzten negative, sahen ihre Beziehung also durch eine rabenschwarze Brille. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, denn durch die negativ gefärbte Wahrnehmung sinkt die Beziehungszufriedenheit weiter. Glückliche Paare hingegen befinden sich im „Engelskreis” und haben dank ihrer „rosaroten Sicht” auf die Beziehung allen Grund, noch zufriedener zu sein.

Vorsicht, schwarze Brille! Dies gilt übrigens auch für die Beurteilung länger zurückliegender Ereignisse. Der amerikanische Beziehungsforscher John Gottman konnte zeigen, dass Paare, die ihr erstes Rendezvous und die Zeit, in der sie sich kennen lernten, im Rückblick sehr negativ bewerten, auf dem besten Wege zu Trennung und Scheidung sind.

Ein letztes Beispiel: Jeder kennt die hohe Scheidungsrate, aber keiner fühlt sich selbst betroffen. So unterschätzen Paare in glücklichen Beziehungen, aber auch Singles, dramatisch das Risiko, selbst zukünftig einmal mit einer Scheidung konfrontiert zu sein. Und das, obwohl sie recht genau sagen können, wie groß das Risiko rein statistisch ist.

Wahrnehmung nicht immer für wahr nehmen. Was wir wahrnehmen, ist also kein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt, sondern immer unsere eigene Konstruktion aus unserer ganz subjektiven Perspektive. Vor diesem Hintergrund erübrigt sich so manche Diskussion darüber, wer denn Recht hat und was in einer Situation wirklich geschah. Denn: Was wir wahrnehmen, sollten wir nicht automatisch auch für wahr nehmen. Unglückliche Paare stimmen in ihrer Beurteilung von Beziehungsereignissen übrigens weniger überein als glückliche Paare – hier ist vermutlich wieder die „schwarze” Brille im Spiel, die das Verhalten des/der anderen durch einen dunklen Schleier wahrnehmen lässt.

Liebe ist nicht nur Schicksal: Eine Partnerschaft kann wachsen

Schicksal oder Wachstum? „Das Auf und Ab im menschlichen Leben gibt ihm Farbe und Wert.” Übertragen auf das Beziehungsleben ermuntert dieses Zitat von Stefan Zweig, neben den Höhen auch die Tiefen in der Partnerschaft als wichtig und wertvoll zu erachten, denn: An Krisen und Herausforderungen kann die Partnerschaft wachsen. Einer solchen Auffassung von Beziehung als Wachstum steht die Auffassung von Beziehung als Schicksal gegenüber: Beziehungen, die nicht gut beginnen, werden unweigerlich fehlschlagen; die Partner/innen müssen also von Anfang an gut zueinander passen, soll das gemeinsame Leben von Dauer sein.

Wachstumsglaube führt zu Investition. Wer Beziehung als Wachstum betrachtet, ist eher bereit, zu Beginn einer Partnerschaft in diese zu investieren, schwierige Zeiten gemeinsam durchzustehen und seinem/r Partner/in Schwächen und Fehler nachzusehen. Personen mit einem starken Glauben an das Wachstum und einem geringen an das Schicksal nehmen es sich weniger zu Herzen, wenn der/die andere in einigen Eigenschaften von ihrem Idealbild abweicht – denn: Veränderung ist möglich! Wer daran glaubt, stimmt z.B. folgenden Aussagen zu (Anm. 1):

  • Eine erfolgreiche Beziehung entwickelt sich durch harte Arbeit (z.B. indem man bestehende Unverträglichkeiten aufzulösen versucht).
  • Herausforderungen und Hindernisse in einer Beziehung können die Liebe sogar verstärken.

Zufriedenheit = Schicksal + Wachstum. Am zufriedensten, das hat unsere eigene Forschung im Projekt „Was hält Ehen zusammen?” an der Ludwig-Maximilians-Universität München gezeigt, sind unter länger verheirateten Paaren diejenigen, die Beziehung als Schicksal und als Wachstum sehen, also der Meinung sind, eine gewisse „Passung” müsse schon von Beginn an vorhanden sein, die Beziehung könne aber auch weiter wachsen und reifen.

Irrationale Annahmen gefährden die Partnerschaft. Wer an das Wachstum von Beziehungen glaubt, kann Meinungsverschiedenheiten leichter hinnehmen und sieht in diesen nicht gleich ein Todesurteil für die Partnerschaft. Und das wiederum tut der Beziehung gut, denn wer unterschiedliche Meinungen als Angriff auf die eigene Person und als schädlich für die Partnerschaft wertet, ist weniger zufrieden. Gleiches gilt für Männer und Frauen, die glauben, von zu unterschiedlichen Planeten zu stammen, als dass sie sich je wirklich verstehen könnten. Solche so genannten „irrationale Annahmen” wirken sich abträglich auf die Partnerschaft aus. Es sind dies zum Beispiel (Anm. 2):

  • Bei Meinungsverschiedenheiten habe ich das Gefühl, unsere Beziehung ginge in die Brüche.
  • In einer engen Beziehung kann jeder die Bedürfnisse des/der anderen erspüren, ganz so, als könne er Gedanken lesen.
  • Biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau sind die hauptsächlichen Ursachen von Partnerproblemen.
  • Ich glaube nicht, dass mein/e Partner/in sich ändern kann.
  • Wenn mein/e Partner/in sexuell nicht voll auf seine/ihre Kosten kommt, heißt das, dass ich versagt habe.

„Irrationalen Annahmen” unterminieren nicht nur die Zufriedenheit der Partner/innen, sondern auch ihr Kommunikationsverhalten und ihre Bereitschaft, an der Beziehung zu arbeiten. Und doch erfüllen auch diese Annahmen in gewisser Weise ihren Zweck: Sie machen die Welt erklärbar und kontrollierbar – wenn auch auf wenig konstruktive Weise.

Je mehr desto besser: Hohe Ansprüche festigen die Liebe

Hohe Ansprüche machen zufrieden. Jürgen verlangt viel von seiner Partnerschaft. Er möchte seine Freizeit mit Claudia verbringen, legt Wert auf Gleichberechtigung und erwartet von sich und Claudia großes Engagement. Dieter hingegen legt die Messlatte niedriger, vermeidet allzu hohe Ansprüche an seine Partnerschaft mit Luise. Wer ist wohl zufriedener, was ist besser für ein harmonisches Zusammenleben?

Dieter hat niedrigere Ansprüche und kann daher nicht so leicht enttäuscht werden wie Jürgen, der mehr von sich und seiner Partnerin verlangt. Und doch: Vieles spricht dafür, dass nicht Dieter, sondern Jürgen die besseren Chancen hat, eine glückliche Beziehung zu führen, denn: Hohe Ansprüche machen zufrieden.

Wer viel fordert, gibt auch viel. Warum jedoch sind diejenigen Partner/innen, die ein hohes Maß an Gemeinsamkeit, Gleichberechtigung und Investition in ihre Beziehung einfordern, glücklicher als diejenigen, deren Ansprüche geringer sind? Die Antwort lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Wer viel fordert, gibt auch viel. Männer und Frauen, die ihrer Beziehung viel abverlangen, die auf gemeinsame Wertvorstellungen und Gleichberechtigung Wert legen und ein hohes zeitliches und emotionales Engagement in der Partnerschaft einfordern, unterstützen ihre Partner/innen in Stresssituationen und fühlen sich auch selbst unterstützt. Zudem verhalten sie sich konstruktiver in Konfliktsituationen. Es bleibt also nicht bei Lippenbekenntnissen: Anspruchsvolle Partner/innen engagieren sich tatsächlich stärker in ihrer Beziehung – und registrieren dann voller Zufriedenheit, dass ihre (hohen) Ansprüche auch erfüllt werden. Die Übereinstimmung der Partner/innen in ihren Ansprüchen ist hingegen weniger wichtig.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen für Frauen übrigens am weitesten bei der Aufgabenteilung im Haushalt und der Kommunikation über Schwierigkeiten in der Beziehung auseinander. Männer sehen ihre Ansprüche am wenigsten erfüllt im Bereich der Sexualität.

Wachstumsglaube hilft auch hier! Wer Beziehung als Wachstum erachtet, hat höhere Ansprüche an die eigene Partnerschaft in punkto Gemeinsamkeit, Gleichberechtigung und Investition in die Beziehung. Und je weniger Ansprüche erfüllt sind, desto eher werden negative Beziehungsereignisse auf die Partnerschaft und den/die Partner/in zurückgeführt.

Realistisch muss es sein! Hohe Ansprüche sind allerdings nur dann förderlich für die Partnerschaft, wenn sie realistisch sind. Sind sie dies nicht, wie z.B. der Anspruch, dem Partner alle Wünsche von den Lippen ablesen zu können, führt dies zu sinkender Zufriedenheit in der Partnerschaft, mit sich selbst und/oder dem/r Partner/in.

Zufall oder Charakterfehler? Im Zweifel für den/die andere/n

Ein missglückter Abend. Sabine will Thomas überraschen: Sie hat ein besonders aufwändiges Abendessen vorbereitet, der Tisch ist festlich gedeckt, Thomas Lieblings-CD liegt im CD-Player bereit. Thomas hatte angekündigt, um sechs Uhr von der Arbeit nach Hause zu kommen, doch Sabine wartet vergeblich darauf, dass er die Wohnungstür aufschließt. Um viertel nach sechs wird sie unruhig, um halb sieben ist Thomas immer noch nicht da. Was ist passiert? Wie erklärt sich Sabine die Verspätung? Welche Ursachen schreibt sie dem Verhalten von Thomas zu? Folgende Fragen kann sich Sabine stellen:

  • Warum kommt Thomas zu spät? Liegt es an seiner Unzuverlässigkeit oder liegt die Ursache in äußeren Umständen, hatte er eine Reifenpanne oder steht er im Stau?
  • Kommt Thomas häufiger zu spät? Oder handelt es sich um eine Ausnahme?
  • Kommt Thomas auch in anderen Situationen zu spät, z.B. wenn die beiden mit Freunden verabredet sind oder sich in der Stadt zum Einkaufen treffen wollen?
  • Lässt Thomas Sabine mit Absicht warten, und handelt er aus eigennützigen Motiven heraus
  • Und in letzter Konsequenz geht es schließlich um die Schuldfrage: Ist Thomas schuld daran, dass Sabine warten muss und das leckere Essen kalt wird?

Denken und Handeln. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass sich diese Überlegungen auf das Verhalten von Sabine auswirken. Denkt Sabine: „Der Arme, er steckt sicher im Stau, er lässt mich sonst ja nie warten, das würde er nie mit Absicht tun”, wird sie das Essen warm stellen und Thomas einen netten Empfang bereiten, wenn er endlich nach Hause kommt. Denkt Sabine hingegen: „Jetzt kommt er schon wieder zu spät, immer dasselbe, er ist so unzuverlässig, das war immer schon so, das macht er absichtlich, er denkt nur an sich…”, kann Thomas sich auf Vorwürfe und eine ärgerliche Sabine gefasst machen – und der schön vorbereitete Abend ist dahin.

Die Art, wie wir Ereignisse und Verhaltensweisen in der Beziehung erklären, hat also Einfluss auf unser Verhalten und unsere Zufriedenheit in der Beziehung. Die Zuschreibungen erfolgen dabei in der Regel so, dass die Wahrnehmung und das Erleben in der Partnerschaft verstärkt und gefestigt werden: Ist Sabine glücklich mit Thomas, wird sie die Ursachen in äußeren Umständen suchen und ihn so aller Schuld entheben – was ihre Zufriedenheit nicht gefährdet. Ist Sabine hingegen unzufrieden, wird sie das Verhalten von Thomas als absichtlichen Angriff auf sich selbst und ihre Partnerschaft werten – was deren Qualität weiter unterminiert, zu negativen emotionalen Reaktionen und wenig konstruktivem Kommunikations- und Konfliktverhalten führt.

Bitte einmal im Kreis denken! In Konfliktsituationen stellt sich zudem häufig die Frage: Wer hat angefangen? Zieht Thomas sich zurück, weil Sabine nörgelt, oder nörgelt Sabine, weil Thomas sich zurückzieht und für sie kaum mehr greifbar ist? Die Antwort auf diese Frage wird vermutlich unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob man Sabine oder Thomas fragt. Denn oft zergliedert man eine Interaktionssequenz so in Ursache und Folge, dass die (negative) Aktion vom/von der anderen ausgeht, der/die Partner/in also den vermeintlich ersten Schritt getan und damit das Kriegsbeil ausgegraben hat. Will man gerade wiederholte Konflikte richtig verstehen, bietet es sich jedoch an, einmal „im Kreis zu denken” : Der Rückzug von Thomas und Sabines Nörgeln bedingen sich gegenseitig, bilden gleichsam einen Teufelskreis.

Wir schaffen das! Die Beziehung hat Zukunft

Positiv denken stimmt positiv. Je mehr sich die Partner/innen zutrauen, (zukünftige) Probleme in ihrer Beziehung zu lösen, desto zufriedener sind sie und desto konstruktiver kommunizieren sie miteinander. Wer also überzeugt ist, in der Partnerschaft und mit dem/r Partner/in etwas bewirken zu können, fühlt sich wohler in dieser.

Depressive Denkmuster. Gleiches gilt auch in anderen Bereichen: Je geringer das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und Leistungen ist, desto hilfloser fühlt man sich und desto ungünstiger werden Ereignisse erklärt. Wer grundsätzlich negative Ereignisse als global und stabil erachtet und sich selbst die Verantwortung dafür zuschreibt (unter dem Motto: “Immer geht alles schief und ich allein bin daran schuld” ) und bei positiven Ereignissen die gegenteilige Erklärung bevorzugt ( “Das war reiner Zufall und hat mit mir gar nichts zu tun” ), leidet in der Folge möglicherweise sogar unter depressiven Verstimmungen. So nehmen Zuschreibungen Einfluss auf unser Gefühl, das Leben im Griff zu haben und kontrollieren zu können, und auf unser Selbstwertgefühl.

Die Summe unserer Erfahrungen – warum wir denken, wie wir denken

Warum aber denken wir, wie wir denken? Worauf gründen unsere Annahmen und Ansprüche, unsere Erwartungen und Zuschreibungen? Es spricht einiges dafür, dass unsere Beziehungsgeschichte Einfluss nimmt. Im Laufe unseres Lebens machen wir wiederholt ähnliche Erfahrungen mit Ereignissen, Personen oder Objekten. Die Summe aus diesen Erfahrungen wird als „Wissensstruktur” innerlich abgespeichert und dient dann gewissermaßen als Schablone für die Informationsverarbeitung. Diese Wissensstrukturen oder Schablonen sind zudem mit Gefühlen verbunden, je nachdem, wie uns bei den zugrunde liegenden Erfahrungen zumute war.

Die Beziehungsgeschichte nimmt Einfluss. Ein etwas vereinfachtes Beispiel mag dies verdeutlichen: Sebastian hat die Erfahrung gemacht, dass sich seine Mutter und sein Vater eigentlich nie so recht verstanden; es gab viele Konflikte, und beide beklagten sich, dass der/die andere gar nicht wisse, wie es ihnen gehe und was sie wollten und bräuchten. Wiederholt sich diese Wahrnehmung Sebastians über viele Jahre, so mag er zu der Überzeugung kommen: „Männer und Frauen werden einander nie richtig verstehen”. In der Partnerschaft mit Simone kann er sich Auseinandersetzungen vor diesem Hintergrund gut erklären: „Dass wir uns nicht verstehen und streiten, liegt daran, dass sie eine Frau ist und ich ein Mann bin”. Und seine Ansprüche werden diesbezüglich sicherlich nicht allzu hoch sein.

Änderungen jederzeit möglich! Es zeigt sich hier, wie eng die unterschiedlichen Denkprozesse miteinander verwoben sind. Natürlich sind sie nicht unabänderlich festgelegt. Macht Sebastian mit Simone wiederholt die Erfahrung, dass sie ihn eigentlich doch ganz gut versteht und er sie auch, so wird er seine Annahme mit der Zeit abschwächen und verändern und sich (negative) Beziehungsereignisse auf andere Weise erklären. Wachstum ist also möglich, in der und für die Beziehung!

Anmerkungen

  1. Beispielhafte Aussagen aus der deutschen Version der Implicit Theories of Relationships Scale von Knee et al. nach Klaus A. Schneewind u.a.: Was hält Ehen zusammen? Unveröffentlichte. Forschungsdokumentation, Universität München 2001.
  2. Beispielhafte Aussagen aus der deutschen Version des Relationship Belief Inventory von Eidelson und Epstein; deutsch nach Gertrud Hank u.a.: Diagnostische Verfahren für Berater. Beltz, Weinheim 1990.

Literatur

Bei dem Text handelt es sich um eine leicht modifizierte Version eines gleichnamigen Textes der Autorin in Psychologie heute, Heft 11/2004.

Wunderer, Eva & Schneewind, Klaus A. (2008). Liebe, ein Leben lang? Was Paare zusammenhält. München: dtv.

Autorin

Prof. Dr.  Eva Wunderer, Diplompsychologin, Systemische Paar- und Familientherapeutin (DGSF), Hochschule für Angewandte Wissenschaften Landshut, Fakultät für Soziale Arbeit. Am Lurzenhof 1, 84036 Landshut, eva.wunderer@haw-landshut.de.