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Österreich: Elternteilzeit spricht Männer an

Erstellt am 28. April 2008, zuletzt geändert am 28. April 2008

Trägt die 2004 eingeführte Maßnahme zur Vereinbarkeit von Erwerb und Familie bei? Die Soziologin Sonja Dörfler hat die Sicht betroffener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer untersucht

Sonja Dörfler, Soziologin am ÖIF     Foto: Sonja Dörfler, Soziologin am ÖIF

Kann man nach fast vier Jahren Laufzeit der Elternteilzeitregelung sagen, dass diese eine erfolgreiche Maßnahme für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerb für ArbeitnehmerInnen in Österreich ist?

Dörfler: In unserer Studie „Elternteilzeit aus Sicht betroffener Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ hat sich gezeigt, dass diejenigen, die Elternteilzeit in Anspruch nehmen, früher wieder in den Erwerb einsteigen und ihren alten Job eher behalten. Insofern kann man sagen, Elternteilzeit ist dort eine gute Maßnahme, wo sie auch angenommen wird.

Wie sieht es in der Praxis aus? Zu welchem Zeitpunkt wird die Regelung angenommen?

Wir konnten beobachten, dass der größte Teil, und das sind in erster Linie Frauen, die Elternteilzeit nach Ablauf der Karenz in Anspruch nimmt. Männer nehmen die Elternteilzeit tendenziell etwas später in Anspruch. Die Ergebnisse der Studie sind aber mit Vorsicht zu beurteilen, da aufgrund der bisherigen Laufzeit von vier Jahren nur Eltern mit Kindern bis maximal vier Jahren befragt werden konnten, die Regelung aber generell bis zum siebenten Geburtstag des Kindes in Anspruch genommen werden kann.

Wie lange wird Elternteilzeit in Anspruch genommen?

Was die größte Gruppe, die Frauen, anbelangt, gibt es zwei Zeitpunkte, zu denen Elternteilzeit am häufigsten beendet wird: der dritte und der siebente Geburtstag des Kindes. Rund ein Viertel beendet mit dem dritten Geburtstag des Kindes die Elternteilzeit – wenn anschließend auch ein Kindergartenplatz zur Verfügung steht. Bei rund einem weiteren Viertel endet die Inanspruchnahme mit dem siebenten Geburtstag. Die Maßnahme wird also voll ausgeschöpft. Bei den Männern hat sich gezeigt, dass etwas mehr als die Hälfte mit dem dritten Geburtstag des Kindes die Elternteilzeit beenden. Männer nehmen die Maßnahme recht kurz in Anspruch, am häufigsten zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag.

Wie hoch ist der Anteil an Frauen und Männern?

In 80 Prozent der betroffenen Haushalte nimmt nur die Frau Elternteilzeit in Anspruch. Bei rund 14 Prozent beteiligen sich Frauen und Männer und bei 6 Prozent der Haushalte nimmt nur der Mann die Maßnahme in Anspruch. Man kann also sagen, dass sich bei 20 Prozent der betroffenen Haushalte der Mann in irgendeiner Form an der Elternteilzeit beteiligt.

Wie würden Sie diese Aufteilung nach Geschlechtern bewerten?

Im Gegensatz zu den 4 Prozent Männern bei der Karenz sind natürlich 20 Prozent hoch einzustufen. Ich würde es so bewerten, dass dies eine familienpolitische Maßnahme ist, die Männer stärker anspricht. Gezeigt hat sich auch, dass, je höher die Partnerin gebildet ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mann an der Elternteilzeit beteiligt. Das heißt, es dürfte das potenzielle Einkommen eine Rolle spielen, das die Frau erzielen könnte, beziehungsweise will sie früher wieder in den Erwerb einsteigen. Wenn die Frau höher gebildet ist, ist die partnerschaftliche Aufteilung stärker verbreitet. Das kann man nicht nur in Wien, sondern generell im städtischen Raum häufiger beobachten als am Land.

In welchem Arbeitszeitausmaß wird Elternteilzeit in Anspruch genommen?

Das Wochenstundenausmaß hängt ganz deutlich vom Alter des Kindes ab. Je älter das Kind ist, desto mehr Stunden verbringen die Eltern in ihrem Beruf. Frauen arbeiten im ersten Lebensjahr des Kindes durchschnittlich 14 Wochenstunden und im siebenten durchschnittlich 22 Stunden. Das gleiche Prinzip gilt bei Männern, allerdings arbeiten sie im Schnitt immer etwas mehr als Frauen: 21 Wochenstunden im ersten und 27 Stunden im siebenten Lebensjahr des Kindes.

Wie würden Sie die Personen charakterisieren, die Elternteilzeit in Anspruch nehmen?

Es hat sich deutlich gezeigt, dass diejenigen Personen, die in Wien Elternteilzeit in Anspruch nehmen, deutlich höher gebildet sind und sehr viele einen akademischen Abschluss vorweisen. Sowohl die Männer als auch die Frauen üben eine höhere bzw. führende Tätigkeit aus. Und auch das Einkommen der Elternteilzeitnehmenden ist höher als beim Durchschnitt von Eltern.

Haben sich die ArbeitnehmerInnen auch zu Nachteilen durch die Regelung geäußert?

Ja. Vor allem Frauen geben an, Nachteile beim beruflichen Fortkommen zu haben. Man muss hier aber ergänzen, dass dies der klassische Nebeneffekt von Teilzeitbeschäftigung in Österreich ist. Deutlich mehr als die Hälfte der befragten Frauen muss wegen Arbeitszeitreduktion einen Karriereverlust hinnehmen. Ein weiterer Punkt, der von einem Viertel der Frauen angesprochen wurde, ist, dass sie eine schlechtere Tätigkeit ausüben als vor der Karenz. Scheinbar sind sie Kompromisse mit dem Arbeitgeber eingegangen, obwohl im Gesetz vorgesehen ist, dass die gleiche Tätigkeit beibehalten werden sollte.

Wie sieht in diesem Zusammenhang der Karriereverlauf bei den Männern aus?

Auch die Männer geben häufig Nachteile bei der Karriere an – zwar deutlich weniger oft als Frauen, aber immer noch mehr als ein Drittel. Der zweite Punkt, der von den Männern genannt wird, ist das Arbeitsklima. Über ein Viertel gibt an, dass sich das Verhältnis zum Arbeitgeber deutlich dadurch verschlechtert habe, dass sie in Elternteilzeit gegangen sind. Frauen geben diesen Grund deutlich seltener an. Dieses Ergebnis zeigt, dass die Inanspruchnahme von familienpolitischen Maßnahmen durch Männer in der Arbeitswelt noch immer nicht akzeptiert wird.

Daraus könnte man schließen, dass es schon im Vorfeld der Inanspruchnahme der Regelung Erschwernisse gegeben hat. Wie haben diesbezüglich die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber funktioniert?

Die eine Hälfte der Männer gibt an, sie hätten überhaupt keine Nachteile durch die Umsetzung gehabt. Und die andere Hälfte berichtet, dass es sehr wohl da und dort Nachteile gegeben hätte. Interessanterweise gibt mit 70 Prozent ein noch größerer Teil der Frauen Nachteile durch die Inanspruchnahme an. Ich gehe davon aus, dass Männer wahrscheinlich Elternteilzeit überhaupt nur dann in Anspruch nehmen, wenn sich die Nachteile in Grenzen halten. Trotzdem ist der Arbeitgeber dann oft beleidigt, wie wir vorhin gesehen haben.

Welche Verbesserungen würden Sie aufgrund dieser Ergebnisse für die Elternteilzeitregelung vorschlagen?

Aus Sicht der ArbeitnehmerInnen wäre es sicherlich wichtig, mehr Informationsarbeit zu betreiben, also die Maßnahme besser bekannt zu machen. Es gibt auch zu wenig Wissen bezüglich der Kombination mit dem Kinderbetreuungsgeldbezug. Es wäre eine Regelung sinnvoll, die Elternteilzeit und Kinderbetreuungsgeld harmonisiert – eventuell mit einer Umwandlung der Zuverdienst- in eine Arbeitszeitgrenze. Besonders Männer sehen den begrenzten Zuverdienst als Problem, da sie generell ein höheres Einkommen haben. Bei Informationskampagnen wäre es zudem hilfreich, den Eltern gewisse Modelle vorzugeben, wie der Wiedereinstieg in den Erwerb gestaltet werden könnte. So eine gezielte Informationsarbeit könnte man bei den Sozialversicherungsträgern ansiedeln, die das Kinderbetreuungsgeld auszahlen und dadurch früh Kontakt zu den Eltern haben. Einen Änderungsbedarf sehe ich auch im Bereich der außerfamilialen Kinderbetreuung. Ich glaube, es würde eine Menge Ärger zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ersparen, wenn es flexibel nutzbare Angebote an Kinderbetreuung geben würde – auch nachmittags und generell für unter Dreijährige. Nicht zuletzt bedarf es noch mehr Verständnis von Seiten des Arbeitgebers. Dies ist auch eine Frage der Zeit und Routine.

Das Interview führte Christina Luef.

Rechtsanspruch auf Elternteilzeit in Österreich:

Die am 1. Juli 2004 eingeführte Regelung beinhaltet einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit für Eltern. Die Klagerolle liegt anders als bei der alten Regelung beim Arbeitgeber. Die wichtigsten Eckpunkte zur Regelung:

  • gültig für Eltern bis zum 7. Geburtstag des Kindes
  • Betriebszugehörigkeit von mindestens 3 Jahren
  • Betriebsgröße von mindestens 20 Mitarbeitern
  • Kündigungsschutz bis zum 4. Geburtstag des Kindes, danach Motivkündigungsschutz
  • Recht auf Rückkehr zur Vollzeitbeschäftigung
  • einmalige Inanspruchnahme pro Elternteil mit Mindestdauer von 3 Monaten
  • gleichzeitige Inanspruchnahme beider Elternteile möglich
  • Umfang und Lage der Arbeitszeit kann einmal verändert oder die Elternteilzeit vorzeitig beendet werden

Informationen

Mag. Sonja Dörfler, Soziologin am ÖIF

Tel: +43-1-4277-489 04

E-Mail: sonja.doerfler@oif.ac.at (sonja NULL.doerfler null@null oif NULL.ac NULL.at)

Die Studie “Elternteilzeit aus der Sicht betroffener ArbeitnehmerInnen” ist auf der Website der AK Wien herunterladbar: www.arbeiterkammer.at (http://www NULL.arbeiterkammer NULL.at)

Quelle

Dieser Artikel erschien in beziehungsweise, Ausgabe April 2008.

Mit freundlicher Genehmigung durch:

Österreichisches Institut für Familienforschung

Grillparzerstr. 7/9

A – 1010 Wien

Website: http://www.oif.ac.at (http://www NULL.oif NULL.ac NULL.at)