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Väter – die übersehene Zielgruppe in der Jugendhilfe

Erstellt am 11. August 2005, zuletzt geändert am 9. August 2011

Remi Stork
 Foto: Remi Stork

1. Väterforschung: Zusammenfassung neuerer Untersuchungen

2. Vaterliebe und ihr Scheitern

3. Väter sind auch Eltern – warum die Jugendhilfe dies häufig nicht ausreichend berücksichtigt

1. Väterforschung: Zusammenfassung neuerer Untersuchungen

Die Väterforschung ist ein relativ neues Arbeitsfeld, da sich die Bezugswissenschaften (Soziologie, Psychologie, Pädagogik) lange Zeit nicht für die Vater-Kind-Beziehung interessierten. Sie begann in den 70er Jahren als Ergänzung zur Mutter-Kind-Forschung mit Studien zu den Folgen von Vater-Abwesenheit für die kindliche Entwicklung. Nach wie vor ist die Väterforschung ein relativ randständiger Bereich in der Wissenschaft. Als Standardwerk gilt nach wie vor die 2-bändige Veröffentlichung „Väter“ von W. Fthenakis aus dem Jahr 1988. Sie markiert im deutschsprachigen Raum den Übergang von ergänzender Vater-Kind-Forschung zur systemorientierten Familienforschung. Neben der Beschäftigung mit der kindlichen Entwicklung von triadischen bzw. multiplen Beziehungen (d.h. Beziehungen des Kindes zu mehr als nur einer Bezugsperson), galt das Interesse von Fthenakis den sog. „Neuen Vätern“, die aus den traditionellen Vaterrollen ausbrechen bzw. herausgedrängt, oder neutraler gesprochen „freigesetzt“ werden. Im folgenden werden die zentralen Erkenntnisse der neueren Väterforschung der letzten 15 Jahre zusammengefasst (vgl. auch Matzner 1998).

Aufgrund zunehmend divergierender Männlichkeitsentwürfe kann von Vätern nur noch im Plural gesprochen werden (vom Samenspender, über den klassischen Feierabend-Vater, den Vater im Erziehungsurlaub bis hin zum alleinerziehenden Vater). Väter können leibliche Väter, Stief-, Pflege- oder Adoptivväter sein, verheiratete, verwitwete, geschiedene oder ledige Väter. Insofern sind Aussagen über die Veränderungen von Vaterschaft schwierig; sind notwendig verallgemeinernd, können Trends und Tendenzen aufzeigen, aber nicht für alle Väter Gültigkeit beanspruchen.

Vaterschaft hat sich historisch stark verändert: bis Mitte des 20. Jahrhunderts repräsentierte der Vater in der Eltern-Kind-Beziehung den sachlich-objektiven Pol (das Gesetz) und die Mutter die emotional-warme Stütze (hingebungsvolle Liebe). In der Psychoanalyse wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig für die kindliche Entwicklung diese beiden Pole sind; insbesondere in den beiden ödipalen Phasen ist die väterliche Präsenz wichtig. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde immer stärker deutlich, dass dieses bipolare Konstrukt von Elternschaft in den modernen westlichen Gesellschaften in eine Krise geraten war. Für Aufregung sorgten insbesondere die Ausführungen von Alexander Mitscherlich zur „Vaterlosen Gesellschaft“. Er beklagte den Verlust des Vaters in der modernen Gesellschaft. Das väterliche Vorbild sei verlöscht, weil das Arbeitsbild des Vaters in der Anonymität moderner Betriebe und Verwaltungen verschwunden sei. Damit gehe der Verlust von Tradition und Werten einher, für deren Vermittlung der Vater zuständig gewesen sei. Die Vermittlung der Welt an das Kind werde stattdessen an Institutionen wie Schule und Kindergarten sowie nicht beeinflussbare Sozialisationsinstanzen wie Werbung, Kinderkultur etc. abgegeben, was die Bedeutung des Vaters extrem verringere und die emotionale Vater-Kind-Beziehung stark belaste. Der Vater verliere seine Rolle, nämlich der „Meister der Dingwelt“ zu sein. Dies führe zur Verachtung des Vaters und zu zahlreichen Vater-Kind-Konflikten.

Mit dem Verlust der Anschauung der väterlichen Arbeit fehlt darüber hinaus nach Mitscherlich eine wesentliche Komponente der Identifikation für das Kind, nämlich die durch erlebte Arbeit, die u.a. Selbstkontrolle und Selbstbescheidung also Triebverzicht beinhaltet (vgl. H.Macha: Die Renaissance des Vaterbildes). Achtung und Respekt gegenüber dem Vater ergeben sich nicht mehr automatisch, (durch seine wichtige und transparente Rolle in der Arbeitswelt) sondern müssen im alltäglichen Umgang durch Erfahrung gelernt werden. D.h. die Vaterrolle ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vakant; muss quasi neu erfunden werden! Da sich zudem die Mutterrolle aufgrund des Wandels der Geschlechterverhältnisse und der Arbeitsgesellschaft auch stark gewandelt hat, können nun beide Eltern die sorgenden, liebenden und erziehenden d.h. versagenden Anteile „austarieren“. Das gibt neue Chancen (manche Autoren sehen schon einen epochalen Übergang von der patriarchalischen zu einer neuen, gleichberechtigten parentalen Kultur (Stein 2000, S. 65) und bringt aber auch Probleme mit sich.

Die neue Entwicklungspsychologie und die Bindungsforschung haben vor allem die Chancen aufgezeigt, die darin liegen können, wenn Kinder von klein auf zwei Beziehungspartner haben; d.h. Väter schon zum Neugeborenen eine Liebesbeziehung aufbauen. Hier werden die klassische Psychoanalyse und die ursprüngliche Bindungstheorie widerlegt, die davon ausging, dass dem Vater in den ersten Lebensjahren keine wesentliche Rolle in der Kindererziehung zukomme. So vertrat bspw. der führende Bindungstheoretiker John Bowlby die Auffassung, dass „der Vater (…) von keinerlei direkter Bedeutung für die Entwicklung des Kleinkindes (ist), er kann nur insofern von indirektem Wert sein, als er die finanzielle Absicherung gewährt und oft eine emotionale Stütze für die Mutter ist.“(zit. nach B. Drinck 1999, S. 23) Den neueren Untersuchungen zufolge steht der Vater nicht mehr nur für das „Außen“ der Kernfamilie, sondern die Intimspäre der Mutter-Kind-Dyade kann durch eine Mutter-Vater-Kind-Triade ersetzt werden, da einerseits Väter in der Lage sind, ein Kind von Geburt an mit der notwendigen Sensitivität zu betreuen und zu versorgen und andererseits schon Kleinkinder Beziehungen zu mehr als einer Person eingehen können.

Lothar Schon weist in seinem Buch „Die Entwicklung des Beziehungsdreiecks Vater-Mutter-Kind“ darauf hin, dass zwar nach wie vor keine vollständige, fundierte psychoanalytische Triangulierungstheorie existiere, da nach wie vor meist die Mutter-Kind-Beziehung im Mittelpunkt stehe, dass aber dennoch klar sei, dass die Entwicklung der Triangulierung alle Entwicklungsphasen bis hin zur Elternschaft umfasse. Er definiert Triangulierung als „das Entstehen der Fähigkeit, gleichzeitig eine Beziehung zu Mutter und Vater zu unterhalten, zu erkennen und zu akzeptieren, dass Mutter und Vater auch eine Beziehung zueinander haben, sowie alle drei Beziehungen zu verinnerlichen “(Schon 1985).

Obschon Mutter- und Vaterrollen zunehmend flexibler sind und die bipolare Elternschaft durch eine (im Idealfall) situationsgebundene, partnerschaftliche und egalitäre Rollenverteilung abgelöst wurde, so sind doch viele traditionelle Geschlechtermuster noch immer gültig (bspw. die Unterscheidung in inneren Raum der Familie und äußeren Raum der Arbeitswelt und Öffentlichkeit). Für die Väter bedeutet dies, dass sie in jedem Fall (nicht nur aus arbeitsteiligen Gründen) noch gebraucht werden, weil sie anders mit Kindern interagieren als Mütter: sie sind neueren entwicklungspsychologischen Studien zufolge in der Regel risikofreudiger, haben einen höheren Spielwert, sind fordernder und stärker sachbezogen (vgl. hierzu das interessante Buch von Jean le Camus: Väter). W. Fthenakis sieht zudem den ureigenen Beitrag von Vätern insbesondere im Bereich der Förderung der kognitiven, moralischen und Geschlechtsrollenentwicklung (Fthenakis 1992, S. 179).

Weitere wichtige Impulse zum Verstehen der Veränderungen der Vaterschaft hat die modernisierungstheoretisch ausgerichtete Familiensoziologie in den letzten 15 Jahren gebracht. Hier sind für den deutschsprachigen Raum insbesondere Ulrich Beck und seine Frau Elisabeth Beck-Gernsheim zu nennen. Sie haben die These populär gemacht, dass infolge der Freisetzung moderner Individuen aus traditionellen Vorgaben und Sicherheiten ihre Biografien zunehmend entscheidungsabhängig werden. Der zunehmenden Freiheit und Entscheidbarkeit stünden jedoch auch neue Abhängigkeiten und die permanente Gefahr der Überforderung gegenüber. In ihrem Hauptwerk zum Thema Liebesbeziehungen und Elternschaft „Das ganz normale Chaos der Liebe“ (Beck / Beck-Gernsheim 1990) weisen sie darauf hin, dass die moderne Familie ihrer Architektur nach ein „Zwitter zweier Zeitalter“ sei (eine Mischung aus Sklaventum, Zärtlichkeit und Moderne). Einerseits ist Familie im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Bereichen (Arbeitswelt, Medien …) noch „geschlechtsständisch“ geprägt, andererseits macht der Anspruch auf Gleichheit und Freiheit auch vor der Familie nicht Halt. Die Intimität in der Familie und die Existenz von Liebe werden in der modernen Familie nötig wie nie zuvor und zugleich unmöglich bzw. unwahrscheinlich.

In der Folge von gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen geraten die Männer nach Beck und Beck-Gernsheim durch die Auflösung von Geschlechtsrollenstereotypen stark unter Druck; sie sind tendenziell die Modernisierungsverlierer. Mit dem innerfamilialen Individualisierungsprozess verändern sich auch die soziale Beziehung und die Bindungsqualität zum Kind. Einerseits wird das Kind Hindernis im Individualisierungsprozess (es kostet Zeit, Geld, und ist bedürftig), andererseits wird das Kind unersetzlich: es wird zur letzten verbliebenen, unaufkündbaren, unaustauschbaren Primärbeziehung. Das Kind wird zur letzten „Gegeneinsamkeit“ (Gefahr der „Verzärtelung“, d.h. Überliebe). Gerade in den ersten Jahren erlaubt die Elternschaft eine stabile, enttäuschungssichere Form der Hingabe. Man kann sich ausliefern, ohne die Angst verletzt und verlassen zu werden.

Elternschaft ist seit dem 20. Jahrhundert eine wählbare Option geworden. Eltern müssen wirtschaftliche Nachteile von Elternschaft gegen die psychische Nutzenfunktion abwägen. Mit dem Kinderwunsch verbindet sich zunehmend der Wunsch nach Sinn und Verankerung, gleichzeitig ein Glücksanspruch, der auf Beziehungslust zielt. Die Kehrseite dieser Elternliebe: früher schuldeten die Kinder ihren Eltern Gehorsam und Respekt, heute LIEBE.

Elternliebe steht nach Beck / Beck-Gernsheim in dem Dilemma, dass sie aus Zuneigung oder Liebe heraus alles in der Erziehung richtig machen möchte. Liebe verpflichtet zur optimalen Förderung; Eltern beschäftigen sich mit Psychologie und Erziehungswissenschaft, um alles richtig zu machen. Wenn jedoch alles durchdacht wird und nach Lehrplan geliebt wird, geht die Spontaneität verloren. Aus der Kinderstube wird ein Sozialisationszentrum. Insofern sind die zahlreichen Erziehungsratgeber (Bücher und Dienste) ambivalent zu sehen, die Eltern (hier insbes. auch Vätern) zu einer gelingenden Beziehungsgestaltung in der Erziehung verhelfen wollen. Sie gefährden die Eltern-/ Vaterliebe !!! (Bsp. Triple P, Positive Parenting Program: Das neue, erfolgreiche Erziehungsprogramm aus den USA)

2. Vaterliebe und ihr Scheitern

Der Berliner Soziologe und Pädagoge Reinhart Wolff hat kürzlich die These vertreten, dass im Vater-Kind-Verhältnis eine zunehmende emotionale Aufladung zu beobachten sei, ja in den letzten 40 Jahren eine regelrechte „Liebesrevolution“ stattgefunden habe (Wolff 2002, S. 14). Das bedeutet jedoch in modernen Vater-Kind-Beziehungen, dass nicht nur die Hoffnung, dass Väter ihre Kinder lieben können, immens angewachsen ist, sondern zugleich der Anspruch, dass sie diese auch lieben sollen. Dabei stellt sich die Vaterliebe gegenüber dem Nachwuchs jedoch nicht automatisch ein. Sie steht insbesondere von Anbeginn an in Konkurrenz zur Liebe der Eltern zueinander. Bereits während der Schwangerschaft müssen werdende Väter lernen, aufgrund der Konkurrenz des entstehenden Lebens und der Nähe des Kindes zur Mutter aufkommende Hassgefühle zu verarbeiten. Psychoanalytiker beobachten Übertragungsphänomene, Wiederholungszwänge sowie Narzissmusproblematiken als Auslöser früher Vater-Kind-Konflikte.

Vaterliebe scheitert jedoch vor allem durch scheiternde Elternbeziehungen, wenn Beziehungsprobleme der Eltern die Vater-Kind-Beziehung überlagern. Väter bekommen bei Trennung und Scheidung die Quittung für ihre familiale Exterritorialität (vgl. Beck-Gernsheim). Einsamkeit und angelernte Hilflosigkeit schaffen große Probleme für das männliche Selbstbewusstsein; hinzu kommt die Aufgabe, Kontakte und Beziehungen zu den Kindern nun neu zu gestalten. Wurde die geringe Fürsorge von getrennt lebenden Vätern in der Literatur bisher meist aus der Persönlichkeit der Männer begründet (lieblos, gefühlskalt, gekränkt, desinteressiert, verantwortungslos …) so lassen sich die zu beobachtenden Probleme aus der Perspektive der Paardynamik auch ganz anders verstehen. Karl W. Blesken wertet den Rückzug der meisten Väter denn auch eher als Folge von Ausgrenzungsstrategien (vgl. Blesken 1998), zu denen die Kernfamilie (Mutter und Kind/er) nach der Trennung bewusst oder unbewusst greift. Der Rückzug erscheint dann als logische Folge, als Ausdruck von Resignation und Hilflosigkeit, als Zeichen der „Ohnmacht der Väter“. Folgende Argumentationsstränge und Ausgrenzungsmechanismen zeichnet Blesken (ebd. S. 347) nach:

  • Stichwort Zerrissenheit: Das Kind wird nach der Trennung zu sehr hin- und hergerissen, wenn es den Vater zu oft sieht. Um dies zu verhindern ist es aus der Sicht der Mutter besser, wenn das Kind den Vater weniger häufig sieht und nicht mehr so viel von ihm spricht.


  • Stichwort Ruhe: In das gestörte Familiensystem sollen wieder Ruhe und Normalität einkehren. Der Vater stört und behindert den Aufbau einer neuen Familienwelt.
  • Stichwort Trauer: Die Präsenz des Vaters ist schädlich, weil sie das Kind immer wieder neu an die Trennung erinnert. Kindliche Reaktionen auf die Trennung (Trauer, psychosomatische Symptome, Verhaltensauffälligkeiten) werden als Beleg herangezogen, um weitere Besuchskontakte zu unterbinden.
  • Stichwort mangelnde Kompetenz: Da die Lebens- und Erziehungsvorstellungen des Vaters im bzw. nach dem Trennungsprozess häufig nicht mehr mit denen der Mutter übereinstimmen, kann es sein, dass der Vater als ungeeignet im Umgang mit dem Kind betrachtet wird.

Blesken fasst seine Argumentation mit der These zusammen, dass bei den Müttern nach der Trennung „oft (…) eine hohe Ambivalenz bezüglich der Anwesenheit des Vaters (besteht), d.h. keineswegs ein klarer Wunsch nach mehr Anwesenheit des Vaters, wie öffentlich häufig proklamiert wird“ (ebd. S. 348). Aufgrund dieser Tatsache ist seines Erachtens „deutlich erkennbar, dass – entgegen den immer wieder erhobenen Forderungen nach dem aktiven Vater – der Umgang mit aktiven Vätern Schwierigkeiten bereitet“ (ebd. S. 352).

Das Scheitern der Vaterliebe ist insofern sicherlich häufig durch die Paardynamik bedingt, wird jedoch durch gesellschaftliche und innerpsychische Anforderungen an die Männer weiter vorangetrieben. Klaus Wahl hat in seiner Studie über die „Modernisierungsfalle“ (Wahl 1989) aufgezeigt, wie viel Selbstbewusstsein erforderlich ist, um seine Kinder auch in schwierigen familialen Konstellationen weiterhin lieben zu können. Die Modernisierungsfalle besteht in der enormen Spannung zwischen Mythos und Realität der Moderne. Der Mythos der Moderne lautet dabei: moderne Individuen handeln autonom; die Familie ist ein Ort von Glück und Liebe und der allgemeine Fortschritt lässt alle Träume umsetzbar werden.

3. Väter sind auch Eltern – warum die Jugendhilfe dies häufig nicht ausreichend berücksichtigt

In vielen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe haben wir es überwiegend mit jungen Menschen zu tun, deren Eltern in Beziehungskrisen stecken bzw. in Trennungs- und Scheidungsprozesse verwickelt sind oder waren. In der pädagogischen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern tauchen die Väter in diesen Fällen häufig gar nicht auf oder spielen eine sehr randständige Rolle. Dies kann man z.B. an Statistiken aus Erziehungsberatungsstellen ableiten oder aus Untersuchungen in anderen Feldern entnehmen. In einer Studie über die Hilfeplanung nach § 36 KJHG wurde bspw. herausgefunden, dass lediglich 20 % der Väter in das Verfahren einbezogen waren (Sander 1996).

Dies widerspricht offenkundig der Intention des Gesetzgebers (sowie fachpolitischen Verlautbarungen aller wichtigen Jugendhilfeverbände), der ausdrücklich verantwortliche Elternschaft nicht auf die aktuelle Haushaltsgemeinschaft oder die Sorgeberechtigten beschränkt. Dennoch ist es offenkundig, dass einerseits überall darüber geklagt wird, dass Väter sich der Beratung und Unterstützung entziehen und andererseits dieses Verhalten zuweilen selbst von der Jugendhilfe hervorgerufen oder zumindest verstärkt wird. Dies lässt sich bspw. dort beobachten, wo Vätern überwiegend negative Attribute zugeschrieben werden (nicht-verantwortlich, gewalttätig …) und sie als Verantwortliche der Familienkrise ausgemacht werden.

Das Übersehen, Nicht-Erreichen und Herausdrängen der Väter im Rahmen der Jugendhilfe hat sicherlich vielfältige Ursachen, die weit darüber hinausgehen, dass man schlicht den Aufenthaltsort der Väter nicht kennt. So wird bspw. der Vater als Störfaktor betrachtet. In den Arbeitsfeldern der Jugendhilfe lässt es sich vielfach anscheinend leichter mit Kindern, Jugendlichen und Müttern arbeiten, wenn diese sich gemeinsam als Opfer des Vaters begreifen und die – überwiegend weiblichen – Fachkräfte sie dann parteilich oder verstehend wieder aufbauen können.

Die im zweiten Kapitel skizzierten Ausgrenzungsstrategien der familialen Restsysteme oder der neuen Familien gegenüber den leiblichen Vätern werden sicherlich den Müttern häufig zu leicht abgekauft bzw. unkritisch übernommen. Der Einbezug der Väter würde die einseitige Täter-Opfer-Zuschreibung häufig verunmöglichen oder zumindest verkomplizieren. Auch die professionellen Arbeitsmodelle (Strukturen und Methoden der Fallbearbeitung) in Beratungsstellen und Sozialen Diensten sind, obgleich die Fachkräfte immer wieder nach den abwesenden Vätern rufen, häufig gar nicht auf die Arbeit mit komplexen Familiensystemen vorbereitet. So ist bspw. die Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII mit ihrem Ideal-Setting des Runden Tisches, an den sich in der Hilfeplankonferenz Fachkräfte und Angehörige gemeinsam begeben, undenkbar, wenn das Tischtuch zwischen den Familienmitgliedern zerschnitten und die Kommunikation eingestellt ist.

Insofern muss man befürchten, dass die Klage über die abwesenden Väter auch weiterhin recht halbherzig geführt wird. Man ist sich letztlich nicht sicher, ob die anwesenden Väter nicht alles noch schlimmer bzw. zumindest komplizierter machen würden. Da jedoch die Vielfalt unterschiedlichster Formen von Vaterschaft und die Gesamtgruppe getrennt lebender Väter in den nächsten Jahren weiter anwachsen werden, ist zu hoffen, dass die Jugendhilfe diese Entwicklung nicht ignorieren und sich methodisch-konzeptionell darauf einstellen kann.

Literatur

Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt am Main 1990.

Blesken, Karl W.: Der unerwünschte Vater: zur Psychodynamik der Beziehungsgestaltung nach Trennung und Scheidung. In: Praxis Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. Jahrgang 47 (1998), S. 344 – 354.

Drinck, Barbara (Hrsg.): Vaterbilder. Eine interdisziplinäre und kulturübergreifende Studie zur Vaterrolle. Bonn 1999.

Dunde, Siegfried R. (Hrsg.): Neue Väterlichkeit. Von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Mannes. Gütersloh 1986.

Fthenakis, Wassilios E.: Väter. Band 1: Zur Psychologie der Vater-Kind-Beziehung. München, Wien, Baltimore 1985.

Fthenakis, Wassilios E.: Zur Rolle des Vaters in der Entwicklung des Kindes. In: Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik, Heft 4/1992, S. 179-189.

Fthenakis, Wassilios E. u.a.: Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie. Opladen 1999.

Le Camus, Jean: Väter. Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes. Weinheim und Basel 2001.

Matzner, Michael: Vaterschaft heute. Klischees und soziale Wirklichkeit. Frankfurt / New York 1998.

Mitscherlich, Alexander: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München 1973.

Sander, Claudia: Praktische Umsetzung der Klientenrechte in der Jugendhilfe anhand von Hilfeplänen. In: Nachrichtendienst des Deutschen Vereins, Heft 7, S. 220-227.

Schon, Lothar: Entwicklung des Beziehungsdreiecks Vater-Mutter-Kind. Stuttgart, Berlin, Köln 1985.

Stein, Rolf: Familiensoziologische Skizzen über die „Vaterlose Gesellschaft“. In: Zeitschrift für Familiensoziologie, Heft 1/2000, S. 49-71.

Wahl, Klaus: Die Modernisierungsfalle. Gesellschaft, Selbstbewusstsein und Gewalt. Frankfurt am Main 1989.

Wolff, Reinhart: Dilemmata modernen Familienlebens. In: Mitteilungen LJA WL, Heft 150/2002, S. 9-20.

Autor

Remi Stork ist Diplom-Pädagoge, Jg. 1966

Fachberater für Jugendarbeit im Landesjugendamt Westfalen-Lippe in Münster

Mitglied im Kronberger Kreis für Qualitätsantwicklung

E-Mail: Remi Stork (r NULL.stork null@null diakonie-rwl NULL.de)