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Von der Weisheit der Märchen

Erstellt am 15. September 2008, zuletzt geändert am 9. März 2010

Kinder entdecken Werte mit Märchen und Geschichten

Susanne Stöcklin-Meier
 Foto: Susanne Stöcklin-Meier

Inhalt

Märchen erzählen von Freundschaft, Toleranz, Hilfsbereitschaft und Wahrheitsliebe: von dem, was im Leben wirklich zählt. Diese Werte Kindern nahezubringen ist heute wichtiger denn je. »Unser Gehirn braucht Märchen!«, dessen ist sich auch der Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen sicher: »Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Zaubermittel, das Ihr Kind stillsitzen und aufmerksam zuhören lässt, das gleichzeitig seine Fantasie beflügelt und seinen Sprachschatz erweitert, das darüber hinaus auch noch sein Vertrauen stärkt und es mit Mut und Zuversicht in die Zukunft schauen lässt.« Dieses »Superdoping« für Kindergehirne gibt es. Es kostet nichts, im Gegenteil, wer es seinen Kindern schenkt, bekommt dafür sogar noch etwas zurück: Das Erzählen und Vorlesen von Märchen erzeugt Nähe und Vertrauen – und bringt Kinderaugen zum Strahlen.

Kinder brauchen Werte

Kinder sind darauf angewiesen, dass wir Erwachsenen ihnen Regeln und Werte vermitteln. Werte geben Klarheit, Schutz und Sicherheit. Sie ermöglichen ein Zusammenleben, in dem alle gut miteinander auskommen können. Kinder, die in einem sozialen Umfeld mit überschaubaren Grenzen aufwachsen, haben erwiesenermaßen weniger Angst. Sie entwickeln mehr Vertrauen in sich und ihre Umwelt.

Aus den in der Kleinkindzeit erworbenen Wertvorstellungen entsteht das Fundament des späteren Weltbildes, der Wertewelt schlechthin. Das funktioniert jedoch nur, wenn Eltern und Erziehende sich dieser Herausforderung stellen. Wegen der heutigen Vielfalt an möglichen Wertorientierungen ist es besonders wichtig, dass Erwachsene sich selbst darüber im Klaren sind oder werden, welche Werte ihnen wichtig sind.

Märchen: Werteerziehung mit Herz und Verstand

Damit Werte-Erziehung nicht bei gut gemeinten Appellen stehen bleibt, sollte sie konkret, praktisch und lebensnah sein. Märchen und Geschichten eignen sich gut dafür, weil die Kinder dort anhand der Märchenfiguren die Konsequenzen erleben können, wenn man sich auf eine bestimmte Weise verhält. Auf uns Erwachsene mögen viele der klassischen Märchen holzschnittartig wirken: Das herzensgute, fleißige Mädchen ist am hübschesten und darf am Schluss den Prinzen heiraten, die faule Stiefschwester ist hässlich und wird bestraft. Aus unserer Lebenserfahrung wissen wir, dass die Welt oft komplexer ist. Kinder sind jedoch gerade erst dabei, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen. Die häufig schwarz-weiß aufgebaute Welt der Märchen hilft ihnen, sich zu orientieren.

Märchen sind Seelennahrung für Groß und Klein. Mit Märchen und Geschichten betreten wir das Land der Träume, der Fantasie, der unbegrenzten Möglichkeiten und der Wunder. Das Verständnis für Gut und Böse wird ebenso geschärft wie das Bewusstsein für gelebte Werte. Viele Kinder und Erwachsene lieben die lebensbejahende, wohltuende, kreative und heilsame Kraft, die in Märchen steckt. Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler sagt über den Sinn der Märchen:

»Märchen transportieren eine Lehre, die unabhängig von dem Ort und der Zeit, in der sie entstanden sind, immer wieder dieselbe ist: Es lohnt sich, anderen zu helfen und sich für das Gute einzusetzen. So sind Märchen zwar erfundene Geschichten, aber keineswegs nur Kindersache!«

Volksmärchen

Im Volksmärchen sind weises Wissen und allgemeingültige menschliche Werte verborgen. Sie laufen wie ein goldener Faden durch alle Kulturen und Zeiten. Diese Geschichten sind sehr alt und wurden über Generationen hinweg mündlich überliefert. Die bekannteste Sammlung an Volksmärchen stammt von den Gebrüdern Grimm. Mit seinem Buch Kinder brauchen Märchen löste der Kinderpsychiater Bruno Bettelheim in den siebziger Jahren den Beginn einer grundlegenden Wandlung im Verständnis der Volksmärchen aus. Sie galten lange Zeit als grausam, überholt und moralisch. Doch in der Zwischenzeit sind die Märchen wieder zurückgekehrt in die Familien, Kindergärten und Grundschulen. Sie werden geliebt und ihr pädagogischer Wert ist privat und in Fachkreisen unbestritten.

Märchen aus aller Welt

Weil unsere Welt immer globaler und multikultureller wird, finde ich es wichtig, dass Kinder auch Märchen von anderen Völkern, aus anderen Ländern und Erdteilen kennen lernen. Von Grönland bis Afrika, von China bis Nordamerika werden seit Jahrhunderten Märchen erzählt. Je nach Land, Religion und Brauchtum variieren die Motive. Aber alle enthalten innere Bilder und Wahrheiten, die Kinder ansprechen und verstehen: Märchen dienen der Völkerverständigung, geben alte und neue Sinnbilder weiter und pflegen die Sprache.

Märchen aus fremden Ländern können helfen, in Kindern den Sinn für Toleranz und gutes Zusammenleben zu wecken. Sie lernen dabei: Toleranz ist der respektvolle Umgang mit Anschauungen, Wertvorstellungen, Einstellungen, Verhaltensweisen und Sitten, die nicht den eigenen entsprechen. Es ist das Geltenlassen von »Anderssein«, ohne den Wert und die Berechtigung dieses Andersseins in Frage zu stellen. Diese Grundbedingung von Humanität und Demokratie ermöglicht ein freies Sichauseinandersetzen mit Erkenntnissen, Lebensweisen und Regeln.

Biblische Geschichten

Damit Kinder in der Welt erfolgreich bestehen können, ist es wichtig, dass sie auf Fundamente aufbauen können. Nebst den Eltern haben der Kindergarten und die Schule die Aufgabe, diese Bausteine zu legen. Dabei ist der ganzheitlichen Bildung zentrale Bedeutung beizumessen; Bildung umfasst mehr als Kenntnisse in Rechnen, Schreiben oder Lesen. Da wir im christlichen Abendland leben, gehören auch biblische Geschichten dazu. Biblische Geschichten bringen »urmenschliche Erfahrungen« zur Sprache, schreibt die Schweizer Religionspädagogin Vreni Merz in ihrem Buch Die Bibel an der Bettkante: In ihnen stecken »Lebensweisheiten, die bis heute aktuell sind und die sowohl Ihnen selbst als auch den Kindern Kraft und Orientierung geben können«.

Alltagsgeschichten

Für Joana Feroh, die Sängerin jiddischer Chansons aus der Schweiz, ist mit Kindern Geschichten zu suchen und zu erfinden etwas ganz Normales. Sie sagt: »Wer mit offenen Augen durch den Alltag geht, kann sich eine aufwändige Suche ersparen. Denn: Geschichten liegen überall herum, man braucht sie nur aufzuheben!«

Für Kinder ist es wichtig, dass Eltern, Großeltern und Erziehende ihnen spontan Alltagsgeschichten aus ihrem eigenen Leben erzählen. Hier spielt die Zeitqualität und die Erinnerung eine wichtige Rolle. Kinder spitzen die Ohren, wenn es heißt: »Als der Großvater die Großmutter heiratete«, »Wir feierten Weihnachten wie …«, »Wisst ihr noch, der Zoobesuch …«, »Als die Maus im Wohnzimmer herumrannte …« oder »An meinen ersten Schultag erinnere ich mich noch genau …«. Das Erzählen von kleinen Familienerlebnissen fördert das soziale Bewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Erzählen ist jedoch keine Einbahnstraße vom Erwachsenen zum Kind. Es läuft manchmal wie ein Gespräch spontan hin und her. Nicht erschrecken, die Geschichte nimmt dann vielleicht eine ganz unerwartete, fantasievolle oder gar fantastische Wendung. Diese gemeinsam entwickelten Alltagsgeschichten sind besonders spannend! Natürlich lassen wir uns von den Kindern auch kleine eigene Geschichten erzählen. Wir hören mit Genuss zu, ohne korrigierend einzugreifen. In unserer Familie funktionierte diese Art von Erzählen am besten am Esstisch, bei gemeinsamen Hausarbeiten oder bei Spaziergängen.

Märchen als Lebenshilfe

Märchen geben Mut und Hoffnung, weil meist der Kleine, Unterdrückte und scheinbar Schwache am Schluss siegt. Sie vermitteln ein kindgerechtes Wertebild. Gut und Böse sind klar definiert. Held oder Heldin müssen gefährliche Situationen meistern. Aber sie finden im Märchen immer die Kraft, große Herausforderungen schließlich zu meistern. Kinder identifizieren sich mit »ihren Helden«, die Einfühlungsvermögen, Klugheit und Mut vorleben. Die Kinder schlüpfen in diese Rollen und übernehmen dabei spielerisch die Gefühle und Argumente »ihrer« Märchenfigur.

Im Rollenspiel, in Gesprächen oder beim Zeichnen können Kinder diese unterschiedlichen Werte und Gefühlslagen altersgemäß erleben, darstellen und ausdrücken. Die Botschaft der Märchen ist eindeutig: Es gibt Probleme und Konflikte, aber man kann sie überwinden – auch wenn man sich jetzt noch schwach und klein fühlt. Dieser inhaltlich positive Verlauf eines Märchens erzeugt eine lebensbejahende, freudvolle Grundstimmung, in die Kinder gerne eintauchen und die sie auch auf ihrem späteren Lebensweg begleitet. Die Erzählungen werden von den kleinen Zuhörern mit allen Sinnen aufgenommen, spielerisch erlebt und in den Alltag integriert.

Was bewirken Märchen bei Kindern?

Das Kind erhält die Möglichkeit, in der Begegnung mit lebensnahen Wertesystemen und spirituellen Fragen in Märchen und Geschichten eigene Standpunkte zu finden sowie Wertschätzung und Offenheit anderen gegenüber zu entwickeln. Kinder lernen durch Märchen und Geschichten:

  • Konzentriert zuhören und sich dem Erzähler aufmerksam zuwenden
  • Beim Zuhören innerlich und äußerlich zur Ruhe kommen
  • Die Stimmung genießen, damit innere Bilder entstehen können
  • Einander wahrnehmen, Blickkontakt aufnehmen
  • Die Geschichte mit allen Sinnen erfahren und erleben
  • Sich den Handlungsablauf einprägen und widergeben können
  • Konflikte veranschaulichen und Lösungen finden
  • Auf Werte achten wie »Was ist gut, was ist böse?« – »Wahrheit und Lüge« – »Frieden und Streit« – »Liebe und Hilfsbereitschaft« – »Hass und Gier« – »Richtiges und falsches Handeln« – »Gewalt und Gewaltlosigkeit«
  • Im Rollenspiel das Verhalten der Märchenfiguren bewusst erleben
  • Stimmungszustände wie Freude, Trauer, Ärger oder Wut ausdrücken
  • Erfahren, dass Schwächen, Fehler und ebenso eine Kultur des Verzeihens und der Umkehr zum Leben dazugehören
  • Sprach- und Verhaltensmuster einüben und den Wortschatz erweitern
  • Gemeinsam zuhören, erzählen, spielen, basteln, malen

Sind Märchen nicht oft grausam?

In den 70er Jahren wurden häufig keine Volksmärchen erzählt, weil man die Kinder vor Grausamkeiten und dem »Bösen« schützen wollte und ihnen nichts »Unwahres« vorgaukeln mochte. Doch wenn wir vor den »bösen Märchen« zurückschrecken, dann schrecken wir gleichsam vor uns selbst zurück, denn wir sind in diese Geschichten eingewoben, grob zwar, aber doch deutlich sichtbar. Märchen zeigen: Das Gute kann und wird siegen. Es ist eine Aufmunterung, für das Gute zu kämpfen, das Gute in der Welt und im Menschen zu suchen, sich mit dem Bösen aber, auch in sich selbst, auseinanderzusetzen. Das »Gute« an der Gewalt im Märchen ist, dass die »Feinde« einfach tot umfallen. Die Gewalt wird im Volksmärchen nicht ausgeschmückt, sondern nur knapp und sachlich geschildert. Das sollten wir auch beim Erzählen so halten, denn lange Schilderungen der Gewalt sind für Kinder schädlich! Die Kinder erwarten einfach, dass das Böse nicht nur besiegt, sondern mit »tödlicher Sicherheit« ausgelöscht wird. Nur so kommt es zu einem echten Happy End. Das ist übrigens auch heute noch das Erfolgsrezept Hollywoods. Wie damals im Märchen bekommt der Gute auch heute noch im Film zum Schluss immer »die Prinzessin«: Sie feierten ein Hochzeitsfest und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute! Märchen lösen Ängste nicht aus, sondern machen sie lediglich sichtbar und zeigen, wie ein sinnvoller Umgang mit ihnen aussehen kann.

Für mein neues Buch »Von der Weisheit der Märchen« habe ich monatelang Märchen und Geschichten aller Kulturen auf der Suche nach den Texten durchgesehen, die sich am besten für eine ganzheitliche Werte-Erziehung für Kinder eignen.

Im Mittelpunkt stehen die fünf großen Werte

  • Wahrheit
  • richtiges Handeln
  • Frieden
  • Liebe
  • Gewaltlosigkeit.

Zu jedem Bereich finden sich darin bekannte und weniger bekannte Märchen der Gebrüder Grimm und Märchen von Hans Christian Andersen, Fabeln von Aesop, Märchen aus Tibet, Indien, China, Arabien, England, Griechenland, Norwegen, Frankreich, Österreich, Frankreich und von den amerikanischen Ureinwohnern. Zudem enthält es biblische Geschichten erzählt für Kinder und von Kindern selbst geschriebene Märchen sowie moderne Erzählungen und lebensnahe Alltagsgeschichten. An jede Geschichte oder Märchen schließen sich Praxisanregungen an, um das Thema mit den Kindern spielerisch zu vertiefen: Spielideen, Gesprächsimpulse, Theaterspiele, Lieder, kreative Umsetzungen, Sprichwörter und Fragen. Damit werden die Märchen und Geschichten und ihre Inhalte für die Kinder lebendig erfahrbar.

Märchen hinterlassen Spuren im Denken, in der Sprache und in der Seele. Sie prägen das Wertebewusstsein bis ins Erwachsenenalter hinein. Der Schriftsteller Johann Gottfried Herder sagte dazu:

»Ein Kind, dem nie Märchen erzählt worden sind, wird ein Stück Feld in seinem Gemüt behalten, das in späteren Jahren nicht mehr angebaut werden kann. «

Das Buch zum Thema:

„Von der Weisheit der Märchen: Kinder entdecken Werte mit Märchen und Geschichten“. Kösel-Verlag, München 2008

Autorin

Werte-Expertin Susanne Stöcklin-Meier ist eine der bekanntesten deutschsprachigen Pädagoginnen und begehrte Fachfrau auf Fortbildungen und Elternabenden. Seit ihrem Bestseller Was im Leben wirklich zählt, der mittlerweile in der 11. Auflage vorliegt, kennt man sie als die Expertin zur ganzheitlichen Werte-Vermittlung. Sie lebt heute mit ihrem Mann in Diegten (Schweiz) und ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern.

Internet: www.stoecklin-meier.ch (http://www NULL.stoecklin-meier NULL.ch)

E-Mail: Susanne Stöcklin-Meier (su NULL.stoecklin null@null freesurf NULL.ch)