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Familienleben und Migration

Erstellt am 21. Mai 2003, zuletzt geändert am 7. April 2010

Paloma Fernández de la Hoz

Im Anschluss an ein Fallbeispiel werden erstens die Entwicklung der Migration im deutschsprachigen Raum und die Bedeutung des Familienlebens in diesem Kontext kurz dargestellt; zweitens folgen einige allgemeine Anmerkungen über das Leben von Migrantenfamilien; drittens wird die Frage nach deren Integration gestellt.

Eine Migrationsgeschichte

Familie Petrovic besteht aus zwei Eheleuten und deren zwei Kindern, beides Mädchen. Als unser Forschungsteam sie kennen lernte, waren beide Eheleute Ende vierzig, die ältere Tochter hatte ihr Studium an der Universität begonnen und die jüngere, Gymnasialschülerin, besuchte die siebente Klasse (Die Angaben wurden zum Teil geändert, um die Anonymität der Familie zu wahren).

In ihrer Heimat (Bosnien) hatte die Familie ein ruhiges und scheinbar sicheres Leben geführt. Die Familie besaß eine eigene Wohnung in einem wohlhabenden Bezirk ihrer Heimatstadt und auch ein kleines Ferienhaus am Rand der Stadt. Beide Eheleute waren erwerbstätig: sie als Personalchefin in einem wichtigen Betrieb, er als Ingenieur. Aufgrund seiner Arbeit verfügte Herr Petrovic über einige Deutschkenntnisse. Alle waren fromme, praktizierende Muslime mit christlichen Freunden, wie übrigens die meisten Bewohner ihres Stadtteiles. Die Kontakte zu den Nachbarn waren ausgezeichnet – tatsächlich entkam Herr Petrovic später gerade dank dieser Kontakte einem Exekutionskommando.

Plötzlich kam der Bürgerkrieg, und ihr Leben änderte sich binnen weniger Tage gewaltig. Die Töchter kamen unter den Schutz einer internationalen Organisation und blieben fast zwei Jahre in einem Flüchtlingslager, getrennt von ihren Eltern, dafür aber “bereichert” um die Erfahrung des Krieges. Dann wurden sie und ihre Mutter von derselben internationalen Organisation nach Graz gebracht. Herr Petrovic hingegen musste einrücken; nur durch Fahnenflucht vermochte er dem Krieg den Rücken zu kehren und seine Familie wieder zu treffen. Natürlich kam er ohne gültige Papiere nach Österreich – Deserteure haben so etwas nicht.

Vor drei Jahren lebte die Familie in einem allein stehenden, miesen Haus mitten in einer aufgelassenen Industriegegend am Rand von Graz. Hohe Miete, deutlich unterdurchschnittliche Standards – keine Seltenheit am Wohnungsmarkt, wenn es um Migrantenfamilien geht. Beide Mädchen besuchten wieder eine Schule und konnten sich mittlerweile schon ganz gut auf Deutsch durchschlagen. Am Wochenende gingen sie jedoch nie aus: kaum soziale Kontakte und kein zu einer abendlichen Rückkehr einladendes Wohnumfeld. Frau Petrovic blieb den ganzen Tag in der Wohnung. Um sich in den österreichischen Arbeitsmarkt einzugliedern, hätte sie ihren Titel staatlich anerkennen lassen müssen. Das schaffte sie im Alter von fast fünfzig Jahren in einer fremden Sprache nicht mehr. Ihr Mann konnte sich besser durchschlagen und spezialisierte sich als Techniker in der PC-Branche.

Vor vier Jahren träumten sie von einer Rückkehr in die Heimat, beschäftigten sich aber mit einer endgültigen Eingliederung im Aufnahmeland. Und dies sowohl aus realistischen Überlegungen als auch wegen der eigenen Kriegserfahrungen.

Das hier ist nur eine ganz kurz skizzierte Geschichte unter ungezählten Migrationsbiografien. Sie kann aber helfen, um das Leben und die so genannte Integration von Migrantenfamilien zu reflektieren:

  • Als Erstes drängt sich die Frage auf, inwieweit diese Geschichte die eigenen Vorstellungen von MigrantInnen bestärkt oder ihnen widerspricht, ob das kurz geschilderte Familienbild weit entfernt von der eigenen Auffassung der Migrantenfamilien ist.
  • Ein anderes Bündel von Fragen knüpft an die Beobachtung der Entwicklung dieser konkreten Migrationsgeschichte an: Was hat der Wechsel des Landes für diese Menschen bedeutet? Welche Rolle spielen dabei Gender und Alter? Was passiert mit den Berufsbiografien? Wie entwickeln sich die Geschlechterrollen? Was ändert sich im Familienleben? Was wird aus diesen jungen Menschen werden? Welche Chancen und Risiken stehen vor ihnen?
  • Schließlich könnten wir an andere Migrationsbiografien von Familien denken, die wir kennen, und darüber reflektieren: Welche Faktoren sind anders? Wie können sich Familienbiografien in der Migration entwickeln? Welche Rolle spielen dabei die persönlichen Erfahrungen der Familienmitglieder, die vorgegebenen Rahmenbedingungen im Aufnahmeland, die eigenen persönlichen Ressourcen?

Im Folgenden werden nur einige Denkansätze dargelegt, um die Situation von Familie Petrovic und von so vielen anderen Familien etwas näher zu beleuchten.

1. Migration im Zeitalter der Globalisierung

1.1 Wer ist ein Migrant?

Migration es ein altes und weltweites Phänomen, ohne das die Geschichte Europas kaum denkbar ist. MigrantInnen sind grundsätzlich Menschen, die sich aus ökonomischen oder sozio-politischen Gründen dazu gezwungen sahen, ihr Heimatland zu verlassen und langfristig in ein neues Land zu übersiedeln.

Dieser erzwungene Charakter der Migration unterscheidet dieses Phänomen von anderen geografischen Bewegungen, die insbesondere im Zeitalter der Globalisierung kraft eines Mobilisierungsdrucks stattfinden. Gleichzeitig verweist er auf die Wechselwirkungen zwischen dem Leben von Individuen und ihren Familien einerseits und den sozialen Prozessen andererseits, in denen sich diese entwickeln.

Migration kann daher nicht von einem strukturellen Machtverhältnis entkoppelt werden. Wer aus- und einwandert, steht im Prinzip in einer sozial schwachen Position, die aus dieser doppelten Bewegung resultiert: Er hat einiges hinter sich gelassen (eine vertraute soziale Umgebung, eine Sprache, sehr oft eine berufliche Qualifizierung, politische Rechte etc.) und kommt in einen neuen sozialen Kontext, in dem vieles neu ist und in dem die eigenen Lebensbedingungen schlechter sind als die durchschnittlichen Lebensbedingungen der übrigen Bevölkerung. In dieser Umgebung wird er auch als fremd wahrgenommen. Das alles erklärt wiederum, dass nicht nur Auswanderung einen erzwungenen Charakter hat, sondern auch Einwanderung zu jenen Faktoren zählt, die in den EU-Ländern das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung deutlich erhöhen.

1.2 Bevölkerungsmigration

Die Migrationsströme haben sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Tatsächlich findet in Westeuropa heute der Übergang von einer Arbeitsmigration zu einer Bevölkerungsmigration statt, deren wichtigste Form mittlerweile der Familiennachzug und deren wichtigster Motor aus der Perspektive der handelnden Menschen die Kettenmigration ist. Dies erklärt die Herausbildung von Migrationsgemeinden.

Familiennachzug

Menschen, die lange Zeit, manchmal sogar ihr ganzes Leben, in einem anderen Land verbringen, holen ihre Familie nach oder gründen im Aufnahmeland eine neue. Hier wachsen auch ihre Kinder auf. Dies führt zu einer verstärkten Altersdifferenzierung (ältere MigrantInnen, Kinder) sowie zu einer zunehmenden Präsenz von Frauen sogar dort, wo in den 60er- und 70er-Jahren vorwiegend eine zeitlich begrenzte Migration von erwachsenen Männern stattgefunden hat. Oder anders ausgedrückt: Der Gast(-arbeiter) von gestern bleibt. Für die meisten dieser Menschen ist das Aufnahmeland schon lange nicht mehr nur eine vorübergehende Heimstätte.

Kettenmigration

Das Land zu wechseln, ist ein sehr riskantes Unterfangen. Viele MigrantInnen entscheiden sich für ein bestimmtes Wanderungsziel, weil sie dort über Kontaktpersonen verfügen, die ihnen zu Beginn Unterstützung und Hilfe anbieten können. Wichtige Kontakte sind vor allem Verwandte sowie Nachbarn und Freunde. Aus dieser Perspektive ist nicht das Herkunftsland einer Migrantenfamilie ausschlaggebend, sondern in vielen Fällen vor allem die unmittelbare Umgebung, aus der sie kommt.

Dies ist im Falle mancher Flüchtlingsfamilien – wie Familie Petrovic – natürlich anders, da ihr Wechsel des Landes abrupt, ungeplant und abhängig von äußeren Ereignissen erfolgte. Gibt es keine Kontakte im Aufnahmeland, dann besteht das Risiko einer langen sozialen Isolation. Daher bemühen sich MigrantInnen, dorthin zu gelangen, wo sie Angehörige, Bekannte oder ehemalige Nachbarn sind.

Migrationsgemeinden und transnationale soziale Räume

Der Familiennachzug sowie die Kettenmigration tragen häufig zur Bildung von stabilen Gemeinschaften bei, die oft konzentriert in einem Raum leben – z.B. dem Teil eines Gemeindebezirkes, gewissen Straßen und Gebäuden. Dies erfolgt tendenziell umso stärker, je schwächer die Kontakte mit der Aufnahmegesellschaft sind. Manchmal ist die Bindung einer Migrationsgemeinde so stark, dass es einen ständigen Austausch zwischen ihren Mitgliedern gibt (regelmäßige Besuche, gegenseitige Dienste, Partnersuche), selbst wenn diese räumlich weit entfernt voneinander – ja sogar in unterschiedlichen EU-Ländern – leben.

So entstehen transnationale soziale Räume, zwischen denen sich das Leben vieler MigrantInnen abspielt: Es geht um Beziehungsvernetzungen, um “Netzwerke” , welche die MigrantInnen auf ihrer Suche nach ökonomischem Fortschritt und sozialer Anerkennung geschaffen haben. Quer durch diese Netzwerke gibt es immer mehr Leute, die ein “vielfaches” Leben führen. Sie sind zweisprachig und bewegen sich relativ problemlos zwischen unterschiedlichen Kulturen. Häufig haben sie Wohnsitze in zwei Ländern und verfolgen ökonomische, politische und kulturelle Interessen, die dieser Präsenz in unterschiedlichen Ländern entsprechen.

1.3 Wachsende soziale und kulturelle Vielfalt

Änderungen in der Struktur der Migrationsströme und zunehmende Mobilität bewirken somit eine stärkere Differenzierung der Migrationsbevölkerung. So lässt sich in den EU-Staaten eine “wachsende Tendenz hin zu ethnischer, kultureller und religiöser Vielfalt” feststellen, “die durch internationale Migration und erhöhte Mobilität in der Union verstärkt wird” (Europäische Kommission 2001: 7).

Wiederum die Frage: Wer ist ein Migrant?

Wenn wir die Perspektive wechseln und MigrantInnen nicht von den sozialen Strukturen her, sondern als handelnde Subjekte betrachten, dann wird eines eindeutig: Das Vokabel “Migrant” umfasst eine sehr heterogene Kategorie von Menschen, über deren Situation und Ansichten kaum allgemeine Äußerungen möglich sind. Das Einzige, was MigrantInnen auf alle Fälle gemeinsam haben, ist die Erfahrung, ihr Heimatland verlassen zu haben und in ein neues Land gezogen zu sein. Dazu zählen etwa ArbeitsmigrantInnen, Flüchtlinge und Familienangehörige, die später zu ihnen stoßen. Sie kommen aus sehr unterschiedlichen geografischen Räumen und sozialen Milieus. So vielfältig die Zuwanderungsströme heute geworden sind, so unterschiedlich sind die Menschen, die sie verkörpern.

Unterschiedliche Migrationsprojekte

Alter und Geschlecht spielen eine große Rolle in Migrationsbiografien. Dementsprechend kann sich auch das Leben nach der Zäsur der Migration auf sehr unterschiedliche Art und Weise weiterentwickeln. In der Substanz hängt der weitere Verlauf von zwei Arten von Faktoren ab: einerseits den vorgegebenen rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen im Aufnahmeland sowie den Menschen, denen MigrantInnen begegnen, andererseits ihren persönlichen und familiären Ressourcen. Dazu zählen die eigenen physischen und psychischen Wesenszüge, die Beziehungen, die jeder Einzelne hat, und auch die eigenen Vorstellungen, Projekte und Interessen.

Aus dem Zusammenspiel all dieser Faktoren entwickeln MigrantInnen ein “Migrationsprojekt” , das in den meisten Fällen stark familienbezogen ist. Auch das Leben von Nicht-MigrantInnen orientiert sich stark an der eigene Familie; in der Migration gewinnt diese jedoch eine besondere Bedeutung.

2. Familienleben: Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem

2.1 Bedeutung des Familienlebens

Es gibt viele Gründe, die die Relevanz familiärer und verwandtschaftlicher Beziehungen in der Migration erklären. So erklärt sich die Bedeutung der Familie zunächst aus anthropologischen Gründen. Alle Menschen – ob sie zugewandert sind oder nicht – haben eine Vielfalt von Bedürfnissen, die sie in ihrer Familie befriedigen können (Sexualität, Zeugung von Nachkommen, emotiver Zusammenhalt, Arbeitsgemeinschaft, Erziehung der Jüngeren und Vorbereitung auf ihre allmähliche Eingliederung in die Gesellschaft).

Dazu kommen besondere Faktoren der Migration: Der Wechsel des Landes ist ein kritisches Ereignis, das Risiken und Chancen in sich birgt. Bei dieser Konfrontation mit einem neuen, fremden Umfeld gewinnen direkte Kontakte, insbesondere der familiäre Kreis, oft eine überragende Bedeutung. Familiäre Verbindungen stellen dabei nicht nur eine emotive Unterstützung dar, sondern tragen auch zur Bildung sozialer Netzwerke bei, aus denen “Sozialkapital” entsteht. So trägt der Familienzusammenhalt wesentlich dazu bei, Schwierigkeiten im Aufnahmeland zu bewältigen.

Diese Beobachtungen dürfen aber kein starres Bild von Migrantenfamilien befestigen und schon gar nicht zu einer Idealisierung des Familienlebens in der Migration führen. Familie und Verwandtschaft sind keine unveränderlichen Größen, sondern äußerst flexible Gebilde und besonders durch Zuwanderungsverläufe selbst radikalen Veränderungen unterworfen. Durch einen Neuanfang in einem neuen sozio-kulturellen Umfeld können etwa die Sozialisationsgrundlagen von Kindern und Jugendlichen je nach den Umständen bestätigt, modifiziert oder aufgegeben werden.

Ferner entstehen gerade aufgrund der emotiven, symbolischen und materiellen Bedeutung von Familie oftmals innerfamiliäre Konflikte und Gegensätze, wenn einzelne Familienmitglieder unterschiedlich auf die neue soziale Umgebung reagieren und verschiedene Interessen entwickeln. Trotzdem: auch in diesem Fall sind Eingliederungsprozesse im Aufnahmeland eng mit der weiteren Entwicklung des Familienlebens verbunden. Im Zuge der Migration können familiäre Verbindungen zwar neu erlebt werden, nur sehr selten verlieren sie aber ihre Stärke.

Aus dieser Perspektive erscheint das Familienleben als eine wichtige Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem: als der Ort, wo Objektives und Subjektives, strukturelle Rahmenbedingungen und persönliche Projekte, Interessen, Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten konvergieren.

2.2 Familie und Neubeginn

Das Leben in einem neuen Land geht unweigerlich mit einer Anpassungsarbeit einher, da viele Institutionen und Organisationen, und sehr oft auch die Sprache, andere sind als im Herkunftsland. Anpassung muss aber nicht zwangsläufig zu einer passiven Assimilierung bzw. zur bloßen Übernahme der gesellschaftlichen Normen und Praktiken der Aufnahmegesellschaft führen. Ebenso wenig muss die Erfahrung der Migration zu einer allgemeinen Abgrenzung von der Gesellschaft im Aufnahmeland führen.

Zwischen diesen beiden extremen Polen entwickeln sich meist differenzierte Strategien. Die MigrantInnen begegnen diesen Herausforderungen mit individuellen Kompetenzen und kommen meist zu Überwindungsstrategien, die aus mitgebrachten und hier erworbenem Ansichten und Kenntnissen resultieren.

Aus dieser Perspektive erscheinen MigrantInnen sowohl als Objekte von Strukturen und Rahmenbedingungen der Aufnahmegesellschaft als auch als handelnde Subjekte mit ihren Interessen, ihrem Migrationsprojekt und ihren Strategien zur Bewältigung ihres Lebens in den interkulturellen Zwischenwelten, in denen sie sich bewegen. Migrationsbiografien erscheinen somit als neu erarbeitete Lebensläufe, in denen ältere Ansichten und Erfahrungen mit neu erworbenen kombiniert werden. In diesem Zusammenhang wird Ethnizität als dynamische Ressource verstanden, was einem Gegenmodell zu Ethnisierungsprozessen gleichkommt.

Beim Zusammenspiel zwischen sozio-strukturellen und persönlichen Faktoren übernehmen Familien drei wichtige Funktionen: Erstens stellen sie einen wesentlichen Kontinuitäts- und Stabilitätsfaktor im Leben ihrer Mitglieder dar; zweitens helfen sie ihnen, fragmentarische Erfahrungen im Alltag zu überwinden; drittens bieten sie ihnen einen privilegierten Raum, um in einem neuen sozialen Umfeld neue Verhaltensweisen und Anpassungsstrategien realistisch zu prüfen. Jeder Zuwanderer muss sein Selbstverständnis wieder aufbauen. Und diese Rekonstruktion der eigenen Identität ist ohne den privilegierten Raum, den ihm die familiäre Umgebung dafür bietet, kaum möglich.

2.3 Wichtige Dimensionen des Familienlebens

Aus der Perspektive der Wechselwirkungen zwischen den vorgegebenen Rahmenbedingungen im Aufnahmeland und dem Handeln der Familien sowie deren Eingliederungsprozess im Aufnahmeland erweisen sich einige Faktoren als besonders relevant:

Das Gender

Die Bedeutung des Geschlechts als identitätsstiftender Faktor erklärt auch dessen soziale Relevanz. Im Unterschied zum Alter oder anderen kulturellen Gegebenheiten ist das Geschlecht das primäre und einzig unabänderliche Zeichen für die Identität eines Menschen. Deshalb zählen die Einstellungen zum Frau- und Mann-Sein zu den grundlegenden, jedes Individuum und jedes Familienleben definierenden Faktoren.

Darüber hinaus stehen die Genderrollen in engem Zusammenhang mit der Arbeitsaufteilung in jeder Gesellschaft. Dies ist für den Kontext der Migration besonders relevant, da die meisten Zugewanderten ihre Arbeitsbiografie unterbrechen müssen, um diese in einem neuen Land unter anderen Umständen fortzusetzen. Daraus ergibt sich die Frage, wie Migrationserfahrungen Frauen- und Männerbiografien prägen.

Insgesamt gesehen stellt Migration eine große Herausforderung für die Flexibilität der Ehegatten- bzw. Paarbeziehung und somit für das innerfamiliäre Geschlechterrollenverhältnis dar. Die Neuorganisation der Geschlechterrollenverhältnisse innerhalb von Familien scheint dabei komplexer zu sein als früher angenommen. Die Veränderungen sind vielschichtig, verlaufen aber nicht einheitlich und können daher weder als ausschließlich positiv oder ausschließlich negativ im Hinblick auf eine Integration gewertet werden. Dennoch verlaufen Migrationsprozesse geschlechtsspezifisch. Insgesamt sind die Ursachen und Konsequenzen von Migration für Männer und Frauen verschieden.

Für Frauen wird sehr wichtig, wie Paare auf die veränderten Lebensbedingungen in der Aufnahmegesellschaft reagieren können, d.h. in welcher Form sie die genderspezifische Aufteilung der Aufgaben- und Entscheidungskompetenzen organisieren. So gibt es etwa einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Wanderungsverhalten und der daraus resultierenden Trennungsdauer zwischen den Partnern einerseits und der innerfamiliären Aufgabenteilung andererseits: Gemeinsam gewanderte Familien zeigen das höchste Ausmaß an gemeinsamen Entscheidungen und Kooperation in der Aufgabenerfüllung. Familien männlicher Pionierwanderer hingegen zeigen die größte Rollentrennung.

Da die meisten Frauen und Männer ihre Arbeitsbiografie durch die Migration unterbrechen, wird ausschlaggebend, wie sie diese im Aufnahmeland weiterführen können. Nicht immer haben Männer dabei die besten Aussichten, insbesondere bei Paaren mit hohem Bildungsniveau. Dies führt oft zu latenten oder offenen Konflikten in der Partnerschaft.

Frauen erweisen sich als aktive Agentinnen von Wandel und Anpassung und weniger als passive Opfer ihrer Umstände. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Verbesserung sowohl ihrer eigenen Verhältnisse als auch jener ihrer Familien.

Auch eingewanderte Männer erfahren Veränderungen. Sehr oft erleben sie im Zuge der Migration eine Art “sozialer Entwertung” und kommen somit von einer “beherrschenden Männlichkeit” zu einer “marginalisierten Männlichkeit” , d.h. ohne oder mit lediglich geringer sozialer Autorität. Dieser Gender-Dimension wird allerdings noch wenig Rechnung getragen.

Die Generationen: Eltern und Kinder

Die meisten Studien im deutschsprachigen Raum zeigen einen starken Zusammenhalt zwischen Zugewanderten und deren Kindern. Es kommt aber auch oft zu innenfamiliären Konflikten, die entstehen, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Interessen, Bewertungen und Verhaltensweisen entwickeln.

Auf jeden Fall ist es wichtig, die Eltern-Kinder-Beziehungen in Migrantenfamilien nicht von vornherein aus der Perspektive der vorherrschenden Einstellungen zu Elternschaft und Kindern im Aufnahmeland zu bewerten, da es in vielen Migrantenfamilien andere Organisationsformen geben kann, anhand derer familiäre Bedürfnisse – wie etwa die Kinderbetreuung oder ihre Erziehung – befriedigt werden können.

Darüber hinaus müssen die spezifischen Rahmenbedingungen von MigrantInnen im Aufnahmeland mitberücksichtigt werden. Vor allem in der ersten Phase der Migration können sich Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert fühlen, wenn die in ihrer Heimat bestehenden Netzwerke bzw. Unterstützungspersonen fehlen und ihnen andere, im Aufnahmeland übliche Formen wenig bekannt, für sie unerreichbar oder zu teuer sind.

Dies gilt insbesondere für Frauen. Bereits 1996 wurde im Hinblick auf in Wien lebende Migrantinnen angemerkt: “Bedingt durch einen hohen sozialen, gesellschaftlichen und finanziellen Druck, kulturelle Konflikte durch Kinder, die rascher der Sprache kundig und auch im Klassenverband sich rascher an die Verhältnisse adaptieren können, sowie in der Frage der Kinderbetreuung bei existenziell notwendiger Erwerbstätigkeit ist ein massiver innerfamiliärer Druck für ausländische Frauen anzunehmen.” (Klotz u.a. 1996: 226). Dies ist ein Hinweis auf die oft sehr komplex verlaufenden Ausgrenzungsmechanismen.

Schließlich müssen Verhaltensweisen zwischen Eltern und ihren Kindern, die im Aufnahmeland auffallen, von unterschiedlichen Perspektiven her analysiert werden. Autoritäre Maßnahmen etwa können auf das Herkunftsmilieu, auf die soziale Schicht oder/und auf einen psychischen Kompensationseffekt zurückzuführen sein.

Was die Beziehung zwischen den Generationen betrifft, erscheinen Migrantenkinder als “privilegierte Vermittler” zwischen ihren Eltern und der Gesellschaft im Aufnahmeland. Jüngere Menschen sind grundsätzlich anpassungsfähiger und lernen auch schneller Sprachen. Diese Verlagerung von Kompetenzen im Zuge der Migration kann sie aber überfordern. Dies ist etwa der Fall, wenn sie bei delikaten bzw. schwer wiegenden Angelegenheiten in die Dolmetscherrolle schlüpfen müssen.

Die ältere Generation

Auch die Beziehung zwischen älteren Menschen und ihren Nachkommen ist im Hinblick auf deren Eingliederung in das Aufnahmeland relevant: “Je mehr die Generationen in ihrem Alltag aufeinander angewiesen sind, desto stärker wird der Transfer an ethnischer Kultur an die dritte Generation ausfallen. Diese Leistungen fördern die Familienintegration und die emotionale und kulturelle Nähe der Migrantengenerationen” , erklärt die deutsche Soziologin Maria Dietzel-Papakyriakou.

Die Familie erweist sich als die wichtigste Säule bei der Altenbetreuung. Dennoch deutet vieles auf eine zukünftige Zunahme innerfamiliärer Konflikte zwischen den Generationen aufgrund der Pflegebedürftigkeit einiger Mitglieder hin. Es ist abzusehen, dass mit der Zeit immer mehr Migrantenfamilien auf professionelle Hilfe bei der Betreuung ihrer älteren Mitglieder angewiesen sein werden. Dafür aber sind die Einrichtungen im Aufnahmeland oft nicht geeignet. MigrantInnen können aber nicht nur auf die Unterstützung von Verwandten, sondern auch von Bekannten und Leuten aus dem eigenen Land bauen. In einem klar definierten städtischen Raum können dörfliche Traditionen wiederbelebt werden, die im Leben älterer MigrantInnen besonders relevant sind.

Tendenziell scheinen Religion sowie der Bezug auf Traditionen im Leben älterer MigrantInnen an Bedeutung zu gewinnen. Von einer “Ethnisierung des Alters” kann aber nicht die Rede sein. In der Gerontologie zeigt sich, dass alte Menschen insgesamt dazu neigen, Sicherheit in den ihnen vertrauten Lebensweisen und Orten zu suchen. Eine gewisse Rückkehr in die eigene Vergangenheit ist demzufolge vorwiegend ein altersbezogenes Phänomen. Dafür spricht die Vielfalt der Formen, wie alte MigrantInnen ihr Leben organisieren.

Im Zusammenhang mit dieser Gruppe wird oft die Frage nach den Rückkehrabsichten aufgeworfen, da ältere MigrantInnen eher vorhaben, in die Heimat zurückzukehren, als jüngere. In dem Maße, wie stabile Migrantengemeinden entstehen, bildet sich für viele ältere MigrantInnen eine “neue Heimat in der Fremde” , d.h. ein neuer Raum, in dem ein ähnlicher Lebensstil wie im Herkunftsort geführt wird. Die immer billiger werdenden Reisekosten ermöglichen zunehmend ein Pendeln zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland. Parallel dazu kann “ein stabiles Provisorium” entstehen, dank dessen die Zukunft offen bleibt oder die Preisgabe früherer Absichten erträglich wird.

“Familienlose “MigrantInnen

” Familienlose “Menschen sind besonders anfällig für soziale Ausgrenzung, da ihnen ein primäres Netz fehlt, das sie zwar nicht automatisch, aber doch sehr oft vor eben dieser Ausgrenzung schützt. Besonders gravierend ist dieser Umstand bei” Straßenkindern “und Opfern des Menschenhandels, wo es nicht nur um den Aspekt der sexuellen Ausbeutung, sondern auch um die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft unter sklavereiähnlichen Bedingungen geht.

Für die Europäische Kommission ist die Situation dieser Menschen in den Ländern der Union bereits zu einem strukturellen Problem geworden. Viele der Betroffenen sehen sich zu einer” perversen Integration “gezwungen, d.h. zur Entfaltung von Überlebensstrategien am Rand der Legalität. Die Kenntnisse über sie sind aber noch sehr mangelhaft.

In den Massenmedien wird Frauenmigration meist mit Kriminalität assoziiert, wobei Prostituierte vorwiegend im Zusammenhang mit sexuellem Handeln gesehen werden. So werden die Situation jener, die aus eigener Initiative – wenngleich häufig ausgebeutet – als Prostituierte arbeiten, und ihre sozialen Probleme ausgeblendet. Zu Letzteren zählen u.a. der Mangel an Eingliederungschancen in den Arbeitsmarkt, die prekäre Lage ihrer Beschäftigung und ihrer Arbeitsrechte sowie die Trennung von der eigenen Familie. All diese Merkmale haben sie jedoch mit anderen Migrantinnen gemeinsam, die in legalen Branchen, vor allem in privaten Haushalten, arbeiten. Ausschlaggebend bei Frauen, die irregulär einwandern (müssen), ist nicht in erster Linie die Art ihrer Beschäftigung, sondern ihre Schutzlosigkeit.

3. Familienleben und Integration

3.1 Migrantenfamilien werden sichtbar

Familien, die längerfristig im Aufnahmeland bleiben, entwickeln andere Bedürfnisse als jene, die sich dort nur kurzzeitig aufhalten. Durch einen verstärkten Familiennachzug sind Migrantenfamilien in der Aufnahmegesellschaft präsenter geworden. Zu ihnen gehören Frauen, Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen. Die Orte, an denen sie sichtbar werden, sind nicht mehr nur der Arbeitsplatz und vereinzelte Wohnungen wie ganz zu Beginn der Arbeitsmigration in den 60er-Jahren, als vorwiegend junge Männer einwanderten. Zuwandererfamilien werden in den letzten Jahren immer stärker zu aktiven TeilhaberInnen an der sozio-ökonomischen Infrastruktur im Aufnahmeland. In den Gemeinden werden sie als Wohnungssuchende, Konsumenten, Kranke etc. sichtbar und stellen damit unterschiedlichste Institutionen vor neue Herausforderungen.

Somit drängen sich allmählich neue soziale und politischen Fragen auf: Wie lange diese Menschen” Gäste “bleiben, bleiben können und bleiben sollen. All diese Fragen nach der Gestaltung von pluralistisch gewordenen Gesellschaften werden in der Debatte um die so genannte Integration behandelt.

3.2. Was aber ist” Integration “?

Ein offener Begriff in einer noch offenen Debatte

Der Begriff” Integration “bleibt heute insofern noch offen, als er mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Diese Deutungsunterschiede sind nicht landesspezifisch; sie scheinen vielmehr in Zusammenhang mit verschiedenen philosophischen Traditionen und politischen Optionen zu stehen, die innerhalb ein und desselben Landes angetroffen werden können.

Jedenfalls ist die Integration von Zugewanderten keine ins Leere gestellte Frage, sondern vielmehr eine Frage, die mit den Auffassungen von Zusammenleben und sozialer (Un-) Ordnung gekoppelt ist, welche jede/r von uns vertritt. Dies erklärt sich hauptsächlich aus historischen und sozialen Gründen: historisch, weil es in allen Ländern der Union eine Geschichte der Wahrnehmung der Fremden gibt, welche die Wahrnehmung der MigrantInnen heute beeinflusst; sozial, aufgrund der Brisanz der noch offenen Debatte um die Eingliederung von Zugewanderten.

Klassische soziale Muster im Zusammenhang mit der Integration von Migrantenfamilien wie Assimilation und Multikulturalität stoßen heute an ihre Grenzen, was erklärt, warum sie so umstritten sind. Bei der Reflexion über die Integration von Migrantenfamilien gibt es derzeit zwei deutliche Ausrichtungen. Die eine sieht Integration als einen Prozess der Gleichstellung von Zugewanderten, der schließlich zu der Frage nach ihren politischen Rechten führt; die andere ist die von Prof. Bernhard Nauck genannte” Integration von unten “. Beide Zugangsweisen schließen sich im Prinzip nicht aus, sie können einander vielmehr ergänzen.

Integration als Gleichstellung

Was den Prozess der Gleichstellung von Zugewanderten betrifft, herrscht Konsens über deren grundsätzliche Bedeutung. Ohne politische Partizipation der MigrantInnen wird Integration unmöglich, da die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen diese leben, möglicherweise unangetastet bleiben. Etwas anderes ist, ob diese Einsicht politisch durchsetzbar ist.

“Integration von unten”

Die” Integration von unten “umfasst die Vielfalt von Strategien der Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft, die Migrantenfamilien und deren Mitglieder tatsächlich entwickeln.

Die Zusammenhänge zwischen der Integration von Zugewanderten und ihrem Familienleben erscheinen heute evident. Migration erweist sich fast überall als ein Familienprojekt, sei es weil Zugewanderte und ihre Angehörigen früher oder später die Absicht haben, im Aufnahmeland wieder vereint zu sein, sei es weil einzelne Menschen zwar allein auswandern, ihren Aufenthalt in einem EU-Land aber als Bestandteil familiärer Lebensstrategien planen und durchführen.

Viele MigrantInnen, die in den EU-Ländern leben, sehen sich dazu gezwungen, getrennt von ihren Familien zu bleiben. Andere müssen jahrelang unter Durchschnittsstandards arbeiten und leben, was vor allem auf ihren Mangel an politischen Rechten zurückzuführen ist. Das erscheint nicht sehr sinnvoll, und zwar nicht nur aus humanitären, sondern vor allem aus sozialen Gründen:” Die ´psychische Erwartung´, eine eigene Familie bilden bzw. nachholen zu können, ist ´ein Wesenszug´, auf dem ein Projekt des Zusammenlebens basieren kann (…) Familien mit Kindern, verheiratete Leute, erwerbstätige Frauen bilden kein aggressives Profil, sondern vielmehr die Voraussetzungen für den Aufbau eines respektvollen und friedlichen Zusammenlebens “(Antonio Izquierdo).

Literatur

Baros, Wassilios (2001): Familien in der Migration. Peter Lang.

Buchkremer, Hansjosef u.a. (Hg.): Die Familie im Spannungsfeld globaler Mobilität. Zur Konstruktion ethnischer Minderheiten im Kontext der Familie. Opladen: Leske + Budrich.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2000): Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen. Sechster Familienbericht. Berlin: Medien- und Kommunikations GmbH.

Dietz, Barbara & Holzapfel, Renate (1999): Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. München: DJI – Deutsches Jugendinstitut.

Lajios, Konstantin (Hg.) (1998): Die ausländische Familie. Ihre Situation und Zukunft in Deutschland. Opladen: Leske + Budrich.

Maalouf, Amin (2000): Mörderische Identitäten. Frankfurt: Suhrkamp (äußerst interessante Reflexion über Integration, Identität und Wahrnehmung der anderen).

Nauck, Bernhard (2000): Familien ausländischer Herkunft. Politische Konsequenzen der Vielfalt von Akkulturationsprozessen. In: Diskurs 3/2000. DJI, München, S. 13-19.

Sozialer und intergenerativer Wandel in Migrantenfamilien in Deutschland. In: Buchegger, Reiner (Hg.): Migranten und Flüchtlinge. Eine familienwissenschaftliche Annäherung. Wien: ÖIF – Österreichisches Institut für Familienforschung, S. 13-69.

Volf, Patrik & Bauböck, Rainer (2001): Wege zur Integration. Was man gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit tun kann. Wien: Drava (sehr deutliche Zusammenfassung von Rainer Bauböck über die Integration als Gleichstellung. Interessante Projekte europaweit).

Autorin

Dr. Paloma Fernández de la Hoz

KSOE – Katholische Sozialakademie Österreichs
Schottenring 35, DG
A-1010 Wien

Tel.: +43/1/3105159/81

Fax: +43/1/3106828

Website: http://www.ksoe.at (http://www NULL.ksoe NULL.at)

Email: Paloma Fernández de la Hoz (paloma NULL.fdelahoz null@null ksoe NULL.at)