Interview mit Birgit Kimmel: Idole im Netz. Influencer und Meinungsmacht

Ein besseres Internet für alle ist das Ziel des jährlichen Safer Internet Day. In diesem Jahr dreht sich alles um die Wirkung von Influencern auf die Meinungsbildung von Kindern und Jugendlichen. Birgit Kimmel, Leiterin der EU-Initiative klicksafe, gibt Antworten auf Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen.

Wie bilden Kinder und Jugendliche sich ihre Meinung?

Generell ist Meinungsbildung abhängig von vielen Faktoren: beispielsweise von persönlichen Wertvorstellungen, der eigenen Lebenslage, Wissen und Erfahrungen oder dem sozialen Umfeld. Kinder und Jugendliche sind eher geneigt, sich mit einem Thema auseinander- zusetzen, wenn dieses gerade im Familien- oder Freundeskreis diskutiert wird. Doch auch die Art und Weise, wie ein Thema medial dargestellt wird, kann dazu führen, dass oftmals unbewusst und schnell Meinungen zu einem Thema gebildet werden. Die Meinungsbildung erfolgt heute immer auch mit und in digitalen Medien.

Inwiefern hat sich Meinungsbildung durch das Aufkommen von sozialen Medien verändert?

Kinder und Jugendliche entwickeln zunehmend konvergente Mediennutzungsmuster. Dazu kommt, dass heutzutage jede Interessensgruppe und jede Privatperson ihre Sicht der Dinge auf digitalen Kanälen – zum Beispiel auf Blogs, auf Youtube-Kanälen oder in sozialen Medien – verbreiten können. Die meisten Jugendlichen, die älter sind als 12 Jahre, verfügen heute über ein Smartphone und einen Online-Zugang. Laut der JIM-Studie 2018 sind 91 Prozent der 12- bis 19-Jährigen täglich im Netz unterwegs. Bereits unter den 12- und 13-Jährigen sind es 85 Prozent. Durch die Verbreitung von Smartphones hat sich auch der Zugang und der Umgang mit Informationen und Nachrichten bei Jugendlichen geändert. Sie recherchieren in Online-Portalen und nutzen Social Media: Bei der Informationssuche von Jugendlichen liegen Online-Suchmaschinen, YouTube und Wikipedia vorn. Es folgen soziale Medien wie Facebook und Twitter. Auch die Nachrichtenportale der Tageszeitungen spielen eine Rolle. Wenn sie sich gesellschaftlich und politisch informieren wollen, greifen Jugendliche häufig auf Informationen in klassischen Medien zurück, da sie ihnen eine größere Glaubwürdigkeit beimessen.

Warum folgen Kinder und Jugendliche Influencern?

Für viele Kinder und Jugendliche bieten Influencer Inspiration und Motivation. Besonders Teenager auf der Suche nach ihrer eigenen Identität wollen geliebt und von ihrer Peer-Group sowie ihrem Umfeld akzeptiert und anerkannt werden. Influencer sind ihre Online-Idole. Sie orientieren sich an ihnen, weil sie diese schön und interessant finden, oder weil sie lustig und kreativ sind und meistens sehr gut unterhalten können. Besonders Jüngere zwischen 14 und 17 Jahren orientieren sich an der Meinung von Influencern. Der Influencer selbst ist für sie Identifikationsobjekt, dem sie vorrangig in den Themenwelten Beauty und Lifestyle nacheifern. Je älter die Jugendlichen sind, desto weniger Einfluss haben Influencer auf sie.

Welche Chancen und Risiken gibt es, wenn Kinder und Jugendliche Influencern folgen?

Das Beeinflussungspotenzial der Influencer hängt, wie bereits erwähnt, stark vom Alter und auch der Persönlichkeitsstruktur der Follower ab. Influencer können Jugendliche einerseits zu mehr Selbstreflexion ermutigen, wodurch sich ihr Selbstwert steigern kann. Andererseits können sie bei Jugendlichen aber auch Neid, Gruppenzwang, Selbstzweifel und sogar die Angst auslösen, etwas zu verpassen. Positive wie negative Beeinflussungen wechseln sich dabei ab. Insbesondere bei Jüngeren kann der Influencer-Einfluss einen bedenklichen Grad erreichen.

Meinungsmacht bedeutet auch Verantwortung. Welchen Appell richten Sie an Influencer?

Die Beeinflussung von Menschen ist der Job der Influencer und davon leben einige heute sehr gut. Dadurch haben sie eine große Macht. Das sollte jedem Influencer bewusst sein. Viele Influencer unterschätzen noch immer, was für eine Position und Verantwortung sie wirklich innehaben. Wenn heute eine Beauty-YouTuberin, die in ihrer Community sehr erfolgreich ist und viele Follower hat, ein Produkt bewirbt und das Produkt in den nächsten Tagen dann einen Absatzrekord verzeichnet, ist das nichts Anderes als erfolgreiches Marketing und gut gemachte Werbung mit hohem kommerziellem Interesse. Oder wenn ein beliebter und bekannter YouTuber demokratiefeindliche Parolen unter dem Deckmantel der Sorge verbreitet und so zu Hass und Hetze aufruft, kann dies weitreichende Folgen haben. Influencer in den sozialen Medien haben das Potential, gesellschaftliche Bewegungen auszulösen – schlechte, aber auch gute. Man denke an die Fridays for Future-Bewegung, die die ganze Jugend elektrisiert und mobilisiert hat, über ihre Konsumgewohnheiten und Nachhaltigkeit nachzudenken.

Wie unterstützt klicksafe Eltern, Lehrkräfte sowie Kinder und Jugendliche beim kompetenten und kritischen Umgang mit Idolen im Netz und Meinungsbildung?

Kinder und Jugendliche benötigen Unterstützung in der Schule und im Elternhaus, damit sie lernen, die Ziele und Handlungsweisen von Influencern und Influencer-Marketing richtig einzuschätzen. Ebenso brauchen sie Hilfestellung dabei, wie sie sich eine Meinung bilden oder wie sie Informationen online suchen, filtern und auf Relevanz und Wahrheitsgehalt bewerten können. Gespräche und ehrliches Interesse an der Lebenswelt des Jugendlichen – im Elternhaus wie auch in der Schule – sind dabei ein guter Einstieg. Im Unterricht gilt es, diese Themen aufzugreifen und Projekte anzubieten, um Kindern und Jugendlichen Reflexion und kritische Einschätzung näherzubringen. Meinungsbildung im digitalen Raum kann nur durch den Erwerb von Meinungsbildungskompetenz gelingen. Denn ohne die Fähigkeit, Informationen als objektiv oder interessengesteuert, als wahr oder falsch, als informierend oder manipulativ einschätzen zu können, kann man sich keine wirkliche Meinung über die heutige Welt bilden. Und das hätte langfristig Auswirkungen auf den Einzelnen, unsere Gesellschaft und die Demokratie.

 

Birgit Kimmel ist kooperative Leiterin der EU-Initiative klicksafe, dem nationalen Awareness Centre für Deutschland, welches eingebettet ist in die Strategie der Europäischen Kommission „Better Internet for Kids“.  Daneben ist sie Leiterin des Teams Medienkompetenz, bei der LMK – medienanstalt rlp, dort arbeitet sie seit dem Jahr 2002. Frau Kimmel ist Diplom-Pädagogin und arbeitete vorher viele Jahre auch in pädagogischen Einrichtungen wie Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinderheimen und Kindertagesstätten. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte bei klicksafe sind beispielsweise (Cyber)Mobbing, Medienethik, Soziale Netzwerke, Smartphonenutzung, Apps uvm.

Quelle

klicksafe

Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz
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