Kita-Ausbau: Es reicht nicht

In Deutschland nehmen immer mehr Eltern für ihre Kinder Angebote der frühen Bildung in Anspruch. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der betreuten Kinder unter 3 Jahren nochmals um mehr als 27.200 auf insgesamt 789.600 Kinder erhöht, meldete aktuell das Statistische Bundesamt. Mehr als jedes dritte unter 3-jährige Kind besucht inzwischen Angebote der frühen Bildung. Christiane Meiner-Teubner, Expertin für frühe Bildung am Deutschen Jugendinstitut (DJI), warnt trotz dieser positiven Entwicklung vor einem weiteren Mangel an Plätzen in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege.

DJI: Frau Meiner-Teubner, in den vergangenen Jahren hat die Politik ihre Anstrengungen in der frühen Bildung verstärkt, beispielhaft zu nennen ist der Kita-Ausbau und der Rechtsanspruch auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung ab dem zweiten Lebensjahr. Warum sehen Sie trotzdem großen Handlungsbedarf?

Meiner-Teubner: Stimmt, in den vergangenen Jahren wurde eine hohe Anzahl zusätzlicher Plätze geschaffen. Das heißt, wir beobachten seit Jahren einen ständigen Anstieg der Anzahl der unter 3-Jährigen in der Kindertagesbetreuung. Seit 2006 sind es fast eine halbe Million mehr Kinder geworden. Nach den neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes besuchten im Frühjahr 2018 33,6 Prozent – also mehr als jedes dritte unter 3-jährige Kind – eine Kita oder Kindertagespflege. 2006 lag die Quote noch bei knapp 14 Prozent – also etwa jedes siebte Kind. Doch weiterhin reicht das verfügbare Platzangebot nicht aus, um allen Eltern, die einen Platz für ihr unter 3-jähriges Kind wünschen, einen solchen bereitzustellen.

Wie erklären Sie sich die steigende Nachfrage?

Neben den gestiegenen Inanspruchnahmequoten steigen auch die Elternwünsche. Nach einer jährlich vom DJI durchgeführten Elternbefragung wünschen sich immer mehr Eltern für ihre Kinder einen Platz in der Kindertagesbetreuung: Im Jahr 2017 haben 45 Prozent der Eltern von unter 3-Jährigen diesen Wunsch geäußert, im Jahr 2006 waren es nur 36 Prozent der Eltern. Darüber hinaus haben zwei weitere Entwicklungen dazu beitragen, dass zusätzliche Plätze geschaffen werden müssen. Erstens sind die Geburten in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als erwartet und zweitens sind vor allem in den Jahren 2015 und 2016 überdurchschnittliche viele Familien mit jungen Kindern zugewandert. Beides hat dazu geführt, dass die Anzahl der Kinder in der Bevölkerung stark gestiegen ist, sodass zusätzliche Plätze geschaffen werden müssen, damit erst einmal die Inanspruchnahmequote konstant gehalten werden kann. Und das betrifft sowohl die Altersgruppe der unter 3-Jährigen als auch die Kinder zwischen 3 Jahren und dem Schuleintritt. Die Kita-Plätze reichen deshalb auch in den kommenden Jahren längst noch nicht aus.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey möchte mit ihrem Gute-Kita-Gesetz den Ausbau der frühen Bildung weiter vorantreiben und gleichzeitig deren Qualität verbessern. Hat die Qualität dieser Angebote zuletzt unter dem starken Ausbau gelitten?

Nein, das können wir so nicht beobachten. Das Personal in den Kitas ist nach wie vor fast ausschließlich fachlich einschlägig qualifiziert, das heißt, die pädagogisch Tätigen haben einen Abschluss als Erzieherin bzw. Erzieher, eine akademische Ausbildung im pädagogischen Bereich, sind Sozialassistentinnen bzw.-assistenten oder Kinderpflegerinnen bzw. -pfleger. In der Kindertagespflege ist das Ausbildungsniveau zwar geringer, doch hier sehen wir einen deutlichen Anstieg an Tagesmüttern und -vätern, die mindestens einen Qualifizierungskurs absolviert haben. 2006 waren es noch 43 Prozent – also nicht einmal die Hälfte der Tagespflegepersonen – und heute sind es etwa 85 Prozent. Auch die Ausstattung mit Personal in den Gruppen konnte in den vergangenen Jahren immer wieder zumindest leicht verbessert werden. Problematisch sind allerdings die starken regionalen Unterschiede. Schaut man allein auf die Landesebene, ist beispielsweise in Baden-Württemberg rechnerisch eine vollzeittätige Person für drei ganztagsbetreute Kinder unter 3 Jahren zuständig – demgegenüber sind es in Sachsen doppelt so viele Kinder. Aber auch innerhalb der Bundesländer existieren große Unterschiede, sodass es vom Wohnort der Kinder abhängig ist, welche Qualität ihnen in einer Kita geboten wird. Ein Ziel des Gesetzes ist es, diese Spannbreite zu reduzieren.

Innerhalb der Bundesländer existieren große Unterschiede, sodass es vom Wohnort der Kinder abhängig ist, welche Qualität ihnen in einer Kita geboten wird.

Reicht das Gute-Kita-Gesetz aus, um diesen großen Qualitätsunterschieden in der frühen Bildung entgegenzuwirken?

Da wir sehen, dass weiterhin deutlich ausgebaut werden muss und auch die Qualitätsverbesserungen wichtige Schritte sind, ist es sehr zu begrüßen, dass sich der Bund nun bis zum Jahr 2022 mit insgesamt 5,5 Milliarden Euro an den Ausgaben für die Kindertagesbetreuung beteiligen will. Dabei werden viele Facetten berücksichtigt, die noch verbessert werden sollten, wie die Angleichung der Personalschlüssel oder die Stärkung der Position der Leitung in den Kitas. Allerdings bleibt es in einigen entscheidenden Punkten auch hinter dem zurück, was sowohl die Fachpraxis als auch wir Forscherinnen und Forscher für nötig halten: Ein zentraler Punkt ist dabei die Befristung der Mittel zur Qualitätsverbesserung. Beispielsweise das Budget für die personelle Ausstattung darf nicht nur auf fünf Jahre befristet sein, sondern wird auch in den folgenden Jahren benötigt.

Gute frühe Bildungsangebote stehen und fallen mit der Qualität des Personals – das Einrichtungen derzeit aber oft vergebens suchen. Woher soll das Personal für den notwendigen weiteren Ausbau der Plätze in den Kitas kommen?

Hier stehen wir tatsächlich vor einer großen Herausforderung. Wir gehen davon aus, dass auch in den nächsten Jahren noch mindestens 65.000 zusätzliche Fachkräfte gefunden werden müssen, allein um den Geburtenanstieg, der Zuwanderung und der Erfüllung des Rechtsanspruchs gerecht zu werden. Für Qualitätsverbesserungen wird noch einmal erheblich mehr Personal benötigt. Aktuell ist nicht absehbar, dass diese zusätzlichen Fachkräfte allein durch das Ausbildungssystem bereitgestellt werden können. Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahren Frauen, die aufgrund einer Familienphase nicht in ihrem Beruf gearbeitet haben, frühzeitig wieder zurückgeholt worden. Diese Reserve ist allerdings mittlerweile nahezu ausgeschöpft, sodass nun neue Wege gefunden werden müssen. Sowohl Bund, Länder, Träger als auch weitere Akteure in der Kindertagesbetreuung versuchen verschiedene Strategien zu entwickeln, wie sie diese Herausforderung bewältigen können.

Quelle

Deutsches Jugendinstitut München e.V.