Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern

Helga Gürtler

Helga Gürtler

Bei der Diskussion um Schülerprobleme habe ich immer wieder eine erstaunliche Feststellung gemacht: Diskutiert man mit Lehrern und Lehrerinnen, neigen sie dazu, die Ursachen vieler Übel bei den Eltern zu suchen. Die Eltern machen zu Hause alles Mögliche verkehrt, was die Lehrer in der Schule dann ausbaden müssen.

Spricht man dagegen mit Eltern, ist es genau umgekehrt. Es gibt viele Klagen über die Lehrer, die in der Schule wieder einreißen, was man zu Hause mühsam aufgebaut hat.

Wie kommt das? Und wer hat Recht? Was könnte man tun, damit Eltern und Lehrer im Interesse der Kinder häufiger an einem Strang ziehen, statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen?

Wechselseitige Vorurteile

Wenn so pauschal geurteilt wird, zeigt das, dass jede Gruppe Vorurteile gegen die andere hat, ihre Position zu wenig versteht, sich zu wenig in sie hinein versetzen kann.

  • Beide bauen sich aus eigenen Ängsten, Unterlegenheitsgefühlen, Abwehrhaltungen ein Bild von den anderen auf, das so nicht stimmt.
  • Beide glauben, eigenen Gefühlen der Unzulänglichkeit oder möglicher Kritik begegnen zu müssen, indem sie die Schuld für Misserfolge bei den anderen suchen.

Eltern haben oft Angst vor Lehrern

Viele Eltern begegnen den Lehrerinnen und Lehrern ihrer Kinder heute mit den Gefühlen, die sie selbst als Kinder ihren eigenen Lehrern gegenüber hatten. Sie fühlen sich wieder so unterlegen und hilflos wie in der eigenen Schulzeit. Und wenn sie eine Schule betreten, ruft vieles diese alten Erinnerungen wieder wach – der Geruch in den Fluren, die vielen geschlossenen Türen, der beklemmende Hall der eigenen Schritte.

Beim Elternabend in der Klasse sitzt vielleicht wie damals die Lehrerin hinter ihrem Tisch, die Eltern davor auf den kleineren Kinderstühlen – und wer zu spät kommt, drückt sich schnell und schüchtern in die letzte Reihe – oder?

Aber auch wenn Eltern betont forsch und selbstbewusst auftreten, ist ihr Verhalten oft nicht nur von den jetzigen Verhältnissen bestimmt, sondern auch von damals, als sie selbst Kinder waren.

  • Welche Rolle spielen Ihre eigenen Schulerfahrungen bei der Art, wie Sie Lehrer heute einschätzen, heute mit ihnen umgehen?
  • Glauben Sie nach wie vor an die Unfehlbarkeit der Lehrer und an die eigene Unterlegenheit?
  • Unterstellen Sie den Lehrern Motive und Verhaltensweisen, unter denen Sie selbst früher gelitten haben?
  • Möchten Sie sie von einem vermeintlich zu hohen Sockel herunterholen, weil Sie Ihre eigenen Lehrer als so übermächtig erlebt haben?
  • Möchten Sie sich beweisen, dass Sie jetzt auch wer sind und es nicht mehr nötig haben, sich von Lehrern etwas sagen zu lassen?
  • Oder neigen Sie noch immer dazu, klein beizugeben aus Angst, unangenehme Konsequenzen auf sich zu ziehen?

Urteilen wir allein von den heutigen Gegebenheiten aus, können wir feststellen, dass das Autoritätsgefälle zwischen Eltern und Lehrern überwindbar geworden ist, dass Elternversammlungen auch “am runden Tisch” mit gleichen Stühlen für alle stattfinden können, dass gleichberechtigte Diskussionen und Aktionen möglich sind.

Aber trotzdem haben Lehrer nach wie vor große Macht über das weitere Ergehen eines Kindes. Und deshalb sind Ängste und Vorbehalte von Eltern nicht nur aus dem “Damals” gespeist, sondern auch höchst gegenwärtig.

  • Lehrer entscheiden mit Zensuren und Empfehlungen über das Schulschicksal, und damit oft auch über die Berufschancen der Kinder.
  • Lehrer verfügen über Fachkenntnisse und über Schulwissen, das bei vielen Eltern nicht vorhanden oder doch längst versackt ist.
  • Lehrer haben bei dem, was sie tun, die mächtige Institution Schule im Rücken. Eltern fühlen sich dagegen oft ohnmächtig.
  • Lehrer genießen bei fast allen Elternkontakten einen “Heimvorteil” , weil fast alle diese Kontakte in der Schule stattfinden.

Die Angst der Lehrer vor den Eltern

Was aber viele Eltern nicht wissen: Lehrer haben auch Angst vor Eltern! Sie fürchten sich vor Elternabenden, an denen sie selbst allein einer ganzen Meute von Eltern gegenüber sitzen, vor denen sie ihre Arbeit und ihre Erfolge rechtfertigen müssen. Sie fürchten sich auch, wenn wieder eine bestimmte Mutter vor dem Lehrerzimmer wartet, mit deren Kind sie Schwierigkeiten haben. Und auch manches forsche Lehrerverhalten hat vielleicht den Zweck, eigene Unterlegenheitsgefühle zu überspielen.

  • Braucht der Lehrer das erhöhte Pult, um sich daran festzuhalten?
  • Sollen die zwanglos eingestreuten Fremdwörter einen hohen Wissensstand signalisieren?
  • Doziert die Lehrerin so viel, weil sie sich dabei sicherer fühlt als wenn sie Fragen beantworten soll?
  • Wehrt sie sich gegen Elternbesuche im Unterricht, weil sie schlicht Angst davor hat?

Lehrer tun sich oft schwer damit, Eltern über ihre Arbeit Rechenschaft zu geben. Besonders die Anwesenheit anderer Erwachsener im Unterricht kennen sie fast nur aus Prüfungssituationen. Ansonsten werden sie bei ihrer Arbeit im wörtlichen Sinne allein gelassen. Außer am Lernfortschritt und der Lernfreude ihrer Schüler und Schülerinnen haben sie keine Kontrolle über die Qualität ihrer Arbeit. Dass Kolleginnen gemeinsam unterrichten oder wechselseitig in ihrem Unterricht hospitieren, um sich Hinweise zu geben und voneinander zu lernen, das ist noch die Ausnahme.

Ansonsten aber haben Lehrer wenig Gelegenheit, sich am Urteil von Kollegen, die sie schätzen, festzuhalten. Sie sind deshalb oft recht unsicher, je nachdem, wie es in der eigenen Klasse gerade so läuft. Und da erscheinen Eltern, die hospitieren wollen, die Fragen stellen, die kritisieren, leicht als bedrohlich.

Lehrer haben auch den Umgang mit Eltern in ihrer Ausbildung kaum gelernt. Elternabende oder Elternsprechtage sind vielen eine unangenehme Pflicht; was darüber hinausgeht, ist eine zusätzliche Belastung. Während Eltern die Kontakte zur Lehrerin oft sehr wichtig finden, bedeuten sie für die Lehrer vielfach wenig geschätzte Mehrarbeit. Deshalb gestalten sich solche Kontakte dann leicht zu höflichen Bitten auf der einen und halbherzigem Gewähren auf der anderen Seite.

Halten wir also fest: Das Verhalten vieler Eltern den Lehrern gegenüber ist davon bestimmt, dass sie im Grunde Angst vor den Lehrern haben. Aber auch Lehrer haben Angst vor Eltern. Müsste es mit diesem Stand der Einsicht nicht möglich sein, sich gegenseitig klar zu machen, dass es unnötig und unpraktisch ist, wenn einer dem anderen den Buhmann vormacht?

Auch Lehrer haben Schwächen

Für manche Eltern, erst recht für viele Schüler mag es eine ungewohnte Perspektive sein, auch die Lehrerin als einen ganz normalen Menschen mit Stärken und Schwächen zu sehen, der auf das Wohlwollen der Eltern und Schüler ebenso angewiesen ist wie sie auf seines. Lehrer glauben oft, sie dürften eigene Schwächen oder Ängste auf keinen Fall merken lassen, weil sie damit an Autorität verlören. Aber nach meiner Erfahrung stimmt das nicht. Lehrer, die eigene Unzulänglichkeiten zugeben können, gewinnen damit oft an Verständnis und Sympathie bei Eltern und Kindern. Oder sehen Sie gern im Lehrer eine Galionsfigur, die keine Fehler haben darf?

Wenn die Lehrer von ihrem Sockel der Unfehlbarkeit steigen könnten, auf den sie sich oft aus eigenen Unterlegenheitsgefühlen geflüchtet haben, wenn beide zugeben könnten, dass bei den gegenseitigen Schuldzuschreibungen wahrscheinlich jeder ein bisschen Recht und ein bisschen Unrecht hat, dann könnten sie als gleichberechtigte Partner nach Lösungen für Probleme suchen, die man mit Schulkindern nun mal hat.

Es bringt nichts, nach Schuldigen zu suchen

Es ist im Grunde auch eine müßige Frage, wer an einem Zustand nun eigentlich Schuld hat. Die Suche nach einem Schuldigen führt nur dazu, dass der Betroffene sich zur Verteidigung herausgefordert fühlt. Und das hilft nicht weiter. Ich will das an einem Beispiel erläutern.

Ein Mädchen traut sich in der Schule nichts zu sagen, sitzt immer nur stumm auf seinem Platz. Die Lehrerin sagt: An mir kann das nicht liegen, denn ich bin immer freundlich zu den Kindern. Wahrscheinlich haben die Eltern zu Hause ihr Angst gemacht. Die Eltern sagen: Zu Hause ist unsere Tochter überhaupt nicht schüchtern, sondern nur in der Schule. Also muss die Lehrerin ihr Angst machen.

So werden sie nicht weiterkommen. Wichtiger und richtiger wäre es, zu fragen:

  • Unter welchen Bedingungen traut sich das Kind zu sprechen, unter welchen nicht?
  • Auf welchen Gebieten traut es sich etwas zu, auf welchen nicht?
  • Was können die Eltern, was kann die Lehrerin tun, um dem Kind seine Stärken bewusster zu machen, ihm seine Angst zu nehmen?

Gespräche unter Gleichen

Das Grundprinzip dabei ist, dass hier verschiedene Fachleute, – und Eltern sind auch Fachleute – die das gleiche Kind nur in unterschiedlichen Ausschnitten seines Lebens kennen, ihr Wissen und ihre Erfahrung zusammentragen, um ihm über eine Schwierigkeit hinweg zu helfen. Wenn man die Sache so ansieht, brauchen sich auch Eltern und Lehrer in ihrer Kompetenz nicht angegriffen zu fühlen, denn jeder hat dem anderen etwas voraus.

Eltern sollten sich nicht anmaßen, der Lehrerin in die Methoden hineinzureden, mit denen sie versucht, den Kindern das Malnehmen beizubringen, oder gar zu behaupten, das sei doch keine Kunst, das könne schließlich jeder. Sie müssen anerkennen, dass sie von diesem Gebiet mehr versteht. Aber vielleicht hat sie keine Ahnung davon, wie manche ihrer Eigenheiten auf die Kinder wirken, denn in der Schule sprechen sie darüber nicht, wohl aber zu Hause mit ihren Müttern.

Auf Elternerfahrung sind Lehrer oft auch angewiesen, wenn sie das soziale Klima in der Klasse verbessern möchten, wenn sie zum Beispiel zu ergründen versuchen, was den “big boss” der Klasse für seine Mitschüler eigentlich so attraktiv macht. Auf dem Gebiet haben nun wieder die Eltern mehr Ahnung, weil ihr Umgang mit den Kindern vertrauter ist, weil sie meist mehr von ihnen erfahren als die Lehrer.

Wenn in dieser Weise jeder die Erfahrungen des anderen achtet, die der ihm voraus hat, kann sich daraus eine gedeihliche, gleichberechtigte Zusammenarbeit ergeben. Leider fällt auch Lehrern diese Sicht oft schwer. Viele versuchen, Mütter wie Zuarbeiterinnnen zu behandeln. Dagegen müssen die Mütter sich wehren.

Es wird auch Konflikte geben

Zusammenarbeit soll allerdings nicht heißen, dass Eltern und Lehrer immer friedfertig und einträchtig an einem Strang ziehen müssten. Dass beide unterschiedliche Interessen haben, darf ebenso wenig geleugnet werden wie die Tatsache, dass eine unterschiedliche Sicht der Dinge oft auch Kritik aneinander enthalten wird.

  • Für eine Lehrerin ist das Unterrichten Beruf. Bei allem Einsatz für ihre Schüler und Schülerinnen hat sie doch auch das Interesse an einem möglichst stressarmen Arbeitsplatz und an geregelten Arbeitszeiten. Dieses Interesse haben Sie in Ihrem Beruf doch wohl auch.
  • Die Aufgabe der Lehrerin ist es, allen Kindern, die sie unterrichtet, gleichermaßen gerecht zu werden, keines zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Einzelne Eltern dagegen haben das berechtigte Interesse, dass ihr eigenes Kind so gut gefördert wird, wie es nur irgend möglich ist. Sie werden deshalb im Interesse ihres Kindes manchmal von der Lehrerin Verhaltensweisen oder ein Maß an Einsatz verlangen, das die aus ihrer Interessenlage verweigern muss. Das wird zu Konflikten führen, und die müssen ausgetragen werden, bis eine Lösung gefunden ist, mit der beide leben können.

Sich gegenseitig anzuerkennen kann auch nicht bedeuten, immer gleicher Meinung zu sein. Wenn ich zum Beispiel einem Lehrer berichte, dass seine angeblich spaßig gemeinten Bemerkungen wie: “Na, du hast wohl zu lange mit dem Kopf in der Sonne gelegen” die Kinder – oder zumindest mein Kind – kränken, dann sage ich ihm damit auch, dass er solche Sprüche bitte in Zukunft unterlassen möge. Aber ich sage es möglichst so, dass er die Kritik annehmen und sein Verhalten wirklich ändern kann, anstatt sich einzig zu der Entgegnung herausgefordert zu fühlen, dass mein Sohn schließlich seine Bemerkungen im Unterricht auch nicht immer auf die Goldwaage lege.

Nachdem ich also versucht habe, eine Grundhaltung zwischen Eltern und Lehrern zu beschreiben, wie sie mir wünschenswert erscheint, kommen wir jetzt zu einzelnen Verhaltensweisen, die im Umgang mit Lehrern mehr oder auch weniger zweckdienlich erscheinen.

Nicht nur über Leistungen reden

Beschränken Sie sich bei Gesprächen mit Lehrern und Lehrerinnen nicht auf das schmale Gebiet der Leistungen und des Benehmens. Damit riskieren Sie, dass die Lehrerin immer nur berichtet und Sie mehr oder weniger betreten zuhören. Sprechen Sie auch über die Auswirkungen der Schule auf Ihr Leben zu Hause, darüber, wie die Bemühungen der Lehrerin bei den Kindern oder doch bei Ihrem Kind “ankommen” , ob es gern lernt, ob es sich langweilt oder überfordert fühlt. Reden Sie über Hobbies und Angewohnheiten, über Freundschaften und Feindschaften unter den Kindern, über alltägliche Freuden und Kümmernisse. Damit die Lehrerin Ihres Kindes nicht nur eine Schülerin, sondern ein ganzes Kind kennen lernt.

Gern würde ich Sie auch auffordern zu rückhaltloser Offenheit der Lehrerin gegenüber, wenn eine Trennung der Eltern ansteht, der Vater die Familie verlassen hat oder die Mutter seelisch krank ist. Denn das hilft ihr, manches am Verhalten des Kindes besser zu verstehen. Da aber die Schule als Institution auch Macht hat, und nicht alle Lehrer nur guten Gebrauch von solchen Informationen machen, werden Sie wohl erst prüfen, ob die Lehrerin Ihres Kindes dieses rückhaltlose Vertrauen auch verdient.

Manche Eltern scheuen sich auch, eine festgestellte leichte Behinderung ihres Kindes aktenkundig zu machen, weil sie die Abstempelung mehr fürchten als eine Überforderung durch fehlendes Verständnis. Ich hoffe, dass sich solche Befürchtungen oft als unnötig erweisen, ausreden kann ich sie Eltern nicht.

Auch Anerkennung äußern

Gehen Sie nicht nur in die Schule, wenn es ein Problem oder etwas zu kritisieren gibt. Tauchen Eltern nur auf, wenn etwas im Argen liegt, ist es kein Wunder, wenn Lehrer vor ihrem Auftauchen Angst haben.

Lehrer brauchen auch die Anerkennung der Eltern, und das vor allem da, wo sie mit Anerkennung durch die Schule kaum rechnen können oder den Kindern zuliebe Unannehmlichkeiten riskieren.

  • Im Schulbetrieb fallen die Lehrer am wenigsten auf, deren Klassen ruhig sind und nicht zu Klagen Anlass geben. Das verführt zum ängstlichen Verharren im alten Trott. Wo aber eine was Neues ausprobiert, vielleicht neue Methoden, die die Freude der Kinder am Lernen steigern sollen, da riskiert sie schöpferische Unruhe, oder auch mal, dass ein Experiment mit Pauken und Trompeten daneben geht.
  • Begeisterte Kinder sind oft laute Kinder. Lehrer, die “Disziplin halten” , fallen seltener unangenehm auf als Lehrer, die die Kinder “lebendig” unterrichten.
  • Lob erntet man eher für Klassen, die nie unangenehm auffallen. Deshalb brauchen Lehrer, die Kinder begeistern oder das zumindest zu erreichen versuchen, noch dringender die Anerkennung und Rückenstärkung der Eltern, die diese kindliche Begeisterung zu Hause erfahren.

Reagieren aber Eltern nur, wenn es etwas zu kritisieren gibt, geben sie ihnen sonst keine Unterstützung, treiben sie die Lehrer zurück in die unangreifbare Langeweile.

Deshalb ist es unbedingt auch ein Gespräch mit der Lehrerin wert,

  • wenn Ihr Kind gern zur Schule geht und für seine Lehrerin schwärmt,
  • wenn es auf einmal Spaß z. B. am Schreiben bekommt,
  • wenn der Ausflug zu den Fischteichen ein wochenlang anhaltendes Interesse für Frösche und Kaulquappen zur Folge hatte.

Nach einer solchen Vorgeschichte kann die Lehrerin dann auch die Mitteilung leichter verdauen, dass sie die Kinder oft mit ihren Hausaufgaben überfordert oder mit einer dummen Bemerkung daneben getreten hat.

Kritik sinnvoll anbringen

Eltern sollen, was Lehrer sagen und tun, nicht kritiklos hinnehmen. Aber Kritik kann auf unterschiedliche Weise geäußert werden.

  • Kritisieren Sie nicht die ganze Person, sondern gezielt das Verhalten, das Sie für falsch halten. Also nicht: “Sie sind als Lehrerin unfähig” , sondern: “Die Hausaufgaben, die Sie aufgeben, können die Kinder ohne Elternhilfe oft gar nicht bewältigen” .
  • Vermeiden Sie pauschale Kränkungen, wie: “Die Lehrer wollen sich doch heute bloß das Leben leicht machen” .
  • Versuchen Sie nicht, der Lehrerin ihre Kompetenz streitig zu machen: “Diese neuen Methoden, das ist doch alles Mist!” Reden Sie aber ruhig von Beobachtungen, die Sie zu Hause gemacht haben: “Meine Tochter hat das Malnehmen, so wie Sie es erklärt haben, nicht verstanden” ; oder: “Uns ist aufgefallen, dass viele Kinder nur raten, wenn sie etwas lesen sollen” .
  • Lassen Sie der Lehrerin Gelegenheit, etwas zu erklären, bevor Sie eine Kritik aussprechen. Also nicht: “Sie geben Ihre Zensuren anscheinend nach Lust und Laune” , sondern: “Ich möchte gern wissen, nach welchen Maßstäben Sie die Niederschriften der Kinder zensieren.”
  • Bauen Sie Brücken, die das Annehmen der Kritik erleichtern: “Meine Tochter mag Sie sonst sehr gern, aber in letzter Zeit fühlt sie sich oft ungerecht behandelt” .
  • Sammeln Sie auch nicht einzelne Ärgernisse so lange, bis das Maß voll ist und überläuft, denn dann wird aus dem Gespräch leicht eine Generalabrechnung, und der Ton wird zu aggressiv.
  • Suchen Sie lieber häufiger ein kurzes Gespräch zwischen Tür und Angel, oder schreiben Sie eine Notiz ins Mitteilungsheft.

Ich sagte es schon, Ziel der Kritik soll nicht sein, Recht zu behalten oder den anderen herunter zu machen, sondern im Interesse der Kinder Verbesserungen zu erreichen. Und das erreicht man leichter, wenn man auch auf die Empfindlichkeiten des anderen Rücksicht nimmt. Dabei kann man in der Sache trotzdem zäh und konsequent bleiben.

Die Kinder einbeziehen

Gespräche über Schulthemen müssen durchaus nicht immer nur zwischen Eltern und Lehrern stattfinden. Oft wird es sinnvoll sein, die betroffenen Kinder mit einzubeziehen, besonders dann, wenn es um Fragen der Einstellung zueinander, um Missverständnisse oder wechselseitige Kränkungen geht. Den Versuch, das vom Alter her zu begrenzen, möchte ich erst gar nicht machen. Kinder pflegen um so eher verständig zu reagieren, je eher man ihnen das zutraut. Und was habe ich nicht schon für kluge Äußerungen von sechs- oder achtjährigen Kindern gehört.

Hausbesuche

Auch müssen solche Gespräche durchaus nicht immer in der Schule stattfinden. Lehrer begreifen viel mehr vom Verhalten eines Kindes, wenn sie es mal in seinem Zuhause, im Umgang mit seiner Familie erleben.

Der achtjährige Clemens zum Beispiel hat Probleme mit seinem Musiklehrer. Er möchte so gern während der Stunden auf dem Xylophon vorspielen, traut sich aber nie. Stattdessen macht er abfällige Bemerkungen, um seine Unsicherheit zu überspielen. Der Lehrer hält ihn für ruppig und uninteressiert und reagiert entsprechend. Zu Hause klagt Clemens der Mutter sein Leid, weil er sich missverstanden fühlt. Die Mutter fragt den Lehrer, ob er nicht mal auf eine Tasse Kaffee zu ihnen nach Hause kommen möchte, damit sie in Ruhe miteinander reden können. Und der Lehrer kommt wirklich! Er sieht sich Clemens‘ Poster an und streichelt seine Katze. Dadurch entsteht eine ganz andere Atmosphäre als bei Gesprächen in der Schule. Mit dem “Heimvorteil” und Mutters Verständnis im Rücken fühlt sich Clemens viel sicherer und kann Dinge sagen, die er in der Schule nicht sagen würde. Beide reagieren außerhalb der Schule mit ihren eingefahrenen Rollenklischees anders, können unbefangener miteinander reden. Alle drei haben zum Schluss das Gefühl, sich in einem ganz anderen Licht zu sehen als vorher.

Solche Hausbesuche der Lehrer bei den Schülern möchte ich gern zur Nachahmung empfehlen. Aber ich weiß, dass nur wenige Lehrer dazu bereit sind. Zum einen verzichten auch sie nicht gern auf den Heimvorteil, den sie haben, wenn die Gespräche in der Schule stattfinden. Zum anderen müssen sie solche Besuche meist in ihrer Freizeit machen, denn in ihrem Arbeitsplan sind sie nicht vorgesehen. Und auch bei vielen Eltern mag die Befürchtung vorherrschen: “Wenn die Lehrerin schon ins Haus kommt, muss es ja wirklich schlimm stehen!” Muss das so sein? Was würde passieren, wenn Ihr Kind die Lehrerin zum Geburtstag einlüde? Ich kenne einige, die würden kommen. Und ich kenne auch einige, die es sich nicht nehmen lassen, jedes Kind ihrer Klasse mindestens einmal zu Hause zu besuchen, auch ohne dass etwas Besonderes los ist.

Besuch im Unterricht

Kann der Hausbesuch einer Lehrerin zu mehr Verständnis für ein Kind verhelfen, so kann ein Besuch im Unterricht Eltern mehr Verständnis für die Aufgabe der Lehrerin einbringen. In vielen Bundesländern haben Eltern das Recht zu solchen Besuchen. Lehrer sind nicht immer begeistert davon, sie sind es nicht gewöhnt. Kommen Sie allerdings nur, um Ihr eigenes Kind im Unterricht zu beobachten, werden Sie enttäuscht sein. Denn Ihr Kind wird das erste sein, das sich an diesem Tag anders benimmt als sonst.

Wenn Sie allerdings nicht nach einer Stunde wieder weggehen, sondern einen ganzen Vormittag bleiben, ist die Chance recht groß, dass die Kinder (und auch die Lehrerin) Sie vergessen und zu ihrem normalen Verhalten zurückfinden. Und dann können Sie sicher eine Menge interessanter Beobachtungen machen, die auch der Lehrerin leicht entgehen, da sie ja in dieser Situation nicht so unbelastet ist wie Sie.

Wenn Sie dann später mit der Lehrerin über Ihre Beobachtungen sprechen, dann sagen Sie ihr zum Schluss ruhig auch, dass Sie jetzt viel besser verstehen, wie mühsam es ist, diesen quirligen Haufen mit Lust bei der Sache zu halten. Sie nehmen ihr damit sicher etwas von der Angst, Sie seien vor allem gekommen, um zu kontrollieren, ob sie ihrer Aufgabe auch gewachsen ist.

Gemeinsamkeit stärkt

Fragen Sie, wenn Ihr Kind Probleme in der Schule hat, immer auch bei den anderen Eltern nach, ob es deren Kindern genau so geht. Denn damit wird aus einem Einzelproblem, das man am besten auch in einem Einzelgespräch mit der Lehrerin löst, ein allgemeines, das gemeinsam bei der Elternversammlung besprochen werden sollte. Leider ist es oft noch üblich, dass Eltern einander nur Positives über ihre Kinder erzählen, das Problematische aber für sich behalten. Das ist sehr kurzsichtig. Denn es tröstet ungemein, wenn man feststellt, dass andere Leute die gleichen Sorgen haben. Und gemeinsam kann man vieles besser durchsetzen als allein.

Elternabende

Versuchen Sie die Atmosphäre auf den Elternabenden so zu gestalten, dass hier wirklich Gleichberechtigte miteinander reden können und nicht Abhängige sich einen Bericht anhören. Dazu trägt die Sitzordnung ebenso bei wie die Wahl der richtigen Elternvertreter oder der vorurteilsfreie Umgang der Eltern untereinander. Nehmen Sie auch die Rechte wahr, die das Schulrecht Ihres Landes Ihnen gibt. Wo, wie in Berlin, die Eltern diese Abende einberufen und leiten sollen, sollten sie diese Funktion nicht aus Unsicherheit an die Lehrer abtreten. Jeder wird zu Anfang unsicher sein, aber die Fähigkeiten wachsen mit den Anforderungen.

Verständnis hat Grenzen

Eines möchte ich aber bei allem Appell an gegenseitiges Verständnis nicht unter den Teppich kehren: Dass es auch Lehrerinnen und Lehrer gibt, die möchte man nicht besänftigen, die möchte man hart angreifen; dass es Lehrerverhalten gibt, das kann man einfach nicht verstehen, dagegen muss man etwas unternehmen.

  • Wenn eine Lehrerin sich auch durch massive Elternproteste nicht davon abbringen lässt, Erstklässler täglich mit seitenweisen Abschreibübungen zu traktieren,
  • wenn ein Lehrer meint, das laute Vorlesen besonders schlechter Arbeiten steigere die Motivation der Betroffenen, sich zu bessern,
  • wenn Lehrer Kinder drangsalieren, die Schule mit einem Kasernenhof verwechseln, aus fröhlichen Kindern kleine Doktoren machen möchten,

dann müssen Eltern auf diesen groben Klotz einen groben Keil setzen.

Ist die Lehrerin nicht zur Einsicht zu bringen, führt der nächste Weg zum Rektor. Diesen Weg würde ich aber wirklich erst empfehlen, wenn alle Versuche über die Lehrerin selbst zu nichts geführt haben. Denn ein Rektor fühlt sich in der Fürsorgepflicht für die Lehrer seiner Schule und wird versuchen, sie gegen unfaire Angriffe, und das sind zum Beispiel die, die ihn ohne Informierung der Betroffenen “hinten herum” erreichen, in Schutz zu nehmen. Kommt man auch beim Rektor nicht weiter, muss man sich an den zuständigen Schulrat wenden. Auch hier tun Eltern gut daran, wenn sie solche Konflikte möglichst nicht einzeln, sondern gemeinsam durchfechten. Bei gemeinsamen Aktionen ist die Angst geringer, das eigene Kind habe womöglich die unangenehmen Folgen solchen Engagements zu tragen.

Wenn sich nichts bewegt, können auch ein Schulstreik (nicht erlaubt, aber effektiv), ein gemeinsamer Besuch beim Schulamt oder ein Bericht in der Lokalzeitung zumindest öffentliche Aufmerksamkeit bewirken, die die Zuständigen in Zugzwang bringt. Kinder, die unter ungeeigneten oder tyrannischen Lehrern leiden, haben ein Recht auf so radikale Unterstützung. Die Eltern geben ihnen damit außerdem ein Beispiel an Zivilcourage, denn auch sie sollen sich ja später nicht alles gefallen lassen.

Autorin

Helga Gürtler ist Diplom-Psychologin. Sie schreibt Bücher und Zeitschriften-Artikel zu Erziehungsthemen, hält Vorträge, arbeitet mit Elterngruppen und in der Fortbildung von Erzieherinnen.

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