„Wir“ müssen noch Hausaufgaben machen !?

Wissenswertes über Hausaufgaben und die Frage, wie Eltern ihre Kinder gelassen unterstützen können

Prof. Dr. Britta Kohler
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Im Gespräch mit Eltern von Schulkindern fällt immer wieder der Satz „Wir müssen noch Hausaufgaben machen“. Kaum jemand stellt diesen Satz in Frage, mindestens nicht bei jüngeren Kindern. Offensichtlich gibt es eine breite Zustimmung in unserer Gesellschaft bezüglich der Vorstellung, Hausaufgaben seien eine Sache von Kindern und Eltern. Gleichzeitig formulieren Eltern – und ebenso Kinder – immer wieder, die häusliche Aufgabenbearbeitung sei schwierig, konflikthaft, wenig effektiv und für alle Beteiligten anstrengend.

Im Folgenden soll der Blick zunächst auf die Erwartungen gerichtet werden, die allgemein mit Hausaufgaben verbunden sind. Anschließend geht es darum, mit Hilfe von Forschungsergebnissen zu überprüfen, ob die Erwartungen auch begründet sind und die vermuteten Effekte erzielt werden. Nach durchaus ernüchternden Resultaten wird die Frage der elterlichen Hilfe thematisiert: Hilft die Hilfe wirklich? Wann und wie kann sie helfen? Hier finden sich dann insbesondere zwei Informationsblätter für Eltern: eines für die Grundschule und eines für die Sekundarstufe.

Wozu gibt es Hausaufgaben? Zur Frage ihrer Funktionen und Effekte

Hausaufgaben werden im Wesentlichen zwei Funktionen zugeschrieben, eine didaktische (oder leistungssteigernde) und eine erzieherische. Dies bedeutet, dass Hausaufgaben einerseits zu einer Leistungssteigerung im jeweiligen Fach führen sollen und ihnen außerdem die Förderung von Eigenständigkeit oder Selbstdisziplin zugeschrieben wird. Beide Erwartungen erscheinen zunächst durchaus einleuchtend. Doch was sagt die Forschung dazu?

Zur Frage der erzieherischen Bedeutung von Hausaufgaben gibt es keine belastbaren Forschungsergebnisse. Wie sollte auch beispielsweise die Eigenständigkeit von Schülerinnen und Schülern in einer Studie korrekt und objektiv festgestellt werden? Wie ließe sich ihre Entwicklung mit oder ohne bzw. mit mehr oder weniger Hausaufgaben überprüfen? Hier lässt sich also nicht auf belastbare Forschungsergebnisse zurückgreifen. In einer Diskussion wird aber schnell deutlich, dass sich Ziele wie Selbstdisziplin oder Eigenverantwortung kaum von alleine durch das bloße Aufgeben von Aufgaben erreichen lassen – vor allem nicht bei jenen Kindern, die in diesen Bereichen Defizite haben. Hier braucht es ein klares Anleiten, aufmerksames Begleiten und gemeinsames Nachdenken über erreichte Erfolge und Misserfolge und auch viel Geduld.

Ob sich mit Hausaufgaben Fachleistungen steigern lassen, wurde bereits vielfach überprüft, allerdings nur einige Male in Deutschland. Nimmt man alle vorhandenen Erkenntnisse zusammen, so stellt sich Ernüchterung ein: In der Grundschule haben Hausaufgaben im Durchschnitt nahezu keinen leistungssteigernden Effekt. In den nächsthöheren Schuljahren werden die Effekte etwas größer, sind aber noch immer eher gering. Erst ab etwa der neunten Klasse fällt der Effekt im Durchschnitt nennenswert aus – und damit in einer Zeit, in der Eltern kaum noch helfen und überdies Hausaufgaben häufig nicht mehr verpflichtend sind.

Diese Ergebnisse können viele Eltern kaum glauben: Warum soll es nicht helfen, wenn Kinder nachmittags nochmals üben und vertiefen? Auch wenn sich hier lange diskutieren ließe und es sicher immer besondere Einzelfälle gibt, soll an dieser Stelle nur eine kurze Zusammenfassung wichtiger Überlegungen erfolgen: Hausaufgaben bedeuten nicht nur einen Gewinn an zusätzlicher Lernzeit, sondern häufig auch einen Verlust von Zeit: Das Stellen der Hausaufgaben kostet Zeit, und das Kontrollieren und Besprechen benötigt teilweise sehr viel Zeit. Hinzu kommt, dass Lehrkräfte oftmals sehr leichte Aufgaben geben, um niemanden zu überfordern. Dies ist zwar durchaus gut gemeint, doch wird in solchen Fällen auch nicht viel beim häuslichen Arbeiten gelernt. Überhaupt sind gleiche Hausaufgaben für verschiedene Kinder zumeist nur für wenige hilfreich. Sie sind für die einen zu leicht und für die anderen zu schwer und bringen nur wenige weiter. Insofern kann sich kaum ein Effekt einstellen.

Doch was heißt dies für Eltern? Dies heißt, dass Eltern sich mit diesem Wissen bei den Hausaufgaben zurückhalten können und bei geringem kindlichen Arbeitseifer nicht gleich einen Leistungsabfall befürchten müssen. Denn sie wissen, dass sich der Schulerfolg ihres Kindes nicht an den Hausaufgaben entscheiden wird. Sie können sich zurücknehmen und sich sicher sein, dass umfangreiche Hausaufgaben kein Merkmal guten Unterrichts sind. Sie müssen sich nicht einmischen und aus Angst vor Versäumnissen gemeinsam mit dem Kind Hausaufgaben machen. Sie können im Falle von Ganztagsschulen auch weniger perfekte Ergebnisse aus betreuten Hausaufgabenzeiten akzeptieren. Auf diese Weise können sie in einem klar umgrenzten Feld Verantwortung abgeben. Und sie können bei der Frage, ob es zukünftig mehr oder weniger Hausaufgaben geben soll, eine begründete Position einnehmen.

Wie können Eltern ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen?

Im Folgenden finden sich Hausaufgabentipps für Eltern. Diese sind einmal für Eltern von Grundschulkindern und einmal für Eltern von Kindern ab der fünften Klasse formuliert. Sie beruhen unter anderem auf den Ergebnissen von Studien zur elterlichen Hilfe bei den Hausaufgaben. Diese zeigen ganz klar auf, dass ein Zuviel an Hilfe und vor allem ständige Einmischung und Kontrolle für eine schlechtere Leistungsentwicklung sorgen. Eltern, die es schaffen, ihrem Kind emotionalen Rückhalt zu geben und ihm gleichzeitig viel Selbstbestimmung einräumen, haben Wesentliches geleistet. Wenn es ihnen dann noch gelingt, gemeinsam mit dem Kind einen hilfreichen zeitlichen und räumlichen Rahmen für das Anfertigen von Hausaufgaben zu finden, sind sie auf einem guten Weg.

Die nachfolgenden Tipps berücksichtigen diese Überlegungen und könnenen Eltern sicherer und gelassener im Umgang mit den Hausaufgaben ihrer Kinder machen:

Weiterführende Literatur

Autorin

Dr. Britta Kohler ist Professorin für Schulpädagogik und Akademische Oberrätin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie in Tübingen wurde sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Dissertation „Problemorientierte Gestaltung von Lernumgebungen“ promoviert. 2004 erhielt sie einen Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Schulforschung und Schulentwicklung, insbesondere Hausaufgaben, der Umgang mit Heterogenität und die Entwicklung von Ganztagsschulen.

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eingestellt am 01.06.2017

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