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Das Konzept der Entwicklungsschemata – ein attraktiver Beobachtungsansatz für Eltern

Erstellt am 10. November 2009, zuletzt geändert am 28. April 2011

Michael Schnabel
 Foto: Michael Schnabel

Inhalt

1. Die Entwicklung der Kinder registrieren…

2. Was sind Entwicklungsschemata?

3.  Anfänge und Hintergründe des Schemata-Konzepts

3.1  Die Theorie kommt von Jan Piaget

3.2  Die praktischen Erfahrungen liefern die Early Excellence Centres

4. Wozu taugen Entwicklungsschemata?

5. Ein Schema allein genügt nicht!

6. Weiterführende Literatur und Medien

 

1. Die Entwicklung der Kinder registrieren…

„Mein Baby ist das schönste der Welt“, behauptet eine Mutter. „Mein Baby kann schon den Kopf heben.“ „Mein Baby hat sich schon vom Bauch auf den Rücken gedreht.“ „Letzte Woche hat mich mein Kind beim Wickeln aus vollem Herzen angelacht.“ „Gestern habe ich gesehen, wie unser Kind ganz konzentriert mit der Rassel gespielt hat.“ Solche Beobachtungen und Erfahrungen tauschen Mütter und Väter voller Begeisterung aus. Sie registrieren in den ersten Wochen und Monaten jeden Entwicklungsschritt. Denn gerade im ersten und zweiten Lebensjahr verändern sich der Säugling und das Kleinkind sehr schnell. Und vor allem sind es Veränderungen, die sehr offensichtlich sind und daher auch leicht beobachtet werden können. Kaum kann der Säugling sich auf dem Wickeltisch drehen, dann kommt schon bald das Robben, das Krabbeln, das Hochziehen, das Stehen und Gehen. Alles wichtige Entwicklungsschritte (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindliche-entwicklung/allgemeine-entwicklung/entwickelt-sich-mein-kind-normal-ein-entwicklungskalender-gibt-aufschluss) im ersten Lebensjahr, die die Eltern mit Freude und Wonne erleben und meist ganz enthusiastisch begleiten. Vor allem auch deshalb, weil sich bei einem kleinen Kind beinahe jeden Tag etwas Neues ergibt und die Eltern das neue Verhalten und neue Eigenheiten ihres Kindes ganz deutlich sehen. Die Beweglichkeit des Kindes, seine Körperbeherrschung und seine motorischen Fähigkeiten (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindheitsforschung/fruhe-kindheit/korperliche-und-motorische-entwicklung-im-sauglings-und-kleinkindalter) sind äußerst spannend zu verfolgen und zeigen eindrucksvoll, wie schnell ein kleines Kind dazulernt.

Allerdings werden der Säugling und das Kleinkind viel Neues dazulernen, das dem schnellen Blick verborgen bleibt, das erst mit geschickten Anordnungen und Experimenten offensichtlich wird. Beispielsweise: Wie läuft es mit der kognitiven Entwicklung (http://www NULL.familienhandbuch NULL.de/kindheitsforschung/fruhe-kindheit/forderung-der-kognitiven-entwicklung-in-der-familie) des Kindes? Wie gewinnt ein Kind Einsichten in Zusammenhänge? Wie lernt es Gesetzmäßigkeiten und logische Abläufe kennen? Wie kommt es der Ursache-Wirkung auf die Spur? Auf welche Weise gewinnt es Weltvorstellungen?

Die entwicklungspsychologische Forschung hält dazu viele Erkenntnisse und Modelle bereit. Aber wie sollen die Eltern ohne all die Versuchanordnungen diesen Dingen auf die Schliche kommen? Es gibt einen griffigen Ansatz – die Entwicklungsschemata! Wer entsprechende Schemata bei seinen Kindern beobachtet, der erhält einen plastischen Einblick in die geistigen Aktivitäten und Entwicklungsschritte seines Kindes.

2. Was sind Entwicklungsschemata?

Was kennzeichnet und charakterisiert ein Entwicklungsschema? Wie lässt sich ein Entwicklungsschema von einer spontanen und zufälligen Handlung des Kindes unterscheiden? Denn nicht jede Reaktion und jede spontane Äußerung des Säuglings oder des Kleinkindes entspricht den Anforderungen eines Schemas. Die beiden Forscherinnen Christine Karkow und Barbara Kühnel legen folgende Anforderung für ein Entwicklungsschema fest: „Ein Schema ist ein wiederholbares Verhaltensmuster, in welches das Kind seine Erfahrungen integriert. Kinder, die ihren Schemata folgend Dinge ausprobieren können, koordinieren ihre Handlungen, sammeln Erfahrungen und können diese für sich verarbeiten. Mit kontinuierlich zunehmenden Erfahrungen bilden sich komplexe Systeme der Aneignung der Welt.“1

Ein richtungweisendes Zeichen für das Erkennen eines Schemas ist die häufige Wiederholung einer Handlung. Beispielsweise bettelt der eineinhalbjährige Johannes: „Brauch Schlüssel! Brauch Schlüssel! Brauch Schlüssel!“ Wenn er dann den Autoschlüssel bekommt, hat er nichts Wichtigeres zu tun als das Auto aufzusperren und dann wieder zuzusperren. Hier ist jetzt vor allem Geduld angesagt, denn dieses Auf- und Zusperren, das kann sich zwanzig bis dreißig Minuten hinziehen. Aber er will nicht nur den Autoschlüssel, sondern auch den Wohnungsschlüssel, den Kellerschlüssel, den Toilettenschlüssel, den Schrankschlüssel, um immer und überall das Auf- und Zusperren üben zu können.

Wie groß soll die Häufigkeit sein, um von einem Entwicklungsschema sprechen zu können? Dies ist von Kind zu Kind und wiederum bei den einzelnen Schemata sehr verschieden. Beispielsweise ist Johannes vom Aufschließen des Autos so fasziniert, dass er über eine Stunde am Auto steht und den Schlüssel ins Schloss steckt und wieder herauszieht. Auch vom Zeitraum her erstreckt sich diese Phase über fünf Monate hinweg. Genauer gesagt handelt es sich dabei um das Schema „Schlüssel hineinstecken – Schlüssel herausziehen“. Dieses Verhaltensmuster ist auch bei anderen Schlössern zu beobachten.

Das Beispiel zeigt: Ein Entwicklungsschema ist leicht und schnell zu identifizieren. Und bei der bewussten Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf Schemata ist auf der Stelle eine Reihe von Mustern erkennbar.

3. Anfänge und Hintergründe des Schemata-Konzepts

3.1 Die Theorie kommt von Jan Piaget

Der französische Entwicklungspsychologe Jan Piaget hat sehr umfangreiche Studien zur Entwicklung von Kindern vorgelegt. Dabei ging er in seinen Untersuchungen von folgenden Grundsätzen aus:

  • Kinder erforschen bereits von Geburt an ihre Umwelt.
  • Sie versuchen sich immer differenziertere Erkenntnisse über die Welt anzueignen. Dabei lässt sich die kognitive Entwicklung von Kindern als Abfolge von Stufen darstellen.
  • Kinder sind in ihrem Forscherdrang intrinsisch motiviert. Sie brauchen keine Anregungen und Hinweise, vielmehr versuchen sie sich selbst den entsprechenden Durchblick zu verschaffen.

Wenn Kinder ihre Umwelt auskundschaften und soziale Prozesse erforschen, dann benutzen sie als kognitive Werkzeuge Schemata. Diese Schemata haben eine biologische und eine kognitive Komponente. Eine Reihe von Schemata besitzt das Kind bereits bei der Geburt: beispielsweise den Saug- und Greifreflex, das Horchen, Schauen, Strampeln und Lächeln. „Diese Ausgangswerkzeuge zum Begreifen der Welt setzt es wiederholt ein (z.B. Ergreifen eines weichen und eines harten Gegenstandes), verfeinert sie, gliedert sie in mehrere unterschiedliche auf, fügt sie neu zusammen (z.B. in Abfolge schauen, ergreifen zum Mund führen, daran saugen). Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres hat es sich auf diese Weise vorsprachliches physikalisches „Wissen“ erworben und kann sich recht kompetent im Raum bewegen und mit Gegenständen umgehen, auch in neuen Räumen und mit neuen Gegenständen, wenn diese von seinen bisherigen Umgangserfahrungen (Schemata) nicht zu sehr abweichen.

Neuere Forschungen legen nahe, dass die Kinder außer solchen Ausgangsschemata doch auch schon ein rudimentäres Wissen über das Verhalten von Objekten im Raum mitbringen, das sie dann durch Erfahrungen absichern, ergänzen und erweitern.“2 Piaget hat auch dazu Theorien entwickelt, wie Kinder ihre Schemata einsetzen, wenn sie neuen Anforderung gegenüber stehen. Dabei werden folgende zwei Formen der Auseinandersetzung benutzt: die Assimilation und die Akkomodation. In einem ersten Schritt versuchen die Kinder die Neuigkeit in ihr bisheriges Repertoire von Verarbeitungsmustern einzufügen. Sie assimilieren die neuen Erfahrungen. Wenn bei diesem Vorgang die vorhandenen Muster überfordert sind oder nicht ausreichen, so wird ein Muster so umgebaut, dass die neuen Erfahrungen eingeordnet werden können. Das Kind nimmt eine Akkomodation vor.

Neuere Forschungen aus der Entwicklungspsychologie zeigen: Bereits im zweiten Lebensjahr besitzen Kinder auch für soziale Vorgänge solche Schemata. Sie werden in der Forschung als Soziale Skripts bezeichnet.3

3.2 Die praktischen Erfahrungen liefern die Early Excellence Centres

Die kontinuierliche und gezielte Nutzung von Schemata in der Erziehung und Bildung von Kindern hat ihren Ausgangspunkt in pädagogischen Einrichtungen in Corby – einer Stadt in Nordengland. Dort wurde 1983 das Pen Green Centre für Familien und Kinder gegründet. Ein Team von Mitarbeitern aus verschiedenen Berufen ist dort tätig. Sie entwickelten den Early Excellence-Ansatz. Dieses Konzept war gleich von Beginn an auf die Einbindung von Eltern ausgerichtet.

In der pädagogischen Arbeit der Early Excellence Centres hat die Beobachtung der Kinder einen hohen Stellenwert, weil die Kinder entsprechend ihrer Entwicklungssituation und entsprechend den momentanen Lerninteressen gefördert werden sollten. Die beiden Elemente – Beobachtung des Kindes und Einbeziehung der Eltern ins Bildungsgeschehen – bedienen sich einer anschaulichen, praxisnahen und handlungsrelevanten Perspektive der kindlichen Entwicklung – dem Einsatz von Schemata. Die Informationen, die Beobachtungen und pädagogischen Anregungen sind derart konkret, praktisch und aus sich heraus verständlich, dass sie aus dem Stand heraus eingesetzt werden können und dass die Erkenntnisse ohne jede Einführung und Schulung sowohl von den Eltern als auch von den Pädagogen/innen diskutiert werden können. Das Vertrautwerden mit den Entwicklungsschemata führt zu einer neuen Sichtweise des kindlichen Verhaltens und der kindlichen Entwicklung. Es handelt sich geradezu um eine pädagogische Sehschule, die neue Sichtweisen auf das Kind eröffnen kann. Diese vorbildliche Bildung und Erziehung in den Einrichtungen von Corby wurde 1997 von der Regierung Englands auf mehrere Zentren übertragen. Im Jahre 2000 begann im Kindergarten an der Schillerstraße in Berlin der Versuch, die pädagogischen Erfahrungen mit dem Early Excellence Ansatz für deutsche Einrichtungen fruchtbar zu machen.

Die wissenschaftliche Fundierung und die Aufbereitung für die praktische Nutzung von Schemata erarbeiteten die englischen Forscherinnen Chris Athey und Tina Bruce.4 Sie haben den Ansatz von Piaget weiterentwickelt und für die konkreten Beobachtungen aufbereitet. Nach deren Ausführungen können bei den Schemata folgende zwei Aspekte unterschieden werden: ein dynamischer und ein konfiguraler Aspekt.5 Der dynamische Aspekt bezeichnet das veränderbare Element und der konfigurale Aspekt das fest gefügte und starre Element. Beispielweise dreht sich ein Kind tanzend im Kreis und auf der zweiten Stufe malt es Kreise. Also die Bewegung wird festgehalten. Entwicklungsschemata sind auch in einen kulturellen, zeitlichen und sozialen Kontext eingewoben. Der konzentrierte und lang andauernde Vollzug einer Handlung ist mitgeprägt durch vorhandene Einheiten und beobachtete Verhaltensmuster. Wenn beispielsweise die Mutter einen Kuchen backt und dabei Milch und Mehl zusammenschüttet, so wird die Bedeutung des Schüttens für das beobachtende Kind hoch besetzt. Der kulturelle Impuls hat Anregung und Motivation ausgelöst.

4. Wozu taugen Entwicklungsschemata?

Hier liegt kein unanschauliches und wissenschaftlich abgehobenes Konzept vor, wenngleich die Entwicklungsschemata von mehreren Seiten wissenschaftlich fundiert wurden. Ganz im Gegenteil: Entwicklungsschemata sind geradezu alltagstauglich und leicht handhabbar für die Mutter am Herd und den Vater an der Werkbank. Alle bisher angeführten Autoren unterstreichen immer wieder: Entwicklungsschemata eignen sich vorzüglich zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch zwischen sozialpädagogischen Fachkräften und Eltern, um die Interessen und Bildungsthemen des Kindes zu beschreiben. Sie sind ein pädagogisch-psychologisches Fachvokabular, das die Gespräche über die Entwicklung einzelner Kinder erleichtert und qualifiziert. Ein achtbarer Vorzug kommt noch hinzu: Entwicklungsschemata pressen Kinder nicht in ein Leistungskorsett. Vielmehr handelt es sich um Verhaltensmuster, die in sehr unterschiedlichen Altersstufen auftauchen können. So kann beispielsweise das Schema „Aufschließen – Zuschließen“ mit zwei Jahren auftauchen, aber auch Kinder mit fünf Jahren können am Aufschließen und Zuschließen ihre helle Freude haben.

Viele Erwachsene haben es bereits vergessen oder können es kaum noch glauben wegen der schlechten Erfahrungen mit der Schule: Lernen, Erforschen, Zusammenhänge erkunden kann mit Freude und Begeisterung gelingen, kann Glücksgefühle und Freudentänze provozieren. Die Beobachtung von Entwicklungsschemata liefert den durchschlagenden Beweis: Wer beispielsweise Kinder bei einer Aufgabe beobachtet, der wird oftmals kopfschüttelnd dabei stehen, wenn er erlebt, wie sie vor Begeisterung geradezu sprühen, wenn ihnen Aufgaben und Aktionen gelingen. Beispielsweise versuchen die Kinder auf dem Bild einen Schlüsselbund durch die Öffnung der Wäschetonne zu stecken. Wenn es ihnen gelingt, so biegen sie sich vor Lachen und führen Freudentänze auf. Ein Lehrbeispiel für all diejenigen Erwachsenen, die bereits vergessen haben: Lernen kann das höchste menschliche Vergnügen sein!

Das Beobachten von Entwicklungsschemata führt den Eltern eindrucksvoll vor Augen, welche Themen und Forschungsinteressen die Kinder aktuell beschäftigen. Zugleich wird deutlich, wie intensiv und engagiert die Kinder ihren Interessen nachgehen und mit welcher Ausdauer sie ihre Versuche durchführen. Mehr noch: Mit Hilfe des Schemakonzepts können sich Eltern Durchblicke und Einsichten erschließen. Beispielsweise erscheint Eltern nicht mehr ein sinnloses Tun, wenn ihre Kinder Papiertüten voller Sand von einem Eck ins andere tragen. Denn sie erarbeiten sich gerade das Schema „Transportieren“.

Entwicklungsschemata sind für Kinder, aber auch für Erwachsene – wie einige Forscher versichern -, die wichtigsten Werkzeuge, um die Welt und das menschliche Zusammenleben zu erkunden und zu meistern. Denn mit ihrer Hilfe werden mehrere Handlungen, Erfahrungen und Erlebnisse zusammengefasst und als Programm festgehalten. Somit sind die Kinder und auch die Erwachsenen in der Lage, eine Landkarte der Wirklichkeit anzulegen. Sie sorgt für Übersicht, Struktur und für abgewogene Urteile. Die Werkzeuge der Schemata ermöglichen den Menschen, blitzschnell Situationen zu durchschauen und angemessen reagieren zu können.
Die Beschreibung der bisherigen Leistungen lässt deutlich werden: Der Erwerb von Schemata legt die Strukturen für das Verständnis der Vorgänge in der Welt. Das Kind errichtet sich dadurch ein eigenes Weltbild.

5. Ein Schema allein genügt nicht!

Entwicklungsschemata zeigen handfest und konkret Interessen und Vorlieben von Kindern. Allerdings sollte eine Fixierung nur auf solche Muster vermieden werden, denn die Erfahrungen in den Early Excellence Centres haben gezeigt: Wenn Entwicklungsschemata beobachtet werden, so sind in der Regel auch folgende Basiskomponenten aktiv: die Engagiertheit und das Wohlbefinden des Kindes.

Der niederländische Wissenschaftler Laevers hat aufgezeigt: Die Qualität des Lernens bei Kindern ist eng verbunden mit der engagierten Auseinandersetzung und dem momentanen Wohlbefinden des Kindes.6 Wenn sich Kinder im hohen Maße wohl fühlen, dann können sie sich auch konzentriert und ausdauernd mit einer Aufgabe beschäftigen. Daher ergänzen die Basiskomponenten „Engagiertheit“ und „Wohlbefinden“ die Beobachtung von Entwicklungsschemata. Die bisherige Beschreibung einiger Beispiele illustriert eindrucksvoll, wie Kinder engagiert an einem Problem arbeiten können. Nach den Ausführungen von Laevers zeigt sich hohe Engagiertheit bei Kindern, wenn sie konzentriert sind, mit großer Energie beteiligt sind, kreativ und ausdauernd handeln, Zufriedenheit zeigen und dies verbal bestätigen. Beispielsweise zeigt sich Engagiertheit, wenn Johannes beim Auf- und Zuschließen sich durch nichts und niemanden stören lässt, wenn er mit voller Begeisterung dabei ist, dass geradezu seine Ohren glühen.

Schauen wir einem weiteren Kind auf die Finger bei seinem hoch engagierten Handeln. Jakob – gerade zwei Jahre alt – möchte beim Einsteigen ins Auto vorne auf den Fahrersitz. Warum wohl? Gleich wird es klar: Er will sich selbst den Sicherheitsgurt umlegen und diesen selbst einrasten. Soweit – so gut! Aber welch ein Einsatz und welch eine Ausdauer tritt zutage! Die Versuche dauern eineinhalb Stunden (also 90 Minuten!). Immer wieder beginnt das Handlungsschema von Neuem: Gurt herausziehen, Gurt über sich legen, Gurt einrasten, Gurt öffnen, Gurt zurücklaufen lassen.

Laevers gibt für den Grad der Engagiertheit des Kindes folgende Stufen vor:

Stufe 1: Das Kind zeigt keine Aktivität

Stufe 2: Das Kind unterbricht seine Aktivität häufig

Stufe 3: Mehr oder weniger andauerndes Interesse und Aktivität

Stufe 4: Deutliche Aktivität mit intensiven Momenten

Stufe 5: Anhaltendes intensives Interesse und ausdauernde Aktivität

Eine unverzichtbare Voraussetzung für hohe Engagiertheit ist, dass sich die Kinder in der jeweiligen Situation rundum wohl fühlen. Ohne ein solches Wohlgefühl ist hochkonzentrierte Beschäftigung und ausdauerndes Lernen nicht möglich. Entsprechend der Charakterisierung von Engagiertheit formulierte Laevers auch Kennzeichen, die das Wohlbefinden des Kindes beobachtbar machen. So zeigt ein Kind große Offenheit für neue Anregungen, wenn es sich wohl fühlt. Es ist kreativ und flexibel, entspannt und vital. Kinder, die sich wohl fühlen, sind gegenüber neuen Herausforderungen nicht ängstlich und können Anforderungen genießen. Sie stehen im Einklang mit sich selbst und zeigen Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen.

Das entwicklungspsychologische Konzept der Schemata bietet für Eltern und Pädagogen/innen faszinierende Einblicke in das Verhalten und in die Einwicklungsschritte der Kinder. Es liefert Anhaltspunkte zur Einschätzung, wie wohl sich Kinder in bestimmten Situationen fühlen und wie engagiert sie eine Lerngelegenheit aufgreifen.

Anmerkungen

1) Karkow, C.; Kühnel, B.: Das Berliner Modell – Qualitätskriterien im Early Excellence Ansatz, Berlin 2008, S. 22.

2) Vgl. Rauh, H. Schemata in der Entwicklung von Kindern. Was an Vorstellungen von kindlichen Lernmustern dran ist. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik H. 9/10, 2004, S. 22

3) Vgl. Kasten, H.: Soziale Kompetenzen. Entwicklungspsychologische Grundlagen und frühpädagogische Konsequenzen, Berlin Düsseldorf Mannheim 2008, S. 80.

4) Athey, C.: Extending Learning: A Parent –Teacher Partnership, London 1990. Und: Bruce, T.: Early Cildhood Education, London 1997.

5) Vgl. Wilke, F.: Schemata. Eine Theorie kindlicher Bildungsprozesse. In: Hebenstreit-Müller, S.; Kühnel, B. (Hrsg.): Kinderbeobachtung in Kitas. Erfahrungen und Methoden im ersten Early Excellence Centre in Berlin, Berlin 2004, S. 55.

6) Vgl. Laevers, F.: Die Leuvener Engagiertheits-Skala für Kinder LES-K, Leuven: Centre for Experimental Educatrion 1997.

6. Weiterführende Literatur und Medien

Athey, C.: Extending Learning: A Parent-Teacher Partnership, London 1990
Bruce, T.: Early Childhood Education, London 1997.

Edelmann, K.: „Schemas“ Frühkindliche Verhaltensmuster als Ausgangspunkt sozialpädagogischen Handelns, Esslingen 2008.

Hebenstreit-Müller, S.; Kühnel, B. (Hrsg.): Kinderbeobachtungen in Kitas. Erfahrungen und Methoden im ersten Early Excellence Centre in Berlin, Berlin 2004.

Hebenstreit-Müller, S.; Lepenies, A. (Hrsg.): Early Excellence: Der positive Blick auf Kinder, Eltern und Erzieherinnen: Neue Studie zu einem Erfolgsmodell, Berlin 2007.

Karkow, C.; Kühnel, B.: Das Berliner Modell – Qualitätskriterien im Early Excellence Ansatz, Berlin 2008.

Kasten, H.: Soziale Kompetenzen. Entwicklungspsychologische Grundlagen und frühpädagogische Konsequenzen, Berlin Düsseldorf Mannheim 2008.

Laevers, F.: Die Leuvener Engagiertheits-Skala für Kinder LES-K. Leuven: Centre for Experimental Education 1997.

Piaget, J.: Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde, Stuttgart 1969.

Piaget, J.: Das Weltbild des Kindes, Stuttgart 1992.

Rauh, H.: Schemata in der Entwicklung von Kindern. Was an der Vorstellung vom kindlichen Lernmuster dran ist. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, H. 9/10, 2004, S. 22-25.

Ulich, M.; Mayr, T.: Engagiertheit und emotionales Wohlbefinden. Eine neue Perspektive für die pädagogische Arbeit? In: Kindergarten heute H. 6, 1996, S. 3-9.

Whalley, M. und das Pen Green Centre Team: Eltern als Experten ihrer Kinder. Das „Early Excellence“ Modell in Kinder- und Familienzentren, Berlin 2008.

Wilke, F.: Der positive Blick auf das Kind. Bildungsprozesse von Kindern – beobachtet im ersten Early Excellence Centre in Berlin, Berlin 2004, Video-Kassette

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik

Eckbau Nord

Winzererstraße 9

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Tel.: 089/99825-1929

E-Mail: Michael Schnabel (michael NULL.schnabel null@null ifp NULL.bayern NULL.de)