Projekttage im Hort
Erstellt am 14. Februar 2003,
Bernd Becker-Gebhard

Lernfördernde Bedingungen
Die Delphi-Studie nennt einige Lernmethoden bzw. -orientierungen, die z.B. für die Gestaltung von Bildungsangeboten in Horten eine wichtige Grundlage darstellen: Fächerübergreifendes Lernen, projektbezogenes Lernen, Lernen im Team, selbstgesteuertes Lernen in eigener Verantwortung sowie Lernen mit Medien.
Wenn die Rolle von Schulkindern im Lernprozess bisher eine eher passive, die Angebote des Horts entgegennehmende war, so soll nun die Eigeninitiative des Kindes gefördert und ermöglicht werden. Lernende Kinder und Jugendliche können “Entdeckungs-reisende”sein, die zusammen mit anderen Kindern und mit Unterstützung der Hortfachkräfte, mit Forschergeist und mit einer großen Portion Neugier neues Wissen erschließen und neue Kenntnisse erwerben. Sie setzen im Rahmen von Projekten inhaltliche Schwerpunkte und bestimmen selbst den Fortgang ihrer Tätigkeit.
Aus der Perspektive der Hortfachkräfte ergibt sich die Notwendigkeit, die Rolle eines Beraters und Moderators von Lernprozessen anzunehmen. In dieser Rolle unterstützen Erzieherinnen und Erzieher die Versuche der Kinder, verantwortlich zu handeln, und helfen dabei mit, den Kompetenzerwerb des Projektteams zu organisieren.
Zielsetzungen der Projekttage mit Schulkindern
In der Zeit von Mitte Januar 1998 bis Mitte Juli 1998 wurden im Rahmen der Studie zu “Lebensbedingungen und Lebensqualität älterer Schülerinnen und Schüler in bayerischen Horten” in verschiedenen Horten in Bayern Projekttage durchgeführt.
Die in den Horten betreuten älteren Schulkinder sollten über ihre Teilnahme an der schriftlichen Befragung hinaus im Verlauf von Projekttagen die Gelegenheit erhalten, ihre eigene Sichtweise zu wichtigen Themen im Bereich der Familie, der Schule oder der Gleichaltrigengruppe darzustellen. Folgende Grundsätze prägten den Charakter dieser Angebote: Freie Entscheidung der Kinder über ihre Teilnahme, selbstbestimmte Auswahl der Themen, freie Entscheidung über die Bearbeitung der Themen, weitgehende Verantwortung der Kinder über die Durchführung der Projekte und gemeinsame Auswertung der Erfahrungen und Ergebnisse.
Erfahrungen der Projekttage mit Schulkindern
Vorstellung der Thematik
Alle Kinder und Jugendlichen der beteiligten Horte wurden bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Hortgruppen über die Zielsetzungen der Studie zu Lebensbedingungen und Lebensqualität von Schulkindern in bayerischen Horten informiert. Den Kindern wurde dargelegt, dass zur Lebenssituation eines Schulkindes z. B. seine Familie mit seinen Eltern, den Geschwistern, die Wohnung, das eigene Zimmer gehört sowie die Schule mit den LehrerInnen, den Klassenkameraden, das Klassenzimmer und die Schulnoten. Zur Lebenssituation von SchülerInnen gehören aber auch die Freizeit, die Freundinnen und Freunde, die verschiedenen Unternehmungen, Fernsehen, Kino oder Computerspiel. Für die Erarbeitung neuer und attraktiver Angebote im Hort sei es erforderlich, einiges über diese Lebensbereiche und wie sie es ihnen in diesen Bereichen geht zu erfahren , und zwar “aus erster Hand”, d.h. von den Hortkindern selbst.
Jede Schülerin, jeder Schüler sollte sich frei entscheiden können, ob sie bzw. er an den Projekttagen teilnimmt, welches Thema sie/er bearbeiten will, ob sie/er dies allein oder mit anderen Kindern tun möchte und auf welche Weise sie/er an das gewählte Thema herangehen möchte (z. B. im Gespräch, im Interview, auf schriftliche Weise, durch das Malen eines Bildes, durch eine Arbeit z. B. mit Gips, mit einer Theatergruppe, die ein gemeinsames Stück schreibt und darstellt, oder im Rahmen eines Videofilms, der vielleicht Szenen aus dem Leben von Kindern zeigt).
Zu möglichen Projektthemen gab es schnell eine Reihe von Vorschlägen, die vor allem von Jungen vorgetragen wurden und z. T. Gelächter unter den Kindern auslösten: “Wir wollen eine Schlägerei spielen”, “Wir machen einen Krimi”, “Wir machen eine Zeitung und brauchen dafür einen Computer”. Einige Kinder äußerten den Wunsch, sich gegenseitig interviewen zu wollen.
Die beteiligten Hortfachkräfte begegneten dem Angebot, Projekttage für die Kinder und Jugendlichen ihrer Horte zu Lebensbedingungen und Lebensqualität durchzuführen, zum großen Teil mit Offenheit und stellten ihre Unterstützung in Aussicht. Es gab einige Diskussion zu organisatorischen Problemen im Zusammenhang mit dem gewohnten Tagesablauf, und zwar vor allem bezüglich der Vereinbarkeit der neuen Projekte mit der notwendigen Erledigung der Hausaufgaben (“Erst die Hausaufgaben, dann die Projekte”).
Der offene Charakter der Projekttage, die den Kindern viel Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung hinsichtlich der Zielsetzungen, der Beteiligung und Gestaltung etc. einräumten, löste bei einigen Fachkräften Unsicherheit aus. Es wurde deutlich, dass solche Projekttage mit einem hohen Anteil an Beteiligung der Kinder sowohl für die beteiligten Kinder als auch für die Hortfachkräfte eine Aufgabenstellung bedeuten können, die nicht ohne weiteres mit den vorhandenen Kompetenzen zu bewältigen ist, sondern eine Weiterentwicklung auf mehreren Ebenen (bei Kindern, Hortfachkräften, Team, Eltern, Träger) verlangen kann.
Zeit, Räume, Material und Gespräch für Schulkinder
Es sollte für die Kinder im Verlauf der Projekttage genügend Zeit, Raum, Material sowie Gesprächsmöglichkeiten mit dem für die Untersuchung Verantwortlichen bereitstehen, damit sie diejenigen Aspekte bearbeiten, d.h. formulieren, ausdrücken, besprechen und gestalten konnten, die sie aus ihrer Sicht für am wichtigsten hielten. Damit war eine große Anforderung an die Hortfachkräfte und den Untersucher gegeben, denn die Kinder nahmen die vier Angebote (Zeit, Raum, Material und Gespräche) sehr unterschiedlich wahr und nutzten sie z. T. sehr anspruchsvoll. Manche Kinder verlangten z. B. zahlreiche zeitliche Änderungen, die nicht immer erfüllt wurden (mit Hinweis auf vereinbarte Termine).
Zahlreiche Kinder zeigten ein großes Interesse an Gesprächen mit dem Untersucher, und zwar vor allem die Jungen, die es sehr begrüßten, dass endlich wieder einmal ein Mann im Hort für sie greifbar war, an den man alle möglichen Anliegen herantragen wollte. Die Mädchen verhielten sich zurückhaltender, beobachteten zuerst einmal das Geschehen und ließen sich erst allmählich auf Gespräche ein.
Ständig im Einsatz war eine Videokamera, um festzuhalten, was gerade ausprobiert wurde an Sketchen, Tanzübungen, Interviews, gemeinsamen Gesprächen und irgendwelchen spontanen Einfällen. In den meisten Einrichtungen gab es zu vereinbarten Zeiten die Möglichkeit, die Turnhalle oder auch der Gruppenraum für die vorgesehenen Aktivitäten zu nutzen.
Bildung von Projektgruppen und bearbeitete Themen
Bei einigen Horten nahm der Entscheidungsprozess der Kinder über Teilnahme, Wahl des Themas und Bildung der jeweiligen Projektgruppe mindestens zwei Termine des Besuchers in Anspruch, weil es entweder einen Themenwechsel gab oder sich die Zusammensetzung der jeweiligen Gruppe veränderte, wenn jemand nicht mehr mitmachen wollte oder ein neues Kind hinzukam. Einige Kinder wollten zwar an den Projekttagen teilnehmen, zogen es aber vor, sich allein mit einem Thema zu beschäftigen. Es gab keine gemischten Gruppen mit Mädchen und Jungen, sondern nur reine Mädchen- oder Jungengruppen.
Die beteiligten Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich allein oder in ihren Gruppen mit folgenden Themen:
- Probleme und Auseinandersetzungen in der Schule,
- Sexualität, Beziehungen zwischen Mädchen und Jungen,
- Gewalt zwischen Schüler/innen,
- berufliche Zukunft – eigene Lebensperspektive,
- Konsum von Drogen (Alkohol, Nikotin),
- Eigenständigkeit – Jugendkultur.
Probleme und Auseinandersetzungen in der Schule
Einige Kinder thematisierten ihre schlechten Schulnoten, die Strenge einiger Lehrkräfte, den Umfang der Hausaufgaben, ihre Angst vor den Eltern und ihr schlechtes Gewissen im Hinblick auf die eigenen Leistungen. Ein Junge verfasste einen kurzen Sketch, in dem ein Schüler mit einer “Sechs” in Mathematik und ein arbeitsloser Journalist gemeinsam von dem Dach eines Hochhauses springen wollten.
Andere berichteten in Interviews von Streitigkeiten in der Schule, die z. T. sehr aggressiv ausgetragen werden. Einige SchülerInnen betonten, dass Schlägereien weit verbreitet seien, bei einem Konflikt werde gar nicht erst miteinander gesprochen, sondern gleich zugeschlagen.
Jugendliche der achten Jahrgangsstufe berichteten auch von Problemen mit Lehrkräften und von schlechten Schulnoten.
Sexualität, Beziehungen zwischen Mädchen und Jungen
Auf verschiedene Weise zeigte sich im Verlauf der Projekttage die große Bedeutung dieser Thematik für die Kinder und Jugendlichen. In den meisten Cliquen waren entweder nur Mädchen oder Jungen. Allerdings gab es bei den älteren SchülerInnen zwischen Mädchen und Jungen auch erste Liebesbeziehungen.
Während Mädchen offenbar eher zurückhaltender und in Gesprächen mit Freundinnen sich mit sexuellen Fragen beschäftigten, trat diese Thematik bei den Jungen oft mit großer Deutlichkeit nach außen. Manche Schüler verwendeten sehr häufig abwertende Begriffe, wurden ungestüm oder sehr unsicher, wenn Mädchen in der Nähe waren.
Mädchen schienen schon mehr von sich, ihrem Körper und ihren Gefühlen begriffen zu haben als die meisten Jungen, die sehr viel Wert darauf legten, alles unter Kontrolle zu haben und bei allem einen “coolen” Eindruck zu machen. Diese Unterschiede zeigten sich z. B. bei einem Angebot, afrikanische Rhythmusinstrumente kennen zu lernen, mit ihnen umgehen zu lernen und zu probieren, mit Hilfe des einen oder anderen Instruments den eigenen Rhythmus und eigene Gefühle aufzuspüren.
Gewalt zwischen Schulkindern
Eine Gruppe von drei Jungen spielte in einer Szene nach, wie zwei Jungen einen anderen wegen eines kleinen Anlasses auf brutale Weise verprügelten. Die Jungen berührten sich beim Spielen der Gewaltszene kaum, aber die von ihnen angedeuteten Schläge und Fußtritte zeigten, dass sie ein großes Repertoire an Möglichkeiten kennen, anderen Menschen erhebliche Verletzungen zuzufügen. Die Schüler betonten, dass sie selbst sich niemals so brutal verhalten würden. Sie berichteten, dass sie auf der Straße schon einige Male Augenzeuge sehr aggressiver Prügeleien zwischen Jugendlichen waren.
Einige Schülerinnen berichteten in Interviews über ihre Angst manchen Klassenkameraden gegenüber, die bei jeder Gelegenheit losschlagen würden. Mit denen könnte man kein Wort sprechen.
Die Auseinandersetzung mit Aggressionen ist vor allem für die Jungen ein bedeutsames Thema. “Wie kann ich mich wehren, wenn mich jemand angreift, welche Aggression ist in einer bestimmten Situation angemessen?” Die meisten männlichen Schüler wollten sich etwas ausdenken, etwas spielen, was mit Gewalt zu tun haben musste, etwas sollte immer passieren. Auf der anderen Seite wollten sie sich nicht damit beschäftigen, wie das mir ihren eigenen Aggressionen aussieht, was sie vielleicht alles tun könnten, um großen Ärger und große Wut loszuwerden.
Berufliche Zukunft – eigene Lebensperspektive
Die älteren Schulkinder – vor allem die Hauptschüler ab etwa 8. Jahrgangsstufe – beschäftigen sich zunehmend mit ihrer beruflichen Zukunft und thematisieren auch Aspekte, die mit möglichen Lebensperspektiven zusammenhängen. Viele hatten bereits Praktika in Firmen absolviert und erste Erfahrungen mit dem Berufsleben gemacht. Manche Jugendliche waren sehr nachdenklich, wenn es um die Frage ging, ob sie mit ihren bisherigen Schulnoten überhaupt eine Lehrstelle finden werden. Einige stellten resigniert fest: “Mit meinen Noten finde ich eh nichts. Ich such’ mir einfach eine Arbeit, und für die Schule mach’ ich überhaupt nichts mehr.” Eine Reihe von SchülerInnen hatte bereits eine Lehrstelle in Aussicht und freute sich sehr darauf, endlich die Schulzeit beenden und etwas Neues beginnen zu können.
Konsum von Drogen (Alkohol, Nikotin)
Dass der Umgang mit Drogen zu den bedeutendsten Entwicklungsaufgaben im Schulalter gehört, zeigten die Mitteilungen zahlreicher SchülerInnen, die im Rahmen der Projekttagen eigene Erfahrungen beim Konsum von Alkohol und Nikotin ansprachen und über Erlebnisse bzw. Ereignisse im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Alkohol im Freundeskreis, innerhalb der Familie und bei öffentlichen Festen berichteten.
Eigenständigkeit – Jugendkultur
Die meisten Kinder und Jugendliche äußerten ein großes Bedürfnis, sowohl im Hort als auch in der Schule ihre Kultur leben zu können – wenigstens in einem bestimmten Umfang. Sie wollen ihre Kleidung vorzeigen, ihre Musik hören, ihre Sprache sprechen und ihre wichtigen Themen diskutieren dürfen und dadurch zeigen, dass sie ein eigenes Verständnis vom Leben, von ihrem Leben haben, das sie von den Erwachsenen, ihren Eltern und Lehrern unterscheidet.
Über das Bedürfnis hinaus, das eigene Verständnis vom Leben auch leben zu dürfen, schienen viele SchülerInnen daran interessiert zu sein, darüber eine Auseinandersetzung mit den Lehrkräften führen zu können, nicht nur im Sinne einer Konfrontation, in der die eigenen Standpunkte überdeutlich zum Ausdruck kommen, sondern auch zu dem Zweck eines Austauschs über unterschiedliche Auffassungen und Meinungen. Ein solcher Austausch, wenn er denn zugelassen werden könnte, würde einige wichtige Erfahrungen ermöglichen, die für die weitere Entwicklung der SchülerInnen von großer Bedeutung ist:
- Jeder Mensch hat das Recht auf eigene Auffassungen und Meinungen,
- Zusammenleben und Zusammenarbeiten ist trotz verschiedener Auffassungen und Meinungen möglich,
- Auffassungen und Meinungen können diskutiert werden, sie sind auch veränderbar,
- SchülerInnen werden von Pädagogen als Partner ernst genommen und entsprechend an der Gestaltung von Hort und Schule beteiligt,
- SchülerInnen werden auch dann von ihren erwachsenen Partnern getragen und unterstützt, wenn sie einen Umweg eingeschlagen haben.
Planung der Projekte
Es war für die meisten Kinder und Jugendlichen eine bedeutsame Erfahrung und für viele die erste Gelegenheit, so umfassend über die Festlegung der Ziele, der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, den zeitlichen Ablauf, die benötigten materiellen Ressourcen, die Dokumentation und die Reflexion der Erfahrungen bzw. Ergebnisse eines Vorhabens mitbestimmen zu dürfen und zu sollen.
Manche SchülerInnen hatten z. B. Mühe, ihre Ideen rechtzeitig in die Gruppe einzubringen und so zu formulieren, dass ihre Anliegen für die anderen verstehbar waren. Andere zeigten wenig Rücksichtnahme auf den Diskussionsverlauf, sondern versuchten immer wieder, andere zu unterbrechen und den Planungsprozess zu dominieren. Schnell war erkennbar, wer die Gruppe führen wollte, wer sachliche Beiträge beisteuerte, wer sich unterordnete und wer eine Außenseiterrolle übernahm.
Auch hinsichtlich des Realitätsgehaltes der angestrebten Vorhaben stieß die Gruppe häufig auf Probleme, wenn z. B. klar wurde, dass in der Planung für ein Theaterstück keine Zeit für die Einübung der Rollen vorgesehen, die erforderlichen Requisiten noch nicht bestimmt waren oder noch nicht überlegt worden war, wo die Handlung stattfinden sollte.
Neu war für die meisten SchülerInnen der Hinweis, dass die Planung aufgeschrieben werden sollte, dass es sinnvoll ist, sich über den Verlauf des Projekts Notizen zu machen, wichtige Abläufe zu fotografieren oder möglichst viel mit der Videokamera festzuhalten, damit es später leichter möglich ist, über das gesamte Projekte nachzudenken und z. B. festzustellen, inwieweit die gemeinsame Planung tatsächlich durchgeführt wurde.
Wenig geübt waren die SchülerInnen im Hinblick auf die Verwendung von Informationsquellen wie Lexika, Fachbücher und Recherchen im Internet. Sie schienen eher angeleitete Tätigkeiten ausführen zu können und bisher seltener die Gelegenheit bekommen zu haben, ein Thema eigenständig – selbsttätig – zu bearbeiten.
Durchführung der Projekte, Dokumentation und Reflexion
Es wurde sehr häufig ausprobiert, verändert, bewertet und neu geplant. Die Zusammensetzung der Gruppe änderte sich des öfteren, weil jemand gerade an diesem Tag, wo die Arbeit weitergehen sollte, keine Lust mehr hatte, weil jemand neu hinzugekommen war oder weil es gerade heute eine solche Menge an Hausaufgaben zu bewältigen gab, dass keine Zeit mehr für das Projekt übrig schien. In einigen Fällen bestanden trotz vereinbarter Termine die Hortfachkräfte darauf, dass zuerst die Hausaufgaben erledigt werden mussten, bevor an dem Projekt weitergearbeitet werden durfte.
Die ausgewählten Projekte stellten die Kinder und Jugendlichen z. T. vor beträchtliche Anforderungen an ihr Durchhaltevermögen und an ihr Vertrauen darin, unerwartet auftretende Probleme überwinden zu können. Es konnte schon bei geringen Schwierigkeiten (das Papier war ausgegangen, ein Stift oder eine Requisite fehlte, der Computer machte Schwierigkeiten etc.), wegen eines Streits in der Hortgruppe oder wegen einer schlechten Note geschehen, dass die Motivation zur Fortsetzung der Projektarbeit am Nachmittag auf Null gesunken war.
Obwohl die an den Projekttagen beteiligten SchülerInnen ihre Themen und die Arbeitsplanung in eigener Entscheidungskompetenz bestimmt hatten, war es für die meisten unmöglich, etwas Schriftliches zur Unterstützung der Projektdokumentation beizutragen.
Am Ende der Projekttage wurden Gespräche mit den Kindern geführt, um die vorhandenen Ergebnisse und Erfahrungen einzuschätzen. Diese Aufgabenstellung war für manche Kinder etwas Ungewohntes. Die meisten Kinder zeigten großes Interesse daran, die von den verschiedenen Aktivitäten angefertigten Videoaufnahmen anzusehen und sich in ihrer Projektgruppe mit den andern Kindern auszutauschen. Es gab zahlreiche Hinweise und Vorschläge für die weitere Arbeit. Einige konnten allerdings am späten Nachmittag, kurz vor dem Verlassen des Hortes, nicht mehr genügend Geduld für eine Besprechung aufbringen.
Bedeutung der Projekttage
Die Teilhabe der Kinder und Jugendlichen an den Fragen des Hortes wie z. B. der Gestaltung des Tagesablaufs, der Festlegung von Regeln, der Durchführung des Mittagessens, der Auswahl von Spielmaterial oder der Festlegung der Lernzeiten ist aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Sicht d e r Schlüssel zu erfolgreicher Bewältigung der Aufgaben des Hortes. Vor allem Projekte bieten eine hervorragende Möglichkeit, die Perspektive der Schülerinnen und Schüler einzubeziehen und die von allen Beteiligten (Kinder, Jugendliche und Erwachsene) benötigten Kompetenzen zur Kooperation weiterzuentwickeln.
Bedeutung für die Kinder
Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen die Entwicklungsbereiche “Kommunikation mit anderen Kindern und mit Erwachsenen”, “Sprache bzw. Ausdrucksvermögen”, “Umgang mit sich selbst”, “Selbstvertrauen und Selbstbestimmung”, “Kompetenzen zur Beteiligung – Teamarbeit”, “Interessen und Motivation”, “Positionsbestimmung in der Gruppe, die “Handlungsmodelle”, “Identität mit der Gruppe – gemeinsames Erleben”. Weiter sind Auswirkungen der Projekttage auch im Hinblick die nichtbeteiligten Kinder zu bedenken.
In der Vorbereitung und Durchführung von Projekten unternahmen die Kinder und Jugendlichen in Kooperation mit Hortfachkräften eine Abfolge von Schritten und organisierten sich individuelle Erfolge auf ihrem Weg zum Projektziel. Solche Erfahrungen sind für die Bewältigung künftiger Aufgaben in verschiedenen Lebensbereichen von großer Bedeutung.
Die Projekte verlangten eine Vielfalt von Fähigkeiten und Kenntnissen sowie die Bereitschaft (Motivation) zur Überwindung von Hindernissen. Ablauf und Inhalte waren sehr vielfältig, so dass es genügend Handlungsmöglichkeiten nicht nur für sehr kompetente Projektteilnehmer/innen gab, sondern auch für solche mit weniger Wissen, Erfahrung oder Selbstvertrauen, so dass auch “schwächere” Kinder ihre Position im Projekt erhielten und die Erfahrung machten, zum Gelingen beitragen zu können.
Da die Gelegenheit zur Beobachtung positiver Modelle eine Voraussetzung menschlicher Entwicklung darstellt, war es für Kinder und Jugendliche sehr wichtig mitzuerleben, dass Erwachsene oder Gleichaltrige gemeinsam Aufgaben, Konflikte und Probleme lösen konnten, indem sie miteinander sprachen, über verschiedene Alternativen verhandelten, ihre jeweiligen Bedürfnisse und Interessen artikulierten, ihre Kompetenzen einbrachten, gemeinsame Ziele aushandelten und sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigten. Hierbei erfuhren sie, dass die Betrachtung von Dingen und Themen sowie auch der eigenen Probleme meistens aus verschiedenen Perspektiven möglich war, die abgewogen und miteinander verknüpft werden konnten.
Für die Hortgruppe, die beteiligten Schülerinnen und Schüler war die Erfahrung einer gemeinsamen emotionalen Grundlage (z. B. Begeisterung für ein Projekt) mit positiven Auswirkungen auf Motivation, Arbeitshaltung und Engagement für künftige Aufgaben verbunden. Kinder und Jugendliche benötigten Identifikationsmöglichkeiten, damit sie sich zugehörig fühlen können. Dazu konnte ein gemeinsam erlebtes Projekt mit den jeweiligen Inhalten, Erlebnissen und Erfolgen (“Das hätte ich nicht geglaubt, dass wir das schaffen”) wesentlich beitragen.
Bedeutung für die Hortfachkräfte
Die auf den verschiedenen Ebenen (Kindergruppe, Hortteam, Eltern – Hortfachkräfte, Lehrkräfte – Hortfachkräfte etc.) vorhandenen “personellen Ressourcen” stellten einen Faktor dar, von dem jede Projektplanung ausgehen muss. Gerade Projekte ermöglichen aber durch ihre zeitliche Dimension und die Kooperationsnotwendigkeit die Förderung und Weiterentwicklung der benötigten Kompetenzen in verschiedenen Bereichen: Fähigkeiten, Wissen, soziale Kognition (Empathie und Perspektivenübernahme), ökonomische Arbeitshaltung, Motivation, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten etc.
Wichtig war, dass diese Veränderungen nicht nur im Hinblick auf einzelne Kinder oder die Hortgruppe, sondern auch für die beteiligten Hortfachkräfte, für das Team oder die Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Bereichen erwartet und dokumentiert werden.
Bedeutsam waren das Erleben einer neuen Situation durch Veränderung des Tagesablaufs und der pädagogischen Prioritäten, die Erfahrung einer stärkeren Beteiligung der Kinder, die Wahrnehmung von bisher nicht wahrgenommen “Seiten” der Kinder sowie die Möglichkeit, konstruktiv mit Störungen umzugehen und das bisherige Verständnis der Hortarbeit durch das Anliegen von Projekten mit Kindern und Jugendlichen zu erweitern.
Bedeutung für die Eltern der Kinder
Für die Eltern der an den Projekttagen beteiligten Kinder und Jugendlichen war es eine wichtige Erfahrung, dass im Hort etwas Neues gemacht wird. Sie äußerten Freude über die Teilnahme ihrer Kinder an einem Projekt, aber es gab auch Eltern, die Befürchtungen im Hinblick auf Themen wie Familie bzw. Schule bekundeten. Deshalb wurden mit einigen Eltern auch Gespräche über die Zielsetzungen der Studie und den Ablauf der Projekttage geführt.
Konsequenzen und Thesen
Die gewonnen Erfahrungen legen eine Reihe von Konsequenzen nahe, die sich z. T. auf die Vorbereitung und Durchführung von Projekten in Horten beziehen als auch die Orientierung der Hortpädagogik insgesamt betreffen. Horte sollten als Einrichtungen für Kinder und Jugendlichen so gestaltet werden, dass möglichst allen Bedürfnissen und Themen, allen Anliegen und Nöten Zeit und Raum gegeben werden kann.
Die Hortfachkräfte sollten dazu fähig und bereit sein, Kinder und Jugendliche an der Vorbereitung und Gestaltung des sozialen Geschehen ihres Hortes teilhaben zu lassen, sie sollten sich bemühen, ihre Sprache verstehen und ihre Kultur anzuerkennen und ihnen Gelegenheiten zur Selbsttätigkeit schaffen. Sie sollten Ihnen Gelegenheit sowohl zur Entwicklung von Arbeits- als auch von persönlichen Beziehungen bieten und als erwachsene Menschen mit Stärken und Schwächen für die Kinder sichtbar werden.
Autor
Bernd Becker-Gebhard ist wissenschaftlicher Angestellter am
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D – 80797 München
Tel.: 089/99825-1944
E-Mail: Bernd Becker-Gebhard (Bernd NULL.Becker-Gebhard null@null ifp NULL.bayern NULL.de)



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