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Jugend ohne Perspektive? – “Alte” Werte und “neuer” Generationenkonflikt

Erstellt am 21. Juni 2004, zuletzt geändert am 27. April 2011

Mathias Albert    
Mathias Albert

In der 14. Shell-Jugendstudie, die 2002 veröffentlicht wurde, wird ein Bild der Jugend gezeichnet, deren politisches Interesse weiter abnimmt und die sich kaum politisch engagiert – zumindest nicht im klassischen Sinne parteipolitischen Engagements. Und es wird ein Bild einer Jugend gezeichnet, bei der sich keine eindeutigen Wertorientierungen mehr ausmachen lassen. Die Jugendlichen richten sich weder nach den sogenannten “traditionellen” Werten, wie Treue, Pflichtgefühl etc.; noch haben sie “modernere” Werte umfassend an deren Stelle gesetzt, die vermeintlich eine individuelle Selbstverwirklichung besser zu stützen in der Lage sind als die Wertorientierungen älterer Generationen. Vielmehr mixen sich die Jugendlichen einen “Wertecocktail” aus unterschiedlichen Werten, welche am besten zu ihren individuellen Plänen zur Lebensgestaltung zu passen scheinen.

Einem solchen Bild einer Individualisierung von Wertorientierungen Jugendlicher entsprechen auf den ersten Blick das nachlassende politische Interesse sowie die Tatsache, dass politisches Engagement “out” ist. Insgesamt genommen legen diese Trends die Vermutung nahe, dass “die Jugend” heute überhaupt kaum noch ansprechbar ist. Und dies in einem doppelten Sinne:

  • nicht ansprechbar zum einen in dem Sinne, als dass es die Individualisierung von Werten in “Wertecocktails” kaum erlaubt, hier von einer über Werte mobilisier- und integrierbaren Zielgruppe zu sprechen und diese politisch zu motivieren
  • “nicht ansprechbar “zum anderen aber auch in einem ganz anderen, nämlich eher analytisch-wissenschaftlichen Sinne, insofern die erwähnten Individualisierungstendenzen altbekannte Schwierigkeiten verstärken, von” der Jugend “als einer Einheit auszugehen. Die aufgrund zunehmend fließender und längerer Übergänge von der Kindheit in die Jugend und von der Jugend ins Erwachsenenalter immer schwieriger bestimm- und eingrenzbare” Lebensphase Jugend “droht vor diesem Hintergrund vollends zu verschwinden – sowohl als Untersuchungsobjekt als auch als politisch und gesellschaftlich relevante Bezugsgröße zur einheitlichen Beschreibung einer großen Bevölkerungsgruppe.

Das sich hieraus ergebende Bild ist jedoch nicht unbedingt negativ. Klassische Formen politischen Engagements in Parteien und parteinahen Vereinigungen werden ersetzt durch andere Formen des Engagements. Und die Individualisierung über den Werte-Mix eröffnet möglicherweise auch neue Chancen für eine differenziertere Ansprache von Jugendlichen. In diesem Sinne sollen in den folgenden drei kurzen Abschnitten weder die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zusammengefasst, noch soll eine neue Diagnose der Befindlichkeit” der Jugend “gegeben werden. Vielmehr sollen in dem Sinne, dass das Nachdenken über” die Jugend “auch immer ein Nachdenken über und eine Anfrage an die Gesellschaft, in der sie leben, beinhaltet, prägnante Denkanstöße vermittelt werden, wie politisches Interesse und Engagement geweckt und gefördert werden können; welche Konsequenzen sich aus den Werteinstellungen der Jugendlichen ableiten lassen; und ob sich ein” neuer Generationenkonflikt “mit weit reichenden gesellschaftlichen und politischen Implikationen abzeichnet.

Das Janusgesicht der” Politikverdrossenheit”

Insgesamt lässt sich ein langfristiger Trend zu einem nachlassenden politischen Interesse Jugendlicher feststellen (der sich im Übrigen gemäß neuerer Studien nicht unbedingt im politischen Interesse der Gesamtbevölkerung widerspiegelt). Die vor diesem Hintergrund oftmals diagnostizierte “Politikverdrossenheit” stellt sich dabei bei näherem Hinsehen, wie bereits seit längerem bekannt, als eine “Politiker- und Parteienverdrossenheit” dar. Es sind nicht bestimmte Parteien, denen die Jugendlichen das Vertrauen entziehen. Vielmehr schwindet das Vertrauen in die Lösungskompetenz und in die Integrität von Parteien sowie von Politikerinnen und Politikern insgesamt.

Gegen diesen Trend einer Politikverdrossenheit lassen sich zwar zeitweilige Gegenbewegungen ausmachen. Einzelne Skandalisierungen, die etwa Anfang 2003 in den Schülerprotesten gegen den Irak-Krieg sichtbar wurden, bewegen die Jugendlichen zwar, führen aber nicht zu dauerhaften Formen politischen Interesses und Engagements. Über Einzelaktionen hinausgehendes politisches Engagement ist “out” , insofern es die Einbindung in feste organisatorische Strukturen verlangt. Dies trifft dabei nicht nur auf die Parteien, sondern ebenfalls auf Interessengruppen mit politischen Zielen (etwa im Umweltbereich) zu.

Entgegen dieser Diagnose einer “Politikverdrossenheit” der Jugendlichen steht auf der anderen Seite jedoch auch die Feststellung, dass Jugendliche durchaus bereit sind, sich für die Belange anderer zu engagieren und einzusetzen. Freilich erstreckt sich dieses Engagement nicht auf das politische Engagement in einem traditionellen Sinn, sondern eher auf gemeinnützige bzw. gemeinwohlorientierte Aktivitäten in einem weiteren Sinne. Und es ist ein problem- und projektbezogenes, nicht auf dauerhafte organisatorische Bindung angelegtes Engagement. Es erschiene daher auf der einen Seite falsch, den Jugendlichen aufgrund ihrer Ferne von Parteipolitik und parteipolitischem Engagement grundsätzlich eine mangelnde Bereitschaft zu politischem Engagement unterstellen zu wollen: nur handelt es sich eben um eine andere Form politischen Engagements, welches mithin auch auf die sich verändernden Grenzen des Politischen in der Gesellschaft verweist.

Auf der anderen Seite erschiene es dann möglicherweise als ebenso falsch, nur über Möglichkeiten nachzudenken, wie die Bereitschaft zu langfristiger organisatorischer Bindung wieder erhöht werden könnte. Die vorrangige Herausforderung insbesondere für politische Parteien, aber auch für staatliche Institutionen und private politische Interessenverbände besteht darin, Jugendlichen genau dies bereitzustellen: Möglichkeiten nicht eines langfristig organisatorisch fest eingebundenen, sondern eines problembezogenen, projektförmigen Engagements. Die Mitgliedschaft in einer Partei bzw. der entsprechenden Jugendorganisation wird für die meisten Jugendlichen weiterhin keine für sie attraktive Beteiligungsform darstellen. Wohl aber möglicherweise die Mitwirkung an der Bearbeitung eines bestimmten Problems – und dies dann durchaus auch aus einer bestimmten parteilichen Perspektive.

Dabei soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass solche auf den ersten Blick einleuchtenden und Erfolg versprechenden Beteiligungsformen leicht einzurichten und regelmäßig anzubieten wären. Sie widersprechen im Ansatz weitgehend der Logik parteipolitischer Konkurrenz und der dauerhaften Bindung von Anhängern. Sie erscheinen aber als einzige Möglichkeit, eine wünschenswerte Verknüpfung zwischen “traditionelleren” Formen politischen Engagements und der Eigeninitiative bzw. dem Engagement in eher “politikfernen” Bereichen durch die Jugendlichen zu bewerkstelligen. All dies kann und soll dabei jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das grundsätzliche politische Interesse Jugendlicher und eine daraus resultierende Bereitschaft zu politischem Engagement weiterhin vor allem über das Elternhaus herausbilden. Neue Beteiligungsformen erzeugen hier keine vorher nicht vorhandenen Bereitschaften, sondern schaffen lediglich Möglichkeiten zu ihrer Aktualisierung.

Wertecocktails: Chancen und Risiken

In der Diagnose, dass sich Jugendliche ihren individuellen “Wertecocktail” mixen, spiegelt sich vor allem der Umstand wider, dass die Orientierung an umfassenden, mehr oder weniger vorgegebenen Wertesystemen für die Jugendlichen heute kaum noch attraktiv ist. So paradox dies klingen mag: zu diesen “umfassenden Wertesystemen” , die keine Anhängerschaft mehr finden, gehört in diesem Sinne auch das “68er” -Phänomen des vollständigen Ablehnens aller traditionellen Werte. Auch diese umfassende Ablehnung traditioneller Werte ist “out” . Vielmehr sind diese Werte, wie Treue, Fleiß, Familie etc. in weiten Teilen wieder “in” . Dies freilich nicht im Rahmen eines umfassenden und zusammenhängenden Wiedererstarkens “traditioneller” Wertesysteme, sondern in dem Sinne, dass auch traditionelle Werte akzeptierte “Zutaten” im “Cocktail” abgeben. Die Jugendlichen stellen sich diejenigen Werte im Cocktail zusammen, welche ihnen für eine persönlich erfolgreiche Lebensgestaltung am erfolgversprechendsten erscheinen.

Dies hat Konsequenzen für die Fähigkeit der traditionellen “Anbieter” umfassender Wertesysteme – allen voran die Kirchen -, Jugendliche über wertevermittelte Identifikationsprozesse an sich zu binden. Es hat aber darüber hinaus auch auf der Mikroebene der Familie weitreichende Implikationen. Die Jugendlichen stellen sich “ihre” Werte im Mix zusammen – und richten sich nicht etwa nach den Werten, die nicht diejenigen der Eltern sind. Hierüber gehen an einer zentralen Stelle Reibungspunkte mit der Erwachsenenwelt verloren (und es nützt kaum etwas, diese künstlich zu schaffen).

Was an dieser Stelle heraufzuziehen droht ist etwas, was man möglicherweise als ein “Problem wertvermittelter Unerreichbarkeit” bezeichnen könnte. Dieses Problem betrifft dabei nicht nur den Wertetypus der “Unauffälligen” , also jenes ungefähre Viertel der Jugendlichen in Deutschland, welches auf Leistungsanforderungen durch Rückzug bis hin zur Apathie reagiert. Es betrifft vielmehr alle Jugendlichen, insofern eine auf eine gemeinsam geteilte Werte aufbauende oder aber sich über Werte (auch in der konfliktiven Auseinandersetzung darüber) überhaupt erst herstellende Kommunikation tendenziell immer schwieriger wird.

Diese Entwicklung kann und soll an dieser Stelle nicht bewertet werden. Sie erscheint vor dem Hintergrund von (Welt-)Sichten, welche eine gemeinsame Wertebasis und eine gemeinsame Auseinandersetzung über Werte als für den gesellschaftlichen Zusammenhang lebenswichtig halten, dramatisch; dem gegenüber steht eine etwas gelassenere Einschätzung vor dem Hintergrund anderer Bewertungen der Funktion von Werten in der Gesellschaft. Eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit diesem in Schulen, Familien und anderen Orten täglich zu spürenden Phänomen nicht des Werteverlusts, sondern einer gewissen Wertebeliebigkeit erscheint jedoch dringend geboten.

Ein neuer Generationenkonflikt?

Die Grenzen der Jugend als “Generation” zerfließen bis zur Unkenntlichkeit. Die Übergänge zwischen Kindheit und Jugend verschwimmen, die Kindheit endet immer früher. Und der Übergang ins Erwachsenenleben mit der Integration in den Berufsmarkt zieht sich immer weiter hinaus, bis hin in die Dreißiger.

Selbst wenn es möglich ist, sich zwar nicht auf scharfe Grenzen der “Lebensphase Jugend” , so aber doch auf die Konturen ihrer Übergänge von anderen und in andere Lebensphasen zu einigen: es bleibt doch dabei, dass ganz legitimerweise Stimmen, nach denen es “die Jugend” nicht gibt, so alt sind wie die Jugendforschung selbst. Und es ist daher in gewissem Sinne natürlich trivial, eine solche Feststellung noch einmal zu wiederholen. Nicht trivial jedoch ist die Frage, ob die “Jugend” in einem jeweils spezifischen, insbesondere politischen Kontext eine relevante, als solche adressier- und/oder mobilisierbare Größe darstellt.

Diese Frage drängt sich selbstverständlich insbesondere vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen auf. Die Alterung der Gesellschaft ließe vermuten, dass traditionelle Wertekonflikte zwischen den Generationen – von denen aufgrund der im vorigen Abschnitt angeführten Entwicklung ohnehin immer weniger zu spüren ist – durch Verteilungskonflikte ersetzt werden, welche in weitere Problembereiche ausstrahlen. Die Gesellschaft also auf dem Weg zu einer vom Generationenkonflikt geprägten Gesellschaft?

Die demografische Entwicklung spricht eine eindeutige Sprache, die vorauszusehenden Belastungen der sozialen Sicherungssysteme ebenfalls. Trotzdem ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass sich ein Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt als wesentliche gesellschaftliche Konfliktlinie etabliert. Eine Generation ist und bleibt ein amorphes Gebilde. So schwierig es schon ist, sie als “Objekt” politischen Handelns anzusprechen und zu steuern, so unmöglich erscheint es, sie als ein Subjekt politischen Handelns, als eine aktiv handelnde, mobilisierbare Einheit zu konstituieren.

Diese Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit wird dabei durch die im Vorigen aufgeführten Trends gerade auf Seiten der Jugendlichen natürlich noch eher verstärkt: auf der einen Seite durch die Scheu vor langfristig organisatorisch eingebundenen Formen politischen Engagements; und auf der anderen Seite aufgrund der Tatsache, dass ein gemeinsam geteiltes Wertesystem als potenzielles Integrationsmittel für ein so ungreifbares Phänomen wie das einer “Generation” nicht zur Verfügung steht.

Wenn in diesem Sinne von einem “neuen Generationenkonflikt” die Rede ist, der sich scheinbar natürlich aufdrängt, wenn man sich die demografische Entwicklung vor Augen führt, dann darf dabei nicht vergessen werden, dass selbst wenn sich an dieser Stelle Konfliktpotenziale aufladen, es um nicht weniger, aber gewiss auch um nicht mehr gehen wird als um einen unter vielen Verteilungskonflikten in der Gesellschaft handelt. Das entschärft das Problem nicht, rückt es aber in Perspektive.

Literatur

Hillmann, Karl-Heinz, Wertewandel, Würzburg: Carolus 2003.

Jugend 2002. 14. Shell Jugendstudie, Frankfurt/M.: Fischer 2002.

Merkens, Hans, Jugendforschung (abzurufen in https://www.familienhandbuch.de/?p=308).

Hurrelmann, Klaus, Lebensphase Jugend, Weinheim: Juventa, 7. vollst. Überarb. Aufl.2004.

Pickel, Gert, Jugend und Politikverdrossenheit, Opladen: Leske und Budrich 2002.

Politische Partizipation in Deutschland. Empirische Bestandaufnahme der Forschungsgruppe Wahlen e.V. im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Zusammenfassung durch Dieter Roth und Bernhard Kornelius (abzurufen in http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/16412_17731.jsp (http://www NULL.bertelsmann-stiftung NULL.de/de/16412_17731 NULL.jsp))

Autor

Prof. Dr. Mathias Albert, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bielefeld,

Konzeption und Koordination (zus. mit K. Hurrelmann) der 14. Shell Jugendstudie

Adresse

Fakultät für Soziologie

Universität Bielefeld

Postfach 100131

33501 Bielefeld

Tel. 0521-106-3999

Email: mathias.albert@uni-bielefeld.de (mathias NULL.albert null@null uni-bielefeld NULL.de)