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Was Umschulung linkshändiger Kinder alles anrichten kann

Erstellt am 24. Januar 2005, zuletzt geändert am 24. Januar 2005

Johanna Barbara Sattler

Linkshändigkeit ist nicht Ausdruck einer schlechten Angewohnheit oder Böswilligkeit und Ungehorsam eines Kindes sondern hängt mit der motorischen Dominanz der gegenüber liegenden Gehirnhälfte zur jeweiligen Körperseite zusammen. Man geht von einem genetischen Ursprung aus.

Durch die Umschulung der Händigkeit, besonders zum Schreiben auf die schwächere, nicht dominante Hand, kommt es zu falschen Belastungen im Gehirn. Die geschicktere und leistungsstärkere Seite besonders für feinmotorische Tätigkeiten wird unterbelastet und die etwas schwächere Gehirnhälfte wird überbelastet. Durch diese Umschulung der Händigkeit kann es zu massiven Störungen z.B. im Bereich der Gedächtnisprozesse (Lernen, Behalten und wieder Abrufen des Gelernten) und der Konzentrationsfähigkeit kommen.

Bei Kindern kann sich so eine Umschulung auch in legasthenischen Eigenschaften, in gemindertem Durchhaltevermögen, geringerer geistiger Belastung und motorischen Störungen äußern und in Sekundärfolgen umsetzen, wie z.B. Überkompensation, unregelmäßigen Schulleistungen bei Erhaltenbleiben der eigentlichen Intelligenz. Häufig werden auch nicht erwünschte Verhaltensreaktionen beobachtet, so herum Kasperln oder Rückzugstendenzen, verbunden mit Minderwertigkeits- und Versagergefühlen; auch Sprachauffälligkeiten verstärken sich manchmal und erhöhte Erschöpfungserscheinungen können im Bettnässen münden.

Natürlich können alle diese Schwierigkeiten auch ganz andere Ursachen haben. Solche
Problembereiche müssen abgeklärt werden und ein Kind sollte tatsächlich einen ganzen Anteil an Tätigkeiten mit links durchführen, wenn umgeschulte Händigkeit als Grund für Schwierigkeiten in Betracht gezogen wird.

Natürlich wird heutzutage nicht mehr in der Art umgeschult, wie das früher gang und gäbe war. Aber auf subtile, verborgene Art geschieht das heute auch noch, wie die beiden Beispiele in dem Beitrag “Das linkshändige Kind: Chancen und Schwierigkeiten” im Familienhandbuch zeigen. Bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden linkshändige Kinder im deutschsprachigen Raum noch sehr häufig in ihrer Händigkeit beeinflusst. Manchmal geschah das sehr drastisch, z.B. durch Schläge auf die linke Hand oder auch durch Umwickeln der Hand mit einem Handtuch oder gar Eingipsen und Festbinden der linken Hand am Stuhl oder Rücken des Kindes, damit es die rechte, angeblich bessere und richtige Hand zum Schreiben benutze.

Solche Methoden und Strafen sind heute nicht mehr üblich, eher noch der Versuch, das linkshändige Kind durch Versprechungen oder moralischen Druck zum Gebrauch der nicht dominanten rechten Hand zu überreden.

Viele Kinder werden hingegen heutzutage bereits weit vor Eintritt in die Schule beim Gebrauch ihrer Händigkeit beeinflusst und manche schulen sich, unter Druck von außen oder sogar aus eigenem Bedürfnis – durch Modell- und Nachahmungsverhalten – selbst von der linken auf die rechte Hand um. Diese Kinder wollen dadurch so werden, wie anscheinend alle anderen auch. Die erste kritische Phase entsteht, wenn die Kinder den Umgang mit Löffel, Gabel und dann mit dem Messer erlernen und beim Handgeben. Gerade in dieser Zeit haben Verwandte und Bekannte großen Einfluss auf das Kind und manchmal genügt relativ wenig Einsatz, um das Kind zu überzeugen, “wie alle anderen auch” , rechts, mit dem “schönen Händchen” alles zu tun.

Wir haben nicht ein schönes und ein nicht schönes Händchen und eine gute oder schlechte Hand haben wir auch nicht. Auch der Satz: “Gib die richtige Hand!” ist sehr verfänglich. Kleinere Kinder empfinden das manchmal als eine Ausgrenzung bis Stigmatisierung, wenn ihnen immer wieder signalisiert wurde, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung sei, wenn sie fröhlich die linke Hand zum Begrüßen hingestreckt haben. Es gibt viele linkshändige Kinder, die sich deshalb weigern, überhaupt noch eine Hand zum Begrüßen zu geben, und manche erwarten den Besuch bei Freunden und Verwandten, die auf die rechte Hand bestehen, mit Unwohlsein und Ablehnung.

Auch der Ausdruck “die richtige Hand” , gemeint ist die rechte, ist unsinnig, denn für das linkshändige Kind ist nach seinem Körpergefühl die linke Hand die richtige Hand.

Auch wenn ab einem gewissen Alter viele Kinder fähig sind die rechte Hand zu geben und es vielleicht ganz sinnvoll ist, sich auf eine Hand zu einigen, darf das Handgeben keine Irritation und Verunsicherung des Kindes in seiner Identität bedeuten. (1)

Oft wird auch die Frage nach Möglichkeiten und Chancen einer Rückschulung bei bereits mit der rechten Hand schreibenden linkshändigen Kindern gestellt, wenn massive Schwierigkeiten in den ersten Schuljahren aufgetreten sind. Zur Entscheidung so einer Frage muss aber eine Händigkeitsuntersuchung zuvor klären, ob die beobachteten Schwierigkeiten tatsächlich vornehmlich auf eine umgeschulte Linkshändigkeit zurückzuführen sind, oder ob noch ganz andere Schwierigkeiten eine Rolle spielen könnten. Diese können z. B. im Bereich frühkindlicher Entwicklungsverzögerungen begründet sein, in Koordinations- und feinmotorischen Schwierigkeiten und Problemen des Kindes, die Körpermittellinie zu überkreuzen. Deshalb sind zur Entscheidung dieser Frage qualifizierte Fachleute heranzuziehen. (2)

Aufklärung und Beratung sind sehr wichtig, denn je älter das Kind ist, desto schwieriger wird eine Rückschulung. In den höheren Klassen werden immer größere Leistungsanforderungen gestellt (z.B. auch eine schnelle, flüssige und leserliche Handschrift) und die ungeübte linke Hand schreibt meist in einer Schrift, die an Schnelligkeit und Ausdruck etwa der eines Zweitklässlers entspricht. Therapeutische Interventionen sind aber auch in diesem Alter wichtig, um die eventuell massiven Folgen der Umschulung psychisch zu verarbeiten und um eine neurotische Umsetzung mit z.T. gravierenden Persönlichkeitsschäden zu verhindern. Es ist oft sinnvoll, die Zusammenhänge zwischen einer Umschulung der Händigkeit und den schulischen Folgen zu begreifen und dem Kind Verständnis entgegenzubringen und Hilfestellungen zu geben.

Quellen

Diesem Beitrag liegt der Artikel “Folgen der Umschulung der Händigkeit” der Autorin zu Grunde. (In: Das linkshändige Kind – seine Begabungen und seine Schwierigkeiten. Auer Verlag, Donauwörth, 20042, S. 33-36. Oder im Internet www.lefthander-consulting.org/deutsch/Lernenfoer.htm (http://www NULL.lefthander-consulting NULL.org/deutsch/Lernenfoer NULL.htm).

(1) In Anlehnung an Sattler, J.B.: “Das mach’ ich doch mit links!” . In: Fürsorge und Aufsicht in Kindergärten und Kindertagesstätten. Ratgeber Sicherheit (BVIII 1). RAABE Fachverlag, Stuttgart, 2004, S. 12.

(2) In der Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder e.V. in München werden Hinweise auf spezialisierte Fachleute für Fragen zur Linkshändigkeit in einzelnen Bundesländern gegeben: Sendlinger Str. 17, D-80331 München, Tel. 089/268614, info@lefthander-consulting.org (info null@null lefthander-consulting NULL.org), sowie in der Deutschen Linkshänderseite www.linkshaenderseite.de (http://www NULL.linkshaenderseite NULL.de).

Literatur

Das linkshändige Kind in der Grundschule. Herausgeber: ISB-Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, München 1993, Vertrieb Auer Verlag, Donauwörth, 12. Aufl. 2005

Sattler, Johanna Barbara, Das linkshändige Kind – seine Begabungen und seine Schwierigkeiten. Eine Hilfe für Lehrer zur Information beim Elternabend. Auer Verlag, Donauwörth, 2003, 2. Aufl. 2004

Sattler, Johanna Barbara, “Das mach’ ich doch mit links!” . In: Fürsorge und Aufsicht in Kindergärten und Kindertagesstätten. Ratgeber Sicherheit (BVIII 1). RAABE Fachverlag, Stuttgart, Mai 2004, S. 1-22

Sattler, Johanna Barbara, Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer Verlag, Donauwörth, 1995, 8. Aufl. 2004

Autorin

Dr. Johanna Barbara Sattler, Dipl.-Psychologin


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