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Wenn die Angst vor Hunden zur Plage wird…

Erstellt am 13. Oktober 2003, zuletzt geändert am 8. Februar 2010

Marlies Kiesler

Hunde, die bellen, beißen nicht.

So lautet ein altes Sprichwort. Stimmt das wirklich? Ich jedenfalls würde mich darauf nicht verlassen. Ich möchte auch keinem Kind raten, sich nach dieser Weisheit zu richten.

Wenn ein Hund zubeißt, sind immer zwei beteiligt sind. Der Hund und das Opfer.

Hunde sind Rudeltiere und folgen ganz bestimmten Regeln. Diese Regeln sind uns Erwachsenen vielfach nicht geläufig. Wie wollen wir sie da unseren Kindern erklären? Natürlich gibt es schwer gestörte, neurotische Hunde, die durch schlechte Behandlung aggressiv geworden sind. Doch das sind seltene Ausnahmen. Im Allgemeinen verhalten sich Hunde in gleichen Situationen immer wieder genauso. Wir können es so ausdrücken:

Das Verhalten eines Hundes ist in aller Regel vorhersehbar. Wenn er sich erschreckt oder bedroht fühlt, kann es sein, dass er zubeißt

In einer bedrohlichen Lage kann der Hund nicht entscheiden, ob er zubeißt oder es lässt. Sein Verhalten ist ihm angeboren. Beim Menschen ist das anders. Der Mensch hat bestimmte Anlagen, die sich entweder entfalten oder verkümmern. Durch seinen Verstand kann er vieles in Frage stellen, er kann Entscheidungen treffen und er kann sich verstellen. Auch kann er sich in seiner Wahrnehmung irren. Ein Hund hat in dieser Hinsicht viel weniger Spielraum.

Missverständnisse

Die “Sprache” eines Hundes ist also gänzlich verschieden von der menschlichen Sprache. Wenn ein Hund beispielsweise ein Kind anspringt, dann möchte er die “Schnauze” des Kindes beschnuppern. Er kann ja nichts dafür, dass ein aufrecht stehendes Kind oftmals deutlich größer als der Hund ist. Ein Kind hingegen mag nicht verstehen, warum der Hund plötzlich so ungestüm wird. Eine temperamentvolle Begrüßung kann für ein Kind ganz schön bedrohlich sein. Es wird vielleicht weglaufen, was der Hund als Aufforderung zum Spiel verstehen kann. Das Kind wird dieses Verhalten möglicherweise ganz anders deuten und sich verfolgt fühlen.

Woher sollen Kinder die “Sprache” eines Hundes auch kennen? Die meisten Eltern nehmen sich viel Zeit, ihre Kinder auf die Gefahren im Straßenverkehr aufmerksam zu machen. Doch was die Gefahren durch Hunde angeht, sind manche Eltern erstaunlich zurückhaltend. Dabei sollten sich alle Eltern die Zeit nehmen, ihre Sprösslinge auch mit diesen Gefahren vertraut zu machen. Wenn wir uns selber nicht auskennen, so gibt es viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Schließlich ist der Hund das in Deutschland am meisten verbreitete Haustier.

Suchen Sie den Kontakt zu Leuten, die sich mit Hunden auskennen. Besuchen Sie mit Ihrem Kind ein Tierheim, eine Hundeschule oder eine Tierhandlung. Dort wird man Ihnen sicherlich bereitwillig und ausführlich über das Wesen von Hunden Auskunft geben. Denn ein fundiertes Wissen über Hunde ist ein wirksames Hilfsmittel gegen die Angst. Wichtig ist dabei, dass Ihr Kind lernt, wie sich Hunde in bestimmten Situationen verhalten.

Wie Angst “gelernt” wird

Manche Eltern vermeiden gerne das Thema. Hunde sind für sie scheinbar uninteressant oder man geht ihnen schlicht aus dem Wege. Doch mit der Angst ist das so eine Sache. Indem wir bestimmte Dinge vermeiden, ist die Angst davor noch lange nicht beseitigt. Denn unabhängig davon, ob unsere Angst “begründet” ist, neigt sie zu einem Eigenleben.

Wenn wir unsere Ängste nicht bearbeiten, kann es passieren, dass sie sich verselbständigen. So können nach und nach immer neue Themen auftauchen. Angst vor Spinnen, vor Mäusen, vor engen Räumen, auf Plätzen und Brücken usw. Bis uns zum Schluss die Angst vor der Angst den Hals zuschnürt.

Wenn Erwachsene sich vor Hunden ängstigen, hat das meistens eine Vorgeschichte. Vielleicht haben sie ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit Hunden gemacht. Möglicherweise fürchten sie sich selber vor Hunden und möchten Ihren Kindern kein schlechtes Beispiel sein. Gut gemeint muss aber nicht wirklich gut sein. So verständlich das Verhalten von manchen Erwachsenen ist, so sollten wir uns über eines im Klaren sein:

Wenn wir Angst vor Hunden haben, können wir diese vor unseren Kindern nicht verstecken. Denn Kinder haben sehr feine Antennen und spüren die Angst ihrer Eltern.

Das wäre ja nicht weiter tragisch. Und doch entsteht daraus ein Problem. Denn Kinder schauen sich von ihren Eltern deren Umgang mit Gefahren ab. Wenn die Eltern sich vor bestimmten Dingen fürchten, wird diese Haltung von den Kindern übernommen.

Angst bewältigen lernen

Das könnte für Sie, liebe Eltern, ein Anreiz sein, Ihre eigenen Ängste zu bearbeiten. Denn Angst wird “gelernt” . Zwar ist die Fähigkeit, Angst zu haben, angeboren. Doch wovor wir Angst haben oder uns fürchten, hat viel mit unseren Erfahrungen zu tun. Das Problem ist nur, dass Sie sich bei einer sogenannten phobischen Angst, von der hier die Rede ist, kaum selber helfen können.

Zum Glück gibt es hervorragend ausgebildete Therapeuten, die sich mit Angststörungen gut auskennen. Wie Sie einen entsprechend ausgebildeten Therapeuten oder eine Therapeutin finden, erfahren Sie bei Ihrem Hausarzt oder durch die Krankenkasse. Auch bei der Caritas oder dem Diakonischen Werk gibt es ebenfalls gute Leute, die sich mit Angststörungen auskennen. Lassen Sie mich den Gedanken so zusammenfassen:

Wenn Eltern unter einer Hunde-Phobie leiden, sollten sie Hilfe bei einem gut ausgebildeten Therapeuten oder Therapeutin suchen.

Eine solche Phobie ist verhältnismäßig leicht zu behandeln. Die Psychologen arbeiten mit der sogenannten systematischen Desensibilisierung. Hört sich schlimmer an, als es ist. Das Verfahren ist aber leicht zu erklären:

Vielleicht haben Sie schon einmal ein heißes Fußbad genommen. Wenn Sie die Fußspitze beim ersten Mal in das Wasser strecken, “verbrennen” Sie sich fast. Versuchen Sie es eine Minute später, geht es schon etwas besser. Nach zwei, drei Minuten können Sie den Fuß ein wenig eintauchen. Nach vier Minuten haben Sie den Fuß vollständig eingetaucht und nach fünf Minuten genießen Sie die angenehme Wärme.

Und genauso funktioniert das mit der Angst vor Hunden. Wie an das heiße Wasser wird der unter der Phobie Leidende in winzigen Schritten an die Quelle der Angst herangeführt. Dadurch erlebt er, dass die Angst auslösende Situation gar nicht so schlimm ist, wie er immer befürchtet hat.

Denn eine Phobie ist eine übermäßig große Angst vor etwas, das keine tiefere Ursache haben muss. Manche Menschen haben beispielsweise Angst vor Spinnen. Man spricht auch von einer Spinnenphobie. Dabei sind die Spinnen in Mitteleuropa vollkommen harmlos und sogar nützlich. Die Quelle der Angst ist also unbegründet.

Trotzdem befürchten manche Menschen, dass Spinnen ihnen sehr gefährlich werden können. Über den Verstand lässt sich das aber nicht regeln. Die meisten Betroffenen wissen natürlich, dass die Angst “eigentlich” unbegründet ist. Trotzdem reagieren sie mit Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Atemnot, wenn sich eine Spinne nähert.

Wie eine Phobie behandelt wird

Bei einer Hundephobie ist das ähnlich, aber etwas komplizierter. Denn Hunde können ja tatsächlich gefährlich sein und beißen. Deswegen ist eine gewisse Vorsicht durchaus angebracht. Das Ziel einer Behandlung kann also nur darin bestehen, die übermäßige und unbegründete Angst vor Hunden zu verlieren.

Um das zu erreichen, wird gemeinsam mit dem Therapeuten eine Art Treppe der Angst gebildet – ähnlich wie beim Fußbad. Ganz oben steht die größte Angst oder die schlimmste Befürchtung. Unten steht die geringste Angst oder eine Situation, die überhaupt keine Angst auslöst. Nun wird diese Angsttreppe – auch Angsthierarchie genannt – Schritt für Schritt mit dem Therapeuten bestiegen. Und zwar theoretisch wie praktisch. Eine solche Hierarchie könnte zum Beispiel so aussehen:

Stufe Beschreibung der Stufe Beispiele
8. Stufe Grenzen erfahren Einem friedfertigen Hund ein Spielzeug wegnehmen.
7. Stufe Körperkontakt aufnehmen einen Hund streicheln.
6. Stufe Einem Hund begegnen Einen Hund an der Leine führen
5. Stufe Hundverhalten erleben Einen Hundeübungsplatz besuchen
4. Stufe Sich Hunden nähern Ein Tierheim aufsuchen und Hundebellen “aushalten” .
3. Stufe Hund direkt beobachten Im Stadtpark Hunde aus der Entfernung beobachten.
2. Stufe Hundeverhalten in der Theorie beobachten. Einen Film über Hunde anschauen.
1. Stufe Über Hunde und ihre Natur sprechen. “Hunde beißen, wenn sie sich bedroht fühlen.”

Angsthierarchie zur Bearbeitung einer Hundephobie

Auf der untersten Stufe wird nur über Hunde und ihr Wesen gesprochen. Auf der nächsten Stufe geht es nur darum Hunde zu beobachten, ohne ihnen näher zu kommen. Schließlich schaut man sich die Tiere in der Wirklichkeit an, hört ihr Bellen usw.

Wie viele Stufen die Angsthierarchie enthält, ist nicht wichtig. Wichtig ist aber, dass sie die persönlichen Ängste wiedergibt. Sie richtig einzuschätzen, ist die Sache eines erfahrenen Therapeuten oder einer Therapeutin. Wenn sich bei der langsamen Annäherung an die höchste Stufe herausstellt, dass eine Stufe zu schnell beschritten wurde, dann geht der Therapeut eine oder auch mehrere Stufen zurück. Entscheidend ist das “gute Gefühl” , das sich nach und nach einstellt. Denken Sie dabei immer an das Beispiel mit dem Fußbad.

Natürlich können Sie noch weitere Stufen einbauen oder für die höchste Stufe einen aggressiven Hund vorsehen. Allerdings würde ich davon abraten, denn es geht ja nur um die Bearbeitung von unbegründeter Angst.

Am Ende der Behandlung sollte dann das selbstbewusste Gefühl aufkommen, vor Hunden zwar Respekt, aber keine Angst mehr zu haben.

Hundeangst bei Kindern behandeln

Um es noch einmal zu wiederholen. Kinder und ihre Eltern haben ihre Angst gelernt und neigen dazu, Situationen zu vermeiden, in denen die Angst wieder auftritt. Doch gerade
dadurch nimmt die Angst zu. Deswegen ist es wichtig, die Angst vor bestimmten Situationen zu überwinden.

Kinder sind viel weniger kompliziert als Erwachsene. Auch hat sich bei ihnen die Angst meistens noch nicht so verfestigt oder auf andere Lebensbereiche ausgebreitet. Darum können liebevolle und verantwortungsbewusste Eltern das Verfahren bei ihren eigenen Kindern mit Erfolg anwenden. Doch ist hier große Vorsicht geboten. Unsere Kinder sind schließlich keine Experimentier-Kaninchen. Wenn Sie die folgenden Fragen eindeutig mit “Ja” und einem guten Gefühl beantworten können, sollten Sie sich an die systematische Desensibilisierung bei Ihrem Kind heranwagen:

  • Haben Sie eine gute und von Vertrauen geprägte Beziehung zu Ihrem Kind?
  • Ist die Angst, die Ihr Kind hat, eine unbegründete, phobische Angst?
  • Sind Sie sicher, dass die Angst nicht auf eine schwere Traumatisierung (aggressiver Angriff, schwere Verletzung usw.) zurückgeht?
  • Ist Ihr Kind schon alt genug, um ein solches Training zu verstehen?
  • Haben Sie ausreichende Geduld, um über Wochen, vielleicht über Monate regelmäßig mit Ihrem Kind zu arbeiten?
  • Sind Sie bereit sich mit einem erfahrenen Kindertherapeuten regelmäßig über die Entwicklung Ihres Kindes auszutauschen?
  • Ist Ihr Partner ebenfalls von dem Verfahren überzeugt und bereit Sie zu unterstützen?
  • Haben Sie und Ihr Partner alles unternommen, eigene Ängste zu bearbeiten?

Sollte Sie auch nur eine Frage mit “Nein” beantworten, suchen Sie lieber von vornherein fachlichen Rat. Ganz wichtig ist, dass die Angst eines Kindes nicht auf eine schwere Traumatisierung zurückgeht. Denn, wenn ein Kind in frühem Alter von einem Hund gebissen und vielleicht schwer verletzt wurde, haben wir es nicht mit einer phobischen Angst zu tun. Die Angst des Kindes ist in diesem Falle ja begründet. Deshalb gehört ein Kind mit einer solchen Art von Angst in die Hand von Fachleuten.

Lassen Sie mich mit folgender Anregung enden:

Die Behandlung einer leichten Phobie ist nicht schwierig. Richten Sie sich nach der persönlichen Angsthierarchie Ihres Kindes. Geben Sie ihm ausreichend Zeit, um die Stufen der Angsttreppe langsam zu besteigen.

Wenn Sie sich zudem bei Zweifeln oder Schwierigkeiten umgehend fachlichen Rat holen, werden Sie schon bald ein Kind haben, das Hunde über alles liebt und gerne mit ihnen herumtollt.

Autorin

Marlies Kiesler, verheiratet, drei Kinder, Studium der Diplompädagogik in Münster und Osnabrück, arbeitet nebenberuflich bei einem Krisendienst in Niedersachsen.