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Wenn Kinder übersensibel reagieren

Erstellt am 3. Juni 2005, zuletzt geändert am 13. Juni 2012

Michael Schnabel      
Foto: Michael Schnabel

“Mein Sohn ist jetzt acht Jahre alt und war schon immer ein sensibles Kind. Er ist so schnell frustriert und jammert viel. Von meiner zehnjährigen Tochter kenne ich das gar nicht, die ist immer fröhlich und ein eher robustes Kind, hat gleich Anschluss und viele Freunde. Und ich habe das Gefühl, ich kann meinen Sohn gar nicht so gut verstehen, er ist mir oft so fremd und es nervt mich, wenn er wehleidig ist. Er ist eher langsam und gutmütig; auf der anderen Seite ein ganz liebes Kind: gutmütig und hilfsbereit. Aber er ist oft so unglücklich und das macht mich auch unglücklich, weil ich möchte, dass es meinen Kindern gut geht.” So klagt die Mutter eines übersensiblen Kindes.

Meist kommt dann noch hinzu, dass so empfindsame Kinder im Kindergarten oder in der Schule gehänselt und verspottet werden als: Mimose, Zimperliese, Zicke, Memme, Schlaffi, Warmduscher, Angsthase, Duckmäuser, Feigling, Mammakindchen. Die Eltern dieser Kinder werden von Sorgen geplagt: “Können solche verletzliche und dünnhäutige Kinder im Leben bestehen? Werden sie Krisen und Widrigkeiten durchstehen können? Müssen sie robuster und abgeklärter in ihren Reaktionen werden?”

Was meint übersensibel?

Das Wort “sensibel” hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv “sensibilis” und bedeutet “sinnlich wahrnehmbar” . Das dazugehörige lateinische Verb “sentire” bedeutet: fühlen, empfinden, wahrnehmen. Zur Wortfamilie gehört auch der Ausdruck “sensus” mit der Bedeutung “Sinn, Sinne” . Ein sensibler Mensch ist daher jemand, der besonders geschärfte Sinne besitzt. Er hat sozusagen alle Antennen der Wahrnehmung ausgefahren und ist im hohen Maße auf Empfang eingestellt. Der Ausdruck “übersensibel” signalisiert, dass die hohe Sensibilität der Kinder Eltern und Pädagogen/innen Schwierigkeiten macht.

Dagegen sind die Förderung der sinnlichen Wahrnehmung, vielfältige Sinneserfahrungen, Schärfung der Sinne Elemente, die sich in vielen pädagogischen Konzepten finden. Ist dann Übersensibilität bei Kindern noch ein erzieherisches Problem? Vor allem, wenn in vielen pädagogischen Beiträgen darüber geklagt wird, dass die Sinne der Kinder immer mehr abstumpfen?

Zwei Aspekte von Sensibilität

Weitere Aspekte von Sensibilität werden deutlich, wenn die dazugehörige Wortgruppe im “Dornseiff” (1) einbezogen wird. Dort finden sich folgende Umschreibungen: Gefühlsmensch, Nervenbündel, Schöngeist, Dichter, Heulpeter, Empfindlichkeit; feinfühlig, reizbar, wehleidig, weichlich, weinerlich, zart besaitet, überwach, romantisch, seelenvoll… Die Vielfalt der Umschreibungen lässt zwei unterscheidbare Gesichtspunkte erkennen: Den mehr positiven Aspekt der Empfindsamkeit mit dem Bedeutungshof von feinfühlig, hellwach, empfänglich, gefühlvoll, überwach, poetisch, Schöngeist. Der zweite Aspekt “Empfindlichkeit” bereitet den Eltern eher Schwierigkeiten, er umfasst folgende Bedeutungen: Weichlich, erregbar, nervig, pimpelich, reizbar, wehleidig, weinerlich, zart besaitet, Mimose, Heulpeter, rohes Ei, Primadonna. Die Alltagssprache macht kaum die aufgezeigte feinsinnige Unterscheidung von Empfindsamkeit und Empfindlichkeit. Dies beruht wahrscheinlich auf der Tatsache, dass beide Eigenschaften eng miteinander verkettet auftreten. Daher sind Eltern auch von ihrem einfühlsamen, hellwachen und überaus empfänglichen Kind wenig begeistert, wenn es zugleich wehleidig, weinerlich und zart besaitet ist.

Wie sollen sich Eltern verhalten?

Viele Eltern, aber auch Pädagogen/innen sind geneigt, diejenigen Aspekte im Verhalten der Kinder hervorzuheben, die ihnen schnell zur Last werden, dabei werden die positiven Gesichtspunkte übersehen und vor allem deren Chancen versäumt. Daher gilt es bei weihleidigen und zart besaiteten Kindern zu sehen, dass sie auf geringste Einflüsse ansprechen und vieles in ihnen nachklingt, das bei anderen Kindern unbeachtet vorbeigeht. Eine Mutter von zwei übersensiblen Kindern machte folgende Erfahrungen: “Seit ich die Wesensart meiner beiden Kinder nicht mehr als Problem sehe, sondern eher als Geschenk, habe ich auch für mich selber viel dazu gewonnen. Ich bin doch so erzogen worden, dass Haltung zeigen und Leistung bringen das Wichtigste im Leben ist. Jetzt zeigen mir meine Kinder, was es bringt, mit der ganzen Haut zu leben, nicht bloß mit dem Hirn. Sie nehmen mehr wahr als ich. Ich lerne von Ihnen.”

Dieser Bericht zeigt, dass das Verhalten von übersensiblen Kindern ihren Eltern neue Dimensionen in der Gefühls- und Erlebniswelt erschließen kann. Mehr noch: Das Verhalten der Kinder kann Anstoß werden, alte Gefühlsmuster kritisch zu sehen und sich neue Empfindungen zu erarbeiten. Denn vielen Eltern wurden in ihrer Erziehung solche Grundsätze eingeprägt: “Nimm dich zusammen! Lass dich nicht gehen! Da muss man die Zähne zusammenbeißen! Nur keine Schwäche zeigen! Immer schön freundlich!” Eine kritische Distanz zu diesen Geboten und die Entwicklung neuer Einstellungen, die offener und ehrlicher ihrem Erleben entsprechen, kann Eltern viel Anspannung und Stress ersparen und neue Erlebnismöglichkeiten zugänglich machen.

Gefühle ansprechen lernen

Sensible Kinder sind in der Regel verletzlicher als andere Kinder. Sie zeigen ihre Gefühle deutlicher und reagieren oft heftiger schon bei geringfügigen Anlässen. Sensible Kinder sind aber auch flexibler und anpassungsfähiger, nehmen intensiver Anteil am Leben anderer und sind schnell bereit, Leid und Kummer anderer Menschen zu übernehmen. Für die Eltern bedeutet dies, sich mehr mit den Gefühlen ihrer Kinder aber auch mit ihren eigenen Gefühlen zu beschäftigen. Dabei lernen Kinder ihre Gefühle kennen und es gelingt immer mehr über die Gefühle zu reden. Eine wichtige Voraussetzung zur Handhabung der eigenen Gefühle!

Es war vor allem der Pädagoge und Psychologe Thomas Gordon (2), der Eltern gezeigt hat, wie sie ihren Kindern Annahme und Einfühlung entgegenbringen können und wie sie auf die Gefühle ihrer Kinder eingehen können. Die Gesprächstechnik des Aktiv-Zuhörens bestätigt einerseits, dass der Gesprächspartner die Aussage verstanden hat und zugleich können damit die emotionalen Aspekte der Aussage angesprochen werden. Folgende Beispiele verdeutlichen dieses Vorgehen: Kind beklagt sich: “Klaus hat mir mein Lastauto genommen und lässt mich nicht mehr mitspielen.” Mutter: “Klaus hat dich vom Spiel ausgeschlossen und deshalb bist du traurig?”

Kind schimpft: “Die Schule ist schrecklich. Die Lehrerin hat uns wieder soviel Hausaufgaben aufgegeben, dass ich bis spät abends davor sitzen werde.” Vater: “Du glaubst, dass du zu viel Hausaufgaben bekommen hast, und darüber ärgerst du dich.”

Die Beispiele zeigen: Durch die kurze Wiederholung der Aussage des Kindes fühlt es sich verstanden. Es spürt Annahme und Einfühlung. Weiterhin benennen die Eltern die Gefühle, die sich beim Kind eingestellt haben. Dadurch wird die Verschiedenartigkeit der Gefühle zur Kenntnis genommen und entsprechend bezeichnet. Eine vortreffliche Schulung zur Handhabung der Gefühle!

Auf Schwierigkeiten vorbereiten

Das Leben von Kindern und Erwachsenen ist abwechslungsreich: Es gibt freudige Ereignisse, aber auch Schwierigkeiten und Krisen bleiben nicht aus. Sensible Kinder leiden unter Enttäuschungen stärker, überwinden Trennungen nur sehr schwer und erleben Kränkungen intensiver. Es gibt jedoch Möglichkeiten, die Kinder auf solche Widrigkeiten vorzubereiten. Eine unverzichtbare Vorbedingung dafür ist, die heftigen emotionalen Reaktionen solcher Kinder nicht abzuwerten oder zu verbieten. Daher sind derartige Forderungen falsch: “Ich rede mit dir erst dann wieder, wenn du ausgesponnen hast…” “Wenn du wieder normal bist, dann können wir …” “Jetzt ist sie wieder völlig daneben, nach einer Stunde ist sie wieder umgänglich und freundlich …”

Zusätzlich erfordert die Erziehung von sehr sensiblen Kindern große Geduld. Denn sie brauchen länger, um neue Kontakte zu knüpfen. Sie gehen auf neue Situationen vorsichtiger zu. Sie leiden auch länger, wenn eine Freundschaft zerbricht. Da grundsätzlich sensible Kinder auch die Schwierigkeiten und negativen Seiten des Lebens deutlicher spüren, sollten Eltern bemüht sein, Optimismus zu verbreiten. Dazu ist erforderlich Kritik am Kind konkret und aufbauend zu äußern und den negativen Kinderäußerungen positive Gesichtspunkte hinzuzufügen. Beispiele zur Veranschaulichung: Kind sagt: “Naturwissenschaftliche Bücher sind so trocken und theoretisch geschrieben, da kapier´ ich meistens nichts.” Mutter: “Du meinst naturwissenschaftliche Bücher verlangen deine volle Konzentration und die größte Anstrengung, um sie zu verstehen.” Tochter beklagt sich: “Oh je, auf dieser Party war ich völlig falsch angezogen …” Mutter: “Du meinst, du warst nicht so wie die anderen Mädchen angezogen, aber gerade deshalb ungewöhnlich und interessant…”

Sensible Kinder werden wahrscheinlich den zu erwartenden Schwierigkeiten eher gewachsen sein, wenn sie ihre Emotionen kontrollieren können. Eltern sollten daher jede Gelegenheit zur Einübung emotionaler Kontrolle nutzen. Es geht beim Erwerb dieser Fähigkeit nicht darum, die Gefühlswelt der Kinder zu begrenzen und heftige Gefühlsregungen in handsame Bahnen zu zwingen. Emotionale Kontrolle soll Kindern die Unterscheidung ihrer emotionalen Erlebnisweisen bewusst machen und das Steuern ihrer Handlungen und Reaktionen auch bei heftigen Gefühlsregungen ermöglichen. Denn übersensible Kinder lassen sich von anderen Menschen schnell vereinnahmen und beeindrucken und erliegen daher eher der Gefahr ausgenützt und missbraucht zu werden.

Ein Weg ist das Ansprechen von Gefühlen, wie es beim aktiven Zuhören aufgezeigt wurde. Zusätzlich ist der geduldige Umgang mit Gefühlsausbrüchen erforderlich. Der Psychologe Lawrence Shapiro empfiehlt zum Erlernen emotionaler Kontrolle Spiele, in denen Kinder ruhig bleiben sollen, während sie gehänselt und geärgert werden (3). Shapiro beschreibt das “Bleib ruhig Spiel” : Während ein Kind Mikado-Stäbchen aufhebt, sollen die anderen Kinder es necken, beleidigen oder lächerlich machen. Die Kunst ist, trotz dieser Anforderungen mit ruhiger Hand die Stäbchen aufzuheben. Ähnliche Wirkung kann das Spiel “Mensch ärgere dich nicht” erzeugen.

Ruhig bleiben, keine Regungen zeigen, trotz intensiver Aufforderungen, verlangt das Spiel “Armer schwarzer Kater” . Mehrere Kinder sitzen im Stuhlkreis und ein Kind kniet sich – den Kater spielend – vor ein sitzendes Kind. Der Kater versucht abscheulich, witzig, oder jammernd zu miauen. Das aufgeforderte Kind sollte ohne emotionale Regung dem Kater über den Kopf streichen und “Armer schwarzer Kater” sagen. Zeigt es dennoch ein Schmunzeln oder Lächeln, so ist dieses Kinder der Kater.

Viele Spiele, Entspannungsübungen, Meditationen und kreative Beschäftigungen können einen Beitrag dazu leisten, die Emotionen kontrollieren zu lernen. (4)

Ein Ausblick

Übersensible Menschen haben oft eine ausgeprägte künstlerische Ader. Beispielsweise wird vom Nobelpreisträger Hermann Hesse berichtet, er sei ein äußerst sensibles Kind gewesen. Seine Mutter schrieb ins Tagebuch: “Sein heftiges Temperament macht uns viel Not.” Er wurde deshalb in ein so genanntes “Knabenhaus” geschickt. Dort sollte er Härte und Widerstandsfähigkeit, Disziplin und Zurückhaltung lernen. Diese “Rosskur” hatte jedoch schlimme Folgen, denn der Dichter fühlte Zeit seines Lebens den großen Schmerz, der ihm durch diese Erziehung zugefügt wurde.

Nicht jedes übersensible Kind bringt es zum Nobelpreisträger, aber ganz sicher ist, dass das brutale Abgewöhnen von intensiven emotionalen Reaktionen Schädigungen des gesamten Lebens nach sich zieht.

Literatur

(1) Dornseiff, F; Quasthoff, U.: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, Berlin New York 2004.

(2) Gordon, T.: Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind, München 2000, 30. Auflage.

(3) Shapiro, L.: Emotionale Intelligenz für Kinder: Beliebt und glücklich nicht nur schlau. Wie Eltern die Emotionale Intelligenz ihrer Kinder fördern können, Bern München Wien 1998.

(4) Viele Spiele finden sich in: Liebertz, C.: Das Schatzbuch der Herzensbildung. Grundlagen, Methoden und Spiele zur Emotionalen Intelligenz, München 2004.

Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am

Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München

E-Mail: Michael Schnabel (Schnabel NULL.Michele null@null web NULL.de)