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Chaos im Kinderzimmer

Erstellt am 28. Januar 2002, zuletzt geändert am 18. März 2010

Beate Weymann

Um was geht es?

Dieses Thema ist bei fast allen Eltern ein Reizthema. Konflikte um die Ordnung und um das Essen sind gang und gäbe bei vielen Familien. Gegensätze prallen hier aufeinander, wenn der Ordnungssinn der Eltern auf die Unfähigkeit der Kinder, Ordnung zu halten, trifft. Oder, wenn die Vorstellungen der Eltern, wie viel Ordnung im Kinderzimmer sein soll, mit denen der Kinder nicht vereinbar ist.

Folgende Fragen stellen sich: Soll man die Unordnung der Kinder tolerieren? Bis zu welcher Grenze ist Toleranz sinnvoll? Werden aus unordentlichen Kindern unordentliche Erwachsene? Ist es besser, von Anfang an Ordnung durchzusetzen? Was bewirke ich mit meinem Umgang mit Ordnung?

Wie sich das Problem lösen lässt:

  • Eigene Ordnungsvorstellungen: Welchen Grad an Ordnung man selbst braucht, um sich wohl zu fühlen, lebt man den Kindern tagtäglich vor. Dieses beeinflusst die Kinder. Vielleicht stellt es die beste Erziehungsmethode dar, um Kindern Aufräumen bzw. Ordnung beizubringen. Beispiel: Mache ich die Betten gleich nach dem Aufstehen, erst nachmittags oder gar nicht? Ist mein Schreibtisch stets pingelig aufgeräumt oder “lebt” er sozusagen: Ist noch ein Buch, ein Ordner aufgeschlagen? Sieht man, womit sich jemand gerade beschäftigt? Werde ich verrückt, sobald irgendetwas nicht auf Zentimeter dort liegt, wo es “hingehört” ? Ist es so, dass ein gewisses Chaos erst Gemütlichkeit bei mir hervorruft? Haben die Eltern selbst eine ganze Menge Unordnung? Man kann nicht von dem Kind erwarten, einer bestimmten Norm zu entsprechen, wenn man selbst weit davon entfernt ist. Falls bei den Eltern im Zimmer alles durcheinander liegt, sollte zuerst dort Ordnung hergestellt werden, bevor man dieses von seinen Kindern verlangt.
  • Toleranz: Die Deutschen werden als sehr ordnungsliebend eingestuft. In anderen Ländern gelten weitaus lockere Ordnungsregeln !!! Es existieren viele Spielarten von Ordnung. Wer will sich dabei anmaßen, die eigene Ordnung als die einzig Wahre einzustufen? Ordnungsvorstellungen anderer Menschen, die ganz anders als die eigenen beschafften sein können, müssen toleriert werden. Schließlich wird man ein Leben lang damit konfrontiert. Der eine fühlt sich vielleicht nur wohl in einem ganz schön “großen” Chaos, ein anderer nur in einer ganz peniblen Ordnung (bei dem einen liegt alles auf Zentimeter; der andere muss erst einiges beiseite räumen, um an das zu kommen, was er sucht). Dazwischen gibt es viele Stufen. Kinder haben auf alle Fälle eigene Vorstellungen von Ordnung. Eltern würden den Zustand als “heilloses Durcheinander” (und somit ein vermeidbares Chaos) bezeichnen, Kinder sehen darin etwas ganz Anderes, z.B. eine Arbeit, bei der ihnen ganz viel Neues einfällt. Von großer Bedeutung ist es, Anregungen für schöpferische Aktivitäten bereit zu halten. Kinder müssen sich frei bewegen dürfen. Permanente Ermahnungen, nicht so laut zu sein, nicht soviel Unordnung herzustellen, sich nicht schmutzig zu machen, auf die Nachbarn, den müden Vater etc. Rücksicht zu nehmen, führen zu Verunsicherungen beim Kind und blockieren seinen Tatendrang. Ideal wäre es, wenn das Kind im Spiel Zeit und Raum vergisst, so dass es ungestört kreativ sein kann (und lernen kann, denn spielen ist lernen). Kinder, die mit Konzentration und Ausdauer spielen, bringen gute Fähigkeiten für Schule und Beruf mit, sind gut gewappnet. Ganz wichtig ist auch, daran zu erinnern, dass Kinder Chaos benötigen , denn erst bei einem gewissen Ausmaß an aufgestelltem Spielzeug entwickeln sie Ideen für neue Spiele. Kreativität entsteht dadurch. Und ist Kreativität nicht eine bedeutende, willkomme Eigenschaft? Kreativität wird überall gebraucht: sei es im Beruf (wie schaffe ich es, effektiver zu arbeiten?), im Privatbereich (wie stelle ich es an, dass mein Kind das gesunde Mittagessen probiert?) oder sonst wo. In Kunst, Musik, Mode ist die Kreativität eine Schlüsseleigenschaft.
  • Erziehungsziele: Früher war Ordnung ein vorrangiges Erziehungsziel der Eltern. Heutzutage wünschen sich die meisten Eltern ganz andere Tugenden von ihren Kindern: Selbständigkeit z.B. rangiert weit höher. Dieses sollte man bedenken, wenn man sich gerade mal wieder aufregt über das “unordentliche Kinderzimmer” . Im Übrigen: Unsere ganze Welt ist doch sehr unübersichtlich geworden ? die Informationsflut ist nicht im Entferntesten zu überblicken etc. ? vielleicht ist es da ganz sinnvoll, sich mit dem “Chaos” gewissermaßen anzufreunden. Auch setzt es nicht zu unterschätzende Fähigkeiten voraus, wenn man sich im Chaos des Kinderzimmers zurechtfindet. Wie war das doch? Das Genie beherrscht das Chaos? Im Hinblick auf die Zukunft ist es sicherlich von Vorteil, wenn man unter chaotischen Zuständen die Nerven behalten kann, den Überblick behält. Wer weiß schon, welche Probleme die zukünftige Generation zu bewältigen hat?
  • Grenzen: existieren dort und müssen auch eingehalten werden, wo hygienische Regeln überschritten werden, die Gesundheit gefährdet ist. Beispiel: Verdorbene Lebensmittel gehören in den Müll, können nicht im Kinderzimmer in einer Ecke vergessen werden; nasse Kleidung (Trainingsanzug, feuchte Handtücher u.a.) darf nicht auf dem Teppichboden liegen; herumliegende benutzte Taschentücher erhöhen die Ansteckungsgefahr für den Rest der Familie usw. Hierbei kann gelernt werden, dass jeder Rücksicht nehmen muss. Es geht wohl kein Weg an Kompromissen von beiden Seiten herum! Beispiel: Die Eltern erwarten, dass hygienische Regeln eingehalten werden und sind auf der anderen Seite zu Zugeständnissen bezüglich des “Wo-hin gehörens” bereit (viele Autos liegen auf dem Boden, in den Schubladen liegt alles drunter und drüber).
  • Ausnahmen: Darf der mit viel Mühe erbaute Turm stehen bleiben? Sind Lego-Bauten nicht zu schade, um schon wieder abgerissen zu werden? Man sollte hier Rücksicht nehmen, um nicht die Lust am Bauen (ferner die Phantasie) usw. zu zerstören. Man sollte den mit viel Phantasie gebauten Städten, Burgen etc. Anerkennung zollen, indem man den Kindern erlaubt, sie eine Weile stehen lassen zu dürfen. Schließlich haben die Kinder noch so viele Ideen hinsichtlich dieser Bauten auszuprobieren (wie sieht die Burg mit einem zusätzlichem Turm aus? Was fällt mir ein, wenn die Hälfte der Burg zerstört ist? Was passiert, wenn 10 Ritter die Burg plötzlich betreten?) Wenn die Bauten langweilig werden, vollziehen die Kinder von alleine den Abriss.
  • Aufräumen: tut der Seele gut, sagen Psychologen. Chaos verbreitet schlechte Stimmung, denn man hat die zu erledigende, ungeliebte Arbeit ständig vor sich, was das Entspannen verhindert. Außerdem fühlt man sich vom Berg vor sich liegender Arbeit wie “erschlagen” . Das Kind darf ruhig mal die Erfahrung machen, dass es unangenehm ist, sich in einem Zimmer zu bewegen, in dem fast nirgendwo hingetreten werden kann, in dem ständig irgendetwas stört.
  • Hilfe: Wenn man selbst keine Lust hat, entwickelt das Kind auch keine Motivation. Erfahrungsgemäß machen die Kinder bald mit, wenn die Mutter (der Vater) mit dem Aufräumen anfängt. Falsch ist es, alles alleine aufzuräumen. Stattdessen lieber die Kinder von klein auf beim Aufräumen ein bisschen helfen lassen (beim Abräumen des Esstisches, beim Bettenmachen, bei den Spielsachen usw.) . Kindern muss auch genau vor Augen geführt werden, wie man bestimmte Dinge erledigt bzw. erledigt haben möchte. Beispiel: Betten machen; wie packe ich eine Hose auf den Hosenbügel; die Jacke an die Garderobe usw. Die Normen sollten nicht zu kleinlich und eng festgelegt werden. Es ist günstig, dem Kind einige Möglichkeiten offen zu lassen, wie man die Aufgabe bewältigt (das Kopfkissen kann hingestellt oder hingelegt werden; man kann Stifte in einen Becher stellen oder aber in eine Federmappe etc.) Ab 5 Jahren sind die Kinder zunehmend in der Lage, Aufgaben selbständig auszuführen.
  • Zeit gewähren: Das Kind benötigt etwas Zeit , um sein Spiel, in dem es so vertieft ist, zu beenden. Man sollte froh darüber sein, dass das Kind so wunderbar spielt und deshalb es nicht zwingen, sofort mit dem Aufräumen zu beginnen. Ein Zeitpolster ist sehr hilfreich. Man erwähnt z.B. frühzeitig das Mittagessen, nach einer Zeit kommt man wieder darauf zurück etc. Mindestens 15 Minuten sollte man dem Kind schon einräumen. Kleinere Kinder benötigen sowieso mehr Zeit hinsichtlich des Aufräumens, da sie noch mehr überlegen müssen, wo welches Teil hingehört. Auf diese Weise zeigen Eltern und Erzieher Verständnis für ihr Kind und vertiefen die Beziehung.
  • Bereiche festlegen: Der eine ist für Klamotten zuständig, der andere für Müll, der andere für Bücher etc. So kommt man sich nicht in die Quere, wenn man z.B. zu zweit im Kinderzimmer aufräumt. Das nächste Mal die Zuständigkeiten tauschen. So funktioniert moderne Arbeitsteilung.
  • Spielkisten benutzen: Hier fällt das Ein- und Ausräumen nicht unnötig schwer. Offene Regale sind praktisch. Das Beschriften erleichtert unter Umständen die Suche. Eine gelbe Kiste für Legos, ein Korb für Kuscheltiere, eine blaue Kiste für Bilderbücher, ins Regal kommen die Gesellschaftsspiele usw.
  • Loben: Kinder loben, wenn das Zimmer aufgeräumt ist und bleibt. Loben ist das Beste! Motto: “Das Aufräumen erledigst du wohl jetzt ruck-zuck? Du weißt wohl im Traum, wo was hingehört?”
  • Regelmäßig aufräumen: Gar nicht erst so große Zeitspannen vergehen lassen, damit sich das große Chaos nicht entwickeln kann.
  • Spielkameraden: Sind andere Kinder zu Besuch, so sollten auch diese beim Aufräumen der Spielsachen, mit denen sie sich beschäftigt haben, miteinbezogen werden. Die eigenen Kinder empfinden es später als ungerecht, wenn sie Spielsachen der anderen wegräumen sollen. Eine andere Regel ginge natürlich auch: Derjenige, dem das Zimmer gehört, muss aufräumen. Bei wechselseitigem Spielen (mal bei dir, mal bei mir) kommt dann jeder mal in den “Genuss” des Aufräumenmüssens.
  • Musik: Flotte Rhythmen steigern die Motivation beim Aufräumen! So kreisen die Gedanken nicht nur um das Aufräumen. Vielleicht lässt sich nebenbei über den nächsten Ausflug reden, den baldigen Kino- Besuch oder etwas Ähnlichem, was Freude bereiten wird. Es muss ja nicht bitterernst und trocken die Sache angegangen werden. Kinder kann man mit Humor und Ablenkung eher zum Aufräumen bewegen.
  • Fundbüro der Familie: In eine Kiste mit Deckel werden alle Sachen, die “herrenlos” in der Wohnung verstreut sind, hineingeworfen. Auf diese Weise trägt jeder in der Familie dazu bei, dass Sachen nie lange irgendwo herumliegen, wo sie nicht hingehören. Die Kiste wird nur einmal pro Woche entleert, was die Folge hat, dass man seine Sachen nicht so schnell wiedersieht, wenn man sie vorher irgendwo liegen ließ.
  • Verantwortung: Den Schwierigkeitsgrad steigern. Selbstwertgefühl und Motivation lassen sich erhöhen, wenn man den Kindern auch mal Aufgaben überträgt, die eine größere Herausforderung darstellen. Beispiel: Nicht immer nur Müll hinausbringen, sondern auch mal abgelaufene Lebensmittel aus dem Kühlschrank sortieren, Paket von der Post holen lassen usw.. “Einfachere” Arbeiten wie Aufräumen verlieren so ihren Schrecken.
  • Regale in kindgerechter Höhe: Dieses versetzt die Kinder in die Lage, Spielzeug alleine wegräumen zu können und nicht noch die Mutter rufen zu müssen, nur weil sie etwas wegstellen wollen. Der Haken für die Kinderjacke muss niedrig genug angebracht sein usw. So fördert man die Selbständigkeit der Kinder.
  • Jahreszeiten: Muss das Schlauchboot im Winter griffbereit sein? Wird der Drachen im Sommer benutzt? Unnötigen Ballast lieber woanders als im Kinderzimmer aufbewahren.
  • Auswahl an Spielzeug: Es hat sich als günstig erwiesen, den Kindern nur eine Auswahl von ihrem Spielzeug zu überlassen und dann lieber öfter mal auszuwechseln. So wird auch im Kindergarten z.B. verfahren. Nicht alle Bilderbücher werden angeboten, sondern nur ein Teil. Beispiel: Weshalb liegen jetzt zu Ostern noch Weihnachtsbilderbücher herum? Das eine Bilderbuch hat er sich schon 27 Mal angesehen – dann wird es Zeit, dass ein anderes hervorgeholt wird. Bei sehr viel Spielzeug wird es dem Kind erschwert, sich ausdauernd mit einem Teil zu beschäftigen. Von der Unübersichtlichkeit fühlt es sich erdrückt. Es weiß dann nicht mehr, womit es überhaupt spielen soll. Beispiel: Was soll es mit 8 Puzzles? 4 Puzzles reichen auch zur gleichen Zeit. Spielsachen mit denen das Kind nie spielt, können getrost ausrangiert werden. Vielleicht erhalten sie einen Reiz dadurch, dass sie sie nicht mehr sehen? Oder es interessiert sich später dafür, wenn man es wieder damit konfrontiert.

Was sich zu merken lohnt

Kinder benötigen Chaos, um Kreativität entwickeln zu können. Ihr Spiel darf nicht gestört werden, damit sie mit Ausdauer und Konzentration ihrer Sache nachgehen können.

Wie ich selbst mit Ordnung umgehe, beeinflusst die Kinder ungemein (Vorbildfunktion, beste Erziehungsmethode).

Letztendlich muss man einsehen, dass Kinder sich in ihrem Reich wohlfühlen sollen und dürfen; dazu gehört auch, dass ihre Ordnungsregeln und ihre Vorlieben für das Kinderzimmer gelten.

Literatur

B. Coloroso: Was Kinderseelen brauchen, Südwest Verlag GmbH & Co. KG, München, 1997.

Eltern: Die richtige Erziehung von A- Z, VEMAG, Köln 1999

D. Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen, Verlag Antje Kunstmann, München 2001

D. Kraus- Prause; J. Kraus; E. Nonnenmacher: Lexikon Erziehung, rororo, Reinbek bei Hamburg, 1995

S. Kosubek: Balancierte Erziehung, Verlag Modernes Lernen, Dortmund, 1986.

Kursbuch Kinder, Bertelsmann Club GmbH, Gütersloh, 1993

C. Mühlan: Bleib ruhig, Mama! Verlag Klaus Gerth, Asslar, 8. Aufl., 1993

Autorin

Beate Weymann, Angestellte beim Land Niedersachsen
Diplom-Sozialpädagogin
37586 Dassel