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Wie erkennt und behandelt man Hörprobleme bei Kindern?

Erstellt am 10. Dezember 2001, zuletzt geändert am 10. Mai 2011

Martina Stein-Lesniak

Hörprobleme bei Babys und Kindern

Etwa zwei von 1.000 Kindern kommen in Deutschland schwerhörig oder gehörlos zur Welt. Daneben gibt es viele Kinder, die mittelgradig oder leicht schwerhörig sind. Hörstörungen können auch im Verlauf der Kindheit auftreten. Bleibt eine solche Hörstörung monate- oder gar jahrelang unentdeckt, wirkt sich dies auf die gesamte Entwicklung des Kindes aus. Das Bundesgesundheitsministerium plant – im Anschluss an derzeit laufende Pilotstudien -, eine grundsätzliche Hörprüfung aller Neugeborenen einzuführen. Ein solches generelles Hörscreening wird in einigen Ländern (z.B. Österreich, USA) bereits durchgeführt und bei uns seit Jahren von vielen Fachleuten gefordert. Denn noch immer werden Hörminderungen bei Kindern zu spät entdeckt. Im Durchschnitt ist ein Kind bei uns bereits 2 1/2 Jahre alt, bis eine Schwerhörigkeit entdeckt wird, die seit der Geburt besteht.

Frühzeitige Hörgeräte-Versorgung wichtig

Dass ein Kind schlecht hört, fällt häufig erst dann auf, wenn die Sprachentwicklung Probleme macht. Doch auch hier wird dann oft noch vom “späten Sprecher” ausgegangen und erst mal abgewartet. Bis endlich das Gehör überprüft wird, sind meist viele Monate ungenutzt vergangen. Doch Hören-Können ist von Anfang an wichtig. Denn auch schon in den ersten Lebensmonaten sollten Klänge über die Ohren an das Gehirn weitergeleitet werden. Nur so können die kindlichen Hörbahnen weiter reifen – eine wesentliche Voraussetzung für gutes Hören.

Das Hörvermögen eines Kindes lässt sich fast immer mit Hörgeräten bessern. Daher sollten diese bei angeborener Schwerhörigkeit möglichst schon innerhalb der ersten sechs Lebensmonate angepasst werden. Von der Geburt bis etwa zum dritten Lebensjahr lernt das Gehirn, die gehörten Informationen zu verfeinern und auszuwerten. Fachleute sprechen hier von der sensiblen Phase, die man gut ausnutzen sollte. Denn danach verlangsamt sich das Hören-Lernen deutlich, und es wird eine besonders intensive Förderung nötig, um das Versäumte aufzuholen.

Kinder, die nicht oder nur sehr schlecht hören, sind kaum in der Lage, sprechen zu lernen. “Taubstumm” sagte man früher dazu. Heute haben schwerhörige Kinder gute Chancen, hören und sprechen zu lernen, wenn sie frühzeitig mit Hörgeräten versorgt werden. Kinder, die so schlecht hören, dass ihnen auch mit Hörgeräten kaum zu helfen ist, können meist mit einem Cochlear Implant (http://www.dcig.de (http://www NULL.dcig NULL.de)) versorgt werden. Das ist bereits im ersten Lebensjahr möglich und sinnvoll. Dieses – durch eine Operation eingesetzte – künstliche Innenohr ermöglicht Kindern (und Erwachsenen), die annähernd gehörlos oder taub sind, zu hören. Voraussetzung für die Implantation sind intakte Hörnerven.

Ursachen für Hörprobleme in der Kindheit

Viele Hörprobleme entwickeln sich erst nach der Geburt. Die häufigste Ursache von Schwerhörigkeit im Kindes- und Jugendalter sind chronische Mittelohrentzündungen. Darüber hinaus kann jede bakterielle Infektion des Mittelohrs auch auf das Innenohr übergreifen. Es kann dann zu einer akuten Labyrinthitis führen. Dabei besteht die Gefahr, dass das betroffene Ohr ertaubt. Auch einige Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Mumps können eine Labyrinthitis mit nachfolgender Ertaubung verursachen. Einen bleibenden Schaden kann das Gehör auch durch Lärm und kurze, laute Knalle davontragen. Spielzeugpistolen oder Silvesterknaller, die in Ohrnähe abgefeuert werden, oder auch eine Ohrfeige aufs Ohr können diese lebenslangen Hörschäden bei Kindern verursachen.

Häufiger kommt es zu Beeinträchtigungen des Gehörs, die vorübergehend sind. Die Ursache dafür ist in vielen Fällen ein Paukenerguss. Dabei kann das Hörvermögen um ein Drittel vermindert sein. Das entspricht etwa dem, was man hört, wenn man sich die Ohren mit den Fingern zuhält. Die Sprachentwicklung und – bei älteren Kindern – die schulischen Leistungen werden dadurch beeinträchtigt.

Wenn irgendwelche Zweifel an der Hörfähigkeit eines Kindes bestehen, sollte man das Gehör überprüfen lassen. Liegt eine Hörminderung vor, so hängt das weitere Vorgehen von den Ursachen ab. Bei einer Schallleitungsschwerhörigkeit kann das Hörvermögen in vielen Fällen durch Operationen oder Medikamente gebessert werden. Bei der häufiger auftretenden Schallempfindungsschwerhörigkeit ist das Innenohr geschädigt. Hier kann das Gehör fast immer erfolgreich mit Hörgeräten unterstützt werden. Nach der Diagnose sollten umgehend Hörsysteme angepasst werden, um keine kostbare Zeit zu verlieren. Bei einer beidohrigen Versorgung ist es wichtig, von Anfang an auch beide Hörgeräte zu tragen, nicht nur eines. Wenn nur ein Ohr betroffen ist, sollte auch dieses unbedingt versorgt werden. Denn für das Hören bei Störgeräuschen und das Richtungshören, also in ganz alltäglichen Hörsituationen, werden beide Ohren benötigt.

Kann mein Kind richtig hören?

Fast immer sind es die Eltern, die zuerst den Verdacht haben, dass ihr Kind schlecht hört. Hier einige wichtige Anhaltspunkte für Eltern und Bezugspersonen:

  • In der 4. bis 6. Lebenswoche sollten Säuglinge bei plötzlichen lauten Geräuschen erschrecken und sich bei Zuspruch der Eltern beruhigen.
  • Ab dem 3. bis 4. Lebensmonat sollten Säuglinge stimmhaft lachen und “brabbeln” . Sie sollten die Augen in Richtung einer Schallquelle bewegen, ohne durch optische Reize oder Luftzug auf sie aufmerksam geworden zu sein.
  • Säuglinge ab dem 7. bis 8. Lebensmonat sollten auf Musik lauschen und unterschiedliche Stimmlagen und Laute ausprobieren. Im ersten Lebenshalbjahr “brabbeln” alle Kinder vor sich hin. Kinder, die nichts hören, verstummen danach.
  • Ab 10 bis 12 Monaten sollten Säuglinge reagieren, wenn sie in normaler Lautstärke aus 1 m Entfernung angesprochen werden, und sie sollten Verbote ( “Nein!” ) verstehen.
  • Etwa zum 2. Geburtstag sollten Kinder Anweisungen befolgen können, die ihnen ins Ohr geflüstert werden. Sie beginnen Zweiwort-Sätze zu sprechen (z.B. “Ball haben” ).

Tipps für einfache Hörtests: Die Geräusche und Töne sollten so gemacht werden, dass das Kind es nicht sehen oder fühlen kann. Es reagiert sonst vielleicht auf etwas, das es gesehen oder gespürt, aber nicht gehört hat. Die Geräusche sollten unterschiedlich laut, hell und dumpf sein, da manchmal nur bestimmte Tonlagen nicht richtig wahrgenommen werden. Beim geringsten Zweifel an der Hörfähigkeit eines Kindes sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Viele Kinder sind betroffen

In den alten Bundesländern soll es 7.000 bis 8.000 hochgradig schwerhörige Kinder geben (vgl. Artikel “Wenn es ein hörgeschädigtes Kind in der Familie gibt”). Man geht davon aus, dass 80.000 bis 150.000 Kinder mittelgradig schwerhörig sind. Drei bis vier Prozent aller Kinder sollen an einer leichtgradigen Schwerhörigkeit leiden. Daraus würde sich eine Gesamtzahl von weit über 500.000 Kindern mit behandlungsbedürftigen Hörstörungen ergeben.

Nach Angaben des Deutschen Zentralregisters für kindliche Hörstörungen in Berlin ist das Hörvermögen von rund 80.000 Kindern so hochgradig gestört, dass sie spezielle Sonderschulen besuchen müssen. Kinder mit zentralen Hörstörungen wurden bei all diesen Zahlen nicht berücksichtigt. Schon minimale Hörstörungen führen zu geringerem Selbstvertrauen, stärker empfundenem Stress und schlechteren schulischen Leistungen.

Gute Versorgungsmöglichkeiten für Kinder

Die weiterführende Diagnostik wird bei Säuglingen und Kleinkindern mit Hörminderung meist in einer Pädaudiologischen Klinik oder Praxis durchgeführt. Pädaudiologische Kliniken, Abteilungen oder Praxen gibt es in vielen Städten. (Adressen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter: http://www.dgpp.org/Service/index_Service.htm (http://www NULL.dgpp NULL.org/Service/index_Service NULL.htm) – Adressen.) Die Anpassung von Hörgeräten und die jahrelange weitere Betreuung werden dann sinnvollerweise von einem örtlichen Pädakustiker übernommen. Das ist ein(e) Hörgeräte-Akustiker-Meister(in), der/die sich durch eine spezielle Weiterbildung für die Hörsystemversorgung von Kindern qualifiziert hat. Auch die Ausstattung des Fachgeschäftes ist bei Pädakustikern auf die Versorgung und Betreuung von kleinen Kindern ausgerichtet. Mit rund 600 Pädakustikern ist eine flächendeckende Versorgung in Deutschland gewährleistet.

Kinder werden mit Hinter-dem-Ohr-Geräten versorgt. Über die Hörgeräte hinaus gibt es gutes Zubehör, das Kindern in bestimmten Situationen das Hören erleichtert. So kann über FM-Anlagen die Stimme der Eltern, Erzieher, Lehrer per Funk direkt zum Hörgerät des Kindes übertragen werden. Weitere Informationen über das gesamte Zubehör-Sortiment und Beratung über individuelle Einsatzmöglichkeiten bieten Hör- bzw. Pädakustiker.

Kinder-Hörgeräte nicht verstecken

Eltern sollten die Schwerhörigkeit ihrer Kinder akzeptieren. Nur so können auch die Kinder lernen, selbstbewusst mit ihrer Situation umzugehen. Die Eltern sollten dem Kind keinesfalls das Gefühl geben, einen Makel zu haben. Das fördert Minderwertigkeitsgefühle. Ein Kind lernt nur, mit seiner Hörminderung umzugehen und seine Hörgeräte anzunehmen, wenn auch seine Eltern dies tun.

Für hörgeminderte Kinder ist es entscheidend, dass sie frühzeitig mit Hörgeräten versorgt werden und diese auch regelmäßig tragen. Wenn die Eltern – und damit auch das Kind – nicht zur Hörminderung und zu den Hörsystemen stehen, treten Probleme auf. Hörgeräte werden dann oft nicht getragen. Andere Menschen werden nicht über die Hörschwäche informiert. Kommunikationsprobleme mit allen sozialen Folgen, wie Schulschwierigkeiten und Vereinsamung, sind vorprogrammiert.

Kinder möchten meist bunte Hörgeräte haben. Bei dieser Wahl sollten Eltern ihre Kinder unterstützen. Denn das offene Zeigen der Hörsysteme ist zugleich ein Bekennen zu den Hörproblemen. Nur das Zeigen und Benennen führen dazu, dass andere Menschen Rücksicht nehmen können. Denn trotz großer Fortschritte in der Geräte-Technik gibt es immer noch Situationen, in denen gutes Verstehen schwierig ist. Wer klar macht, dass er hier ein Problem hat, beugt unangenehmen Fehleinschätzungen vor: Wer etwas nicht verstanden hat, wird sonst für unkonzentriert, begriffsstutzig oder dumm gehalten.

Tipps für das Sprechen mit hörgeminderten Kindern

  • Deutlich sprechen, mit normaler Geschwindigkeit und Lautstärke.
  • Das Kind beim Sprechen anschauen, damit es den Gesichtsausdruck gut erkennen und auch von den Lippen ablesen kann.
  • Das Gesicht, vor allem den Mund, nicht mit der Hand oder einem Bart verdecken. Nicht mit vollem Mund sprechen.
  • Wenn etwas nicht verstanden wurde, nicht nur ein Wort, sondern den ganzen Satz wiederholen. Wenn auch dann nicht verstanden wird, den Satz anders formulieren.

Weitere Informationen

Artikel “Wenn Kinder hörgeschädigt sind”

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie: http://www.dgpp.de (http://www NULL.dgpp NULL.de)

Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie: http://www.hno.org (http://www NULL.hno NULL.org)

Fördergemeinschaft Gutes Hören: http://www.fgh-gutes-hoeren.de (http://www NULL.fgh-gutes-hoeren NULL.de)

Adresse

Deutsches Grünes Kreuz
Martina Stein-Lesniak M.A.
Deutsches Grünes Kreuz
Schuhmarkt 4
35037 Marburg