Wenn Essen zum Problem wird! Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Mag. Dr. Manfred Hofferer und Dr. med. Heinz Fölkl
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Das Thema Kind und Essen ist immer wieder Anlass zu allerlei Vermutungen, Vorurteile und mitunter heftigen Diskussionen. Dabei drehen sich die Gespräche meistens um die Frage: “Was ist normal und was könnte schon ein Hinweis auf ein Problem hinweisen oder sogar ein gestörtes Essverhalten sein?” Wie so häufig ist es eine große Hilfe, wenn man zumindest die wichtigsten Grundlagen kennt und darüber Bescheid weiß!

Nahrungsaufnahme: ein menschliches Grundbedürfnis

Essen ist etwas Alltägliches, immer Wiederkehrendes, und scheint auf den ersten Blick das Natürlichste und Selbstverständlichste der Welt zu sein. Die Nahrungsaufnahme gehört zu den grundlegendsten Bedürfnissen des Menschen und ist immer mit sinnlichen Genüssen und Wohlgefühl verbunden. Von jeher gehört das gemeinsame Essen zum Ritual des Zusammenlebens. Redensarten wie “Ich habe dich zum Fressen gern” , “Es kotzt mich an” oder “So einfach lasse ich mich nicht abspeisen” weisen darauf hin, dass das Essen schon immer mit einer Vielzahl unterschiedlichster Gefühle in Verbindung gebracht wurde. Am klarsten kann das beim Säugling beobachtet werden. Für ihn ist die Aufnahme von Nahrung gleichzeitig die Quelle der Sättigung und der Fürsorge. Nahrung und Zuwendung sind in diesem Stadium noch unterschiedslos. Im weiteren Entwicklungsverlauf lernt das Kind diese Bedürfnisse aber nur dann zu unterscheiden, wenn von Seiten der Eltern diese Unterscheidung in ihren Erziehungshandlungen ebenso klar wahrgenommen wird. D.h., Nahrung dann, wenn Hunger vorliegt und nicht automatisch bei jedweder Reaktion.

Normales und gestörtes Essverhalten

Die Grenze zwischen einem normalen und einem gestörten Essverhalten sind zwar fließend, dennoch können klare Kriterien definiert werden, die ein krankhaftes Essverhalten kennzeichnen: wenn etwa die notwendige Kalorienzahl über eine längere Zeit unterschritten wird oder jemand konstant zu viele Kalorien zu sich nimmt, ohne sich entsprechend körperlich zu betätigen. Dabei spielt auch die Persönlichkeit des Kindes eine wichtige Rolle. Denn gestörtes Essverhalten und Essstörungen im engeren Sinn sind oft mit anderen psychischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen kombiniert. Auf einen ganz wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit Ernährung möchte ich hier hinweisen, der sehr häufig übersehen wird: das Kontakt- und Kommunikationsverhalten (Körper-, Spiel-, Sprachkontakt etc.).

Nahrungaufnahme als Kontakt- und Kommunikationsverhalten

Kontakt und Kommunikation – als Repräsentanten seelischer Ernährung – sind nicht nur im frühen Säuglingsalter für das Kleinkind lebenswichtig. Der Kontakt und die Kommunikation zwischen den Personen ist für das Kind ebenso wichtig wie die leibliche Ernährung. Demnach ist Kommunikation seelische Ernährung. Ob genügend “Nahrung” vorhanden ist oder gar eine dauernde Übersättigung und Überfütterung oder ob sie nur mangelhaft zur Verfügung steht, sind im Zusammenhang mit Essstörungen wichtige Themen, da sie im Besonderen ihre Wurzeln in der oralen Phase (Die orale Lebensphase beginnt mit der Geburt und dauert bis nach dem ersten Lebensjahr) haben. “Essstörungen” gibt es auch im Bereich der emotionellen Ernährung: die völlige Verweigerung, emotionelle Zuwendung anzunehmen als Extrem auf der einen Seite, die Unersättlichkeit an emotioneller Zuwendung, das hungrig-gierige Suchen nach Unterstützung auf der andern Seite.

Ganz wichtig hervorzuheben ist, dass Essstörungen praktisch nur in hoch industrialisierten Gesellschaften vorkommen. Denn sowohl die Verweigerung des Essens oder aber das im Übermaß Nahrung zu sich nehmen hat nur einen Sinn, wenn genügend Nahrung vorhanden ist.

  • Was wird gegessen?
  • Wie wird gegessen? (Zeit)
  • Welche Funktion hat Essen?
  • In welchen Kontext findet Essen statt?

Definition

Von einer Essstörung sprechen wir dann, wenn das natürliche Potential der Quantität und Variabilität der Nahrungsmittel verloren gegangen ist. Aus kommunikationspädagogischer Sicht stellt eine Störung des Essverhaltens eine Störung der Basisfunktionen der Leiblichkeit dar. Dabei hat das Kind “verlernt” , auf seine inneren Impulse zu hören bzw. die entsprechenden Signale zu erkennen und dementsprechend zu reagieren. Durch das “zuviel-,” zuwenig “oder” einseitig Essen “wird etwas anderes ausgeglichen.

Essstörungen beim Kleinkind

Bei Kleinkindern sind ein gestörtes Essverhalten und Appetitstörungen relativ häufig. Etwa 30 % der 4- jährigen zeigen ein inkonstantes und wählerisches Essverhalten. Aber auch im Vorschulalter und bei Schulanfängern finden sich noch derartige Auffälligkeiten, wobei die Häufigkeitsangaben zwischen 12 und 34 % schwanken. Die Symptomatik zeigt sich in der Verweigerung des Essens, im Ablehnen bzw. in der Bevorzugung bestimmter Speisen, in einer endlosen Hindehnung des Essvorgangs und oft auch im Bestehen auf einer ganz bestimmten Nahrungskonsistenz (z. B. Annahme ausschließlich flüssiger Nahrung).

Bevor an eine psychische Verursachung gedacht wird, müssen kinderärztliche Krankheitsbilder wie z. B. Infektionen des Magen- Darmtraktes ausgeschlossen werden. Essstörungen treten auch gehäuft bei hirngeschädigten, geistig behinderten und autistischen Kindern auf. Man findet Ess- und Appetitstörungen aber auch als rein psychogene Störungen bei Auseinandersetzungen innerhalb der Familie und einer Beeinträchtigung der Eltern- Kind- Beziehung. Andererseits weiß man, dass es bereits im ersten Lebensjahr vorherrschende Temperamentseigenschaften von Kindern gibt, die sich ebenfalls in einem gestörten Essverhalten, einer Irregularität des Wach- Schlaf- Rhythmus und anderen Auffälligkeiten rhythmischer Abläufe zeigen. Eine besondere Bedeutung für das Essverhalten kommt der Mutter- Kind- Beziehung zu, wobei sich die Störung bereits im Säuglingsalter entwickeln kann, da die Fütterungssituation zugleich auch für den Säugling die häufigste und wichtigste Situation zur emotionalen Kontaktaufnahme ist. In dieser gestörten Beziehung liegt auch der häufigste Ansatz zur Psychotherapie von Essstörungen bei Kleinkindern. Im allgemeinen gilt aber doch: Was und wie gegessen wird, bestimmen die Eltern.

Ekel vor bestimmten Speisen

(z. B. Fleisch, Huhn etc.) ist, wenn nicht nahe liegend plausible Gründe vorliegen, immer ein Grund, einen Arzt aufzusuchen. Hier ist einerseits eine organische Abklärung vonnöten, andererseits kann sich hinter dem Symptom auch eine tiefere neurotische Störung verbergen.

Fettleibigkeit (Adipositas)

Kinderärzte und Ernährungswissenschaftler schlagen zunehmend Alarm, unsere Kinder, Buben wie Mädchen gleichermaßen, seien zu dick. 60 % sind bereits im jugendlichen Alter übergewichtig (Medical Tribune, Feb. 2002). Über die Ursachen bestehen keine Zweifel: Überernährung und Bewegungsmangel. Der kindliche Bewegungsdrang ist sicher weiterhin vorhanden. Fehlerhafte Erziehung und zivilisatorische Errungenschaften behindern aber das Ausleben des kindlichen Bewegungsdranges. Die mit dem Fernsehen begonnene und durch das Internet verstärkte Änderung im Freizeitverhalten unserer Kinder hat die Bewegungsarmut weiter gefördert. Wer seine Freizeit hauptsächlich vor dem Bildschirm verbringt, vereinsamt bald und greift vermehrt zu Süßigkeiten. Das bewirkt Übergewicht und als Folge davon Bewegungsscheu, ein Teufelskreis entsteht, an dessen Ende soziale Isolierung und damit psychische Probleme auftreten.

Programme zum Abnehmen

Als erfolgreichste Programme zur Gewichtsreduktion gelten solche, die Diät, Bewegung und Verhaltensmodifikation kombinieren, sowie realistische Ziele setzen. Zuerst müssen genetische und endokrine (hormonelle) Ursachen für die Fettleibigkeit ausgeschlossen werden. Bevor ein Diätplan aufgestellt wird, gilt es, genau herauszufinden und zu bewerten, was, welche Mengen und wie häufig die Kinder essen. Unerlässlich ist es, nach den Ernährungsgewohnheiten der Eltern zu fragen. Ein Diätplan sollte so einfach wie möglich gestaltet sein. Bewährt hat sich die so genannte” Ampel Diät “(Ärzte- Woche März 2000): alle Nahrungsmittel werden nach ihrem Energiegehalt nach rot (Stopp!), gelb (mit Vorsicht zu genießen) und grün (kann getrost gegessen werden) eingeteilt. Dann lernen die Kinder zu zählen, wie viele Nahrungsmittel welcher Farbe sie gegessen haben, aber auch, wie viele Portionen am Tag sie zu sich genommen haben. Für übergewichtige Kinder und Jugendliche wird eine nur geringe Reduktion der täglichen Energiemenge empfohlen, da für normales Wachstum und altersgerechte Entwicklung sowohl genügend Energie als auch Nährstoffe aufgenommen werden müssen. Fettreiche Snacks wie Chips, Pommes frittes oder Süßigkeiten sowie Soft- Drinks sollten reduziert werden. Die überschüssige Kalorienaufnahme kann durch Verzicht auf Fastfood, das meist besonders energiereich ist, eingeschränkt werden. Die konsumierten Portionen sollten verkleinert werden. Die Popularität sitzender Freizeitaktivitäten wie Fernsehen und Computerspiele trägt zur Gewichtszunahme bei. Je aktiver Kinder sind, desto weniger Zeit bleibt ihnen auch zum” Snacken “. Kleinste Erfolge bei der Gewichtsabnahme müssen positiv verstärkt werden.

Es hat sich bewährt, wenn sich Kinder oder Jugendliche ihre Ziele selbst setzen und die Erfolge selbständig aufzeichnen. Die Familie muss selbstverständlich in die Therapie einbezogen werden. Familienschulung ist unerlässlich und hat nicht nur positive Auswirkungen für das betroffene Kind, sondern auch auf die Essgewohnheiten aller Familienangehörigen.

Ess-Sucht

Esssüchtige wollen ein” emotionales Loch “stopfen. Merkmale sind extremes Übergewicht oder ständige, starke Gewichtsschwankungen, Heißhungeranfälle und Essattacken, die mit Kontrollverlust einhergehen. Es kommt dabei im Gegensatz zur später beschriebenen Ess-Brech-Sucht zu keiner Gegenregulation. Die möglichen körperlichen und seelischen Folgeschäden reichen von Herz- Kreislaufproblemen, Belastungen des Skeletts, Leberschäden, Diabetes, über den sozialen Rückzug bis zu Depressionen sowie Selbstabwertung.

Pubertätsmagersucht (Anorexia nervosa)

Jedes zweite Mädchen hat ganz massive Angst, zu dick zu werden. Jedes zweite 15- jährige Mädchen hat bereits mit Diätprogrammen experimentiert. Nur elf Prozent der 15- jährigen Mädchen in Wien sind- wie eine Studie zeigt- mit ihren Körperproportionen zufrieden. Aktuell wird das Thema meist zu Beginn der Pubertät, um das Alter von elf Jahren herum. Von Magersucht muss man ab einer Gewichtsabnahme von 25% auf das altersgemäße Normalgewicht sprechen. Dieses kann entsprechend den Gewichts- und Größentabellen als” Gewicht für Körpergröße “festgestellt werden.

Rund 1,5 bis 2,5 % der Bevölkerung leiden an Anorexie, die Todesrate liegt bei den Patienten- fast ausschließlich Frauen, obwohl auch immer mehr Männer betroffen sind- bei etwa zehn Prozent. Damit ist die Magersucht die psychiatrische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitszahl. Gerade deswegen sind Früherkennung und baldige ärztliche Hilfe so notwendig. Viele Eltern sind ohnmächtig oder wütend, weil sie mit der Situation überfordert sind. Dabei hat sich gezeigt, dass gerade im Vorfeld und in der Anfangsphase dieser Störungen die Aufmerksamkeit und richtige Unterstützung durch das soziale Umfeld entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen. Hier ist es wichtig, das Thema vorsichtig und ohne zu moralisieren oder zu kritisieren anzusprechen. Das Ziel ist auf jeden Fall die Psychotherapie, gegebenenfalls auch die Betreuung der medizinischen Seite, sicher aber eine ärztliche Untersuchung mit Bestimmung der Blutelektrolyte, insbesondere des Kaliumspiegels.

Ursachen

Die Grundlage der Pubertätsmagersucht ist eine Störung des Körperschemas: Trotz starker Gewichtsabnahme fühlen sich die Betroffenen immer noch zu dick. Die Körperwahrnehmung ist verzerrt, Körperbreitenmaße, bevorzugt an Bauch und Oberschenkeln, werden überschätzt. Es fehlen Hunger und Sättigungsgefühl. Die Gedanken kreisen nur noch um Essen, Gewicht und Figur. Soziale Rückzugstendenz und Verlust von Interessen sind charakteristisch.

Die Magersucht ist gekennzeichnet durch einen absichtlich herbeigeführten Gewichtsverlust, der zu ausgeprägtem Untergewicht führt. Fasten oder Diäten, übertriebene körperliche Aktivitäten, Missbrauch von Abführ- und Entwässerungsmitteln, Appetitzüglern oder Schilddrüsentabletten sowie bewusst herbeigeführtes Erbrechen gehören zu den Mitteln, mit denen die Patienten eine negative Energiebilanz erzielen oder zumindest ihr Gewicht auf der Waage niedriger erscheinen lassen.

Man unterscheidet hier zwei Untergruppen

Beim restriktiven Typ wird die Nahrungsaufnahme kontrolliert geringgehalten, während beim Ess-Brech-Typ der Magersucht in den meisten Fällen durch selbstinduziertes Erbrechen versucht wird, sich der Nahrung wieder zu entledigen. Die Gruppe vom restriktiven Typ hat sowohl klinisch als auch therapeutisch die bessere Prognose, die Ess-Brech-Sucht hingegen die schlechteste aller Essstörungen.
Magersüchtig werden meist junge Frauen im Mittel ab dem 16. Lebensjahr, weniger junge Männer- die Relation beträgt etwa zwölf zu eins. Allerdings werden heute immer jüngere Kinder von dem Problem betroffen.

Folgen der Pubertätsmagersucht

Die Unterernährung führt sekundär zu hormonellen und Veränderungen des Stoffwechsels sowie anderen körperlichen Funktionsstörungen. Zum Beispiel fallen Untertemperatur, Haarausfall, Blauverfärbung der Haut an Stellen wie Fingerspitzen, Nase oder Ohrläppchen auf, auch erneute Lanugo- Behaarung an Kinn, Wangen und Nacken und Zahnschäden. Weiters kann es zu Verlangsamung des Herzschlages, niederem Blutdruck, Ödemen, Gelbfärbung der Haut durch Karottenkonsum (Karotten sind bei dieser Krankheit ein sehr beliebtes Nahrungsmittel, oft das einzige) sowie verzögerter Magenentleerung, Völlegefühl, Darmträgheit und Stuhlverstopfung kommen. Die Regel setzt aus, oder die Geschlechtsreife tritt verspätet ein, die körperliche Entwicklung ist verzögert.

Zu Beginn besteht kein Krankheitsgefühl, die Betroffenen reagieren abwehrend, wenn sie auf ihr Gewicht angesprochen werden. Sie wiegen sich häufig und vermeiden Situationen, die mit Essen verbunden sind (Einladungen, Feste, Lokale). Häufig kommt es auch zu psychischen Symptomen wie Depressivität, Zwanghaftigkeit, Schlafstörungen, Nervosität und Ängstlichkeit. Typische Persönlichkeitsmerkmale der Betroffenen sind Ehrgeiz, Fleiß, Beharrlichkeit und Zähigkeit, Introvertiertheit und eine gut durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz. Oft sind sie überdurchschnittlich attraktiv und legen großen Wert auf ein perfektes Äußeres (Models).

Als Ursache der Erkrankung werden sowohl soziokulturelle Einflüsse als auch eine genetische Komponente (familiäre Häufung) diskutiert, wobei letztere durch genetische Untersuchungen bereits belegt ist. Eine Einbeziehung der Familie in die Therapie ist wie bei allen Essstörungen sinnvoll.

Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

Bulimikerinnen verstecken ihre Krankheit oft lange Zeit. In den meisten Fällen geht der Bulimie eine strikte Diätphase voraus, nur bei einer kleinen Gruppe beginnt die Essstörung gleich mit Kontrollverlust und Essanfällen. Die Merkmale sind ein gestörtes Verhältnis zum Körper mit großer Furcht vor Gewichtszunahme, Heißhungeranfälle, die aus einem Gefühl der inneren Leere heraus auftreten und bei denen große Mengen Nahrung, oft Süßigkeiten, Kuchen bis 1000 kcal, in kurzer Zeit konsumiert werden, mit anschließendem willentlichem Erbrechen. Um von Bulimie zu sprechen, müssen die Anfälle mindestens zweimal wöchentlich über einen Zeitraum von drei Monaten auftreten. Die Gedanken kreisen den ganzen Tag ums Essen. Verschiedenste Methoden werden heimlich gebraucht, um Gewicht zu verlieren: Erbrechen, Fasten, Abführmittel, Entwässerungsmittel, Appetitzügler.

Körperlichen Folgeschäden

Es finden sich mumpsartige Schwellungen der Speicheldrüsen (Blasengelgesicht), Magenwandschädigungen, Speiseröhrenrisse, Schmelzdefekte an den oberen Schneidezähnen und Kariesentwicklung aufgrund des sauren Mageninhalts. Durch das selbstinduzierte Erbrechen kommt es häufig zu Verletzungen an der Rückseite der Fingergrundgelenke. Sozialer Rückzug, Depressionen sowie Selbstabwertung sind weitere Folgen. Es besteht Normal- bis Übergewicht, daher auch im Gegensatz zur Magersucht die Möglichkeit, die Krankheit längere Zeit zu verheimlichen, eventuell treten unregelmäßige Menstruationen auf. Störungen des Elektrolyt- und Säurebasenhaushaltes können Muskelschwäche, Tetanie, Herzrhythmusstörungen, epileptische Anfälle oder irreversible Nierenschäden nach sich ziehen.

Neben körperlicher, eventuell auch medikamentöser Therapie mit Antidepressiva muss auch hier möglichst bald eine Psychotherapie angestrebt werden.

Hilfen – Was kann ich tun?

Wie so häufig, ist Wissen Macht! Zunächst einmal brauchen aus der Sicht der Kommunikationspädagogik die Eltern einfach mehr Informationen über die Materie. Ernährung und Essen sind zwar allerorts Thema, aber in einer Weise idealisiert dargestellt, sodass sehr leicht der Eindruck entsteht:” Das schaff ich ohnedies nicht! “. Und so bleiben die Eltern und damit auch ihre Kinder in ihrem gewohnten – aus der Kindheit stammenden – Essverhalten – verhaftet. Es gibt keine echten Patentrezepte für die Prävention und den Umgang mit Ernährungsschwierigkeiten und Essstörungen. Wir können den Eltern nur Anregungen und Gedankenanstöße mit auf den Weg geben und sie ermutigen (vielleicht sogar mit Fachleuten), sich Gedanken darüber zu machen, wie ihr eigenes Essverhalten entstanden und gestaltet ist. Nehmen Sie sich Zeit, lehnen Sie sich zurück und Denken Sie einmal darüber nach,

  • wie sind Sie selbst aufgewachsen und welche Bedeutung Essen (und alles was damit zu tun hat) für Sie und Ihre Familie hatte?
  • ob das Essen nicht schon ein Problem in Ihrer Familie war?
  • wie Sie die Mahlzeiten empfunden haben? Wurde alleine gegessen oder mit den Eltern und Geschwistern? Waren die Mahlzeiten lustvoll und entspannend oder war die Atmosphäre angespannt?
  • ob Sie zum Essen ermutigt wurden? Oder wurden Sie – vielleicht mit dem Hinweis auf drohendes Übergewicht – sogar dazu angehalten weniger zu essen?
  • ob Sie Sprüche wie” Wenn du schön brav aufisst, wird morgen das Wetter schön! “kennen und haben Sie schon einmal berücksichtigt, was solche Aussagen bei ihnen als Kind bewirkt haben?
  • ob Essen als Erziehungsmittel – als Belohnung oder Strafe ? eingesetzt wurde? und wie es Ihnen damit ging?

Nachdem Sie für sich selbst ein Bild über die Entwicklung ihrer Essgewohnheiten bekommen haben, sollten Sie in einem nächsten Schritt danach fragen, welche Bedeutung Essen in der Gegenwart für Sie hat. Befragen Sie sich z.B. einmal,

  • ob Sie überhaupt bewusst essen, oder Essen automatisch nebenbei und zwischendurch stattfindet?
  • ob Sie gerne Essen und das auch dann, wenn Sie wirklich hungrig sind?
  • ob Sie aus Frust oder aus Langeweile oder als Ersatz für etwas Essen?
  • ob Sie beim Essen von kalorien- oder fettreichen Speisen ein schlechtes Gewissen haben? Und wenn ja, wem gegenüber?
  • wie die Mahlzeiten in Ihrer Familie ablaufen? In guter Stimmung? Oder angespannt? Haben Sie Angst, dass Ihre Kinder zu viel oder zu wenig oder das Falsche essen?

Unser Tipp

Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie selbst Probleme mit dem Essen haben und/oder das Essen auch Probleme in Ihrer Familie macht, sollten Sie unbedingt eine Beratung in Anspruch nehmen. Je früher die Schwierigkeiten erkannt werden, desto einfacher ist die Hilfe!

Eltern müssen wissen

Babies und Kleinkinder wissen im Allgemeinen sehr genau, was sie brauchen und was Ihnen gut tut. Einen gestillten Säugling zu überfüttern ist fast unmöglich. D.h.: Lassen Sie Ihr Kind selbst bestimmen, wann und wieviel es essen möchte. In der Regel essen Kinder einmal mehr und dann wieder weniger. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Kind an manchen Tagen weniger als sonst isst und zwingen Sie Ihre Kind nicht zum Essen. Viele Essstörungen entstehen, weil das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl schon frühzeitig abtrainiert wurde. Sie brauchen sich auch keine Sorgen zu machen, wenn ihr Kind phasenweise mehr isst. Solange Sie Ihrem Kind eine vernünftige Mischkost anbieten ist die Wahrscheinlichkeit, dass es übergewichtig wird oder zuwenig bekommt, nicht wirklich groß. Vermeiden Sie so gut es irgend geht Stress bei den Mahlzeiten. Genervte Eltern, die explodieren, weil ihr Kind das liebevoll zubereitete Essen nicht essen will, schaden mehr als sie nutzen.

Grundsätzliches

Essen ist kein Erziehungsmittel und darf als solches nicht instrumentalisiert werden! Also belohnen oder trösten Sie Ihre Kinder nicht mit Essen. Die Versuchung, einem weinenden Kind schnell eine kleine Süßigkeit in den Mund zu stopfen ist groß, aber damit erlernt das Kind nur, sich selbst mit Essen zu trösten. Zuwendung und Nähe sind wesentlich effektiver! Versuchen Sie auch umgekehrt nicht, Ihr Kind mit Zwang zum Essen zu bringen. Aussprüche wie” Wenn du nicht aufisst, darfst du nicht fernsehen “(oder :” Wenn du aufisst darfst du fernsehen! “…) führen sehr leicht dorthin, wo Ihr Kind verlernt entsprechend seiner eigenen Bedürfnisse und inneren Impulse zu handeln. Das gleiche gilt, wenn Ihr Kind bereits an einer Essstörung leidet. Weder Überfürsorglichkeit noch Gewalt führen zum Ziel. Suchen Sie bei einer geeigneten Beratungsstelle Hilfe und versuchen Sie gemeinsam mit allem Familienmitgliedern Essen zu dem werden zu lassen was es ist, ein Ritual des Zusammenlebens, bei dem die grundlegendsten Bedürfnisse gestillt werden. Zuwendung, Nähe, Zeit und Zärtlichkeit sind ein ganz wichtiger Schlüssel zum Glück!
 

Literatur

  • Esther Biedert: Essstörungen (Ernst-Reinhardt-Verlag). 2008, 96 Seiten, 9,90 €

Autoren

  • Dr. Manfred Hofferer – Vater von 3 Kindern – ist der wissenschaftliche Leiter der Bildungspartner Österreich und u.a. als Berater und Therapeut mit dem Schwerpunkten Erziehung, Entwicklung und Bildung tätig.
  • Dr. med. Heinz Fölkl

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Mag. Dr. Manfred Hofferer
Bildungspartner Österreich – Wien
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Erstellt am 26. Februar 2002, zuletzt geändert am 21. September 2015