Die richtige Milch für nichtgestillte Säuglinge

Prof. Dr. med. Friedrich Manz und  Prof. Dr. Mathilde Kersting

Für die Ernährung von Säuglingen, die nicht oder nicht voll gestillt werden, stehen heute qualitativ hochwertige industrielle Muttermilchersatzprodukte zur Verfügung, mit denen der Nährstoffbedarf des Säuglings ausgewogen gedeckt werden kann. Den rechtlichen Rahmen für Zusammensetzung, Etikettierung und Vertrieb von Säuglingsflaschennahrung liefern Richtlinien der EU über Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung und deren Umsetzung in deutsches Recht im Rahmen der Diätverordnung.

Angesichts des umfangreichen Produktangebots ist es für die Ernährungsberatung hilfreich, daß sich ernährungsphysiologisch und indikationsmäßig verschiedene Produktgruppen unterscheiden lassen. Daneben verbleibt die Frage, welche Empfehlungen Eltern gegeben werden können, die industrielle Säuglingsmilchnahrung, z. B. aus weltanschaulichen Gründen ablehnen, oder aus finanziellen Gründen nach Alternativen fragen.

Produktgruppen industrieller Säuglingsflaschennahrungen für gesunde Säuglinge

Ernährungsphysiologisch und altersbezogen müssen Säuglingsanfangsnahrungen und Folgenahrungen unterschieden werden. Über die im folgenden besprochenen ernährungsphysiologischen Kriterien hinaus wird u. a. von der deutschen Diätverordnung und demnächst auch von den EU-Richtlinien eine Minimierung der Pestizid-Rückstände (<10 µg/kg) gefordert.

Säuglingsanfangsnahrungen

Als Säuglingsanfangsnahrung werden Produkte bezeichnet, die “den Ernährungsbedürfnissen

von Säuglingen in den ersten 4 bis 6 Monaten voll gerecht werden” .

Tabelle 1 zeigt die gesetzlich festgelegten Gehalte ausgewählter Nährstoffe (Mindest-, Höchstwerte oder Spannen) in Säuglingsanfangsnahrung. Der Proteinanteil kann aus Kuhmilchprotein oder Sojaproteinisolaten stammen. Die Werbebehauptung “adaptiertes” Protein setzt voraus, daß der Proteingehalt unter 2,5 g/100 kcal liegt und das Molkenprotein : Casein-Verhältnis mindestens 1,0 wie bei Frauenmilch (Kuhmilch 0,25) beträgt.

Der Fettanteil besteht aus einer Mischung von Milchfett und pflanzlichen Fetten. Pflanzenfette dienen vor allem als Quelle ungesättigter Fettsäuren. Die Fettkomponente wird sehr detailliert spezifiziert.

Tab. 1: Auszüge aus Richtlinien der EU über Säuglingsanfangsnahrung (91/321/EWG; 96/4/EG) im Vergleich zu Nährstoffgehalten in reifer Muttermilch

 

Nährstoffe

Säuglingsanfangsnahrung
(pro 100 g) a

Muttermilch
Durchschnitt
(Spanne)
(pro 100 g)

Energie (kcal)

60-75

71

Protein (g)

1,3-2,1 b

1,13 (1,03-1,43)

Fett (g)

3,1-4,6 c

 4,03 (3,50-4,62)

Kohlenhydrate (g)

5-10

7,0

Lactose (g)

≥2,5

7,0

Modifizierte Stärke

≤2 g/100 ml oder

≤30% der Kohlenhydrate

Maltose, Saccharose, Maltodextrine, Glukosesirup

möglich

Saccharose

≤20% der Kohlenhydrate

Natrium (mg)

14-42

13 (12-19)

Kalium (mg)

42-102

47 (46-64)

Calcium (mg)

≥35

32 (25-41)

Phosphor (mg)

18-63

15 (12-17)

Magnesium (mg)

3,5-10,5

3,1 (2,9-5,0)

Eisen (mg)

0,35-1,05 d

0,058 (0,026-0,058)

Zink (mg)

0,35-1,05

0,148 (0,120-0,390)

Kupfer (µg)

14-56

72 (24-77)

Jod (µg)

≥3,5

6,3 (4,3-9,0)

Vitamin A e (µg)

42-126

69 (52-73)

Vitamin E f (µg)

≥0,5/g mehrfach ungesättigter Fettsäuren

0,28 (0,15-0,54)

Vitamin C (mg)

≥5,6

4,4 (3,5-5,5)

Vitamin B1 (µg)

≥28

15 (13-17)

Vitamin B2 (µg)

≥42

38 (30-44)

Vitamin B6 (µg)

≥25

14 (9-17)

Niacin (mg) g

≥0,6

0,17 (0,13-0,20)

Folsäure (µg)

≥2,8

8,5 (-)


a Angaben pro 100 kcal wurden umgerechnet unter der Annahme von 67 kcal/100 g

b Kuhmilchproteine

c Linolsäure 0,3-1,2 mg/100 kcal; Laurin- und Myristinsäure <15% Fett; trans-Fettsäuren <4% Fett; Erucasäure <1% Fett; a-Linolensäure : Linolsäure = 1 : 5 – 15; omega 3-Fettsäuren ≤1% Energie; omega 6-Fettsäuren ≤2% Energie

d für Produkte mit Zusatz des jeweiligen Nährstoffes

e Retinoläquivalente

f Tocopheroläquivalente

g Niacinäquivalente

Für den Kohlenhydratanteil sind außer Laktose auch Zusätze verschiedener anderer Kohlenhydrate, wie Stärke und Maltodextrine, zugelassen (Tabelle 2). Trotz der bekannten Risiken für Patienten mit heriditärer Fruktoseintoleranz sind auch Zusätze von Saccharose und in Folgenahrungen (s. u.) außerdem Fruktose und Honig möglich. Die Gehalte an Mineralstoffen, Spurenelemente und Vitaminen in Säuglingsanfangsnahrung liegen infolge von Sicherheitszuschlägen meist höher als in Muttermilch, in der eine optimale Bioverfügbarkeit der Nährstoffe gegeben ist.

Tab. 2: Industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrungen

Hersteller

Säuglingsanfangsnahrung

Folgemilch

 

Milchzucker

“Pre”

Milchzucker, Stärke u. a. Kohlenhydrate

” 1″

“2”

Alete/Nestlé

Aletemil Pre

Beba Pre

Aletemil 1

Beba 1

Aletemil 2 plus*

Beba 2

Beba 2 probiotisch

Aponti

Aponti Pre

Aponti 1*

Aponti 2*

Hipp

Hipp Pre

Hipp 1

Hipp 2

Holle

 

Holle 1*

Holle 2*

Humana

Humana Pre

Humana 1*

Humana baby-fit 1*

Humana 2*

Humana baby-fit 2*

Milasan

 Pre Milasan

 

 

Milupa

Aptamil Pre

Milumil Pre

Aptamil 1

Milumil 1*

Aptamil 2

Aptamil 3*, ab 8. Monat

Milumil 2 kristallzuckerfrei*

Milumil 2*

Milumil 3*, ab 8. Monat

Somalon

 

Bebivita 1*

Bebivita 2*

Töpfer

Pre Lactana A

Lactana B*

Lactana C

WCO, Kinderkost-Werk

 

Ki-Na 1

Ki-Na 2

Vitagermine

 

Babybio 1*

Babybio 2*

* Enthalten als Kohlenhydrate neben Laktose und Stärke noch andere Kohlenhydrate.

Säugligsmilchnahrungen

Säuglingsanfangsnahrungen auf der Basis von Kuhmilchprotein werden als Säuglingsmilchnahrung bezeichnet. Säuglingsmilchnahrungen werden in Deutschland aufgrund der Kohlenhydratkomponente in zwei Gruppen unterschieden. Produkte mit Laktose als einzigem Kohlenhydrat führen die Silbe “Pre” in der Bezeichnung (früher als “adaptiert” bezeichnet). Produkte, die neben Laktose noch einen Zusatz von Stärke und ggf. weiteren Kohlenhydraten (meist Maltodextrine, selten Saccharose) enthalten, führen die Ziffer “1” in der Bezeichnung (früher “teiladaptiert” ). Außer der Gruppe der uneinheitlich zugesetzten langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren unterscheiden sich die Nährstoffgehalte der derzeit verfügbaren Produkte nicht nennenswert.

“Pre” -Nahrungen und “1” -Nahrungen können in den ersten 4 bis 6 Lebensmonaten wie Muttermilch als ausschließliche Ernährung und danach neben der Beikost bis zum Ende des 1. Lebensjahres gegeben werden. “Pre” -Nahrungen sind ähnlich dünnflüssig wie Muttermilch. Sie eignen sich für die Fütterung nach Bedarf, z. B. bei eventueller Zufütterung gestillter Säuglinge (Zwiemilchernährung). Den etwas konsistenteren stärkehaltigen “1” -Nahrungen wird von Müttern häufig eine bessere Sättigung zugesprochen. Die weitverbreitete Vorstellung, daß stärkehaltige Säuglingsmilchnahrungen häufiger zu einer Überfütterung führen, wurde in kontrollierten Studien bisher nicht untersucht. In der Praxis werden “Pre” -Nahrungen außer im 1. Lebensmonat nur selten verwendet.

Sojanahrungen

Nahrungen für Säuglinge auf der Basis von Sojaproteinisolaten (Tabelle 3) müssen über die allgemeinen Nährstoffanforderungen für Säuglingsanfangsnahrung (Tabelle 1) hinaus einen höheren Proteingehalt (1,6 – 2,1 g/100g) sowie einen Zusatz von Methionin (wie Muttermilch) und Carnitin aufweisen. Sojanahrungen können z. B. bei nicht gestillten Säuglingen streng vegetarischer Eltern und bei Bedarf einer laktose- und/oder galaktosefreien Kost eingesetzt werden. Sojanahrungen werden nur noch selten zur Prävention und Therapie einer Kuhmilcheiweißallergie verwendet, da ein Drittel dieser Patienten eine kombinierte Kuhmilch-Sojaprotein-Allergie entwickelt.

Tab. 3: Industriell hergestellte Spezialnahrungen für Säuglinge

Hersteller

Sojanahrungen

 Proteinteilhydrolysate

Anfangsnahrung

“HA” , “HA 1″

Folgenahrung

” HA 2″

Aponti

 

Aponti H.A.

 

DE-VAU-GE Gesundheitskostwerk

Sojagen Plus

 

 

Hipp

 

Hipp HA 1

Hipp HA 2

Humana

Humana SL

Humana HA 1

Humana HA 2

Mead Johnson

ProSobee

 

 

Milasan

 

Milasan HA 1

 Milasan HA 2

Milupa

Milupa SOM

Aptamil HA 1

Milumil HA 1

Aptamil HA 2

Milumil HA 2

Nestle/Alete

 

Aletemil H.A. 1

Beba Start H.A. Pre

Beba H.A. 1

Aletemil H.A. 2

Beba H. A. 2

Töpfer

Lactopriv

Lactana HA

 


Proteinteilhydrolysate bzw. “HA” -Nahrungen

Die EU fordert für Proteinteilhydrolysate, die im Handel die Bezeichnung “HA” (Hypoantigen, Hypoallergen) tragen (Tabelle 3), außer den allgemeinen Nährstoffanforderungen für Säuglingsanfangsnahrung (Tabelle 1) einen höheren Proteingehalt (1,6 – 2,1 g/100g) sowie den Zusatz von Carnitin und Taurin.

Folgenahrungen

Als Folgenahrung werden Produkte bezeichnet, die “für die besondere Ernährung von Säuglingen über 4 Monate bestimmt sind und den größten flüssigen Anteil einer nach und nach abwechslungsreichen Kost darstellen” .

Im Vergleich zu Säuglingsanfangsnahrung ist die Regelungsdichte für Folgenahrung wesentlich geringer. Vereinfacht gesagt handelt es sich bei Folgenahrungen um 2/3- bis 3/4-Kuhmilchmischungen mit modifizierter Fettkomponente und Zusätzen von Vitaminen und Spurenelementen. Folgenahrungen dürfen frühestens ab dem 5. Monat gegeben werden, da sie wegen ihres höheren Protein- und Mineralstoffgehaltes zu einer stärkeren Belastung der Niere führen. Eine ernährungsphysiologische Notwendigkeit für Folgenahrung besteht nicht. In der Praxis erhalten Säuglinge im 2. Lebenshalbjahr dagegen weit überwiegend Folgenahrung anstatt Säuglingsanfangsnahrung.

Selbsthergestellte Säuglingsmilch

Selbstherstellung von Säuglingsmilch ist generell nicht zu empfehlen. Sie kann die Sicherheit und ernährungsphysiologische Qualität von industrieller Säuglingsmilchnahrung nicht erreichen. Für die Zubereitung sind besondere hygienische Sorgfalt und Genauigkeit (Digitalwaage) erforderlich. Ist eine Mutter trotz ärztlichen Rates nicht bereit, ein industrielles Produkt zu verwenden, so sollte ihr die Herstellung einer Halbmilch mit Fett- und Kohlenhydratanreicherung nach Droese und Stolley empfohlen werden. 100 g pasteurisierte oder ultrahocherhitzte Vollmilch mit 3,5% Fett, 100 g Wasser, 5 g Stärke (ab dem 5. Monat Vollkornprodukte, wie Instanthaferflocken, Vollkorngrieß) werden mit 8 g Milch- oder Haushaltszucker unter Rühren aufgekocht. Anschließend wird 3 g Raps-, Soja-, Sonnenblumen- oder Maiskeimöl mit einem Mixer oder Schneebesen eingerührt. Im Gegensatz zu industrieller Säuglingsanfangsnahrung müssen bei selbsthergestellter Säuglingsmilch zur Deckung des Bedarfs an Vitamin A und C ab der 6. Lebenswoche pro 200 ml Nahrung je 5 g Karottenpüree und 20 g Vitamin C-reicher Saft (40 mg Vitamin C/100 ml) zugefügt werden.

Kuhvollmilch

Kuhvollmilch als Alternative zu industrieller Säuglingsflaschennahrung ist während des ganzen 1. Lebensjahres nicht empfehlenswert. Der hohe Gehalt an Protein und Mineralstoffen führt zu einer erhöhten renalen Belastung. Nährstoffzusätze der industriellen Säuglingsmilch, z. B. Eisen, Jod, Vitamine fehlen. Bei Gabe von Kuhvollmilch anstatt industrieller Säuglingsmilchnahrung besteht bei Säuglingen ein erhöhtes Risiko für einen Eisenmangel. Einzelne Säuglinge weisen hierbei aus ungeklärter Ursache einen erhöhten okkulten Blutverlust im Stuhl auf. Dieses Risiko besteht bei Kleinkindern nicht mehr. Pasteurisierte oder ultrahocherhitzte Kuhvollmilch sollte deshalb erst gegen Ende des 1. Lebensjahres mit Beginn der Teilnahme an den Familienmahlzeiten als Tassengetränk im Rahmen einer Brot-Milchmahlzeit eingeführt werden. Teilentrahmte Milch und Magermilch sind für die Säuglingsernährung zu fettarm. Unabgekochte Rohmilch darf aufgrund hygienischer Risiken für Säuglinge und Kleinkinder nicht verwendet werden.

“Alternative “Tier- und Pflanzenmilch

Manche Eltern möchten zur Vorbeugung oder Therapie von Kuhmilchunverträglichkeit beim nichtgestillten Säugling oder aus grundsätzlichen Vorbehalten gegenüber industriellen Produkten Milch, z.B. von der Ziege, der Stute oder vom Schaf verwenden. Abgesehen davon, daß die Selbstherstellung von Säuglingsmilch generell nicht empfehlenswert ist, sprechen auch gravierende ernährungsphysiologische Argumente gegen die Verwendung dieser Milcharten für Säuglinge. Ziegenmilch kommt trotz einer der Kuhmilch ähnlichen Nährstoffzusammensetzung wegen der Gefahr einer Folsäuremangelanämie allenfalls zusammen mit folsäurereicher Beikost in Frage. Der fettarmen Stutenmilch müßten 2,5% Keimöl zugesetzt werden. Schafsmilch ist wegen ihres hohen Fettgehalts (6,3 g/100 ml) problematisch. Hinzu kommen generelle Beschaffungsprobleme. Außerdem ist das allergene Potential dieser Milchen zu beachten.

Von manchen alternativen Autoren werden rein pflanzliche Mischungen als Milchersatz für Säuglinge empfohlen, z. B. Mandelmilch, Reismilch oder andere Getreidemilch. Milchartige Pflanzenprodukte sind ebenso wie einfache, nicht für die Ernährung von Säuglingen deklarierte Sojanahrungen, für Säuglinge im Nährstoffgehalt völlig unzureichend. Aufgrund der geringen biologischen Wertigkeit der Pflanzenproteine und des Mangels an Nährstoffen wie Calcium, Jod, Eisen und Vitaminen (z. B. B12, D, B2) kann es zu Wachstumsstörungen und teilweise irreparablen Mangelerscheinungen (Eisenmangelanämie, Rachitis, neurologische B12-Mangelsymptome) kommen. Meist gelingt es, die Eltern vom Vorteil der Verwendung industrieller Sojanahrung für Säuglinge zu überzeugen.

Schlußfolgerung

Industrielle Säuglingsmilchnahrung ist während des gesamten ersten Lebensjahres als Milchanteil der Kost für nicht gestillte Säuglinge zu empfehlen. Von Eltern gewünschte Alternativen sind im einzelnen vor dem ernährungsphysiologischen Hintergrund auf gesundheitliche Risiken zu prüfen.
 

Das Wichtigste für die Praxis

  • Industrielle Säuglingsmilchnahrung ist während des gesamten ersten Lebensjahres für nicht gestillte Säuglinge zu empfehlen.

  • Ein Übergang auf eine Folgenahrung ist nicht zwingend.

  • Selbsthergestellte Säuglingsmilch ist heute qualitativ unbefriedigend.

  • Jede Art von Tiermilch weist gravierende spezifische Probleme auf.

  • Milchartige Pflanzennahrungen sind mit Ausnahme spezieller Sojanahrungen für Säuglinge ungeeignet.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Forschungsinstituts für Kinderernährung Dortmund

Kontakt

Prof. Dr. med. Friedrich Manz

Prof. Dr. Mathilde Kersting

Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund
Heinstück 11
44225 Dortmund
Tel.: 0231/792210-0
 

Erstellt am 2. Oktober 2001, zuletzt geändert am 7. April 2011