Wie viel Zeit für Mahlzeiten nehmen sich Familien?

Univ.-Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe
Uta Meier-graewe
 

Einer gängigen kulturkritischen These zufolge nehmen sich die Menschen heute immer weniger Zeit zum Essen. Auch Familienhaushalte seien von diesem Trend erfasst, und Familienmahlzeiten würden in Besorgnis erregenden Ausmaß durch Fast Food und Take-away-food ersetzt, was – so die Annahme – zu einem allgegenwärtigen Verlust an Lebensqualität führe. Sollte dies tatsächlich der Realität entsprechen, dann würde das einen Verlust an gemeinsamer Familienzeit bedeuten, und damit auch eine Einschränkung von sozialisationsbedeutsamen Erfahrungszusammenhängen bei Kindern und Jugendlichen.

Inhalt

Wie sieht die Realität in den Familien heute aus? Lösen sich tradierte Mahlzeitenmuster und Essroutinen wirklich auf, und verliert dieser Bereich familialer Kommunikation tatsächlich an Bedeutung? Sich mit dem Thema der Ernährungsversorgung zu befassen, heißt nach Veränderungen von deren Bedingungen zu fragen. Führt die verstärkte Erwerbstätigkeit von Frauen zu neuen Geschlechterarrangements zwischen Männern und Frauen bei der Organisation der alltäglichen Mahlzeiten? Wodurch werden traditionelle Rollenmuster perpetuiert, und was begünstigt in diesem Bereich partnerschaftliche Arbeitsteilungen? Wie werden Esskultur und Kulturtechniken der Mahlzeitenzubereitung an die Kindergeneration weitergegeben?

Einige Antworten auf diese Fragen lassen sich anhand der Ergebnisse der repräsentativen Zeitbudgeterhebungen 1991/92 und 2001/02 des Statistischen Bundesamtes formulieren.

Von einer Verkürzung der Essenszeit in unserem Alltag kann keine Rede sein

Entgegen der geläufigen These einer fortschreitenden Rationalisierung von natürlichen Bedürfnissen und Körperzeiten nehmen sich die Deutschen – trotz zunehmender zeitlicher Belastung im Alltags- und Berufsleben – mit einer Stunde und 43 Minuten im Jahr 2001/02 im Durchschnitt überraschenderweise 21 Minuten mehr tägliche Zeit für das Essen als vor zehn Jahren. Der größte Anteil dieser Zeit entfällt auf das Essen in den eigenen vier Wänden. Das gilt für Familien in noch stärkerem Maße als für berufstätige Singles oder für Paare ohne Kinder. Essen ist in Deutschland nach wie vor eine betont familiengebundene Angelegenheit. Weit über die Hälfte derjenigen, die in Familienhaushalten mit zwei erwerbstätigen Ehepartnern und Kindern leben, essen gemeinsam mit Familienmitgliedern zu Abend.

Doch auch der Zeitaufwand für die außerhäusliche Mahlzeiteneinnahme ist gewachsen, und zwar um durchschnittlich acht Minuten pro Tag. Zwischen 1991/92 und 2001/02 ist der Zeitanteil des Außer-Haus-Verzehrs der Bevölkerung ab 12 Jahren von 17,9 % auf 26 % deutlich gestiegen. Die dafür aufgewendete Zeit hat sich fast verdoppelt und liegt heute im Durchschnitt bei 17 Minuten täglich. Einen großen Anteil daran hat das Essen am Arbeitsplatz, oft in der Kantine. Spitzenreiter sind hier die 30- bis 40-jährigen Männer, die dafür im Schnitt 34 Minuten aufwenden. Das entspricht in etwa der Dauer der Mittagspause von Berufstätigen in Deutschland.

Weniger Zeit wird auf das Bereiten von Mahlzeiten verwendet

Kontrastiert man diese Ergebnisse mit den Befunden zum Zeitaufwand für die tägliche Beköstigungsarbeit, so fällt auf, dass sich sowohl Frauen insgesamt als auch Mütter 2001/02 zwar mehr Zeit zum Essen, aber deutlich weniger Zeit für die Vor-, Zu- und Nachbereitung von Mahlzeiten nehmen als zehn Jahre zuvor. Denkbar wäre, dass ein Grund für diese Entwicklung mehr partnerschaftliche Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern ist. Das ist jedoch nicht der Fall. Selbst bei vollzeitbeschäftigten Müttern mit zwei schulpflichtigen Kindern fällt der Beitrag des Vaters äußerst bescheiden aus. Ein Hauptproblem für berufstätige Mütter besteht darin, zeitliche Kollisionen zwischen den eigenen Erwerbsarbeitszeiten, den eher starren Öffnungs- und Schließzeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen und den Erwerbszeiten des Partners auszutarieren. Vor allem berufstätige Mütter entlasten sich durch moderne Haushaltstechnik, sie verwenden mehr Convenience-Produkte und verwenden weniger Zeit auf Eigenproduktion.

Ernährung und Gesundheit – nach wie vor bildungsabhängig

Was sagt das nun über die Qualität der Ernährungsversorgung aus? Bedeutet mehr Zeiteinsatz mehr Qualität? Hier endet die Aussagefähigkeit von Zeitbudgetdaten. Dass die Zusammenhänge nicht so einfach sind, zeigt ein Blick auf Unterschiede zwischen sozialen Schichten. Familienhaushalte in den unteren Bildungs- und Einkommensgruppen verwenden mehr Zeit für die Essenszubereitung. Doch zugleich treten Übergewicht, Bewegungsarmut und Krankheiten, die durch Ernährung mitbedingt sind (wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen), vor allem in diesem Segment der Bevölkerung gehäuft auf. Ein hohes Bildungsniveau – so wissen wir aus anderen Studien – geht dagegen tendenziell mit einer qualitativ hochwertigeren Ernährungsversorgung und einer besseren Gesundheit einher. Angehörige des „technisch-liberalen Milieus“ wie ÄrztInnen, IngenieurInnen und LehrerInnen sind heute die zahlenmäßig größte Kundengruppe von Naturkostläden.

Kulturtechniken der Ernährung werden weniger in der Familie eingeübt

Ernährungspraktiken und Kulturtechniken der Nahrungszubereitung werden traditionell wesentlich in der Familie geprägt und weitergegeben. Die Daten der Zeitbudgeterhebungen weisen jedoch – bildungs- und schichtübergreifend – auf einen deutlichen Rückgang der Einbindung der jungen Generation in die täglichen Arbeiten zur Ernährungsversorgung. Tendenziell nimmt die Vermittlung von Kulturtechniken des Umgangs mit Lebensmitteln ab, wenn auch Mädchen noch immer stärker eingebunden werden als Jungen. 72 % der 20- bis unter 25-jährigen Männer überließen 2001/2 diesen Arbeitsbereich komplett den weiblichen Personen ihrer Herkunftsfamilie oder ihren Lebenspartnerinnen. Das Hotel Mama lässt grüßen.

Handlungsnotwendigkeiten im öffentlichen Raum

Wenn Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung genommen werden soll, muss also darüber nachgedacht werden, dass und wie einerseits Maßnahmen auf Familien gerichtet werden können, andererseits aber auch auf Kinder und Jugendliche an sozialen Orten jenseits der Familie. Wie können gerade jene Familien erreicht werden, die ungesund essen, sich selbst als „Bewegungsmuffel“ charakterisieren und vielfältige gesundheitliche Probleme aufweisen? Und wie können Kinder aus solchen Familien erreicht werden?

Nirgendwo sonst in Europa nimmt die Anzahl übergewichtiger und adipöser Kinder so stark zu wie in Deutschland. Im Bereich der Ernährung ist heute eine stärkere öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern notwendig. Kindertagesstätten und Schulen sollten als soziale Orte ausgestaltet werden, in denen gesunde Kost von hoher Qualität angeboten wird, und in denen Jungen und Mädchen nicht nur essen lernen, sondern auch in den Prozess der Vor- und Zubereitung von Mahlzeiten einbezogen werden, und wo sie lernen, dies partnerschaftlich und nicht in tradierten Geschlechterrollen zu tun.

Es handelt sich dabei keineswegs um eine triviale Angelegenheit. Vielmehr geht es um die Sicherstellung einer guten Grundversorgung für Kinder, die ihrer Gesundheit zuträglich ist und auch ihrer Lern- und Leistungsfähigkeit zugute kommt. Und es geht um den Erwerb entsprechender Alltagskompetenzen und Kulturtechniken. Zur Realisierung dieser Zielstellungen bedarf es intelligenter präventiver Bündnisse zwischen Schule, Elternhaus, Kommune, Wirtschaft und Politik. Wenn es gelingt, bei Kindern bereits im Kindergarten und in der Schule Lust auf gesundes Essen und Leben zu wecken und diese Motivation in alltagsrelevantes Verhalten zu transformieren, so dürfte sich das zugleich auch positiv auf die Ernährungspraktiken in den Herkunftsfamilien auswirken.

Quelle

Dieser Beitrag erschien in Zeitpolitisches Magazin Nr. 9, Januar 2007, Seite 5.
Übernahme mit freundlicher Genehmigung

Autorin

Univ.-Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe ist Familiensoziologin und Inhaberin des Lehrstuhls für Wirtschaftslehre des Privathaushalts und Familienwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen

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Erstellt am 22. März 2007, zuletzt geändert am 20. September 2011