Süßigkeiten – wie viel und wann?

Iris Schürmann-Mock
Schuermann-mock Iris

 

 

 

 

Die Lust am Laster scheint angeboren zu sein. Bei einem Experiment mit Neugeborenen fanden Wissenschaftler heraus, dass diese leicht gesüßte Nahrung deutlich bevorzugten. Die Babys tranken mehr, als wenn ihnen neutral schmeckende Kost angeboten wurde. Warum das so ist, steht nicht eindeutig fest. Schon das süßliche Fruchtwasser lässt den Fötus auf den Geschmack kommen, meinen manche. Spätestens mit der sanft-süßen Muttermilch wird die Lust auf Zucker geweckt, sagen andere. Klar ist: Auf Süßes stehen nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Und das süße Laster ist allgegenwärtig. Im Supermarkt quellen die Regale über von Keksen und Bonbons. Industrie und Werbung rufen die schöne neue Schoko-Welt aus – unterstützt von Ladenbesitzern und wohlmeinenden Nachbarn und Verwandten. Das Ergebnis: Karies, Übergewicht, Mangelerscheinungen und täglicher Kleinkampf.

Bei Kindern, die zu viel Süßes essen, kommen häufig wertvolle Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Kartoffeln und Gemüse zu kurz. Deshalb rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Kinder sollten pro Tag nicht mehr als 150 bis 200 Kalorien in Form von Zucker verzehren. Das entspricht etwa fünf Stückchen Schokolade oder sechs Bonbons oder 40 Gramm Gummibärchen oder fünf Keksen.

Die meisten Kinder wollen mehr. Eltern stehen deshalb vor der Frage, was sie gegen die ständige Verlockung von Bonbons, Schokolade und Co. tun können. Mit Verboten wird man dem Problem nicht gerecht. Kinder müssen lernen, ihr eigenes Maß zu finden. Dabei spielen das Vorbild der Eltern und ihre Ehrlichkeit eine große Rolle. Wer selbst Schoko-Orgien veranstaltet, ist nicht glaubwürdig, wenn er seinen Kindern Enthaltsamheit predigt. Außerdem möchte kaum jemand vollständig auf Süßes verzichten. Sinnvoller ist es, die Lust am Laster in vertretbaren Maßen zu halten. Hier einige Möglichkeiten:

Frühzeitig vorbeugen

Die Geschmacksvorlieben der Kinder entwickeln sich sehr früh. Deshalb sollte man bei Säuglingen darauf achten, dass sie nicht allzu schnell auf den Geschmack kommen. Wenn sie nicht gestillt werden, sollte man eine Säuglingsmilch wählen, die lediglich Milchzucker enthält. Das sind Produkte, die mit der Silbe Pre im Namen gekennzeichnet sind. Auch der erste Brei sollte nicht gezuckert sein, deshalb die Zutatenliste bei Fertigprodukten genau ansehen. Als Getränk eignet sich ungesüßter Tee am besten.

Versuchungen vermeiden

Niemals sollte der Magen beim Einkaufen knurren. Dann ist der Hunger auf Süßes umso größer und der Konflikt vorprogrammiert. Lieber vorher beim Bäcker ein Brötchen einkaufen. Dürfen die Kinder beim Einkaufen helfen, sind sie beschäftigt und eingebunden. Schon Dreijährige können einige Dinge, zum Beispiel Nudeln, selbst aussuchen und auch bezahlen. Auch bei der Planung können Kinder einbezogen werden und eigene Wünsche auf dem Einkaufzettel unterbringen. Wer es vermeiden will, entlang der Süßwarenregale an der Kasse Schlange zu stehen, sollte außerhalb der Stoßzeiten einkaufen gehen. Und zur Not hilft es, den Kindern zu erlauben, sich eine Süßigkeit auszusuchen. Die Auswahl (wirklich nur eine!) dauert etwa so lange wie ein Wocheneinkauf.

Unbedingt sollte man der Versuchung widerstehen, für alle Fälle eine Tafel Schokolade im Vorratsschrank zu lagern. Was nicht im Haus ist, kann nicht gegessen werden. Heißhunger auf Süßes kann auch entstehen, wenn die Abstände zwischen den Mahlzeiten zu lang sind. Da kann eine kleine (herzhafte) Zwischenmahlzeit helfen. Naschen kann auch Ausdruck für Langeweile sein – und somit ein gemeinsames Spiel die Alternative zum Schoko-Riegel. Niemals sollte eine Süßigkeit als Belohnung oder Trost zweckentfremdet benutzt werden. So bekommt das Süßzeug einen zu großen emotionalen Wert und führt nicht selten zu Kummerspeck.

Verstecktes aufspüren

Der meiste Zucker hat sich in Lebensmitteln versteckt, die ganz harmlos aussehen oder sogar den Ruf haben, gesund zu sein – wie Fruchtjoghurt oder Müsli-Riegel. Tomatenketchup besteht sogar zu einem Viertel aus Zucker. Schwer ins Gewicht fallen auch die flüssigen Süßigkeiten: In einem halben Liter Limo stecken 18 Zuckerwürfel. Als tägliches Getränk ist Limonade ebenso wenig geeignet wie Cola. Wichtig ist also ein Blick auf die Zutatenliste: Je weiter vorne der Zucker auftaucht, desto mehr davon steckt im Produkt. Doch nicht überall, wo Zucker drin ist, steht Zucker drauf. Auch hinter Saccharose, Lactose, Maltose, Glucose, Dextrose und Fructose verbirgt sich der Kalorienlieferant. Süßmittel wie Honig, Ahornsirup und Apfeldicksaft werden zwar oft in der alternativen Ernährung verwendet, sind aber kaum wertvoller als Haushaltszucker. Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit und Xylit sind für Diabetiker, weniger aber für Kinder geeignet. Sie können den Zähnen schaden, enthalten nicht wenige Kalorien und wirken abführend. Süßstoffe wie Saccharin oder Cyclamat verschonen zwar die Zähne, eventuelle gesundheitliche Risiken sind aber noch immer nicht ganz ausgeschlossen.

Manchmal sündigen

Rigoroser Verzicht auf Heißgeliebtes führt oft zu unkontrollierten Exzessen. Die kontrollierte Sünde macht dagegen den zeitweiligen Verzicht viel leichter. So kann man zum Beispiel einen Tag der Woche zum Naschtag erklären. Für einen Tag bestimmen die Kinder den Speisezettel, und die ganze Familie darf in Pizza, Pommes und Süßkram schwelgen. Andere Möglichkeiten, die Versuchung planen zu können, sind beispielsweise regelmäßige Nachtische oder eine süße Zwischenmahlzeit am Nachmittag. Oder auch mal ein süßes Festmahl wie ein Schokoladenfondue zum Geburtstag. Kontrollierbar wird der Süßwarenkonsum auch durch eine Naschdose. Der erlaubte Süßwarenvorrat für eine Woche wird darin aufbewahrt. Das Kind hat dazu jederzeit oder nach Absprache mit den Eltern Zugang. So kommen Schnellesser und Langzeitgenießer gleichermaßen auf ihre Kosten.

Gesünder naschen

Eigentlich gibt es keine gesunden Süßigkeiten. Doch es gibt Möglichkeiten, die Liebe auf Süßes so zu stillen, dass eine Reihe wertvoller Inhaltsstoffe gleich mitgegessen werden. Frisches Obst, Trockenfrüchte, Nüsse und Studentenfutter sind eine gute Alternative zu Bonbons und Keksen. Exotische Obstsorten wie Ananas, Mango oder Feigen bringen Abwechslung. Selbst schon süß, kann Obst aber auch zu köstlichen kleinen Gerichten und Desserts verarbeitet werden.

Beim Kochen darf man ruhig ein bisschen mogeln. So sollte man bei allen Rezepten die angegebene Zuckermenge um etwa ein Viertel reduzieren. Wenn es dann gar nicht süß genug ist, kann man immer noch nachzuckern.

Autorin

Iris Schürmann-Mock ist Journalistin und Autorin. Sie hat mehrere Bücher und viele Artikel zum Thema Kinderernährung veröffentlicht.

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Erstellt am 12. August 2002, zuletzt geändert am 21. März 2010