Familienpolitik in Finnland
Erstellt am 6. September 2007,
Dirk Bange und Herbert Wiedermann
Inhalt
Daten und Fakten zur Demografie und zur Beschäftigungssituation
Ziele der finnischen Familienpolitik
Drei Prozent des Bruttosozialproduktes für Familienpolitik
Geldleistungen und Zeitpolitik schaffen familienfreundliche Voraussetzungen
Mutterschutz und Mutterschutzgeld
Recht auf Kindertagesbetreuung
Zahlen zur Nutzung der Angebote
In Europa vollziehen sich eine Reihe demografischer Veränderungen, die die ökonomische und soziale Entwicklung in den Mitgliedsländern nachhaltig beeinflussen. Insbesondere der Rückgang der Geburtenrate ist eine große Herausforderung. Für die Frage, wie dieses Problem gelöst werden kann, werden unterschiedlich erfolgreiche gesellschaftliche Antworten gefunden. Internationale Vergleiche der Situation der Familien und der Familienpolitik lassen Finnland glänzen. Finnland befindet sich in einer besseren demografischen Situation als Deutschland. Die Geburtenzahlen sind dort deutlich höher und die Balance zwischen Familie und Beruf gelingt besser. Wie hat Finnland diese Erfolge erzielen können, obwohl die Ausgangsbedingungen denen in Deutschland sehr ähnlich waren?
Eine entscheidende Ursache liegt in der finnischen Familienpolitik. In Finnland gibt es eine an den Lebensphasen von Familien mit Kindern orientierte Mischung aus finanziellen Zuwendungen, der Neuorganisation von Erwerbsarbeit und privater Zeit sowie Infrastrukturangeboten. Wie die einzelnen Leistungen aussehen, wie sie genutzt werden und welche Effekte sie erzielen, soll im Folgenden dargestellt werden. Ziel des Beitrags ist es, daraus etwas für die Weiterentwicklung der Familienpolitik in Deutschland zu lernen.
Besonders interessant für die derzeitige Diskussion ist, dass es in Finnland bereits seit einigen Jahren ein Betreuungsgeld für Eltern mit Kindern unter drei Jahren gibt, wenn sie ihr Kind nicht in eine Krippe geben, sondern zu Hause betreuen. In Deutschland wird ein solches Betreuungsgeld in Höhe von etwa 150 Euro pro Monat insbesondere von der CSU gefordert (siehe z.B. Handelsblatt vom 19.05.07), während dies bei der SPD auf erhebliche Bedenken stößt (siehe z.B. Handelsblatt vom 23.05.07).
Daten und Fakten zur Demografie und zur Beschäftigungssituation
In Finnland lebten Ende 2005 etwa 5,3 Millionen Einwohner. Es gab 592.000 Familien mit Kindern, davon waren 20 Prozent Alleinerziehende. So genannte „Patchworkfamilien“ machten 8,6 Prozent aller Familien aus. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie betrug 1,83. Die Geburtenrate lag bei 1,8 Kindern pro Frau. In den Jahren von 1990 bis 2005 schwankte sie zwischen 1,7 und 1,85 Kindern. Gegenüber dem Jahr 1998, als sie ihren niedrigsten Stand mit 1,7 erreichte, ist sie in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen (siehe Grafik 1). Insgesamt wurden im Jahr 2005 knapp 58.000 Kinder geboren. Ähnlich wie in fast allen europäischen Ländern stieg auch in Finnland in den letzten Jahrzehnten das Alter der Mütter und Väter bei der Geburt ihres ersten Kindes. Im Jahr 2004 lag es bei den Vätern bei exakt 30 Jahren und bei den Müttern bei 27,8 Jahren. Dadurch mit bedingt gibt es eine Tendenz, dass in den Familien weniger zweite und dritte Kinder geboren werden. (Ministry of Social Affairs and Health 2006, 7; The Mannerheim League for Child Welfare 2006, 2).

Ähnlich wie in Deutschland entwickelt sich also auch in Finnland die so genannte „Rushhour des Lebens“. Junge Frauen und Männer müssen in wenigen Jahren einen Berufsabschluss schaffen, ihren Platz im Erwerbsleben einnehmen und Karriere machen, gleichzeitig sollen sie einen Lebenspartner finden, heiraten und Kinder bekommen. Im Vergleich zu Finnland scheint dieser Druck derzeit in Deutschland aber noch größer zu sein (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005, 58ff.).
Es gibt aber einen bedeutenden Unterschied: Die finnischen jungen Frauen und Männer fallen im Vergleich mit Deutschland durch ihre hohe Erwerbstätigkeit in Vollzeitbeschäftigung auf (siehe Tabelle 1 und 2).
Tabelle 1: Erwerbstätigkeit in Vollzeit in der Bevölkerung 15 bis 64 Jahre in Prozent (2002)
| Finnland | Deutschland | |
|---|---|---|
| Gesamt | 69,1 | 65,4 |
| Frauen | 67,3 | 58,8 |
| Männer | 70,9 | 71,8 |
Quelle: Eurostat (2004)
Tabelle 2: Prozentsatz der Beschäftigung in Teilzeit (2002)
| Finnland | Deutschland | |
|---|---|---|
| Gesamt | 12,4 | 20,8 |
| Frauen | 17,1 | 39,5 |
| Männer | 8,0 | 8,7 |
Quelle: Eurostat (2004)
Frauen sind in Finnland sehr bildungsfreudig. 58 Prozent der finnischen Frauen absolvieren einen Hochschulabschluss – ein Spitzenwert im europäischen Vergleich (www.OECD.org (http://www NULL.oecd NULL.org): Education at a glance 2003).
Die erste wichtige Entscheidung, die ein junges Paar zutreffen hat, ist die, wann die Frau aus dem Arbeitsmarkt austritt und Kinder bekommt. Dies fällt in Finnland leichter, weil dort die Option, für eine Weile abgesichert aus dem Berufsleben aussteigen zu können, ermöglicht wurde und die ökonomische Basis einer Familie eher als in Deutschland gewährleistet wird. Fällt ein Einkommen wegen Elternurlaub weg, schafft das finnische Erziehungsgeld Einkommenskontinuität und damit eine wesentliche Voraussetzung dafür, auch länger Kinder zu bekommen. Die zweite wichtige Entscheidung, die eine junge Familie zu treffen hat, ist die, wann die Frau wieder in den Arbeitsmarkt eintritt. Hier ist die durchgehende Kindertagesbetreuung eine unabdingbare Voraussetzung für die Berufstätigkeit beider Eltern. Für finnische Eltern ist klar, dass ihr Kind in einer Tagesbetreuung einem Platz erhält, dort gut versorgt und gefördert wird.
Ziele der finnischen Familienpolitik
Die finnische Familienpolitik verfolgt verschiedene Ziele:
- Den Kindern soll ein sicheres und verlässliches Aufwachsen ermöglicht werden.
- Die Kinder sollen eine sehr gute frühe Bildung erhalten.
- Die Geburtenrate soll erhöht bzw. zumindest auf dem derzeitigen Stand gehalten werden.
- Alle Frauen und Männer sollen unabhängig von ihrem Familienstatus einer Erwerbstätigkeit nachgehen können.
- Mütter und Väter sollen Kinder haben können, ohne berufliche Nachteile zu erleiden.
- Mütter und Väter sollen die gleichen Chancen haben, die Kindererziehung zu übernehmen. Die Beteiligung der Väter an Kinderbetreuung und –erziehung soll sich weiter verbessern (Prime Minister´s Office 2007, 49f; Salmi-Taskula 2007, 83f.; Neyer 2004).
Drei Prozent des Bruttosozialproduktes für Familienpolitik
Für familienpolitische Leistungen hat Finnland im Jahr 2005 etwa 5,2 Milliarden Euro aufgewendet, was 3 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) entspricht (Ministry of Social Affairs and Health 2006, 6). Nach Darstellung der Robert-Bosch-Stiftung investiert Deutschland 2,9 Prozent des BIP in familienpolitische Sach- und Barleistungen (Robert Bosch Stiftung 2006, 29f.; Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2006, 3) und liegt damit nur knapp hinter Finnland. Bei der Studie der Robert Bosch Stiftung wurden alle Sachleistungen wie die öffentlichen Ausgaben für Kindertagesbetreuung und alle direkten Finanztransfers einbezogen. Steuervorteile wurden dagegen nicht berücksichtigt. Für Finnland gibt die Robert Bosch Stiftung 3,06 Prozent an, was fast genau den Angaben der finnischen Regierung entspricht.
Allerdings ist jede Bilanzierung familienpolitischer Maßnahmen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten, da unterschiedliche Vorstellungen darüber existieren, welche Leistungen in eine solche Bilanz einfließen sollen. So gibt es Bilanzen, die alle Leistungen, die Familien mit Kindern zu gute kommen, dazu zählen, unabhängig davon, ob sie nur für Familien mit Kindern sind oder nicht (z.B. Sozialhilfe). So kommt das Institut für Weltwirtschaft für das Jahr 2005 auf einen Betrag von 234 Milliarden Euro, das Bundesfinanzministerium weist dagegen – ohne Kindergeld – einen Betrag von 59 Milliarden Euro aus (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend 2006, 4).
Geldleistungen und Zeitpolitik schaffen familienfreundliche Voraussetzungen
Das Arbeit und Familienleben sich für finnische Eltern nicht gegenseitig ausschließen, liegt in erster Linie am finanziellen Ausgleich während der Mutterschafts- und Elternzeiten und an der durchgehenden Kindertagesbetreuung.
Mutterschutz und Mutterschutzgeld
Bei „normalen“ Schwangerschaften setzt 30 Werktage vor dem Geburtstermin der Mutterschutz ein und es wird ein „Mutterschutzgeld“ bezahlt. Bei „komplizierten“ Schwangerschaftsverläufen erhält die Familie den Schutz und das Geld bereits 50 Werktage vor dem Geburtstermin. Nach der Geburt kann die Mutter weitere 105 Werktage zu Hause bleiben. Das „Mutterschutzgeld“ beträgt 90 Prozent des vorausgegangenen Einkommens.
Die Väter können in dieser Zeit eine bezahlte Freistellung bis zu 18 Werktagen in Anspruch nehmen. Sie erhalten ebenfalls 90 Prozent des vorausgegangenen Einkommens und können diese 18 Tage in vier Segmente aufgeteilt nehmen. Etwa 70 Prozent der Väter nutzen dieses Angebot.
Darüber hinaus kann jede Familie zur Geburt zwischen einem „Mutterschaftspaket“ oder 140 Euro in bar wählen. Mehr als 75 Prozent der Mütter wählen das Paket. Das Mutterschaftspaket gibt es seit 70 Jahren. Es entspricht etwa einem Wert von 275 Euro.
Elternzeit und Elterngeld
Im Anschluss daran können die Familien 158 Werktage Elternzeit nehmen und haben ein Rückkehrrecht auf ihren bisherigen Arbeitsplatz. Die Mütter und Väter können sich diese Tage aufteilen. So kann z.B. der Vater Montag und Dienstag zu Hause bleiben und die Mutter von Mittwochs bis Freitags. Es ist sogar möglich, dass die tägliche Arbeitszeit aufgeteilt wird – die Frau also z.B. von 8 bis 12 Uhr arbeitet und der Mann von 13 bis 17 Uhr. Allerdings wird von diesen Möglichkeiten bisher selten Gebrauch gemacht. Im Jahr 2004 haben weniger als 0,1 Prozent aller Familien dieses Angebot genutzt (Salmi & Lammi-Taskula 2007, 92). Die derzeitige Regierung will die Elternzeit bis 2010 um weitere zwei Wochen verlängern. (Prime Minister´s Office 2007, 49f.)
Das Elterngeld wird einkommensabhängig bezahlt und beträgt bei einem Einkommen von 28.400 Euro 70 Prozent des vorherigen Einkommens. Der Mindestbetrag liegt derzeit bei 15,20 Euro pro Tag – also gut 450 Euro pro Monat. Bei Mehrlingsgeburten werden die Elternzeit und damit auch das Elterngeld für jedes weitere geborene Kind um 60 Tage verlängert.
Zudem kann ein Vater weitere 12 Werktage frei bekommen, wenn er direkt im Anschluss 12 Tage Elternzeit nimmt. Anders gesagt, ein Vater kann insgesamt 42 Tage Urlaub nehmen, von denen 24 Arbeitstage als „Papamonat“ im Anschluss an den elterlichen Betreuungsurlaub genutzt werden müssen. In 2005 haben 9,5 Prozent der Väter Elternzeit genommen und die Chance genutzt eine unabhängige, direkte Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder zu übernehmen.
Kinderbetreuungsgeld
Im Anschluss an das „Elterngeld“ können Familien mit Kindern unter drei Jahren ein so genanntes „Kinderbetreuungsgeld“ (child care home allowance) erhalten, wenn sie ihr Kind zu Hause betreuen und nicht in eine Kindertagesbetreuungseinrichtung geben. Das „Kinderbetreuungsgeld“ beträgt derzeit 294,28 Euro im Monat. Hinzu kommen 84,09 Euro für jedes weitere Kind unter drei Jahren und 50,46 Euro für jedes weitere Kind unter sechs Jahren, das zu Hause betreut wird. Darüber hinaus wird einkommensabhängig ein Betreuungsaufwand von bis zu 168,19 Euro gezahlt. In etwa 70 Prozent der finnischen Gemeinden wird darüber hinaus noch ein kommunaler Aufschlag bezahlt. In Helsinki beträgt er aktuell z.B. 290 Euro.
Im Übrigen werden alle finanziellen Zuschüsse außer dem Kindergeld dem steuerpflichtigen Einkommen zugerechnet.
Kindergeld
Kindergeld erhalten die Eltern in Finnland ebenfalls. Es wird bis zum 17. Lebensjahr des Kindes bezahlt. Es ist nach Kinderzahl gestaffelt. Für das erste Kind gibt es 100 Euro, für das zweite Kind 110,50 Euro, für das dritte Kind 131 Euro, für das vierte 151,50 Euro und für das fünfte und jedes weitere Kind 172 Euro. Alleinerziehende erhalten pro Kind zusätzlich 36,60 Euro. Stärker als in Deutschland ist die Höhe des Kindergeldes von der Zahl der Kinder abhängig, um die Familien anzuregen, mehr als ein Kind zu bekommen. Allerdings erscheinen die Abstände als zu gering, um diesen Effekt wirklich erzielen zu können.
Recht auf Kindertagesbetreuung
Neben den direkten Finanzleistungen an die Familien gibt es seit 1996 einen Rechtsanspruch für alle Kinder nach Ende der Elternzeit auf Kindertagesbetreuung. Eltern können dabei zwischen einem Platz in einer Kindertagesstätte oder der Betreuung durch eine Tagespflegeperson wählen.
Der Elternbeitrag für die Betreuung in einer kommunalen Kita beträgt für das erste Kind mindestens 18 Euro und maximal 200 Euro im Monat, für das zweite Kind 180 Euro und für jedes weitere Kind 40 Euro. Familien mit niedrigem Einkommen können auch ganz vom Elternbeitrag befreit werden. Insgesamt kommen die Eltern für etwa 15 Prozent der Kosten auf. Das letzte Jahr vor der Einschulung der Kinder ist gebührenfrei. Die Kinder werden in Finnland mit sieben Jahren eingeschult.
Der Betreuungsschlüssel bei Kindern unter drei Jahren ist 1 : 4 und bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren 1 : 7, was erheblich über den Betreuungsschlüsseln in anderen europäischen Ländern liegt. Die Betreuung erfolgt vor allem durch Erzieher, die über ein dreijähriges Universitätsstudium mit starker Praxisorientierung verfügen. Ein Drittel der Erziehungskräfte muss über einen einschlägigen Bachelor- oder Masterabschluss verfügen. Der sehr günstige Personalschlüssel ermöglicht dem praxisnah ausgebildeten Personal eine gezielte Einzel- oder Gruppenförderung der Kinder. Die Kitas müssen mindestens 10 Stunden geöffnet haben und die Träger sind hauptsächlich die Kommunen. In den Kitas soll eine systematische und zielgerichtete Pädagogik stattfinden, bei der das selbstbestimmte Spiel des Kindes eine zentrale Rolle einnimmt (Välimäki 2004, 552).
Eltern, die ihre Kinder von Tagesmüttern oder in privaten Kindertagesbetreuungseinrichtungen betreuen lassen, erhalten derzeit 137,33 Euro im Monat als Ausgleich für die entstehenden Kosten.
Wenn der betreuende Elternteil im Rahmen eines steuerpflichtigen Arbeitsverhältnisses seine Arbeitszeit auf weniger als 30 Stunden reduziert und sein Kind weniger als 30 Stunden in der Woche in eine öffentliche Kindertagesbetreuungsstätte bringt, bekommt er 70 Euro Familienbetreuungszulage vom Staat als Ausgleich.
Vorschulunterricht
Die Kommunen müssen für alle Kinder im Alter von 6 Jahren insgesamt 700 Stunden Vorschulunterricht anbieten, um die Kinder auf die Schule vorzubereiten. Diese Pflicht ist im Jahr 2001 eingeführt worden. Der kostenlose Vorschulunterricht erreicht heute 96 Prozent der 6-jährigen Kinder und wird entweder in einer Kindertagesstätte oder in einer Schule für drei bis vier Stunden am Tag erteilt.
Insgesamt zeigt sich, dass sich die Kleinkindererziehung in der Krippe, die Erziehung im Elementarbereich und im Vorschulunterricht sowie schließlich in der Grundschule aufeinander beziehen und eine kontinuierliche Erziehungs- und Bildungsarbeit angestrebt wird (Välimäki 2004, 552). Liest man Veröffentlichungen zur Vorschulpädagogik, fällt allerdings auf, dass häufiger als in Deutschland als Ziele der Pädagogik „Teamfähigkeit“ und der „Erfolg als Teammitglied“ betont werden (z.B. City of Helsinki 2005).
Nachmittagsbetreuung
Am geringsten gesetzlich reglementiert ist in Finnland die außerschulische Erziehung von Kindern im Anschluss an den Schulunterricht. Seit 2004 müssen alle Gemeinden ausreichende Angebote vorhalten. Für jedes Kind sollen 570 Betreuungsstunden im Jahr angeboten werden. Die Freizeitgestaltung findet vor allem in Spielzentren statt. Die Einrichtungen sind während der Sommerferien geöffnet, so dass Eltern auch in dieser Zeit ihre Kinder betreut wissen. Die Eltern müssen einen Elternbeitrag von 15 Prozent der Kosten tragen. Allerdings ist dieses Angebot noch nicht ausreichend ausgebaut. 68 Prozent der Grundschulkinder benötigen laut Befragungen ein solches Angebot. Im Jahr 2004 wurde aber nur ungefähr 50 Prozent der Nachfrage gedeckt (Välimäli & Lindberg 2004). Bei einem Besuch in Finnland im Jahr 2007 wurden von Mitarbeitern der „Mannerheim League for Child Welfare“ und von betroffenen Eltern die Angebote als unzureichend beschrieben. Berufstätige Eltern hätten insbesondere große Schwierigkeiten, die Ferienzeiten abzudecken.
Zahlen zur Nutzung der Angebote
Von den unter dreijährigen Kindern wurden Ende des Jahres 2005 28,9 Prozent von ihren Eltern im Rahmen der Elternzeit betreut. Darüber hinaus wurden weitere 41,5 Prozent der Kinder zu Hause betreut. Die Eltern dieser Kinder erhielten das Kinderbetreuungsgeld. In kommunalen Kindertagesbetreuungseinrichtungen waren 11,1 Prozent der Kinder, in kommunaler Kindertagespflege befanden sich 11,7 Prozent der Kinder, 2,4 Prozent wurden in privaten Kindertagesbetreuungseinrichtungen betreut und 4,4 Prozent in anderen Arrangements (Ministry of Social Affairs and Health 2006, 7).
Die Nutzungsrate der kommunalen Kindertagesbetreuung und Tagespflege für die einzelnen Altersjahrgänge sah Ende 2003 folgendermaßen aus: Sie lag bei den unter einjährigen Kindern bei 1,3 Prozent, bei den einjährigen Kindern bei 24,9 Prozent und bei den zweijährigen Kindern bei 40,3 Prozent. Von den dreijährigen Kindern waren 57,4 Prozent, von den vierjährigen Kindern 63,6, von den fünfjährigen Kindern 68,0 und von den sechsjährigen Kindern 64,1 Prozent in Tagesbetreuung oder Tagespflege, davon sind jeweils gut drei Viertel in Ganztagesbetreuung. Der freiwillige Vorschulunterricht wurde von 96 Prozent aller Kinder genutzt (Välimäki & Lindberg 2004).
Diese Zahlen sind im Vergleich zu Deutschland bei unter dreijährigen Kindern deutlich besser, bei drei- bis sechsjährigen Kinder aber deutlich schlechter. Zum Stichtag 15.03.07 wurden in Deutschland 13,6 Prozent der unter dreijährigen Kinder in Kindertagesbetreuungseinrichtungen oder in Kindertagespflege betreut. Von den drei- bis sechsjährigen Kinder wurden 86,4 Prozent öffentlich betreut (Lange & Schilling 2007, 2).
Diskussion
In der „Dauerfrage“ der Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss ernsthaft nach praktikablen Lösungen gesucht werden. Finnland zeigt, dass Eltern unabhängig vom biologischen Geschlecht sowohl am Leben ihrer Kinder teilhaben können, als auch, dass sie sich beruflich entfalten können. Einzelne Elemente der finnischen Familienpolitik sind indes kritisch zu diskutieren.
So hatte die Einführung des Kinderbetreuungsgeldes keine erkennbaren Auswirkungen auf die Geburtenrate. Sie ermöglichte es jedoch insbesondere arbeitslosen Frauen, die Zeit der ökonomischen Krise Anfang der Neunzigerjahre und der eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten zu überbrücken (Neyer 2004). Allerdings verringerte die mit ihr verbundene längere Unterbrechung der Erwerbstätigkeit die Wiedereinstiegschancen von Frauen und führte zu einer Verringerung der Frauenerwerbsbeteiligung. So geht nur noch etwa jede vierte Mutter nach Ende der Elternzeit wieder arbeiten. 53 Prozent der Mütter waren noch zwei Jahre nach der Geburt des Kindes zu Hause (Salmi & Lammi-Taskula 2007, 87). Die offizielle finnische Statistik über die Erwerbsbeteiligung zeigt dementsprechend, dass die Erwerbsbeteiligung von Müttern mit Kindern unter sieben Jahren von 1989 bis 2002 um 10 Prozent zurückgegangen ist, während sie bei Frauen ohne Kinder nur um 2 Prozent gesunken ist (Lyly-Yrjanainen 2007, 2). Dabei ist folgender Trend zu beobachten: Die Frauen, die vor der Geburt gearbeitet hatten, kehrten schneller wieder in den Beruf zurück. Längere Zeit zu Hause bleiben vor allem weniger gebildete und jüngere Mütter, die vorher auch seltener gearbeitet hatten (ebd.; Salmi & Lammi-Taskula 2007, 87). Minna Salmi und Johanna Lammi-Taskula kommentieren dies wie folgt: „Das Kinderbetreuungsgeld für zu Hause hat sich zu einem gewissen Grad zu einer Einkommensquelle für arbeitslose Frauen entwickelt. Es funktioniert nicht nur – wie gedacht und gemeint – als Alternative zur Tagesbetreuung, sondern als Alternative zur Arbeitslosigkeit. “(ebd., 91). Die OECD hat dies ebenfalls bereits deutlich kritisiert. Insbesondere die Höhe des Betreuungsgeldes führe dazu, dass viele Mütter zu lange Zuhause bleiben (OECD 2005).
Die Zahl der Frauen, die zu Hause bleiben, wird aber trotz allem am stärksten durch die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst. Prosperiert die Wirtschaft und ist auf die „stille Reserve“ der gut gebildeten Mütter angewiesen, steigt auch die Erwerbsbeteiligung der Mütter.
Die Einführung eines Kinderbetreuungsgeldes für Mütter, die zu Hause bleiben, wird – zumindest wenn man die finnischen Erfahrungen betrachtet – nicht zu einer Steigerung der Geburtenrate führen. Wenn das Kinderbetreuungsgeld nur hoch genug ist, unterstützt dies die Tendenz von weniger gut gebildeten Frauen zu Hause zu bleiben. Insbesondere für Mütter, die im Niedriglohnsektor arbeiten, wird der Anreiz arbeiten zu gehen, geschwächt. In Gesprächen mit Mitarbeitern des finnischen Sozialministeriums und Vertretern des finnischen Kinderschutzbundes wurde darüber hinaus berichtet, dass das Geld von einem Teil der Familien nicht für die Erziehung und Bildung der Kinder, sondern eher für Konsumgüter ausgegeben wird. Das Kinderbetreuungsgeld führt gerade auch in diesen Familien dazu, das Kind nicht in institutionelle Betreuung zu geben. Durch dieses System entgehen zumindest einem Teil der Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern Bildungschancen. Allerdings hat Finnland eine sehr weitgehende Wahlfreiheit für die Eltern geschaffen.
Was junge Familien, in der beide Eltern arbeiten und zugleich Kinder erziehen am meisten vermissen, ist der so genannte Zeitwohlstand. Im Regierungsprogramm des Premierministers Matti Vahannen ist daher vorgesehen, dass die Eltern mit Kleinkindern ihre Arbeitszeit reduzieren und mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen können. Das Teilzeit-Kinderbetreuungsgeld soll daher ab dem 1. Januar 2010 um 90 € erhöht werden, um die Verringerung des Einkommens durch kürzere Arbeitszeiten zu kompensieren. Neu ist zudem das Vorhaben, die Arbeitgeberkosten, die bei Schwangerschaft, Geburt und Erziehung des Kindes entstehen, zwischen den Arbeitgebern beider Eltern gerecht zu verteilen. Aktuell werden sie einseitig von den Arbeitgebern der Mütter getragen. Die Regierung Vahannen denkt daher darüber nach, hier zu einem Ausgleich zu gelangen und u.a. das Teilzeit-Kinderbetreuungsgeld auch an die Arbeitgeber zu bezahlen. (Prime Minister´s Office 2007, 49)
Positiv ist zur finnischen Familienpolitik darüber hinaus anzumerken, dass selbst bei Alleinerziehenden im Jahr 2000 mit 11 Prozent keine höhere Armutsquote als in der Gesamtbevölkerung zu finden ist. Eltern mit Kindern – auch mit drei und mehr Kindern – liegen mit 5 Prozent deutlich darunter. In Deutschland hatten im Jahr 2000 dagegen Alleinerziehende mit 36 Prozent eine mehr als dreifach erhöhte Rate gegenüber dem Durchschnitt mit 11 Prozent. Auch Familien mit 3 und mehr Kindern hatten mit 21 Prozent eine deutlich über dem Durchschnitt liegende sehr hohe Quote von Einkommensarmut (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2006, 7).
Der Blick über den Tellerrand nach Finnland zeigt, dass – trotz des Kinderbetreuungsgeldes – eine Kombination der drei Elemente
- Neuzuschnitt der Geldleistungen zu Sicherung der Zukunftsfähigkeit von Familien und Kindern
- Zeitpolitik im Lebensverlauf und in der Alltagszeit für Familien
- soziale Infrastrukturpolitik in der Kommune
eine familienfreundliche Gesellschaft entstehen lässt. Finnland hat Antworten auf die Herausforderungen moderner Gesellschaften gefunden, die auch für Deutschland wichtig sein können.
Literatur
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2006). Monitor Familienforschung. Ausgabe Nr. 6 „In Familien wirksam investieren – Familienleistungen in Deutschland. Redaktion: FamilienForschung Baden-Württemberg. Berlin.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2006). Siebter Familienbericht „Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Berlin.
City of Helsinki (2005). Preschool: Summary for parents on Helsinki preschool curriculum. Herlsinki.
Eggen, B. (2005). Familienpolitik, Geburtenhäufigkeit und Einkommensarmut in der EU. In. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, Heft 4, 8-11.
Eurostat (2004) How Europeans Spend Their Time – Everyday Life of Women and Man.
Fix, B. (2007). Familienpolitik im internationalen Vergleich: von Europa lernen. In. Das Online-Familienhandbuch.
(https://www.familienhandbuch.de/familienpolitik/wissenschaftliche-beitrage/familienpolitik-im-internationalen-vergleich-von-europa-lernen)
Handelsblatt vom 23. Mai 2007: Merkel ist gesprächsbereit.
Handelsblatt vom 19. Mai 2007: Stoiber: Krippen nicht ohne Betreuungsgeld.
Lange, J. & Schilling, M- (2007). Neue sichtbar werdende Realitäten – Kindertagesbetreuung in Deutschland. In: KOMDAT Jugendhilfe, Heft 1, S. 2-5.
Lyly-Yrjanainen, M (2007). Employment rates of women and men with children. http://www.eurofound.europa.eu/ewco/2006/12/FI0612019I.htm (http://www NULL.eurofound NULL.europa NULL.eu/ewco/2006/12/FI0612019I NULL.htm)
Ministry of Social Affairs and Health (2006). Finnland´s Family Policy. Helsinki.
Neyer, G. (2004). Kinderfreundlich und flexibel: Familienpolitik in den nordischen Ländern basiert auf Gleichheitsprinzip. In. „Demografische Forschung aus erster Hand“ Informationsletter des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung
OECD (2005). Babies and Bosses. Reconciling Work and Family Life. Volume 4. Canada, Finnland, Sweden and the United Kingdom. OECD Publishing. Paris.
Prime Minister´s Office (2007). Government Programme of Prime Minister Matti Vanhanen´s second Cabinet. Helsinki
Robert Bosch Stiftung (2006). Unternehmen Familie. Stuttgart.
Salmi, M. & Lammi-Taskula, J. (2007). Family policy, labour market and polarization of parenthood in Finnland (S: 83-97). In. Ministry of Social Affairs and Health (Hrsg.). Opportunities to reconcile – family and work. Helsinki.
The Mannerheim League for Child Welfrae (2006). Children, Families with Children and Family Policy in Finnland. Unveröffentlichtes Mannuskript.
Välimäki, A.-L. (2004). Von der Kleinkindbetreuung zur Kleinkindererziehung. Die Herausbildung einer institutionalisierten Erziehung und Betreuung finnischer Vorschulkinder (S. 545-558). In. Wehrmann, I. (Hrsg.). Kindergärten und ihre Zukunft. Weinheim.
Välimäki, A.-L. & Lindberg, P. (2004). Early childhood education and care in Finnland – a palette of options. Vortrag gehalten auf der Tagung “Childcare in a chancing world” in Groninigen am 21-23 Oktober 2004.
Autoren
Dirk Bange, geb. 1963, 1985 – 1989 Studium der Erziehungswissenschaften in Dortmund. 1992 Promotion. 1992 bis 1996 hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen Zartbitter Köln. Seit 1996 wissenschaftlicher Angestellter bei der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg, derzeit Leiter der Abteilung Familie, Kindertagesbetreuung und Gleichstellung.
Herbert Wiedermann, geb. 1954, 1973 – 1976 Studium der Sozialarbeit in Paderborn und Düsseldorf, 1977 – 1983 Studium der Sozialwissenschaften in Bremen, Studienaufenthalte in Rotterdam und Edinburg,1990 Promotion, 1990 – 1993 Leiter Soziale Dienste der Stadt Gladbeck, 1993 – 1998 Abteilungsleiter und Sprecher der Amtsleitung, Amt für Soziale Dienste Bremen. Seit 1998 wissenschaftlicher Angestellter bei der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg, derzeit Leiter der Abteilung überregionale Förderung / Landesjugendamt.



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