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Rituale – Ihre Bedeutung für die Paarbeziehung

Erstellt am 8. April 2004, zuletzt geändert am 26. Februar 2013

Dr. Anke Birnbaum

 

In der Moderne werden Rituale häufig nur noch als entfremdete Routinehandlungen betrachtet, gelten teilweise sogar als “verstaubt” und einengend. Doch dieser Ansicht setzen Paare nach ersten Studienergebnissen, eine beachtliche Phantasie in der Entwicklung paareigener Ritualzeremonien entgegen (Kraft-Alsop, 1996). Da Rituale als eine Form des Dialogs, d.h. als Kommunikationsmittel zu begreifen sind, lässt sich davon ausgehen, dass durch die Entwicklung passender gemeinsamer Rituale der Anteil an positivem Austausch und die Zufriedenheit in Paarbeziehungen steigen. Um die wachsenden Widersprüchlichkeiten zwischen den Arbeitsmarktrealitäten (Unabhängigkeit und Flexibilität) und Ansprüchen an Partnerschaft (Beständigkeit und Gleichberechtigung) gemeinsam zu vereinen und zu bewältigen und so eine Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens zu erreichen, ist es nicht nur notwendig, dass die Partner den Dialog in ihrer Beziehung fördern. Es ist vor allem wichtig, sich als Paar neue Handlungsmöglichkeiten jenseits der gewohnten Wahrnehmung von Alltag zu eröffnen, die Verbundenheit und Zusammenhalt stärken. Rituale können demzufolge auch ein wesentliches Mittel der Beziehungsgestaltung sein, das von hoher Bedeutung für die gemeinsame Entwicklung von Paaren ist.

Rituale entstehen im Verlauf des Zusammenlebens aufgrund bestimmter, aber auch zufälliger Ereignisse oder sich im Alltag entwickelnder Handlungsmuster. Diese empfindet das Paar als so angenehm, dass sie regelmäßig oder unregelmäßig wiederholt werden.

Es handelt sich bei Ritualen um vom Paar gemeinsam entwickelte symbolische Handlungen. Symbolisch, weil sie als “Sinnbilder” aufgefasst werden können, die entscheidende hintergründige Bedeutungen besitzen. Sie können daher dem anderen über die sichtbare Handlung hinaus etwas zu verstehen geben. Dabei sind auch jene Rituale eingeschlossen, die sowohl täglich wiederholt als auch einmalig ausgeführt werden. Folglich können auch einmalige, spontane Inszenierungen und kleinere Feiern eines Ereignisses (z.B. die berufliche Beförderung eines Partners oder ein positiver Schwangerschaftstest) für die Partner Rituale darstellen. Entscheidend ist letztendlich, was das Paar mit den gemeinsamen Handlungen für sich hervorhebt sowie der Ablauf der Ausführung.

Merkmale und Funktionen von Ritualen

Rituale zeichnen sich durch eine festgelegte Abfolge von Handlungen aus, die oft zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort ausgeführt wird. Anfang und Ende sind definiert und der Ablauf ist meist sehr ähnlich und vorhersehbar. In diesem Sinne haben Rituale eine gesetzgebende Funktion, bestimmen Grenzen und ordnen das Handeln des Paares in seiner Wirklichkeit. Sie geben den Partnern so Sicherheit, Ruhe und Beständigkeit.

Prinzipiell sind alle Handlungen wiederholbar, doch bei Ritualen kommt es mehr als bei Alltagshandlungen auf die Form, oft gerade auch in der Wiederholung an. Zudem verfolgen sie überwiegend keine klar festgelegten Zwecke. Das “Wie” der Handlung ist ebenso wichtig wie das “Was” der Handlung. Zusammengenommen schaffen die verschiedenen Aspekte des Rituals eine Atmosphäre der “Besonderheit” , verkehren das “Normale” in das Außergewöhnliche.

Es bleibt jedoch zu bemerken: Was dem einen Ritual ist, kann von einem anderen als Zeremonie, Routine, Gewohnheit oder Regel aufgefasst werden. Es ist wenig aussichtsreich, Rituale eindeutig und mit Aussicht auf allgemeine Zustimmung gegenüber diesen Begriffen abzugrenzen. Für jedes Beispiel lassen sich Gegenbeispiele finden. Ausschlaggebend ist, wie vorangegangen bereits bemerkt, die Ausführung sowie Sinn und Bedeutung, welche den gemeinsamen Handlungen vom Paar beigemessen werden.

Ritualformen in Paarbeziehungen

Im gemeinsamen Zusammenleben von Paaren bietet sich eine Fülle von Gelegenheiten zur Entwicklung von Ritualen. Rituale in Paarbeziehungen sind so vielfältig wie Paare selbst. Doch welche Formen von Ritualen lassen sich hier unterscheiden?

In Anlehnung an die familientherapeutische Forschungsgruppe um Imber-Black, die sich 1998 verstärkt mit Ritualen in Familien beschäftigte, werden vier Ritualformen voneinander unterschieden.

  1. Rituale des Lebenszyklus, wie z.B. die Hochzeitszeremonie markieren wichtige Ereignisse im Zusammenleben zweier Menschen. Sie sind besonders darauf ausgerichtet, die gesellschaftliche Stellung des Paares wie auch den Glauben an eine gemeinsame Zukunft hervorzuheben. Unter diese Rituale lassen sich (insbesondere bei jüngeren Paaren) u.a. auch Examensfeiern fassen. Solche Erfahrungen markieren den gemeinsamen Werdegang, verdeutlichen einen Übergang und vollziehen diesen gleichzeitig. Der Übergang ist dementsprechend meist mit Identitäts- und Rollenveränderungen der beiden Partner verbunden. Wie z.B. dem Übergang vom Studenten zum Berufstätigen; vom Partner zum Ehepartner; vom Ehepartner zum Elternteil.
  2. Durch kulturelle und religiöse Einflüsse werden Rituale über die Gesellschaft auch in Paarbeziehungen hineingetragen und dort gelebt. Hier sind Feiertage wie z.B. Weihnachten, Ostern oder Pfingsten zu nennen. Den Weihnachtsbaum zu schmücken oder das aufwendige Festtagsessen vorzubereiten sind typische Ritualbestandteile unserer Kultur, die von vielen Paaren und in Familien nur selten verändert werden. Gleichzeitig aber lockern sich die traditionellen Normen für offizielle Feierrituale in unserem Kulturraum zunehmend und lassen mehr Freiheit für Besonderheiten und Einzigartigkeit.
  3. Paare entwickeln zudem spezielle Rituale, die auf ihrem jeweiligen “inneren” Kalender beruhen, wie bspw. Geburts- und Jahrestage, zu denen u.a. der Hochzeitstag oder der Tag des Kennenlernens zählen. Sie kennzeichnen Höhepunkte und Wendepunkte im Leben, können Wertschätzung, Dankbarkeit und Freude ausdrücken.
  4. Schließlich lassen sich Rituale des alltäglichen Lebens unterscheiden. Alle Paare konstruieren, wenn auch oftmals unbewusst, bestimmte Tages- und Wochenrituale, Abschieds- und Wiedersehensriten. Diese stehen vielfach im Zusammenhang mit Freizeit, Essen, Schlafengehen und Sexualität.

Rituale als Medium der Beziehungsarbeit

Immer wieder erwarten Paare, dass ihre Beziehung sich von selbst entwickelt und erhält. Entwicklung und Stabilität sind jedoch nur möglich, wenn die Bedingungen der Partnerschaft bewahrt bzw. immer wieder neu erarbeitet werden. Beide Partner müssen aktiv die Gestaltung und Aufrechterhaltung ihrer Beziehung in den Mittelpunkt einer gemeinsamen Entwicklung stellen und dafür Sorge tragen. Die Mindestbedingung für eine gemeinsame Liebe ist ihr genügend gemeinsame Zeit zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus ist auch die aktive Bewältigung von Problemen und der Vergangenheit entscheidend. Ohne eine solche Beziehungsarbeit schläft die Beziehung des Paares ein bzw. die Partner werden im Umgang miteinander unachtsam und nachlässig.

Welche Bedeutung haben Rituale in der Beziehungsarbeit und -gestaltung von Paaren? Auf welche Weise können Rituale zu einer erfolgreichen gemeinsamen Entwicklung in Paarbeziehungen beitragen?

Rituale als Ausdruck gemeinsamer Aktivität und gemeinsamen Engagements

Partnerschaften, in denen häufig gemeinsame Aktivitäten durchgeführt werden, zeichnen sich nach Untersuchungen durch ein hohes Gemeinsamkeitsgefühl und eine gute Kommunikation aus (Hahlweg, 1986; Schneewind 1999 u. Schneewind et al. 2000). Auch in der Entwicklung, Durchführung und Pflege von Ritualen können die Partner Aktivität und Engagement füreinander ausdrücken. Sie entwerfen mit den Ritualen intime bzw. vertraute Bilder für ihre Beziehung und Interaktion, d.h. sie dokumentieren in ihren gemeinsam entwickelten Zeremonien etwas und richten es aneinander, ob nun bewusst oder unbewusst. Das gemeinsame Erleben wirkt sich positiv auf die Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle der Partner aus.

Insofern können Rituale mit ihrer einbindenden Kraft die Identifikation mit dem gemeinsamen Leben als Paar sowie dessen Zusammenhalt verstärken. Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl trägt wiederum Veränderungen in der Beziehung und das Vorherrschen angenehmer Beziehungserinnerungen ist beim Ausbau der gemeinsamen Geschichte von entscheidender Bedeutung. Sie hat großen Einfluss auf den Blick des Paares in die Zukunft und damit verbundene gemeinsame Ziele. Mit Ritualen ist es Paaren demzufolge möglich, kreativ eine gemeinsame Kraftreserve für ihre Verbundenheit und Entwicklung aufzubauen.

Rituale als Freiraum für Zweisamkeit

In der Entwicklungspsychologie ist es unumstritten, dass der Umfang der gemeinsam verbrachten Zeit mit der Partnerschaftsqualität in engem Zusammenhang steht (Bodenmann et al., 1996; Hahlweg, 1998; Kaiser, 2000b). Für Partnerschaften ist es unerlässlich, sich gegenüber inneren und äußeren Einflüssen (z.B. Fragen der Kindererziehung und beruflichen Stresssituationen) abzuschirmen und einen Raum für Zweisamkeit zu schaffen (Kaiser 2000a/ 2000b). Gemeinsame Zeit muss von Paaren jedoch immer härter erkämpft werden.

Rituale ermöglichen den Partnern eine Zeit lang die Abgrenzung von der Außenwelt und den mit ihr verbundenen Anforderungen. Paare können sich mit ihnen Zeit und Raum für Zweisamkeit schaffen und damit die Voraussetzungen für ungestörte Kommunikation und Aktivitäten. Gleichzeitig bietet dieser Freiraum den Partnern die Möglichkeit, Ruhe zu finden, von der Hektik des Alltags Abstand zu nehmen und so Kraft zu schöpfen. Denn mit Ritualen der Zweisamkeit, entwickeln die Partner auf eine gemeinsame Art eine geschützte Zone, in der Gefühle und Gedanken erfahrbar werden können. Dies stärkt nicht nur die Verbundenheit, sondern stellt gleichzeitig eine Grundlage dar, um sich gegenseitig verstehen zu können, zu erkennen, was den anderen bewegt und so an seiner Entwicklung teilzuhaben. Dadurch ist es den Partnern eher möglich, sich einander zu unterstützen und ihre Beziehung auf übereinstimmende Ziele im Sinne einer gemeinsamen Entwicklung auszurichten.

Rituale als Botschaftsträger

Paare bedürfen einer nonverbalen Kommunikation im Sinne von Ritualen in besonderem Maße, weil sie ihnen als “Verpackung” für bewusste und unbewusste Botschaften dienen (Herriger 1993). Durch den symbolischen Charakter der einzelnen Handlungen haben Rituale eine höhere Dichte an Informationen und es lässt sich mit ihrer Hilfe sehr viel mehr ausdrücken als es den Partnern mit Worten allein möglich wäre. So entwickelt das Paar ein System von Symbolen, das mit seinen innewohnenden Ausdrucks- und Erfahrungsmöglichkeiten die Verbundenheit beider Partner vertiefen kann. Über rituelle Botschaften können sich Paare z.B. Nähe, Liebe und Wertschätzung mitteilen. Indem die Partner sich Zeit füreinander und ihre gemeinsame Beziehung nehmen, machen sie dem anderen die Bedeutung, die sie der gemeinsamen Verbindung beimessen, sichtbar und können sich dadurch immer wieder bzw. neu zueinander bekennen, was sich besonders stärkend auf das Selbstwertgefühl der Partner auswirkt. Ein hohes Selbstwertgefühl der Partner geht wiederum mit einer höheren Zufriedenheit in der Partnerschaft einher und umgekehrt. Eine positive Bewertung der Partnerschaft stellt für eine gemeinsame Entwicklung einen wesentlichen Stützpfeiler dar.

Die in jeder Beziehung auftretende Widersprüchlichkeit von Bedürfnissen nach Zusammenhalt einerseits und Unabhängigkeit andererseits erzeugt Uneinigkeiten und Auseinandersetzungen, die eine Bedrohung für die Paargemeinschaft sein können. Mit speziellen Abgrenzungsritualen (z.B. individuelle Rückzugsmöglichkeiten nach einem anstrengenden Arbeitstag) können sich die Partner eigene Freiräume schaffen und gewähren, in alltäglichen Ausgleichsritualen (z.B. in Form von kleineren Aufmerksamkeiten füreinander) eine beidseitige Gleichstellung und Stärkung ausdrücken. Auf diese Weise lässt sich mittels Ritualen gleichzeitig Verbundenheit und Autonomie in der Partnerschaft steigern.

Rituale dienen dem Paar darüber hinaus als ein “Gedächtnisspeicher” für die gemeinsame Geschichte und versichern des Weiteren die Beständigkeit der Beziehung zueinander. Ein Beispiel ist der jährliche Hochzeits- oder Jahrestag der Beziehung. Er kann Unsicherheiten entgegenwirken und die Verbundenheit intensivieren, indem er die gemeinsam verbrachte Zeit, die Gegenwart und den Willen zur gemeinsamen Zukunft erlebbar macht. Das Gegenwärtige wird insofern mit Vergangenem und Erhofftem verbunden und erfüllt eine Kontinuitätsfunktion. Hierbei ist es nicht entscheidend, ob dieser Tag in Form eines persönlichen Geschenks für den Partnern oder mit einem gemeinsam verbrachten Abend, den die Partner in Abgrenzung zum Alltag kreieren, hervorgehoben wird.

Umgekehrt kann ein vergessener Beziehungsfeiertag signalisieren, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt. Rituale nehmen demnach die Funktion eines “Anzeigers” ein. So kann bspw. auch der Kuss vor dem Essen zeigen, dass alles in Ordnung ist und der tägliche Gute-Nacht-Kuss kann als tägliches Bekenntnis zur Beziehung verstanden werden. Erfolgt er nicht oder in anderer Weise als “gewöhnlich” , können die Paare Veränderungen feststellen und nötigenfalls ihr Denken und Handeln darauf einstellen.

Rituale als Entwicklungsanstoß

Paare geraten unvermeidlich in Konflikte, sobald es um Übergänge im Lebenszyklus und damit die notwendige gemeinsame Weiterentwicklung der Beziehung geht. Dementsprechend verändern z.B. der Austritt aus einem Arbeitsverhältnis oder eine Schwangerschaft den gesamten Bereich des Zusammenlebens. Die Partner müssen dann ihre Position und Rollen überarbeiten und neue Perspektiven schaffen. Der gemeinsame Entwicklungsprozess verläuft häufig allerdings problematisch und nicht zeitgleich, d.h. die Partner befinden sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen.

Ein stabiles gemeinsames Fundament, das nicht zuletzt auch durch paareigene Rituale gestützt wird, bildet die Voraussetzung für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Paarbeziehung und fördert diese. Im Austausch miteinander, der in Ritualen Raum und Zeit findet, können die Partner veränderte Gefühle einfließen lassen und so ihre mehr oder minder unterschiedlichen Ansichten von der Realität erkennen. Diese Erkenntnis bildet wiederum die Grundlage bei der Suche nach gemeinsamen Kompromissen in der Entwicklung, in der Übereinstimmung und Unterschiede akzeptiert werden können. Rituale stellen damit einen “Erwartungsrahmen” zur Verfügung, der es dem Paar bei Übergängen gewährt, starke Emotionen auszuleben und zugleich ihre Bindung zu festigen. Mit ihrer Durchführung können durch den Gebrauch von Wiederholung, Vertrautheit und der Umwandlung des schon Bekannten neue Handlungsmöglichkeiten und Bedeutungen entstehen und in den Alltag eingebunden werden. Das heißt Rituale verknüpfen die Zeit, können Widersprüchen zwischen Ideal und Wirklichkeit standhalten und den Wandel von Beziehungen überbrücken. Sie bilden ein “sicheres Gerüst” , das neue Bezugsmöglichkeiten schaffen kann – sowohl zu sich selbst als auch zum Partner und der gemeinsamen Beziehung.

Rituale lassen sich folglich auch als Ort der Selbstfindung bzw. -beantwortung verstehen. Denn der einzelne Partner kann sich im Vollzug gemeinsamer Rituale eigener Gefühle, Vorstellungen und Erwartungen bewusst werden. Anschließend können diese wieder zum Ausgangspunkt für einen gemeinsamen Austausch werden, der die Entfaltung der Beziehung wesentlich beeinflusst. In diesem Kreislauf wird es dem einzelnen Partner möglich, sich als Konstrukteur der eigenen Wirklichkeit und gleichzeitig als Teil der Gemeinschaft wahrzunehmen und dadurch die Verantwortung für den gemeinsamen Entwicklungsprozess zu erkennen.

Rituale als Stresspuffer

Die Ergebnisse verschiedener Stressstudien zeigen, dass Stress bei einer ungünstigen Entwicklung in Paarbeziehungen eine zentrale Rolle spielt. Negative Einflüsse liegen dahingehend vor, dass unter Stress die verfügbare Zeit für den Partner und damit die Zeit für einen gemeinsamen Austausch erheblich eingeschränkt ist. Gleichzeitig wird durch die fehlende raum-zeitliche Nähe die Möglichkeit der emotionalen Selbstöffnung eingeschränkt, was mit einer geringeren Zufriedenheit in der Partnerschaft einhergeht.

Der Freiraum für Zweisamkeit, den sich Paare mit und in Ritualen schaffen, schließt die Möglichkeit zur beständigen Auseinandersetzung wie auch das Verbringen gemeinsamer Zeit ein. Dieses wirkt sich förderlich auf die emotionale Offenheit der Partner aus und ermöglicht eine stressbedingte Verschlechterung der Kommunikation vorzeitig aufzufangen. Gleichzeitig können negative Einflüsse von Stress auf die Partnerschaft reduziert werden.

Paarbeziehungen, in denen im alltäglichen Kontakt positive Beziehungserfahrungen gemacht werden, weisen Untersuchungen zufolge ein erheblich reduziertes Maß an Konfliktsituationen auf. Positive Emotionen hängen stark mit der Abwehr von Stress zusammen und können als Stresspuffer wirken, indem sie die Menge erlebter Belastungen und deren Intensität verringern sowie die Betrachtung einer Belastung aus einem neuen Blickwinkel unterstützen (Kaiser, 2000a; Laux, 1996; Schneewind, 1999). Zudem lässt sich davon ausgehen, dass es insgesamt zu weniger Belastungen kommt oder sie als weniger schwerwiegend erlebt werden, wenn positive Emotionen vorherrschen. Häufig erzeugen diese positiven Emotionen auch eine veränderte innere Einstellung zu sich selbst. Ein stabiles Selbstwertgefühl kann wieder zu einer positiv-optimistischen Haltung gegenüber dem Partner und den vorhandenen Problemen führen. Eine zuversichtliche innere Grundhaltung beruht erneut auf genügend Zeit für Austausch und gemeinsame Aktivitäten. Rituale können diesbezüglich hilfreich sein, indem sie wie zuvor veranschaulicht einen abgegrenzten Raum für Paare schaffen, der die Möglichkeit für gemeinsame Entspannung bietet. Während Rituale das Stresserleben auf diese Weise unterbrechen, kann das Paar in der gemeinsamen Durchführung von Ritualen gleichzeitig Abstand gegenüber inneren Spannungen gewinnen.

Für die Bewältigung von Stress in Partnerschaften ist es auch grundlegend, in welcher Art und Weise das Paar mit den Belastungen umgeht. Hierin zeigt sich, wie wesentlich es z.B. ist, dass Partner sich einen Raum für Streit schaffen, in dem beide Gelegenheit haben, ihre Sichtweisen und Gefühle deutlich zu machen. Paare können mittels gemeinsam entwickelter Streitrituale Konfliktsituationen so ausgestalten, dass ihnen eine Begrenzung gegeben wird und sie gemäßigter verlaufen, was sich dann positiv auf die Emotionen wie auch den Bewältigungsprozess insgesamt auswirken kann.

Schließlich verfügen Rituale über eine heilende Wirkung. Indem Paare sich mit Ritualen einen Freiraum für Zweisamkeit schaffen, Austausch und gegenseitige Wertschätzung fördern und damit wieder positive Erfahrungen aufbauen, wird es ihnen möglich, sich von Krisen zu erholen. Durch den bewussten Abschluss von schweren Zeiten anhand von Ritualen können beide Partner wieder an Kraft und Zusammenhalt gewinnen wie auch ihr Wohlbefinden steigern. Es wird ihnen möglich die gemeinsame Beziehung neu zu gestalten bzw. umzuorganisieren.

Zusammenfassung

Nachdem deutlich wurde, dass Rituale Paare bei ihrer “Beziehungspflege” und -gestaltung unterstützen und damit einen Beitrag zu einer erfolgreichen gemeinsamen Entwicklung in Partnerschaften leisten können, bleibt hinzuzufügen, dass gemeinsame Rituale immer auch ihre begrenzte Zeit haben und veränderlich bleiben müssen. Zusammenleben bedeutet stets Veränderung und Dynamik. Mit neuen Umständen, Lebensbedingungen, Rollen und Beziehungen sowie Bedürfnissen der Partner, die sich im Zeitverlauf einer Partnerschaft fortdauernd ergeben, entsteht immer auch ein Bedarf an neuen Ritualen, die Nähe und Distanz, Ausgleich und den Umgang mit Konflikten regeln. Es ist schließlich eine Grundvoraussetzung, dass das Paar in einer wirklichen Beziehung mit ihnen steht.

Damit ein Ritual nicht bedeutungsleer wird oder seine positiv aufbauenden Botschaften verliert, muss trotz aller Gemeinsamkeit der einzelne Partner seine eigenen Vorstellungen einbringen und sich dadurch bestätigt fühlen können. Verliert ein Paar seine wesentlichen Rituale, werden diese nicht wieder belebt bzw. werden keine neuen für die jeweilige Lebenssituation geschaffen, verarmt die Beziehung nach und nach. Was ehemals Sinn machte, Verlässlichkeit und Stabilität hervorrief, wird dann zu zwanghaften Mustern, die vermeintlich gebraucht werden und eine wirkliche gemeinsame Entwicklung verhindern. Dazu kann z.B. gehören, wie die Partner Nähe ausdrücken oder miteinander streiten. Ein Beispiel für ein Zwangsritual kann auch der Hochzeits- bzw. Kennenlerntag des Paares sein. Leicht wird er zum “formalen Korsett” , das den Partnern keine Spontaneität mehr ermöglicht.

Es gibt unbegrenzte Möglichkeiten für Paare, ihr Zusammenleben mit Hilfe von Ritualen zu gestalten. Ebenso sind der Überarbeitung und Neugestaltung von Ritualen keine Grenzen gesetzt. Setzen doch Rituale ihre eigentliche Energie und ihre Kräfte nicht von sich aus frei, sondern erhalten ihre Bedeutung und Bestimmung erst durch das Paar selbst. Alle Paare haben etwas Gemeinsames, das sie durch eigens entwickelte Rituale fördern und stützen können! Mit Sicherheit ist hierbei auch die Willensanstrengung der Partner und ein wenig deren Kreativität gefragt.

Literatur

Bodenmann, G., Perrez, M., & Gottman, J. (1996). Die Bedeutung des intrapsychischen Copings für die dyadische Interaktion. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 25, 1-13.

Hahlweg, K. (1986). Partnerschaftliche Interaktion. Empirische Untersuchung zur Analyse und Modifikation von Beziehungsstörungen. München: Röttger.

Hahlweg, K., Thurmaier F., Engl, J., Eckert, V., & Markman, H. (1998). Prävention von Beziehungsstörungen in der Bundesrepublik Deutschland. In Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Prävention von Trennung und Scheidung – Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. (S. 191-217). Stuttgart: Kohlhammer.

Herriger, C. (1993). Die Kraft der Rituale. Macht und Magie unbewusster Botschaften im Alltag. (2.Aufl.). München: Wilhelm Heine Verlag.

Imber-Black, E., Roberts, J., & Whiting, R.A. (1998). Rituale. Rituale in Familien und Familientherapie. (3. Aufl.). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.

Kaiser, P. (2000a). Partnerschaft und Herkunftsfamilie. In Kaiser, P. (Hrsg.), Partnerschaft und Paartherapie. (S. 113-146). Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Kaiser, P. (2000b). Klärung von Ressourcen und Anfälligkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität von Paaren. In Kaiser, P. (Hrsg.), Partnerschaft und Paartherapie. (S. 383-405). Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Kraft-Alsop, Ch. (1996). Dinge, Orte, Paare. Zur Bedeutung von Objekten, Orten und Zeremonien im Leben von Paaren. Internationale Hochschulschriften, Bd. 211. Münster, New York u.a: Waxmann.

Laux, L. (1996). Stressbewältigung und Wohlbefinden in der Familie. Stuttgart: Kohlhammer.

Schneewind, K.A. (1999). Familienentwicklungspsychologie. (2. Auflage). Stuttgart: Kohlhammer.

Schneewind, K., Graf, A.J., & Gerhard, A.K. (2000). Entwicklung von Paarbeziehungen. In Kaiser, P. (Hrsg.), Partnerschaft und Paartherapie. (S. 97-112). Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Autorin

Dr. Anke Birnbaum ist Diplom-Pädagogin und promovierte in psychologischer Paarforschung.

Nach mehrjähriger Tätigkeit in der Familienhilfe und Erziehungsberatung sowie der Beteiligung an unterschiedlichen wissenschaftlichen Projekten zur Gesundheitsförderung am Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg, arbeitet sie als Paarberaterin und Stresstrainerin in eigener Praxis in Hamburg. Sie ist als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und Hochschulen Deutschlands tätig und bildet im Auftrag des Psychologischen Instituts der Universität Zürich paarlife-Kursleiter und -Trainer aus.

Kontakt

Dr. Anke Birnbaum
Leuphana Universität Lüneburg
Institut für Psychologie
Scharnhorststraße 1
21335 Lüneburg
Deutschland/Germany

Tel.: +49 40 64 88 56 62

E-Mail: Anke Birnbaum (birnbaum null@null leuphana NULL.de)