Eltern können Erziehungskompetenz lernen – mit Triple P
Erstellt am 13. Oktober 2005,
Nina Heinrichs

Was gehört zur Erziehungskompetenz?
Verändert sich die Erziehungskompetenz von Eltern nach einem Elternkurs?
Der Begriff der Erziehungskompetenz ist in aller Munde. Ob durch Medien, Beratungsstellen oder Volkshochschulkurse – Eltern sollen kompetent gemacht werden, ihre Kinder zu erziehen.
Aber was bedeutet dieses Zauberwort Erziehungskompetenz? Und – viel wichtiger – wie werden Eltern „erziehungskompetent“? Kann man Erziehungskompetenz lernen?
Was ist Kompetenz?
Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, bestimmte Aufgaben selbstständig durchzuführen. An dieser Definition springt insbesondere das Wort „selbstständig“ ins Auge. Jemand ist kompetent, wenn er Schwierigkeiten eigenständig bewältigen kann und nicht auf das Wissen anderer Personen angewiesen ist.
Diese allgemeine Definition kann noch um den für die Kindererziehung wichtigen Begriff der Handlungskompetenz ergänzt werden. Laut Kultusministerkonferenz (1999) ist Handlungskompetenz „die Fähigkeit des Einzelnen sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht, durchdacht, sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten“. An dieser Definition wird deutlich, dass man kompetent handelt, wenn man sowohl sich selbst als auch die anderen (die eigene Familie und auch die Gesellschaft) im Blick behält. Für die Erziehung hat ein solcher Kompetenzbegriff weitreichende Konsequenzen. Er beinhaltet, dass Eltern über ausreichend Know How verfügen und dieses verantwortungsvoll umsetzen können. Sie müssen sich immer wieder fragen: Was ist gut für mein Kind? Was soll es können und wissen, damit es selber zu einem kompetenten und verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft wird? Aber auch: Was ist gut für mich als Mutter oder Vater? Wie gehe ich mit Hindernissen in der Erziehung um, und wie kann ich mich vor übermäßigem Stress und Überforderung schützen?
Was gehört zur Erziehungskompetenz?
Nachdem nun der Begriff der Kompetenz mit seiner Bedeutung für die Kindererziehung vorgestellt wurde, bleibt die Frage, was Eltern denn nun können sollen, um ihre bereits bestehende Kompetenz zu prüfen und zu erweitern. Im Bericht des Wissenschaftlichen Beirates für Familienfragen werden hierzu drei wesentliche Bereiche beschrieben:
- elterliche Wertschätzung
- fordern und Grenzen setzen sowie
- Gewährung und Förderung von Eigenständigkeit.
In ähnlicher Weise formuliert das verbreitete, positive Erziehungsprogramm Triple P fünf Grundprinzipien, welche die wichtigsten Aspekte von Erziehungskompetenz beschreiben. Sie sind insofern kleine Kompetenzen, die zusammen genommen den Begriff der Erziehungskompetenz widerspiegeln:
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Für eine sichere und interessante Umgebung sorgen
Diese Forderung schafft die Basis für eine erfolgreiche Kindererziehung. Zum einen müssen Eltern gewährleisten, dass ihre Kinder bei ihnen sicher aufgehoben sind. Dazu gehört, zu wissen, wo sich die Kinder befinden aber auch, die Wohnung so zu gestalten, dass Kinder ungefährdet auf „Entdeckungsreise“ gehen können. Zum anderen sollten Eltern eine möglichst interessante Umgebung schaffen, die Kindern viele Anreize bietet und somit Neugier und Aktivitäten fördert.
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Eine positive und anregende Atmosphäre schaffen
Zur Erziehungskompetenz gehört, für das Kind da zu sein, wenn es Hilfe oder Zuwendung braucht. Auch Unterstützung und Ermutigung, Neues zu lernen, sind wichtige Bestandteile dieser Kompetenz. Dieser Aspekt spricht im Gegensatz zu der körperlichen Sicherheit im ersten Punkt oben die emotionale Sicherheit an, die Kinder für eine günstige Entwicklung benötigen.
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Konsequent sein
Diese Kompetenz beinhaltet, konstant und sofort auf Verhalten des Kindes zu reagieren, sowohl wenn das Kind etwas besonders gut gemacht hat als auch wenn es etwas tut, was die Eltern nicht gutheißen. Wenn das Kind sich problematisch verhält (z.B. weil es sich oder andere damit gefährdet), sollten Eltern ihm vermitteln, was es stattdessen tun soll. Schimpfwörter, Drohungen und Herumschreien sollten Eltern vermeiden, um das Selbstwertgefühl des Kindes nicht zu verletzen. Zum kompetenten Handeln gehört, wie oben in der Definition erkennbar, dass Eltern sich sachgerecht, durchdacht und verantwortlich verhalten.
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Nicht zu viel erwarten
Für diese Kompetenz ist es wesentlich, die individuellen Stärken und Schwächen des eigenen Kindes zu kennen. Nicht nur das Alter des Kindes ist ausschlaggebend, denn jedes Kind entwickelt sich etwas anders. Kompetente Eltern passen ihre Erwartungen dem Entwicklungsstand ihres Kindes an und handeln dementsprechend. Angelehnt an die Definition von Handlungskompetenz stehen hier die Begriffe durchdacht und individuell verantwortlich im Vordergrund. Eltern müssen bedenken, wie viel sie ihrem Kind zutrauen und zumuten können und ihre Handlungen individuell darauf abstimmen.
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Die eigenen Bedürfnisse beachten
Auch dieses Prinzip steckt bereits in der Definition von Handlungskompetenz. Es geht nicht nur um das Kind, sondern auch um die eigenen Bedürfnisse, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Wenn Eltern sich ausgeglichen fühlen, fällt es ihnen auch leichter, geduldig mit ihren Kindern umzugehen und für sie da zu sein. Wichtige Punkte der Handlungskompetenz sind hier das durchdachte und sozial verantwortliche Handeln. Denn wenn Eltern sich keine Pause gönnen, kann das zu langfristigen Problemen führen, die die ganze Familie betreffen. Also sollten sich Eltern im Interesse ihrer Kinder immer mal wieder eine Pause gönnen.
Triple P beschreibt demnach nicht eine große, sondern viele kleine Erziehungskompetenzen, die zusammen genommen die Bedeutung dieses Begriffes erklären. Das ist insofern wichtig, als dass es deshalb aus dieser Sicht auch nicht die „inkompetenten“ (oder eben „kompetenten“) Eltern gibt. Die meisten Eltern haben bereits bestimmte Kompetenzen, während sie bei der Entwicklung weiterer noch Unterstützung benötigen. Im positiven Erziehungsprogramm Triple P geht es deshalb auch darum, in Gesprächen mit Eltern herauszufinden, wo Kompetenzen bereits vorhanden sind und wo noch weitere aufgebaut werden können.
In den Elternkursen fällt immer wieder auf, dass viele Eltern sich nicht kompetent in ihrer Rolle fühlen und deshalb Hilfe aufsuchen. Oftmals mangelt es nicht an Wissen – die meisten Eltern wissen, dass Loben gut fürs Kind ist und dass sie konsequent auf problematisches Verhalten ihrer Kinder reagieren sollen. Doch dieses Wissen allein reicht eben nicht aus – es fehlt die konkrete Umsetzung in verschiedenen alltäglichen Situationen, die Eltern zu kompetenten Erziehern macht. Genau dies ist Gegenstand der Triple P Elternkurse. Dabei wird insbesondere darauf geachtet, Eltern ihre Selbstständigkeit zu erhalten und diese noch weiter zu fördern, denn schließlich ist Selbstständigkeit ein wesentlicher Bestandteil von Erziehungskompetenz. Dazu gehört auch konsequent auf die vorhandenen Stärken aufzubauen und Eltern als Experten für ihr Kind und ihre Familie zu betrachten. Die Eltern selbst entscheiden, welche der angebotenen Erziehungsmethoden sie anwenden möchten und welche Kompetenzen ihnen für ihre Kinder besonders wichtig sind.
Verändert sich die Erziehungskompetenz von Eltern nach einem Elternkurs?
Können Eltern Erziehungskompetenz lernen? Um diese Frage zu beantworten, wurde in verschiedenen Studien das Kompetenzgefühl der Eltern vor und nach einem Triple P Elternkurs erhoben. Ein Fragebogen zum Kompetenzgefühl von Eltern diente der Erfassung dieser Überzeugungen (die „Parenting Sense of Competence Scale“ von Johnston & Mash, 1989). Er beinhaltet Aussagen wie z.B. „Erziehung ist zu schaffen und auftretende Probleme sind leicht zu lösen.“ oder „Ich bin fest davon überzeugt, dass ich über alle notwendigen Fähigkeiten verfüge, um meinem Kind eine gute Mutter /ein guter Vater zu sein.“
In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass sich das Kompetenzgefühl der Eltern nach der Teilnahme am Triple P Programm signifikant erhöht (z.B. Bor, Sanders & Markie-Dadds, 2002; Cann, Rogers & Matthews, 2003; Cann, Rogers & Worley, 2003; Rogers et al., 2003). Signifikant heißt in diesem Zusammenhang, dass die beobachtbare Veränderung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr eine zufällige Schwankung sein kann, sondern dass sich tatsächlich etwas aufgrund des Trainings verändert hat. Darüber hinaus berichten Eltern sowohl über größere Zufriedenheit mit ihrer Erzieherrolle als auch über ein effektiveres Erziehungsverhalten.
Erste Ergebnisse einer Studie von Professor Hahlweg an der Universität Braunschweig legen nahe, dass 94% der Eltern nach einem Triple P Training meinen, besser mit dem Verhalten ihres Kindes umgehen zu können. 92% der Eltern sind mit dem Triple P Programm zufrieden bis sehr zufrieden. Interessanterweise unterscheiden sich Eltern nicht in dieser Zufriedenheit, Eltern aus sozial schwierigen Verhältnissen sind genauso zufrieden wie solche aus sozial begünstigten und Eltern, die selber aus einem anderen Land als Deutschland kommen, sind ebenfalls genauso zufrieden mit diesem Angebot wie deutsche Eltern (Heinrichs et al., im Druck). Auch eine weitere deutsche Studie zu der Wirkung von Triple P bei Familien, die in sozial benachteiligten Verhältnissen leben (Heinrichs, Guse & Krüger, 2005), zeigt ein ähnliches Bild. Zusammen mit zahlreichen Untersuchungen in Australien, den USA und anderen Ländern Europas kann man daher davon ausgehen, dass es sich bei Triple P um ein wirksames Programm zur Erweiterung von familialen Erziehungskompetenzen handelt.
Eltern können folglich lernen, kompetente Erzieher für ihre Kinder zu werden! Angebote wie ein Triple P Elternkurs können sie dabei unterstützen. Eltern sollten, wenn sie sich für ein Beratungs- oder Kursangebot entscheiden, immer bedenken, dass ihre Selbstständigkeit in der Erziehung ihrer Kinder erhalten bleibt. Denn selbstständiges, verantwortliches Handeln ist wesentlicher Bestandteil von Erziehungskompetenz. Und kompetente Eltern erziehen kompetente Kinder.
Literatur
Bor, W., Sanders, M.R. & Markie-Dadds, C. (2002). The effects of the Triple P – Positive Parenting Program on Preschool Children with co-occurring disruptive behavior and attentional/hyperactive difficulties. Journal of Abnormal Child Psychology, Vol. 30, Issue 6, pp. 571-587.
Cann, W., Rogers, H. & Matthews, J. (2003). Family Intervention Services program evaluation: A brief report on initial outcomes for families. Australian e-Journal for the Advancement of Mental Health (AeJAMH), Vol. 2, Issue 3.
Cann, W., Rogers, H. & Worley, G. (2003). Report on a program evaluation of a telephone assisted parenting support service for families living in isolated rural areas. Australian e-Journal for the Advancement of Mental Health (AeJAMH), Vol. 2, Issue 3.
Heinrichs, N., Hahlweg, K., Kuschel, A., Krüger, S., Bertram, H., Harstick, S., & Naumann, S. (in Druck). Triple P aus der Sicht der Eltern: Teilnahmeraten und Kurszufriedenheit in Abhängigkeit von soziodemographischen Charakteristika und Migration. Kindheit und Entwicklung.
Heinrichs, N., Krüger, S., & Guse, U. (2005). Eine experimentelle Studie zur Untersuchung des Einflusses von Anreizen auf Rekrutierung und Wirksamkeit eines präventiven Elterntrainings. Eingereicht zur Publikation.
Johnston, C., & Mash, E. J. (1989). A measure of parenting satisfaction and efficacy. Journal of Clinical Child Psychology, 18, 167-175.
Rogers, H., Cann, W., Cameron, D., Littlefield, L. & Lagioia, V. (2003). Evaluation of the Family Intervention Service for children presenting with characteristics associated with Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Australian e-Journal for the Advancement of Mental Health (AeJAMH), Vol. 2, Issue 3.
Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen (2005). Familiale Erziehungskompetenzen. Beziehungsklima und Erziehungsleistung in der Familie als Problem und Aufgabe. Juventa Verlag Weinheim und München.
Autorin
Prof. Dr. Nina Heinrichs, geb. 1973
1992-1998 Studium der Psychologie
in Marburg, 2001 Promotion in Braunschweig, 2003 Berufung auf eine
Juniorprofessur für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Diagnostik
an der Universität Braunschweig.
Psychologische Psychotherapeutin
(Verhaltenstherapie)
Forschungsschwerpunkte: Angststörungen (Soziale
Phobie, Agoraphobie und Panikstörung), familien- und partnerschaftliche
Interventionen (Schwerpunkt: kindliche emotionale und
Verhaltensstörungen, Krebserkrankungen der Frau und ihr Einfluss auf
Partnerschaft)
Adresse
Prof. Dr. Nina Heinrichs
Technische Universtät Carolina-Wilhelmina zu Braunschweig
Inst. f. Psychologie
Spielmannstr. 12a
38106 Braunschweig
Telefon: +49 531 391 2808
E-Mail: Prof. Dr. Nina Heinrichs (n NULL.heinrichs null@null tu-bs NULL.de)



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