Wenn ein Suizid in der Familie geschieht

Gertrud Ennulat
Gertrud Ennulat

Es geschieht häufiger als gedacht. Wer damit konfrontiert ist, kommt um die schmerzhafte Erfahrung nicht herum, dass im Umgang mit dieser Todesart so vieles anders ist. Eine Frau, die ihren Mann durch Suizid verloren hat, sagt: „Es ist schlimm, was geschehen ist, aber dass mein Mann durch seinen Tod aus dem Rahmen des üblichen Sterbens fällt und abgewertet wird, dagegen wehre ich mich.“ Sie hat den Eindruck, wer an Suizid gestorben ist, werde aus der großen Schar der Toten ausgeschlossen und stigmatisiert. Damit geraten die Hinterbliebenen ebenso ins Abseits und tragen schwer an der Verarbeitung ihres Verlustes.

Inhalt

Sprachschwierigkeiten

Das Thema führt in einen Bereich des Lebens und Sterbens, der voller Vorurteile, Ängste, Scham und Aggression steckt, die sich in entsprechenden sprachlichen Formulierungen ausdrücken. Immer wieder stößt man auf Worte, welche den Suizid aus dem Bereich des üblichen Todes ausgrenzen, denn diese Todesart wird nicht zu den natürlichen gezählt. Wer an Krebs stirbt, der stirbt eines natürlichen Todes; wer an Suizid stirbt, eines unnatürlichen Todes. Dieser Tote wird ausgegrenzt, weil sein Leben nicht „natürlich“ hat enden dürfen.

Für die Gemeinschaft ist jeder, der sein Leben vorzeitig beendet, ein Spielverderber, denn er bringt das soziale Gleichgewicht durcheinander und rüttelt am Selbstvertrauen jedes Einzelnen. Die Gesellschaft fühlt sich provoziert, schuldig, angeklagt und sieht sich mit dem eigenen Todestrieb konfrontiert. Steckt nicht in jedem Suizid auch ein trotziges Moment? Da trotzt einer den Lebenden und wirft sein Leben weg, weil es unerträglich geworden ist. Er setzt das Gesetz des natürlichen Todes außer Kraft und wirft eine natürliche Ordnung über den Haufen. Am Ende trotzt er noch den Toten, indem er sich voreilig zu ihnen begibt.

Die deutsche Sprache macht es schwer, Suizid als eine von vielen Todesarten zu akzeptieren. Im angelsächsischen Sprachraum ist das anders, dort heißt es she died by suicide. Dieselbe Formulierung wird auch bei allen anderen Todesarten benutzt, he died by cancer oder he died by an accident. Damit bin ich mittendrin in den Schwierigkeiten. Ein Mitglied der Familie ist an Suizid gestorben und es fällt schwer, die zur Verfügung stehenden Worte zu benutzen. Wer spricht schon gern von seinem Sohn als einem Selbstmörder? Wer möchte schon, dass seine Mutter als Selbstmörderin bezeichnet wird? Wer benutzt schon gerne das Wort Selbsttötung oder Freitod, wenn es um den Tod eines Angehörigen geht?

Keiner möchte es und kommt doch nicht darum herum, sich mit den traditionellen verurteilenden Denkweisen auseinander zu setzen. Nach altem kirchlichem Glauben kam Suizid einer Todsünde gleich, die mit ewiger Verdammnis bestraft wurde, weil sich der Mensch zum Herrn über Leben und Tod machte, wenn er selbst Hand an sich legte. In früheren Jahrhunderten durfte sein Leichnam nicht in geweihter Erde die letzte Ruhe finden. Deshalb gab es auf den Friedhöfen einen separaten Platz für diese aus der Gemeinschaft heraus gefallenen Menschen, die durch die Art ihres Todes als Bedrohung empfunden wurden: Sie hatten sich das Recht über ihr Leben angemaßt, das nur Gott zusteht. Die Kirche ächtete den Selbstmörder und verweigerte ihm das kirchliche Begräbnis. Die Glocken wurden nicht geläutet, es wurde nicht gesungen.

Auch wenn diese Form des Umgang mit Suizid einer vergangenen Zeit angehört, kommt jeder, der mit dieser Todesart konfrontiert ist, um die erschreckende Erfahrung nicht herum, dass unser Denken und unsre Gefühle nach wie vor von solchen Einstellungen beeinflusst werden.

Alles ist anders

„Alles ist anders bei dieser Todesart,“ sagt ein Mann, dessen Frau sich erhängt hatte. Mit seinen Kindern hatte er sich bemüht, eine passende Formulierung für die Todesanzeige zu finden, denn sie drängten ihn zur Offenheit, wollten auf keinen Fall, dass über ihre Mutter gelogen wird. Am Ende einigten sie sich auf den folgenden Text: Unsre liebevolle Mama, meine Frau, hatte keine Kraft mehr zum Leben und wusste keinen anderen Ausweg als zu sterben. Wir sind unendlich traurig und bestürzt. Bei vielen Verwandten stieß dieser Text auf heftigsten Widerspruch. „Das darf man doch nicht schreiben!“ Doch es gab auch Zustimmung, Lob und Erleichterung für die mutigen Worte.

Wer den Suizid eines Familiengliedes nicht beschönigen oder leugnen will, spürt schnell, wie schwer es anderen fällt, dieser Nachricht standzuhalten. Eine junge Frau, die den Tod ihres Bruders mit anderen teilen möchte, sagt: „Da ist so ein peinliches Gefühl, so, als ob ich den anderen zu viel zumute. Manche verstummen, weichen innerlich und äußerlich zurück. Dann fühle ich mich schuldig und halte doch lieber den Mund.“ Was macht es so schwer, mitfühlende Worte wie bei anderen Todesarten zu äußern?

„Das hängt mit dem ganzen Drumherum zusammen“, meint ein Junge, dessen Vater sich erschossen hatte. „Plötzlich steht die Kripo vor der Tür. Wir hatten doch noch nie etwas mit der Kriminalpolizei zu tun. Sofort weiß es die ganze Straße, dass mein Vater ein Selbstmörder ist, und am nächsten Tag hab ich mich kaum ins Freie gewagt. Ich hab mich geschämt, und ich tu es heute noch. Manchmal habe ich auch eine Riesenwut, weil mein Papa einfach so von uns weg ist, dass er mir das angetan hat, wo ich ihn doch so gerne hatte.“

Außerhalb der üblichen Rituale des Todes stehen zu müssen, gehört zu den äußerst schmerzhaften Erfahrungen dieser besonderen Trauer. Da hat sich einer in der Familie gegen die Unerträglichkeit des Lebens aufgebäumt und reißt die Angehörigen aus dem Alltag. Da bei allen Fällen von Suizid die Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden müssen, kommen die Angehörigen in Kontakt mit den Ordnungskräften des Staates. Erst wenn nachgewiesen ist, dass kein Fremdverschulden vorliegt, wird die Leiche zur Bestattung freigegeben. Doch zuvor muss die Identität des Toten von einem Angehörigen eindeutig festgestellt und bezeugt werden. Für die Betroffenen ist das ein sehr schmerzhafter Dienst.

Ist es für den Trauerprozess eine Hilfe, den Toten gesehen zu haben? Was mache ich, wenn ich mir seinen Anblick nicht zumuten will? Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten, denn was zur Zeit des Geschehens angemessen war, kann einige Jahre später als Mangel erlebt werden. Dann melden sich Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, und die Angehörigen drehen sich im Kreis mit quälenden Gedanken.

Suizid ist keine Familienschande

Früher war das anders. Da wurde der Tote zum Schwarzen Schaf, zur unerwünschten Person, deren verwerfliche Tat auf die ganze Familie einen Makel wirft, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit herabsetzt und damit die Familienehre besudelt. Deshalb wurde der Suizid eines Angehörigen häufig verschwiegen, sozusagen tot geschwiegen. Die Ursache dieser Verdrängung und Verleugnung hängt mit der gefürchteten Scham zusammen.

Aber wieso wird gerade die Scham so virulent? Dieses peinliche Gefühl, das so unangenehm ist, dass es jeder am liebsten vermeiden möchte. Manche ziehen aus wiederholt erlebten Scham-Erfahrungen die Konsequenz und schweigen. „Dann halt ich doch lieber den Mund, als immer wieder zu erleben, wie mich die Scham überfällt.“ Das sind die trotzigen Worte einer alten Frau, deren Mann an seinem Leben verzweifelt war. „Eigentlich ist doch mein Mann derjenige, der sich schuldig gemacht hat, weil er durch Suizid aus dem Leben geschieden ist, ohne Abschiedsbrief, ganz plötzlich. Für die Folgen seines Todes muss ich gerade stehen.“ In den Worten dieser alten Frau steckt Wut; sie gehört zur gesunden Trauer. Es ist wichtig, die Wut nicht zu unterdrücken. Gerade die Angehörigen, die an Suizid gestorben sind, hinterlassen ein Durcheinander von Gefühlen: Schock, Aggression, Schmerz, Ohnmacht, Schuld und Scham; in manchen Fällen freilich auch Erleichterung.

Wer sich schämt, hat den Wunsch, sich zu bedecken, weil er sich bloßgestellt fühlt. Was löst die Scham aus? Eine junge Frau, deren Bruder an einer Überdosis Schlaftabletten starb, sagt: „Wenn ich offen sage, was war, dann meine ich auf einmal, mein Gegenüber würde mich plötzlich anders ansehen als zuvor. Sein Blick hat sich verändert.“ Wenn der Blick nicht wie erwartet ist, dann bereitet sich Scham aus. Ihr körperlicher Niederschlag zeigt sich in einem erhöhten Puls, im Hals steckt ein Kloß, die Sprache wird leiser, Blickkontakt wird vermieden, das Gesicht abgewendet. Wer sich schämt, möchte eigentlich nicht gesehen werden, möchte im Erdboden versinken, denn Scham rötet das Gesicht, was alle sehen könnten.

Dieses natürlich ablaufende „Schamprogramm“ hat eine schützende Funktion und bewirkt den Rückzug auf sich selbst. Deshalb wird Scham auch Hüterin an der Grenze zwischen innen und außen genannt. Ein wichtiger Schritt ist getan, wenn Scham als eine natürliche Emotion angesehen wird, die dafür sorgt, dass ich wieder zu mir komme, um danach wieder mit anderen kommunizieren zu können.

Beim Suizid eines Angehörigen kommt niemand um die Begegnung mit Scham herum. Ein junges Mädchen sagt: „Ich kenne das, ich habe regelrecht Angst vor diesem Gefühl. Nach dem Tod meiner großen Schwester habe ich mich ganz zurückgezogen, niemanden mehr nach Hause eingeladen. Ich bin auf keine Party mehr gegangen, habe mich eingebunkert, und in der Schule habe ich nur das Nötigste gesprochen. Bevor meine Schwester sich vergiftet hat, war ich immer gut drauf. Aber jetzt denke ich oft, ich hätte es doch verhindern müssen, und dann geht es mir ganz schlecht. Schlimm war es auch, als Jugendliche auf der Strasse zu mir sagten: voll cool, dass sich deine Schwester umgebracht hat. Eine Zeit lang bin ich nur noch mit meiner Freundin aus der Wohnung. Mit der kann ich wenigstens reden, aber bei uns daheim geht das nicht. Ich merke nur, dass meine Mutter immer rote Augen hat vom Weinen. Ob ich auch mal wieder so richtig lachen kann?“

Immer wieder ist es diese diffuse Atmosphäre der Peinlichkeit, welche offene Kommunikation verhindert. Das zeigt auch das folgende Beispiel. Eine Frau, deren Mann vor einem Jahr an Suizid gestorben war, geht mit ihrer Tochter zur Anmeldung in die Schule. Der Tod ihres Mannes war in dem kleinen Ort Anlass für viel Gerede und Gemunkel. Im Sekretariat füllt der Rektor die Karteikarte aus und schreibt die Personalien auf. Als er zum Namen des Vaters kommt, zögert er, macht mit der Hand eine Geste der Verlegenheit und meint: „Ach so, der hat ja …“ Mehr wurde nicht gesprochen. Damit war die Anmeldung schon abgeschlossen. Als die Frau mit ihrer Tochter auf dem Gang stand, meinte das Mädchen vorwurfsvoll: „Aber Mama, mein Papa hat doch einen Namen, der heißt Paulo!“ Die Mutter wachte aus ihrer Erstarrung auf, ging mit dem Kind zurück ins Sekretariat und verlangte, dass der Name des toten Vaters in die Karteikarte geschrieben wird und dahinter das Zeichen des Kreuzes. Alle atmeten auf und waren froh, dass die natürliche Offenheit des Kindes, das seinen Vater nicht verleugnen will, gesiegt hat.

Kinder und Suizid

Erwachsene reden mit Kindern meist nicht gerne über das Sterben und den Tod. Viele meinen, das Verschweigen eines Suizids diene dem Schutz der Kinder. Doch dies ist nicht so, denn Kinder spüren sehr sensibel, wenn etwas Schlimmes geschehen ist und sind darauf angewiesen, dass der Erwachsene sie in kindgemäßer Weise informiert. Falls das nicht geschieht, werden sie unweigerlich ein Opfer ihrer Angstfantasien. Diese beruhigen sich, sobald das Kind die Fakten weiß, die es dann in sein Selbst- und Weltbild einbaut. Jetzt weiß es Bescheid, fühlt sich vom Erwachsenen ernst genommen und wertgeschätzt, weil dieser auch ernste Dinge mit ihm teilt. Ein Dreijähriger steht mit seiner Mutter an der Tür, als die Polizei die Nachricht vom Suizid seines Vaters überbrachte, der von einer hohen Brücke in den Tod gesprungen war. Seine Mutter ließ ihn mithören und hatte danach nichts verschwiegen oder beschönigt. Der tote Vater hatte nicht nur viel Raum in ihren Gesprächen, sondern wurde mit der Zeit zum inneren Begleiter des Jungen.

Wenn Kinder den Suizid eines Angehörigen erleben, tauchen auf jeder Entwicklungsstufe neue Fragen nach dem Verstorbenen auf, die bei größer werdenden Kindern mit heftigen Anklagen, Empörung und dem Vorwurf, versagt zu haben, verbunden sein können. Ihr Bemühen, die Tatsachen dieser Todesart auf die Reihe zu bekommen, verlangt vom Erwachsenen viel Standfestigkeit. Das Ereignis gehört einfach zur Geschichte der Familie. Wer auf diese Weise handelt, schafft gute Voraussetzungen dafür, dass der Suizid in der Familie nicht zu einem Schatten werden muss, der alle belastet.

Da Kinder in ihrem Denken konkret sind, wollen sie vor allem wissen, warum und wie sich jemand das Leben genommen hat. Die folgenden Beispiele sind eine Anregung für Antworten:

  • Vielleicht hatte er einfach zu viele Probleme, hat nur noch schwarz gesehen, alles um ihn war dunkel, er hat keinen Ausweg mehr gesehen und hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen.
  • Sie war so verzweifelt, denn ihr Leben war mit furchtbaren Schmerzen verbunden. Sie hatte nur noch den Wunsch, dass der Schmerz aufhört. Deshalb hat sie so viele Schlaftabletten genommen, dass sie nicht mehr aufgewacht ist.
  • Er wusste, dass er unheilbar krank war und wollte einfach nicht mehr leben. Da hat er sich im Schuppen erhängt.
  • In der Firma hatte er Geld genommen, das ihm nicht gehört. Als bekannt wurde, dass er ein Betrüger ist, brach er unter seiner Schuld zusammen und hat sich vor einen Zug geworfen.
  • Sie hatte einfach nicht mehr genug Kraft zum Leben. In ihr war alles dunkel. Da ging sie in den Tunnel und wurde dort vom Zug überfahren (Diese Antwort gab ich einem Enkelkind, als es wissen wollte, wieso meine Mutter an Suizid gestorben war).

Kinder denken mehr über den Tod nach als die Erwachsenen denken. Wenn sie von einem Suizid hören, fürchten sie, das könne auch in ihrer Familie geschehen. Ein Grundschüler hatte im Bus mitbekommen, dass eine Frau vom Hochhaus in den Tod gesprungen war. Zuhause sagte er zu seiner Mutter: „Mama, das tust du mir aber nie an!“ Die Mutter musste dem Jungen versprechen, dass sie ihn nie verlassen wird. Ihr wurde in dem Gespräch auch deutlich, wie wichtig es ist, dass der Tod nicht als Lösung für unlösbare Probleme oder Unglücklichsein dargestellt wird.

Wenn ein Elternteil durch Suizid starb, haben Kinder oft Angst um das Leben des verwitweten Vaters oder verwitweten Mutter. Es ist gut für die Kinder, wenn sie häufig gesagt bekommen, dass die Trauer der Mutter um den Vater(oder umgekehrt) kein Grund ist, sich das Leben zu nehmen. Das Vertrauen ins Leben muss sich immer wieder neu ausdrücken, denn dies stärkt die Kinder und die Erwachsenen.

Die Androhung des Suizid

Mit der Androhung, sich umzubringen, wird viel Schaden angerichtet, denn die Hörer können nicht einschätzen, wie ernst die Worte gemeint sind. Vielleicht gibt da einer nur an, um den anderen Angst einzujagen oder auf sich aufmerksam zu machen. Da Kinder am Leben lernen, bleibt es nicht aus, dass auch sie mit solchen Drohungen Erfahrungen machen und eventuell ausprobieren, was sich damit alles anrichten lässt, es genießen, wenn andere in der Familie, in der Gruppe oder Klasse erschreckt werden. In solchen Situationen sind Kinder auf die verantwortungsvolle Hilfe der Erwachsenen angewiesen, die sich mit großer Entschiedenheit dagegen zur Wehr setzen müssen, dass ein Kind oder ein Jugendlicher in den Sog des Suizids gerät und andere damit tyrannisiert.

Trauer nach Suizid braucht Zeit und Kraft

Wer trauert, erlebt sich als kraftlos, vermisst die gewohnte Vitalität. Das Essen schmeckt nicht mehr, die Arbeit fällt schwer, der erholsame Schlaf in der Nacht fehlt. Trauer drückt die Stimmung nach unten, und der gewohnte Kontakt mit anderen Menschen verändert sich. „Bei der Beerdigung waren zwar viele da, aber jetzt, wo der Alltag beginnt, will keiner mehr etwas mit mir zu tun haben“, meint eine Frau, die unter der zunehmenden Isolierung nach dem Suizid ihres Mannes leidet. „Da wird zwar immer davon gesprochen, dass geteiltes Leid halbes Leid sei, doch bei Suizid trifft das nicht zu. Im Gegenteil, ich werde gemieden, und das tut weh.“ Suizid macht Angst und lässt eine Mauer des Schweigens wachsen, hinter der sich der Trauernde einsam und verlassen fühlt.

Schuldgefühle

Unweigerlich gehen die Gedanken zurück. Die Erinnerung ruft die letzten Tage des Toten in allen Details immer wieder ins Gedächtnis zurück. Vom Wunsch geleitet zu verstehen, suchen Trauernde nach dem Moment, in dem die Weiche gestellt wurde, wo deutlich wurde, was sich ereignet hat. Schuldgefühle belasten und drücken sich in quälenden Worten aus: „Hätte ich denn nicht sehen müssen, in welch desolater Verfassung mein Vater war, als er in die Scheune ging, um sich zu erhängen?“ Oder: „Hätte ich nicht am Gesichtsausdruck meiner Tochter sehen müssen, dass sie so verzweifelt ist und sich die Pulsadern öffnet?“

„Ich hab doch noch mit ihr vorher gesprochen! Nichts deutete darauf hin, dass sie in den Tod gehen würde, aber jetzt weiß ich mehr, sehe auch mehr und quäle mich mit dem Vorwurf, ich hätte das schon vor dem Suizid sehen müssen.“ Wer kennt sie nicht, diese verurteilenden inneren Richterstimmen?

Vorwürfe machen sich auch die Menschen, die sich der Lebensprobleme der Verstorbenen angenommen hatten, mit ihnen im Gespräch waren. „Ich hatte den Eindruck, meinem Sohn gehe es besser, er kriegt sein Leben allmählich doch in den Griff, er wirkte so ausgeglichen. Heute weiß ich, da war die innere Entscheidung für den Ausweg in den Tod schon gefallen.“

Ein junger Mann, dessen Freundin schon einmal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, sagt nüchtern: „Auch wenn ich es dieses Mal wieder verhindert hätte, ein nächstes Mal hätte es doch gegeben. Menschen, die vom Drang zu sterben getrieben werden, gehen ihren Weg weiter bis zum Ende.“

Wut

Sie kann sich gegen den Verstorbenen richten, aber auch gegen Ärzte, die nicht verhindern konnten, was geschah. Oft ist es eine ohnmächtige Wut, die ihr Objekt sucht und sich dann gegen einen Gott richtet, der das Geschehene zugelassen hat. Letztendlich macht die Wut vor der eigenen Person nicht halt und konfrontiert mit aggressiven Kräften, die sich gegen sich selbst richten. Diese Seite der Trauer durchzuleben ist nicht leicht. Niemand sollte sich scheuen, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen oder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der gesunden Wut steckt jedoch auch eine Kraft, die den Trauerprozess vorantreibt.

Erleichterung

„Gott sei Dank, dass meine Mutter diesen Schritt gewählt hat, denn das Leben in unserer Familie war in den letzten Jahren nur eine Qual. Kaum war sie aus der Psychiatrie entlassen, war sie auch schon wieder drin und drehte sich im Teufelskreis ihrer Krankheit. Das zerstörte auch mein Lebensgefühl und das meiner jüngeren Geschwister. Ich weiß, es klingt schockierend, aber es war eine große Befreiung.“ ,sagt ein junger Mann. Depressionen hatten das Leben seiner Mutter so verengt, dass es nur noch ein qualvolles Leiden war. Wenn das Leben sich nicht mehr von seiner guten Seite zeigt, das Dunkel überhand nimmt, kann das Verlangen übermächtig werden, es zu beenden, um die Grenze zum Tod zu überschreiten. Diesem Leben ein Ende setzen, endlich von den zerstörerischen dunklen Kräften erlöst sein. Im realen Leben hatte es keine Aussicht auf Heilung mehr gegeben, und damit hatte der Weg in die andere Welt eigentlich schon begonnen.

Suizid ist nicht erblich

Die Frage, ob die Anlage zum Suizid vererbt wird, stellen bereits Kinder, wenn sie in ihrem Umfeld auf Gerede der Leute stoßen. Noch ein Vorurteil, mit dem sich die Angehörigen nach einem Suizid auseinander setzen müssen. „Schon wieder ist ein Suizid in der Verwandtschaft geschehen, da muss doch in der Familie etwas nicht in Ordnung sein!“ Solche Überlegungen machen einfach Angst. Solange in der Fachwelt die Frage kontrovers diskutiert wird, sollte niemand meinen, er sei suizidgefährdeter als andere Menschen. Wenn Kinder und Jugendliche diese Frage stellen, sind sie verunsichert und brauchen den Erwachsenen, der ihnen mit seiner Antwort Sicherheit geben kann. Sie brauchen Perspektiven für ihre Zukunft. Deshalb kann die Antwort nur lauten: „Nein, Suizid ist nicht erblich, darauf darfst du vertrauen! Du darfst dich auf das Leben einlassen, das Leben meint es gut mit dir!“

Was tröstet mich?

Der Suizid eines Angehörigen zwingt jeden Menschen in die Knie. Doch er darf darauf vertrauen, dass durch die Trauer ein innerer Raum sich bildet für Gefühle, Gedanken und Regungen, die mit dem Verstorbenen zu tun haben. Auf diese Weise kann der Verlust transformiert werden. Wer einen Zugang zur Musik hat, kennt ihre tröstende Kraft und findet sich mit seinem Schmerz in einem Lied, in einer Melodie wieder. Ein solcher Kontakt mit dem Leid schützt davor, in der

Trauer zu erstarren.

Mir hat in der Auseinandersetzung mit dem Suizid meiner Mutter das Märchen "Der Reisekamerad von Andersen geholfen". Dort trifft der Märchenheld auf seinem Weg in die Welt auf einen Toten, der unbestattet auf der Erde liegt. Der Verstorbene hatte Schulden hinterlassen, offene Rechnungen, die nicht bezahlt waren. Wer im Mittelalter seine Schulden nicht zu Lebzeiten bezahlt hatte, durfte öffentlich misshandelt werden. Der Leichnam wurde zum Gespött, durfte gequält, geschlagen, getreten oder bespuckt werden. Im Märchen hat der junge Mann ein mitleidiges Herz und das nötige Geld, um den Toten freizukaufen. Diese Loslösung kostet ihn sein ganzes Erbe. Die Reisekasse ist leer. Was auf den ersten Blick unüberlegt und naiv anmutet, entspricht der Sorge für die Toten. Als der junge Mann seinen Weg fortsetzt, stellt er fest, dass er nicht mehr allein ist. Eine geheimnisvolle Gestalt geht neben ihm. Es ist niemand anderes als der Geist des Toten, der sich im weiteren Verlauf als hilfreicher Begleiter erweist. Da löst ein Toter seine Schuld ein! Anfangs war er ein Verachteter, und nun ist er ein Helfer geworden.

Literatur

Ennulat, Gertrud: Kinder trauern anders, Kapitel 8, Herder Verlag 2003, 3. Auflage

Hillman, James: Selbstmord und seelische Wandlung, Zürich 1984

Beratung/Selbsthilfegruppen

Autorin

Gertrud Ennulat, Pädagogin, freie Autorin (verstorben 2008)

Website

Erstellt am 19. Februar 2007, zuletzt geändert am 5. August 2010