Trauerkultur in der Familie

Gertrud Ennulat
Gertrud Ennulat

Es ist ja nicht selbstverständlich, sich mit den als dunkel bezeichneten Aspekten unseres Lebens, dem Tod und der Trauer, zu beschäftigen. Wer es dennoch tut, der wurde meist durch schicksalhafte Vorkommnisse dazu gezwungen. Plötzlich und unerwartet hat der Tod ins Leben einer Familie eingegriffen, die mit einer schmerzhaften Verlusterfahrung konfrontiert wird. Auf einmal führt dann am Tod kein Weg mehr vorbei, stehen wir mitten im Leben und erfahren uns als vom Tod umfangen.

Ich möchte der Frage nachgehen: Was macht diese große Verlusterfahrung mit Menschen, die in einer Familie zusammenleben? Welche Kräfte werden in ihnen freigesetzt, um solche schmerzlichen Ereignisse überstehen zu können? Es geht also um die Gestaltung der Trauer, um Trauerkultur und um den Sinn von Brauchtum im Umfeld des Todes hat. Dabei habe ich das Leben in Familien im Blick. Auf der einen Seite ist Trauer ja etwas sehr Intimes und Privates. Auf der anderen Seite strahlt sie auf das soziale Umfeld aus, und die Gemeinschaft hat ein Interesse, daran teilzunehmen.

Dabei liegen mir die Eigenheiten kindlicher Trauer besonders am Herzen. Da ich als Kind nach dem Krieg beim Tod meines jüngeren Bruders – wie so viele Kinder damals – einfach übersehen wurde, denn es war eine Zeit, in der man Kinder in alle Särge blicken ließ, aber vergaß, ihnen zu sagen, was geschieht, bedeutete diese übersehene Todeserfahrung für mich eine Traumatisierung. Erst im Erwachsenenalter bin ich auf die nicht ausgedrückte Trauer des Kindes in mir gestoßen. Dadurch bin ich wach geworden für die Art und Weise wie Kinder trauern.

1. Trauer ist eine Emotion

In der Welt unserer Gefühle nimmt die Trauer einen bedeutenden Platz ein. Sie gehört zu unseren Emotionen wie Freude, Scham, Schuld, Wut, Ärger, Lust und Liebe. Mit Hilfe der Emotionen nehmen wir ein äußeres Ereignis auf, verarbeiten es, ordnen es ein und bewerten es. Nicht von ungefähr wollen wir manchmal erst herausfinden, wie sich etwas anfühlt, bevor wir uns entscheiden. Alle Emotionen beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln, und die gehobenen Emotionen der Freude, der Lust und der Liebe sind uns lieber als die Trauer. Schnell vergessen wir, dass unser Leben von Gegensätzen bestimmt wird.

2. Trauer verändert

Trauer ist eine Antwort auf Verlust. Sie äußert sich in allen Bereichen des menschlichen Erlebens, verändert also nicht nur das Gefühl, sondern schlägt sich auch im Körper nieder durch einen Verlust an Lebenskraft. Die gewohnte Vitalität stellt sich nicht mehr ein. Ich bin dann nicht nur schlecht drauf, nein, mit mir ist dann gar nichts mehr los. Ich kenne mich nicht wieder. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich meine etwas nach vorne geneigte Haltung, das starre Gesicht. Zu einem Lächeln muss ich mich zwingen. Mir ist viel eher nach Weinen zumute. Darüber hinaus verändern sich durch die Trauer liebgewordene Gewohnheiten: Was mir bisher Spaß gemacht hat, wichtig war, das ist vorbei. Ich fühle mich erschöpft. Es ist als ob sich ein dichter dunkler Schleier über das Leben legt, und eine resignierte Stimme sagt: Was hat das für einen Sinn? Wozu soll ich das aushalten?

Jetzt wird verständlich, wieso Menschen um solche Erfahrungen einen Bogen machen wollen. Sie haben Angst vor diesen gedrückten Emotionen, die nach unten ziehen. Sie wollen nicht ins finstere Tal abrutschen. Und manchen gelingt es ja, sich die Trauer vom Leib zu halten. Sie stürzen sich ins Getümmel des Alltags, um den Verlust zu vergessen. Solche Verhaltensweisen sind eine natürliche Schutzreaktion. Niemand sollte anderen deshalb einen Vorwurf machen.

3. Trauer hat ihre Zeit

Trauer hat ihre Zeit, und die muss nicht immer identisch sein mit den Wochen unmittelbar nach einem Verlusterlebnis. Wenn in einer Familie jemand stirbt, dann denken wir oft zwangsläufig, jedes Familienglied müsse Zeichen der Trauer ausdrücken und wundern uns, wenn dies nicht bei allen der Fall ist. Dann heißt es schnell: “Ha, der trauert aber nicht richtig!” Oder: “Ha, die macht es sich aber leicht mit dem Trauern.” Dieses Beispiel macht gleichzeitig deutlich, dass das soziale Umfeld sehr genau kontrolliert, ob sich Trauer ausdrückt.

Innerhalb einer Familie kann die Ungleichzeitigkeit der Trauer bei den einzelnen Familienmitgliedern zu Konflikten führen. Bei Gesprächen mit Hinterbliebenen klagen oft die Mütter darüber, dass z.B. der pubertierende Sohn jegliche Traueräußerung vermeidet, nicht mit auf den Friedhof geht, den Mittagstisch verlässt, sobald über den Verstorbenen gesprochen wird. Den Müttern ist dieses Verhalten nicht geheuer. Es macht ihnen Angst, weil sie meinen, der Junge würde unweigerlich in eine Depression geraten, krank werden, weil sich seine Trauer nicht ausdrückt.

Es gibt keinen Knopf für das richtige timing der Trauer. Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Trauerprozesse nicht so kontinuierlich wie bei Erwachsenen. Sie trauern gleichsam auf Raten. Ganz plötzlich bricht die Trauer aus ihnen heraus, wirft sie weinend zu Boden, und genauso plötzlich können sie wieder aufspringen und sich lachend entfernen. Dann hat es den Anschein, als ob nichts gewesen wäre. Dieses Verhalten schützt Kinder und Jugendliche vor Überbeanspruchung. Da ihre Persönlichkeit noch im Aufbau ist, wären längere Trauerphasen lebensbedrohlich. Es scheint in ihnen ein natürlicher Schutzmechanismus zu wirken, der es ihnen nur von Zeit zu Zeit gestattet, Trauer auszudrücken. Aber mit dieser Sprunghaftigkeit kindlicher Trauer haben wir Erwachsenen große Mühe. Sie verleitet uns dazu, zu meinen, das Kind habe den Tod weggesteckt, es mache ihm eigentlich nichts mehr aus.

4. Trauer hat einen Sinn

Die Trauer hat es in unserer hochzivilisierten Gesellschaft nicht leicht. Sie passt einfach nicht in unsere durchorganisierten Tage. Trauern gehört nun mal nicht zu den wertgeschätzten Tugenden, denn sie vermindert nicht nur die Arbeitskraft, sondern erhöht auch die Anfälligkeit für Krankheiten. Und doch hat sie einen Sinn!

Von der Natur sind wir Menschen so ausgestattet worden, dass wir einschneidende Verlusterlebnisse überleben können. Jeder hat in sich ein Programm, das ihn in die Lage versetzt, den Tod eines Angehörigen zu überwinden. Dies gelingt dadurch, dass unser Organismus einen Schongang einlegt, die Notbremse zieht. Beim Trauern tun wir genau das, was Körper, Seele, Geist von uns verlangen. Schonung heißt die Devise. Raus aus dem hektischen Alltagstrubel. Das hat nichts mit Wehleidigkeit oder Altweibergetue zu tun, vielmehr ist es ein inneres Gebot, weil wir nur so das Verlusterlebnis auf die Reihe bekommen. Nur über die Trauer gelingt es uns, die Begegnung mit dem Tod in unser bisheriges Erleben einzuordnen.

In erster Linie braucht das Zeit, schließlich hat der Tod die Schwelle zum Leben überschritten. Die Grenzen, die uns bisher Schutz geboten haben, sind durchbrochen. Der Tod ist uns so nahe gekommen wie nie zuvor. Wir spüren seinen kalten Hauch. Angst breitet sich aus, und die gedrückte Stimmung eines Trauernden, der sich instinktiv ganz klein macht, mit leiser Stimme spricht, ist die Reaktion, die immer dann eintritt, wenn eine akute Gefahr droht, der man nicht durch Kampf oder Flucht begegnen kann. Da im Angesicht des Todes beide Verhaltensweisen nichts nützen, machen wir uns instinktiv klein, um unauffindbar zu sein. Im Angesicht des Todes werden wir nichtig. Mit unserer Macht ist nichts mehr auszurichten. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen.

Für uns Erwachsene bedeutet das im Hinblick auf die Kinder eine schmerzhafte Einsicht, denn wir wollen sie doch in einer Welt aufwachsen lassen, die sie mit Unglück und großem Leid verschont. Und nun erleben die Kinder, wie weder der Papa noch die Mama etwas ausrichten können. Ohnmacht, das Gefühl nichts mehr in der Welt ausrichten zu können, breitet sich in Kindern und Jugendlichen aus, während ihr altersgemäßes Entwicklungsgesetz das Gegenteil verlangen würde. An der Grenzerfahrung Tod werden die bisher allmächtig erlebten Eltern klein. Viele Eltern machen sich Vorwürfe, fühlen sich schuldig, weil sie ihre Kinder nicht vor dieser Erfahrung schützen können.

Aber über das Trauern lernen Kinder und Erwachsene, dass alles menschliche Leben im Rhythmus von Werde und Stirb geschieht. Wir sind Geschöpfe der Natur und auf Endlichkeit angelegt. Trauer verlangt Geduld, aber sie bleibt nicht für alle Zeiten in uns, denn sie läuft auf ein Ziel hin, und das heißt Wandel. Wenn dieser Punkt erreicht ist, verabschiedet sie sich. Nun hat sie ihren Auftrag erfüllt: Das Erlebnis des Verlustes ist auf der Festplatte meiner Seele so gespeichert, dass ich gut damit leben kann, weil es mit meinen anderen Erfahrungen vernetzt ist.

5. Trauerkultur verbindet Menschen

Vielfältig ist die Wirkweise von Trauer. Eine ihrer wichtigen Funktionen besteht darin, Menschen miteinander zu verbinden. Gerade im Angesicht des Todes zeigt sich die Bindung stiftende Kraft der Trauer, die z. B. wildfremde Menschen dazu veranlasst, an den Ort zu kommen, wo Menschen zu Tode kamen, ein Unglück geschehen ist, um Blumen auf den Boden zu legen, um miteinander zu sprechen, miteinander zu weinen, sich zu trösten, Nähe zu suchen und Schutz zu geben. Dies geschieht spontan und entspricht dem Bedürfnis, das Leid mit anderen zu teilen. Es treibt einen dann regelrecht aus dem Haus, man sucht die Gegenwart anderer Menschen, will nicht allein sein. Diese spontane Form der öffentlichen Traueräußerungen hat in den letzten Jahren zugenommen und zeigt, dass sich auch in unserer Zeit Trauerkultur weiter entwickelt.

Wenn ich zurückblicke auf die großen Verlusterfahrungen meines Lebens, tritt neben die Erfahrung einsamer Trauer die erfahrene Gemeinschaft von Freunden und Verwandten. Im Angesicht des Todes rücken Menschen zusammen, weil sie spüren, damit wird die Macht des Todes gebrochen. Jeder Todesfall macht die Bindungsemotion der Trauer deutlich. Und wenn Menschen sich trauernd zusammen finden, bilden sie Gewohnheiten aus. Diese können in Rituale münden, die sich immer wieder verändern. Sie haben alle den Zweck, der Trauer ein Gesicht zu geben in der Gemeinschaft.

In der Zeit meiner Kindheit hatten die Menschen mit der Trauer wenig Probleme, denn damals herrschten Sitten, die uns heute wie Zwänge vorkommen. Wer trauerte, trug schwarze Kleidung für ein Jahr, und alle wussten, was los ist. Tanzveranstaltungen mussten gemieden werden, und wer versuchte, aus der Tradition zu tanzen, wurde geächtet, galt als schwarzes Schaf der Familie. Es gab die Zeit des Abtrauerns, in der sich wieder das Weiß neben dem Schwarz zeigen durfte bis dann das Trauerjahr zuende war, die schwarzen Kleider bis zum nächsten Trauerfall in der Mottenkiste verschwanden. Erst ab diesem Zeitpunkt galt die Trauer als beendet. Das ist alles sehr interessant, sagt eine kritische Stimme in mir, aber wir leben schließlich im heute und haben längst die traditionellen Bahnen unserer Vorfahren verlassen. Heute muss niemand mehr Trauer tragen, sind alle Trauervorschriften außer Kraft gesetzt.

Wenn ich trotzdem aus der Distanz des Heute auf altes Brauchtum schaue, dann erweitert sich mein Trauerhorizont, der bisher sehr stark psychologisch geprägt war und ich stoße auf das hemmungslose Klagen über den Verlust der Verstorbenen, höre die Klageweiber wehklagen, sich die Haare ausraufen, sehe, wie Männer sich aus Schmerz die Kleider zerreißen. Dieses Austoben war von beruhigender Wirkung und half über die tiefe Niedergeschlagenheit weg. Solche archaischen Verhaltensweisen können sich aber auch heute noch zeigen. Ein 16jähriges Mädchen, dessen Vater gestorben war, rasierte sich wenige Wochen nach der Beerdigung ihre linke Kopfhälfte kahl. Sie sah darin ein Zeichen ihrer Trauer. Anfangs stieß sie mit ihrem Aussehen alle Familienmitglieder und Freunde vor den Kopf. Gleichzeitig imponierte vielen die Ernsthaftigkeit des Mädchens. Und als nach vielen Wochen die Haare wieder wachsen durften, war für alle sichtbar, dass die Zeit der Trauer dem Ende zuging.

Ich komme zurück auf Trauerbräuche vergangener Zeiten. In südlichen Ländern saßen Angehörige eines Verstorbenen einige Tage im verdunkelten Zimmer, manchmal auf dem Boden. Selbst das Haus trug in manchen Gegenden Trauerzeichen, Spiegel wurden abgehängt oder mit Tüchern bedeckt, und das Sterbezimmer wurde abgeschlossen, nachdem der Tote vom Haus zum Friedhof getragen wurde. Man wollte nicht sofort die Spuren des Toten wegwischen. Mit diesem alten Brauch sollte der Tote auch zufrieden gestellt werden, die Überlebenden wollten ihm zeigen, wie schwer der Verlust für sie ist. Auf der einen Seite sollen die Traueräußerungen den Toten versöhnen mit der Gemeinschaft, die er verlassen musste, auf der anderen Seite dienen sie aber auch der Abwehr des Todes. Gerade in der ersten Zeit nach einem Todesfall spüren die Hinterbliebenen die Anwesenheit eines Verstorbenen noch sehr stark, und das macht Angst. Für den Fortbestand ihres Lebens ist es deshalb wichtig, dass sich die Grenze zum Tod wieder fest schließt. Dies geschieht durch die Beerdigung oder Feuerbestattung und über das Trauern.

Alle Trauerbräuche sind Übergangsriten, die durch ein Ende gekennzeichnet sind, und auf diese Weise der Angst vor der Rückkehr der Toten begegnen. In Märchen und Sagen tauchen die nicht zur Ruhe kommenden Toten als Wiedergänger auf, die den natürlichen Fortgang des Lebens behindern, denn die Toten gehören in ihr Reich, das von dem der Lebenden streng geschieden ist.

6. Trauerkultur gibt Sicherheit

Trauerkultur in der Familie beginnt bei nichtig scheinenden Anlässen. Wie verhalte ich mich, wenn ich der trauernden Nachbarin begegne? Spreche ich sie an oder bin ich froh, wenn ich an ihr vorbei bin? Und was antworte ich, wenn mir andere kondolieren? Soll ich wirklich schwarze Kleider anziehen? Schwarz wirkt so duster, da will sich in der Straßenbahn doch niemand neben mich setzen. In unserer Gesellschaft soll doch alles paletti sein, ich falle doch aus dem Rahmen, wenn ich mit meinem Trauerblick auf der Straße erscheine. Beim Elternabend in schwarz erscheinen, das wirkt sich doch negativ auf die anderen aus. Die zieht es dann doch emotional total runter. Das will doch niemand. Und wie sollen wir es in der Familie halten mit dem Zimmer der verstorbenen Tochter? Soll es bleiben wie zu ihren Lebzeiten?

Es ist die Unsicherheit, die Fragen stellt. Sie hat zugenommen in unserer Welt und dazu geführt, dass z.B. bei manchen Traueranzeigen ein Zusatz steht: Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen. Damit geht aber ein Teil der Sinn stiftenden Kraft alten Brauchtums verloren. Ursprünglich war es ja die Pflicht der Nichtangehörigen, die Leidtragenden zu trösten durch ihre Teilnahme an der Bestattung. Und dabei war der Handschlag am Grab besonders wichtig. Wenn Trauer nur noch eine private Regung ist, verlaufen Gesten der Solidarität ins Leere. Deshalb heißt eine Forderung an Trauerkultur in der Familie: Die Erfahrung des Todes darf nicht in die Ecke der Anonymität ausgegrenzt werden. Zulassen, was in uns sich an Trauer äußern möchte.

Und genau das ist es, was Kinder brauchen. Wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir unsre Trauer unterdrücken, denn mit ihrer Sensibilität sind sie Seismografen vergleichbar, welche die feinen seelischen Schwingungen der Erwachsenen aufzeichnen und darauf reagieren. Stimmt die Emotion mit dem Verhalten klar überein, gibt es keine Blockaden, und das Kind kann sich so äußern, wie ihm innerlich zumute ist.

Im Hinblick auf die Kinder in einer Familie heißt eine weitere Forderung: Den Abschied vom Verstorbenen konkret und sinnenfällig zu gestalten. Bei allen Gesprächen, die ich mit trauernden Familien geführt habe, wird deutlich, wie förderlich sich die Gegenwart von Kindern auf eine lebendige Trauerkultur auswirkt, denn sie verfügen über ein sehr natürliches und feines Umgehen mit dieser Seite unseres Lebens.

Erwachsene können von Kindern lernen, wie das folgende Beispiel zeigt: Als innerhalb weniger Tage drei unserer Gänse getötet wurden, drei kleine Erdhügel im Garten entstanden waren, war das für unseren 10jährigen Enkel zu wenig. Er bastelte kleine Holzkreuze, steckte sie in die Erde und sprach an jedem Gänsegrab abschließend: “Ruhe in Frieden!” Diese Geste hatte ihm niemand beigebracht. Sie entsprach seinem natürlichen Empfinden. Wenn Erwachsene mit Kindern auf die beschriebene Weise dem Tod Raum geben, dann ergeben sich ganz von allein vielfältige Möglichkeiten zum Gespräch. Da Kinder ein großes Bedürfnis haben, sich die Gegebenheiten der Welt zusammenzufragen, sind sie auf die Erwachsenen angewiesen, um ihr Bild von der Welt und dem, was diese zusammen hält, ständig zu erweitern. Schnell bin ich dann in ein Gespräch verwickelt über die Lebenszeit, tastet sich das Kind fragend in die Zukunft hinein, will wissen, wie lange ich noch lebe, ob ich dann noch lebe, wenn es erwachsen ist. Und wenn dann abends beim Schlafengehen die Gedanken den Tag noch einmal streifen, es wichtig wird, herauszufinden, ob Gänse auch eine Seele haben, dann geht es ans Eingemachte. Was ist, wenn ich sterbe, warum kann ich nicht ewig leben?

7. Trauerkultur braucht das Gespräch

Wenn der Tod ins Leben einer Familie eingreift, wird es dunkel. Durch das miteinander Sprechen kommt ein wenig Licht ins Dunkel. Aber im Angesicht des Todes fallen Worte schwer, kann es Menschen die Sprache verschlagen, finden sie keine Worte, um auszudrücken, was in ihnen geschieht. Muss denn immer über alles geredet werden?, fragen sie dann, weil die Worte nicht über die Lippen wollen.

Nein, es muss nicht immer gleich gesprochen werden. Aber es ist von heilsamer Wirkung, in Kontakt mit sich zu sein. Manche Trauernde finden zu ihrer Sprache durchs Schreiben. Sie vertrauen sich einem Tagebuch an oder schreiben Briefe, erfahren, wie auf diese Weise sich etwas löst von der Schwere der Trauer. Offensichtlich tut es gut, Worte zu finden, in denen der Schmerz adäquat ausgedrückt ist. Er hat dann eine Wohnung gefunden.

Wenn in der Familie Kinder und Jugendlich leben, dann müssen die Erwachsenen begreifen, dass diese das Gespräch über das, was in der Familie geschehen ist, brauchen. Muss das wirklich sein?, fragen die Erwachsenen. Die Antwort heißt Ja. Kinder brauchen das Gespräch, weil sich ihr Trauergefühl erst bildet. Sie kommen ja nicht auf die Welt und können bereits trauern. Das lernen sie erst. Ihre Gefühlslandschaft formt sich erst aus. Sie lernen die vielen Facetten der Trauer kennen. Zwar haben sie bereits vorher Verluste erlitten und kennen das Gefühl, wenn beispielsweise ein guter Freund aus der Straße in eine andere Stadt umzieht. Sie kennen auch den Abschieds- und Trennungsschmerz, wenn Papa oder Mama für einige Zeit weg sind. Bei Todeserfahrungen jedoch greifen die bisherigen Trauerverarbeitungen nicht mehr. Neue Fähigkeiten können sich jedoch nur entwickeln, wenn der Erwachsene zum Spiegel für das Kind wird. Der Tod zwingt dazu, Neues zu lernen. Und wie immer, wenn Kinder und Jugendliche dabei sind, Neues zu lernen, suchen sie instinktiv immer wieder mit ihren Augen das Gesicht des Erwachsenen. Auf diese Weise vergewissern sie sich seiner Gegenwart, finden Halt, stabilisieren sich und gehen nicht verloren, was immer eine große Gefahr ist im Umfeld des Todes. Das gilt auch für die Erwachsenen. Wenn der Tod in die Nähe kommt, dann erzeugt er bei uns Menschen Gefühle von Verlassenheit und Verlorenheit. Es geschieht dann einfach, dass wir der Welt abhanden kommen. Das zeigt auch das folgende Beispiel:

Ein 12jähriger Junge, dessen Vater an Krebs starb, wurde von starken Verlassenheitsgefühlen heimgesucht. Als Einzelkind war er Papas Stolz gewesen, sein Ein und Alles. Einige Wochen nach der Beerdigung treten nächtliche Atembeschwerden auf, die den Jungen und die Mutter mit Angst erfüllen. Tagsüber sitzt er oft einfach da, guckt Löcher in die Luft und wirkt teilnahmslos. Der Papa ist nicht mehr da. Die Wohnung ohne seine Gegenwart hat sich verändert. Leise und still ist es geworden. Sein Lachen fehlt, sein Geruch, sein Gesicht, seine Geschichten, die er erzählt hat.

Der Junge malt Bilder, schreibt Briefe an den Vater, liest sie der Mutter vor. Doch nie kommt eine Antwort zurück. “Weißt du, sagt er zu mir, ich rede oft mit dem Papa. Aber er antwortet mir nicht richtig. Ich sehe schon sein Gesicht, so wie er aussah. Aber der Papa sagt einfach nichts mehr, macht den Mund nicht mehr richtig auf. Dann denk ich manchmal, der Papa ist gar nicht mehr mein Papa. Und dann stell ich mir vor, ich gehe zu ihm, ich suche ihn. Aber dann ist er auf einmal wieder verschwunden, und ich mag gar nicht mehr leben. Aber ich habe es ihm doch versprochen, als ich ihn zum letzten Mal in der Klinik gesehen habe. Ich habe ihm versprochen, dass ich groß werde, und er hat gesagt, er ist dann auch noch bei uns, bloß anders. Aber wenn ich von der Schule heimkomme, die Tür aufmache, dann ist er einfach nicht mehr da.”

Wenn solches in einem Kind geschieht, lernt es eine neue Macht in seinem Inneren kennen. Es spürt einen Sog, dem es sich überlässt. Seine Gedanken und Fantasien bewegen sich fast nur noch um dem Tod. Das Kind geht innerlich verloren. Es verliert den Bezug zur Alltagsrealität. Mit seinen Verlassenheitsgefühlen ist es im ewigen Eis angekommen. In dieser Seelenlandschaft drückt sich die Leere des Todes aus. Kälte im Niemandsland. Diese Erfahrung steckt auch in seinem Körper. In solchen Phasen können manche Kinder sehr krank werden. Es ist dann so, als ob Leben und Tod miteinander kämpfen, bis endlich der Hüter ihres Lebens eine klare Trennungslinie zieht, den Tod überwindet, das Kind gesund wird. Auf diese Weise überwächst es die Todeserfahrung.

Früher war man in der Familie der Meinung, man müsse Kinder von allem, was mit dem Tod zusammenhängt, fernhalten, um sie zu schonen. Heute wissen wir, dass es ihnen mehr hilft, wenn sie in die Vorgänge um Trauer und Tod von den Erwachsenen mit hineingenommen werden. Eine Mutter erzählt, als klar war, dass ihr Mann nur noch wenige Wochen zu leben hat, war sie wie besessen von dem Wunsch, ihre drei Kinder vor der Erfahrung mit dem Tod zu schützen. Sie wollte sie bei den Besuchen in der Klinik nicht mehr dabei haben. Sie sagt: “Ich wollte sie hinter eine Schutzmauer setzen. Aber zum Glück protestierten sie, wollten weiterhin jeden Tag mit in die Klinik, um vom Papa Abschied zu nehmen. Heute bin ich froh darüber, dass ich sie mitgenommen habe, denn die letzte Geste meines Mannes – er hatte auf einmal Kraft, uns zuzuwinken – hatte etwas sehr Tröstliches für uns alle.”

In den letzten Jahren hat sich im Bewusstsein der Erwachsenen sehr viel bewegt. Nicht wenige Beerdigungsunternehmer begrüßen es, wenn bei den Angehörigen die Kinder selbstverständlich dabei sitzen, zuhören und mitsprechen dürfen, wenn es um die Frage geht, welchen Sarg nehmen wir, wie soll er ausgestattet sein. Es ist immer wieder überwältigend, mit welcher Würde und Ernsthaftigkeit Kinder an solchen Gesprächen teilnehmen. Gleichzeitig sorgen sie durch ihre Gegenwart für den bunten Farbtupfer, der in die Zukunft weist. Wer offen sein kann für ihre Fragen, keine falschen und vorschnellen Antworten gibt, der staunt über die tiefe Weisheit, welche aus Kindern gerade im Angesicht des Todes sprechen kann.

Als der Vater von drei Kindern gestorben war, durften diese Bilder malen, die an den Sarg geklebt wurden und mit auf die letzte Reise gingen. Für alle Beerdigungsteilnehmer waren diese Bilder sehr berührend, denn die Kinder hatten ausschließlich Auferstehungssymbole gemalt. Niemand hatte sie darauf hingewiesen.

Kinder brauchen auch bei der Bestattung den konkreten sinnenfälligen Eindruck. Sie wollen ganz vorne dabei stehen, um ja alles zu sehen, was geschieht. Das hat nichts mit vorlautem Benehmen zu tun, sondern entspricht ihrem gesunden Neugierverhalten, mit dem sie sich die Welt zu eigen machen. Eine Mutter klagt über schlimme Zornesausbrüche ihres Sohnes ihr gegenüber. Jedes Mal wirft er ihr vor, sie habe ihn zu früh vom Grab seines Vaters bei der Beerdigung weggezogen. Er habe deshalb nicht sehen können, dass der Sarg auch wirklich unten angelangt war. In der Abfolge der Bilder, die das Geschehen der Beerdigung in seiner Erinnerung auslöst, fehlt eine Szene, ist der Film gerissen. Ein Vakuum ist entstanden, in das nun wilde Fantasien einschießen, darunter auch die, der Papa sei vielleicht gar nicht wirklich tot.

Bei vielen Fragen, welche Kinder im Hinblick auf Tod und Sterben stellen, muss die Tugend der Wahrhaftigkeit im Vordergrund stehen. Es ist ehrlich und klar, dem Kind zu sagen, ich kann dir keine Antwort geben. Aber es ist falsch, sich in lange Erklärungen zu flüchten, die nicht stimmen und sagen: “Weißt du, eigentlich sterben die Menschen doch nicht so richtig, sie schlafen einfach einen langen Schlaf und wachen dann einfach nicht mehr auf.” Eine solche Antwort will schonen und beschönigen, fügt dem Kind aber Schaden zu, weil Tod und Schlaf miteinander gleichgesetzt werden. Unweigerlich wird das Kind darüber grübeln, abends im Bett sich schlaflos wälzen, weil es Angst hat, nicht mehr aufzuwachen.

Es ist ehrlich, die Sachverhalte um den Tod beim Namen zu nennen. Wenn ein Todesfall in der Nachbarschaft stattgefunden hat, oder ein Unglück wie das von Kaprun, New York oder das Erdbeben in Italien, kreisen die Gedanken von Kindern häufig um die Frage, warum das geschehen ist. Ihr Denken sucht nach Erklärungen und konkreten Ursachen. Wie ein Detektiv sind sie an manchen Tagen hinter den Beweisen her. Auch wenn uns Erwachsenen ihre Erklärungsmodelle abstrus und falsch vorkommen, sollten wir sie nicht lächerlich machen. Als in Erfurt der Amokläufer unschuldige Menschen getötet hatte, zerbrach sich ein Mädchen den Kopf darüber, ob er vielleicht nur die Menschen ermorden wollte, die ihn schlecht behandelt hatten. Sie suchte nach Informationen über Ursachen der Katastrophe. Ein 10jähriger kreiste nach dem Unglück von Kaprun um die Schwierigkeiten, die Toten zu identifizieren. Er ahnte etwas von den Veränderung ihrer menschlichen Gestalt, brauchte aber noch die Bestätigung durch den Erwachsenen. Der sollte den Mut haben, zu antworten: “Ja, es ist so, der Tod ist ungerecht, und manche Toten waren als Menschen nicht mehr zu erkennen. Das ist furchtbar.”

Es ist nicht leicht, den fragenden Kindern und Jugendlichen Rede und Antwort zu stehen, wenn man als Erwachsener selbst betroffen ist, eigentlich allein sein möchte mit seiner Trauer. Auf der anderen Seite verfügen Kinder über viele Gesten der tröstenden Zuwendung dem trauernden Erwachsenen gegenüber und wirken mit an der seelischen Ausbalancierung der Ereignisse.

Ein Junge, der oft wüsten Streit mit seiner Schwester hatte und vor einigen Tagen erfuhr, dass ein Kind aus dem Wohngebiet bei einem Verkehrsunfall getötet worden war, stellte immer wieder Fragen danach, ob es vielleicht doch nur die bösen Menschen sind, die zuerst sterben müssen. Es ist wichtig, ihn von seinem Schuldgefühl der Schwester gegenüber zu entlasten, zu sagen: “Nein, niemand muss sterben, weil er böse auf seine Schwester war und sie geschlagen hat.” Klare Antworten helfen dabei, die allgegenwärtige Angst im Umfeld des Todes abzubauen. Unklare hingegen verursachen neue Unsicherheitsgefühle.

Allerdings stößt das Reden über den Tod nicht immer auf die Bereitschaft des Kindes, sich zu beteiligen. Manchmal reagiert es anders als erwartet, albert dagegen , macht Witze und karikiert, was es über den Tod schon weiß, sagt: “Ich weiß, da kommen die blöden Kistenmänner und stecken die stinkenden Leichen hinein und verbuddeln sie.” Wenn die Sprache des Kindes oder Jugendlichen so eindeutig ins Kalauern ausweichen muss, dann ärgert das den bemühten Erwachsenen. Doch sollte er sich hier eingestehen, dass gerade im Umgang mit dem Tod das Witze-Reissen und Karikieren ein wichtiger Beitrag zur Verarbeitung darstellt.

Überhaupt kommt dem Lachen im Umfeld des Todes eine große Bedeutung zu, aber wir Erwachsenen haben damit unsre Not, weil unser Ideal eines trauernden Menschen den ernsten und in sich gekehrten bevorzugt. Kinder bei der Beerdigung? Und wenn die zu lachen und kichern anfangen? Dann gäbe es endlich einmal eine Beerdigung, bei der Lachen zu hören ist. Lachen hilft dabei, sich den Tod vom Leib zu halten. Schließlich gab es in früheren Jahrhunderten das Osterlachen, das laut in der Kirche erschallte, um den Tod auszulachen, denn das Leben hatte gesiegt.

Manche Erwachsene fühlen sich provoziert oder verhohnepiepelt, wenn ein Kind fragt: “Wird der Opa nicht nass, wenn ich die Blumen auf dem Grab gieße?” Auf der anderen Seite, wenn ein Mädchen sich jeden Abend vor dem Schlafengehen auf den Balkon stellt, weil sie den verstorbenen Opa in seiner neuen Daseinsform als Stern am Himmel erwartet, dann fällt es leicht, sich daneben zu stellen, um in die besondere Situation mit hineinzugehen. Auf diese Weise bilden sich Gebräuche, die über viele Wochen wiederholt werden können. Sie helfen dem Kind und dem Erwachsenen dabei, den Verlust zu überwinden.

Gespräche entstehen oft ganz plötzlich und bringen die Verstorbenen wieder in die Mitte. Auf einmal wirken alle belebt und lachen. Die Erinnerung macht alle froh, und die Gegenstände, die noch in der Wohnung sind, bekommen einen neuen Stellenwert. Ein Mädchen, dessen Mutter gestorben war, holte sich das Kopfkissen, auf dem sie geschlafen hatte, in ihr Bett, konnte nur auf diese Weise einschlafen. Es roch nach der Mama, für das Kind war sie da. Das Kopfkissen wurde zum Übergangsobjekt und erleichterte dem Mädchen den Abschied von der Mutter.

In Familien führt oft die aggressive Seite der Trauer in Form von Wut zu großen Schwierigkeiten: Ein 7jähriger Junge, dessen Vater sich vor einigen Monaten das Leben nahm, entwickelt sich zu einem aggressiven Störenfried. Dieser kleine Schläger soll ein trauerndes Kind sein?

Das wütende Kind passt nicht in unser Bild vom trauernden Kind. Tränen und ein verweintes Gesicht, Stillsein und Zurückgezogenheit entsprechen viel eher unseren Erwartungen. Doch die Wut entsteht als Gegenkraft zu der Erfahrung der totalen Ohnmacht. Der Junge stand am Grab des Vaters bei der Beerdigung. Als die Angehörigen weggingen, wehrte er sich mit Händen und Füßen dagegen, diesen Ort zu verlassen. Er schrie, weinte und rief immer wieder den Namen des Vaters. Die weinende Mutter stand neben ihm, zog ihn weg, war froh, als er müde geworden, seinen Widerstand aufgab. Beide erleben sich als verlassen. Und in diesem Verlassenheitsgefühl mischt immer auch die Wut mit und schreit: “Papa, warum hast du uns verlassen?” Nicht immer kann die Wut sich so direkt äußern wie bei dem Jungen, der zuhause in plötzlichen Anfällen die Regale abräumt, sein Zimmer innerhalb von wenigen Minuten total verwüstet. Eine Riesenkraft scheint in dem Junge zu wirken. Er kann ihr nur dadurch Herr werden, indem er auf alles einschlägt, was ihm in den Weg kommt.

Diese Wut auszuhalten ist schwer, denn sie wirkt so sinnlos. Auch für den Jungen ist es nicht leicht, will er doch gar nichts aus den Regalen schmeißen, erlebt aber, wie er von der Wut gepackt wird und nicht anders kann. Hinterher sitzt er weinend auf dem Boden, kennt sich selbst nicht mehr. Natürlich verspricht er, so etwas nie wieder zu tun. Aber es wird sich wiederholen, weil die Wut auf den Vater, der ihn verlassen hat, ihr Recht fordert.

Viel Toleranz und Verstehen werden vom Erwachsenen verlangt. Es geht ja nicht nur darum, diese Wutanfälle auszuhalten, das Kind braucht danach auch den schützenden Arm des Erwachsenen und das Gefühl des Angenommenseins. Fehlen diese, wird das Kind bestraft für sein aggressives Tun, wird es versuchen, die Wut zu unterdrücken, richtet sie oftmals gegen sich selbst.

8. Trauerkultur in der Familie fördert Kreativität

Sie erinnern sich an den Satz: “Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen.” Dagegen kommen wir nicht an. Wenn der Trauernde an diesem Tiefpunkt angekommen ist, kann es geschehen, dass sich ganz plötzlich in ihm etwas regt, ein Impuls von innen kommt, der keinerlei Aufschub duldet, unbedingt jetzt und sofort umgesetzt werden muss. Etwas will nach außen und sucht nach einem Medium. Dies ist der Beginn der kreativen Phase, die bei Kindern und Erwachsenen aufbricht und ein Gegengewicht zur Ohnmachtserfahrung im Angesicht des Todes darstellt.

In der Reihe meiner CDs suche ich bspw. nach einer Musik, die genau meiner inneren Befindlichkeit entspricht. Dann kann es sein, dass ich tagelang immer nur einen bestimmten Teil aus der Winterreise von Schubert hören muss. Aber es kann auch ein einfacher Song sein, dessen Text und Musik zum Spiegel meines Gefühls wird. Das kommt ganz von alleine. Indem ich in dieser Bewegung mitgehe, fühle ich mich in Kontakt mit meinem Schmerz, gibt es keine trennenden Blockaden mehr, fängt das Eis in mir zu schmelzen an. Vielleicht fange ich an zu weinen, schwemmen die Tränen einen Teil meines Leids weg. Und ich spüre, es tut mir gut, was geschieht. Meine Trauer hat ihr Echo gefunden, und ich erkenne, wie alle Kunst sich ja immer auch um die Erfahrung der eigenen Sterblichkeit dreht. Diese existentielle Erfahrung bereitet den Nährboden für jegliche künstlerische Äußerung. Da melden sich Kräfte, welche die Todeserfahrung wandeln und wieder ins Leben hinein führen. Hilflosigkeit und Ohnmacht werden überwunden.

Bei Kindern zeigen sich diese Selbsterhaltungskräfte, sobald sie in Trauersituationen nach dem Malstift greifen, sich an den Tisch setzen, um unbedingt jetzt ein Bild malen zu müssen. Eine 11jährige erfährt vom Unfalltod ihrer Mutter. Sie spricht kein Wort, holt aber ihren Schulranzen und packt die Malstifte aus, fängt an, ein Bild zu malen für ihre Mutter. Beim Besuch in der Leichenhalle nimmt sie es mit, legt es in ihre Hände. Sie wirkte gefasst, ernst und sehr darauf bedacht, der Mutter eine Freude zu machen.

Ein Junge, der den Tod seiner Großmutter erlebte, malte Tag für Tag immer das gleiche Motiv: Schmetterlinge. Stur bleibt er bei seinem Vorhaben, auch wenn die Erwachsenen ihn darum bitten, doch mal etwas anderes zu malen. Aber der Junge folgt seinem inneren Impuls. Er schafft sich ein Stück Befreiung von der Trauer. Gleichzeitig drückt seine Seele im Bild des Schmetterlings etwas aus von der Veränderung und Verwandlung der Verstorbenen. Der Junge malt so lange, bis der Prozess in ihm zum Abschluss gekommen ist. Diese Gabe haben Kinder, aber auch Erwachsene im Repertoire ihrer Lebenskräfte. Oft reichen wenige Wochen für ein Kind aus, um auf diese malende Weise an Sicherheit und Selbstwert wieder zu gewinnen. Es erfährt sich bestätigt in seinem Fühlen und seinem Ausdruck, spürt die lösende Kraft des Malens und freut sich an seinem Können.

Ob es das Malen ist, mit Ton arbeiten, Speckstein bearbeiten, im Garten arbeiten, Handarbeiten, Kuchen backen und dabei singen, musizieren oder tanzen, in allem kreativen Tun wirkt die Gegenkraft zur Ohnmacht. Darin äußert sich das Mutige: Ich lasse mich nicht unterkriegen, aber auch die Gewissheit, dass in mir Selbstheilungskräfte am Werk sind, die es möglich machen, den Verlust zu überwachsen. Eigenes schöpferisches Tun weckt neue Lebensgeister. Das Kind und der Erwachsene erfahren: Ich kann gestalten, ich kann verändern, ich wirke auf meine Umgebung ein, ich erfahre Resonanz. Das macht stark und ist die beste Antwort auf den Tod! Wenn innerhalb der Familie dafür Raum ist, dann können Kinderzeichnungen entstehen, die zum Dokument der Integration des Todes ins Leben werden. Sie sind es wert, aufgehoben zu werden.

Wenn von den kreativen Verarbeitungsmöglichkeiten der Trauer die Rede ist, dann muss auch vom nächtlichen Träumen gesprochen werden. Für Trauernde ist es immer wieder ein überraschendes Erlebnis, wenn sie zum ersten Mal von einem Verstorbenen träumen. Dann ist ein wichtiger Punkt der Trauerarbeit erreicht. Sie lernen eine neue Ebene kennen, auf der sie mit den Verstorbenen in Kontakt bleiben können. Doch gibt es auch die Alpträume, aus denen wir mit Herzklopfen und Angst aufwachen, weil Bilder des Schreckens uns nicht loslassen. Es ist wichtig, sich einzuprägen, solche Träume gehören zum Prozess der Todesverarbeitung und treiben ihn weiter. Ihre Dynamik wird sich irgendwann verändern.

Es ist gut, wenn in einer Familie eine Kultur des Erzählens gepflegt wird, welche Träume mit einschließt. Träume helfen uns, mit den Symbol schaffenden Kräften des Unbewussten in Verbindung zu sein. Mit ihrer heilsamen und ordnenden Funktion bewirken Symbole Verarbeitung und ermöglichen Distanzierung. Es geht ja darum, die großen Gegensätze von Leben und Tod zu überwinden. Das kann nur durch Symbole geschehen, denn sie drücken in bildhafter Weise aus, was Worte nicht angemessen fassen können.

Trauerkultur in der Familie gibt Raum für Symbole wie den Engel, der Gegensätze überwindet. Engel sind Lichtwesen, die von der verwandelten Seinsweise des Verstorbenen künden, aber auch Boten, welche die transzendente Welt mit unserer Welt verbinden. Oft malen Kinder in Zeiten, wo sie eine Verlusterfahrung verarbeiten, einen Regenbogen. In alten Mythen stellt der Weg über die Regenbogenbrücke den Übergang ins Reich der Toten dar. Wenn nach einem Regenguss die Sonne wieder scheint, entsteht am Himmel ein Regenbogen, zart, berührend und bestaunenswert. Seine Farben faszinieren in ihrer Schönheit. Taucht er am Himmel auf, kann sich niemand seinem Anblick entziehen. Und das in Bildern von trauernden Kindern oft auftauchende Symbol des Schmetterlings verweist auf die Schönheit und Leichtigkeit der neuen Existenz des Toten. Die Art und Weise wie ein Schmetterling entsteht, nennen wir eine Metamorphose. Dieses Bild wird oft gebraucht, um seelische Entwicklungsprozesse auszudrücken, denn auch dort gibt es Phasen der Ruhe, welche dem Vorgang der Verpuppung gleichen. Oft suchen Raupen Schlupfwinkel aus, um geschützt zu sein, und während des Puppenstadiums, das nur scheinbar ein Ruhestadium ist, finden gravierende Schritte für die Metamorphose zum Falter statt. Das Ergebnis ist der Schmetterling, leicht und zart wie ein Hauch.

Alle diese Bilder sind Versuche, das Geheimnis des Todes und der Verwandlung auszudrücken. Sie helfen dabei, den Tod ins Leben zu integrieren und bewahren zugleich sein Geheimnis; es bleibt in der Schwebe.

9. Wann ist die Trauerzeit um?

Wann habe ich genug getrauert? Wie merke ich das? Darf ich das überhaupt, aufhören, an den Verstorbenen zu denken? Ob ich das noch kann, mich von Herzen freuen? Fragen stellen gehört zu einer Trauerkultur in der Familie, die auf diese Weise immer wieder sich um Antworten bemühen muss. Wer einen Verlust einige Zeit betrauert hat, der erkennt eigentlich erst im Rückblick, wann das angefangen hat, dass langsam aber sicher die Trauer weniger Raum eingenommen hatte, weil die Schwere im Körper sich gewandelt hatte, der dunkle Schleier aufgerissen war, die Sonne und das Lachen wieder durchkamen, das Lebensgefühl wieder leichter wurde.

Wenn die Trauerzeit sich dem Ende nähert, dann ist die Zeit des Rückzugs vorbei. Nun melden sich wieder vitale Kräfte, die verstärkt ins Leben drängen. Auf einmal teilt sich auch den Menschen meines Umfeldes mit, dass in mir viel geschehen ist. Nicht ohne Grund sagen wir von Kindern und Erwachsenen, die eine Verlusterfahrung überwachsen haben, sie seien gereift. Wer existentielle Situationen durchleiden musste, das Leiden annahm als sein Teil, klagte, wahrhaftig litt und nicht vor sich versteckte, kämpfte, der gewinnt eine tiefe Einsicht in die Unabänderlichkeiten des Lebens und weiß nun, jeder hat zu tragen und zu erfüllen, was ihn trifft. Niemand kann es ihm abnehmen.

Trauer darf ein Ende haben. Niemand muss ein Leben lang die Farbe der Trauer tragen, denn wir leben in der Gegensatzspannung von Leben und Tod, Tod und Leben. Im Kreislauf des Lebens werden wir stetig weiter bewegt. Aber offensichtlich tun wir uns mit der Freiheit, nicht mehr trauern zu müssen, schwer, sonst würde gerade dieses Thema nicht in Märchen auftauchen. Das Märchen dient in erster Linie, dem Fortgang des Lebens. Alle Märchen erzählen, wie der gestockte Lebensfluss wieder in Gang kommt. Wer nicht aufhören kann zu trauern, dessen Lebensfluss ist blockiert. Der Impuls, das Leben wieder in Gang zu bringen, kommt in dem folgenden Märchen aus der anderen Welt, dem Reich der Toten, die über den Tod hinaus in Wechselwirkung mit den Lebenden stehen.

10. Das Tränenkrüglein

Es war einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte ihr Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen und konnte ohne das Kind nicht leben und sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die wütete unter den Kindern und erfasste auch jenes Kind, dass es zum Tode erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kind, aber es starb. Da erfasste die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie aß nicht und trank nicht und weinte, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören, und rief nach ihrem Kind.

Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht saß, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Tür auf, und die Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Es trug in seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: Liebe Mutter, weine nicht mehr um mich! Schau, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast. Der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinst, so wird das Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grab und keine Seligkeit im Himmel. Darum, liebe Mutter, weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohl aufgehoben.

Damit verschwand das tote Kind, und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe und den Himmelsfrieden nicht zu stören.

Der Verlust eines Kindes gehört zu den schmerzhaftesten Kapiteln der Trauerkultur in einer Familie. Das Märchen beschreibt den Vorgang des Ruhefindens und setzt die Welt der Lebenden mit der Welt der Toten in Korrelation zeigt, wie beide aufeinander angewiesen sind. Im Spiegel des Märchens erkennen wird, die Toten können nur dann ihren Platz und ihren Frieden finden, wenn wir uns wieder ganz dem Leben zuwenden.

Ich komme zum Schluss. Trauerkultur in der Familie. Was bleibt am Ende? Einen Platz finden. Darum geht es. Aber auch darum, einen Platz zugeteilt bekommen. Auf dem Friedhof für alle sichtbar einen Platz haben, das ist das Anrecht der Verstorbenen. Und gleichzeitig seinen Platz eingeräumt bekommen im Herzen der Angehörigen. Während der Trauerzeit haben sich neue Innenräume gebildet, in denen das Vergangene als Erinnerung allmählich Platz gefunden hat. Eine zunehmende Distanz macht es nun möglich, dass das Geschehen des Verlustes aus dem Zentrum des Erlebens wegrückt und Platz macht für Neues. Darum geht es, einen neuen Ort finden, um einen alten Platz aufgeben zu können. Trauerkultur in der Familie folgt diesem Weg.

Einerseits kehrt die Familie in ihre alte Lebensweise zurück und andererseits stellt sie fest, es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Eine Metamorphose hat stattgefunden. Mit der Erfahrung des Todes im Rucksack ihres Lebens schauen alle die Welt mit anderen Augen an. Sie wissen um das Leid und die Endlichkeit und treten nun in ein neues Land, entdecken dort wieder die Freude, die tiefer geht als das Leid.
 

Autorin

Gertrud Ennulat, Pädagogin, freie Autorin

Veröffentlichte Bücher:

  • Wenn Kinder anders sind – Unterstützung für Mütter in Not, Kösel Verlag 2002
  • Ängste im Kindergarten, Kösel Verlag 2001
  • Ich will dir meinen Traum erzählen – mit Kindern über ihre Träume sprechen, Königsfurt Verlag 2001
  • Kinder in ihrer Trauer begleiten, Herder Verlag 1998

Gertrud Ennulat ist 2008 verstorben.

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Erstellt am 11. November 2002, zuletzt geändert am 5. August 2010