Kinder fragen nach dem Tod – auch im Kindergarten

Mechthild Schroeter-Rupieper

Schroeter-rupieper Foto-300x300
 

1. Wie das Thema Tod in den Kindergartenalltag einfließen kann

Um über Abschied, Tod und Sterben im Kindergarten zu sprechen, muss man nicht auf eine konkrete Situation warten. Das Thema Tod setzt sich aus so vielen Facetten zusammen, dass es jederzeit in die Arbeit einfließen kann und schon unreflektiert Bestandteil ist.

Im Rhythmus der Jahreszeiten, in naturkundlichen Beobachtungen (Beispiele: die Verwandlung der Raupe zum Schmetterling, der Kaulquappe zum Frosch, Entwicklung vom Samenkorn zur Sonnenblume, der Zwiebelknolle zur Tulpe) und Lichtexperimenten (Hell und Dunkel), sind hier nur einige der Möglichkeiten, den Kindern eine begreifbare Dimension von Vergänglichkeit, Lebenskreislauf oder Anfang und Ende „an die Hand“, den Kopf und den Verstand zu geben.

In konfessionellen Kindergärten sind durch kirchliche Feiertage wie Ostern, Allerheiligen und Allerseelen weitere Anknüpfungspunkte gegeben, die ebenfalls nicht emotional belastend sind.

Konkret bieten die schwere Krankheit eines Großelternteils, der Tod im Familienkreis oder eines Haustieres einen Anlass, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen.

In diesem Zusammenhang müssen Fragen und Erzählungen der Kinder immer wahr- und ernst genommen werden, da die Eltern häufig emotional nicht in der Lage sind, sich dem Gespräch der Kinder zu stellen.

Begründet wird dieses damit, alles Leid, Traurige und Dunkle von den kleinen Menschen fern zu halten.

Doch wie wollen Kinder Fröhlichkeit und Helligkeit wahrnehmen, wenn der andere Pol ihnen verwehrt wird. Erst die Bandbreite aller Gefühle macht den ganzheitlichen Ansatz aus!
 

2. Wissen um das Todesverständnis von Kindern

Bevor Erzieherinnen mit den Kindern über den Tod sprechen, ist es wichtig, wenn sie um das Todesverständnis von Kindern wissen.

Kleine Kinder begreifen bis zum 3. / 4. Lebensjahr nicht die Endgültigkeit des Todes. Kognitiv wie auch erlebnisorientiert ist dieses vom kindlichen Vorstellungsvermögen ausgeschlossen.

Ihr Erleben ist es vielmehr: „Ich werde zum Kindergarten gebracht – und wieder abgeholt. Mama geht zur Arbeit – und kommt wieder“. Dass ein Elternteil das Haus verlässt und nicht zurückkehrt, ist in der Regel nicht der Fall.

Tod und Trauer müssen Kinder letztendlich am eigenen Körper erfahren und sich damit auseinandersetzen.

Ab dem 4. Lebensjahr fangen Kinder an, Fragen zum Tod zu stellen. Sie sind durch den Gedanken an den Tod nicht emotional betroffen, eher neugierig und interessiert. Haben sie es in ihrem engsten Umfeld nicht erlebt, glauben Kinder vorerst, nur andere sterben. Erfahren Kinder, dass auch Eltern sterben können, ist manchmal die Sorge um Wohnung, Essen und Trinken größer, als der mögliche Verlust von Mamas körperlicher Nähe. Spätestens mit 6 Jahren hat jedes Kind Kontakt mit dem Tod gehabt, sei es durch den Tod in der Familie, bei einem Haustier, der toten Maus im Garten oder Nachrichtenmeldungen von Katastrophen, Kriegen und Verbrechen. Die Endgültigkeit des Todes, den biologischen Tod, haben Kinder meist mit spätestens 10 Jahren verstanden und begriffen.
 

3. Gesprächsbereitschaft der Eltern und ErzieherInnen

Wichtig ist vor allen Dingen die Gesprächsbereitschaft des Kindergartenteams und auch die der Eltern. Es geht auch nicht darum, alles „richtig“ zu wissen. Pädagogen sind wie alle anderen Menschen ihr Leben lang auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, die auch den Tod einbezieht. Manche Fragen kann man den Kindern allgemein biologisch erklären, manche Antworten kann nur jeder Mensch für sich selber geben, da es mit der eigenen Sinngebung zusammenhängt.

Bei der klassischen Frage “Wo ist jetzt meine Oma?“ ist es wichtig, eine ehrliche und authentische Antwort zu geben. Dieses beinhaltet auch die Zweifel und die Hilflosigkeit. Unterschiedlichen Glaubensauffassungen und Meinungen verwirren nicht die Kinder, sondern zeigen die Pluralität des Lebens auf.

Ein Kind, das eine Frage zum Leben nach dem Tod stellt, hat sich vorher in der Regel schon eigene Gedanken dazu gemacht. Hier haben Erwachsene immer die Möglichkeit zurückzufragen: „Was glaubst du denn?“ So können wertvolle Stunden des „Philosophierens“ entstehen.
 

4. Sorge der Eltern

Manchmal beklagen sich Eltern, ihre Kinder wären aufgrund des Themas verängstigt und könnten nicht mehr schlafen. Falls die Kinder keine furchtbaren Horrorgeschichten im Kindergarten gehört haben, kann man jedoch davon ausgehen, dass das Kind für sich vielleicht schon viele Gedanken zum Tod gesammelt hat und nun zum Glück einen Anlass findet, dazu zu erzählen, zu fragen und auch Ängste auszudrücken. Wenn Kinder spüren, dass traurige Themen ein Tabu sind, Bezugspersonen „so komisch“ darauf reagieren, stellen sie vielleicht keine Fragen mehr. Sie suchen ihre Informationen woanders, Bilder ihrer Phantasien sind oft schrecklicher als die Tatsache selber. Die Sorge mancher ErzieherInnen und Eltern, das Thema Sterben wäre nichts für Kinder, drückt oft nur die eigene Berührungsangst hierzu aus. Aber auch hier können Gespräche mit Kindern für erwachsene Menschen durch eine andere Sichtweise heilsam sein.
 

5. Trauer bei Kindern

Ob und wie ein Kind trauert, ist abhängig von der Beziehung oder Abhängigkeit, die zu dem verstorbenen Menschen oder Tier bestand. Zeichen der Trauer können Tränen, aber auch Wut, Aggression, Depression, Schweigen, Überaktivität und vieles mehr sein. Jede Form der Trauer ist erst einmal normal, man kann keinem Menschen vorschreiben, wie man richtig oder falsch trauert. Allerdings ist es z.B bei Aggressivität wichtig, darauf zu achten, dass das Kind sich und anderen keinen Schaden zufügt.

Eltern berichten manchmal besorgt, dass die Erzieherin professionelle Trauerhilfe empfohlen hat, weil das Kind nach dem Tod des Opas nun schon mehr als 6 Wochen traurig ist.

Hier sei noch einmal deutlich gesagt: Es gibt keine festgelegte Trauerzeit. Ein Kind kann und darf sogar ein Leben lang von Zeit zu Zeit traurig sein, dass der geliebte Opa nicht mehr da ist. Es sollte nur nicht ständig trauern!

Den Tod des Ehepartners, das Ende einer leidenschaftlichen Beziehung betrauern erwachsene Menschen doch ebenfalls unterschiedlich lange. Traurig sein können (und dürfen) bedeutet nicht, depressiv zu sein.

Professionelle Trauerhilfe ist jedoch immer dann notwendig, wenn sich ein trauernder Mensch in seinem Wesen zum Nachteil verändert. Ein fröhliches Kind findet keinen Grund mehr zu lachen, der Freundeskreis hat sich aufgelöst, es kommen keine Kontakte mehr zustande, man hat keine Interessen mehr an Aktivitäten.

Hier ist es oft angebracht, wenn Hilfe von außen in Form von Begleitung in die Familie gebracht wird. Trauerbegleitung empfiehlt sich auch immer dann, wenn ein plötzlicher, in das Familiensystem eingreifender Tod eintritt, ein Geschwisterkind stirbt oder die Familie aus weiteren Gründen sich nicht mehr untereinander helfen kann.
 

6. Trost

Oft neigen Erwachsene dazu, Kinder nach einem Sturz zu trösten: “ Es tut doch gar nicht weh! Hier hast du ein Bonbon.“ Wer schon einmal hingefallen ist und eine Schürfwunde am Knie hatte weiß, wie weh es tut. Da muss man weinen und jammern dürfen, es ist eine normale Reaktion die gut tut, meist aber durch Bonbons und anderes abtrainiert wird. Eine Zuwendung in Form: “Das tut aber auch bestimmt furchtbar weh! Komm wir setzen uns mal hin, vielleicht wird es etwas besser“, bestärkt das Kind in seiner Wahrnehmung und ist als Trost angemessener. Signalisieren Sie einfach: “Ich habe etwas Zeit für dich. Ich bin jetzt bei dir.“

Jede Träne die geweint wird, jede Erinnerung, Wut und Not die ausgesprochen wird, hilft großen und kleinen Menschen, Trauer gesund zu verarbeiten.
 

7. Hoffnungsbilder, Lebenskreisläufe kennen lernen

Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema Abschied, Sterben, Tod und Trauer, aber auch Hoffnungsbilder der Auferstehung, Wiedergeburt, Weiterleben etc. anhand von Naturbeispielen zu erleben.

Der kahle Baum im Winter – die Blüten im Frühling – die Früchte im Sommer – die Farbenpracht im Herbst: Niemand, der im Winter das 1. Mal in seinem Leben einen Baum sehen würde, könnte sich diese Verwandlung vorstellen. Doch wenn es in der Natur solche Möglichkeiten gibt, steigt dann nicht die Wahrscheinlichkeit, dass auch nach dem Tod Verwandlung geschehen kann? Das weiß natürlich keiner, aber 100%ig ausgeschlossen ist es durch diese Beispiele nicht mehr.

Den Tod in den Lebensalltag miteinzubeziehen ist für Kinder und Erzieherinnen eine Bereicherung, keine traurige Angelegenheit.

In der Seminararbeit kann ich immer wieder feststellen, wie ideenreich, praxisnah, wie gefühlsbezogen und deshalb lebendig, ErzieherInnen das Thema im Kindergarten umsetzen können; ermutigt durch Information und Praxisanregungen auch eigene Gedanken und Ideen einzubringen.

Es ist gar nicht so schwierig, wenn wir uns eben nicht bemühen, jemandem unsere Überzeugung aufzuzwingen, sondern einfach von den Dingen reden, von denen wir tief überzeugt sind. Von unserem Menschen-, vielleicht auch dem Gottesbild und davon, wie beides unsere Überzeugung und Hoffnung bestimmt. Auch, wenn wir von unseren Zweifeln berichten.

Fragen und Suchen, auf dem Weg sein, sich verändern – ebenfalls eine Form von Verwandlung.
 

8. Was ist zu tun, wenn ein Todesfall in der eigenen Kindertageseinrichtung eintritt?

Neben dem Schrecken, Entsetzen und der Trauer reagieren viele Kindergartenteams mit Unsicherheit:

Sprechen wir mit den Kindergartenkindern darüber? Mit allen? Wie? Wie und worüber informieren wir deren Eltern? Warten wir darauf, dass sich die Eltern des verstorbenen Kindes bei uns melden oder gehen wir zu ihnen? Was sagen wir? Ist es schlimm, wenn wir dort weinen müssen? Gehen wir zur Beerdigung – mit Kindern und Eltern? Können wir die Trauerfeier mitgestalten? Wie gehen wir mit der Trauer, den Ängsten der Kinder – aber auch ihrer Eltern um? Wie können wir persönlich, aber auch als Erzieherinnen im Team mit unserer Trauer leben?
Information

Stirbt in einer Kindertageseinrichtung ein Kind, ist es wichtig, dass das Kindergartenpersonal darüber informiert wird oder sich Informationen aus zuverlässiger, seriöser „Quelle“ besorgt. Dies hat nichts mit Sensationshascherei zu tun. Betroffene Angehörige übersehen jedoch oft die Tatsache, dass Kindertageseinrichtungen meist neben der Familie der Ort sind, wo Kinder die meisten Stunden am Tag verbringen. Erzieherinnen sind oft sehr wichtige Bezugspersonen der Kinder.

Gerüchte und Vermutungen, die schnell aufkommen, werden im Keim erstickt, wenn man weiß, warum das Kind starb. War es ein tödlicher Unfall, ein Mord, das Ende einer schweren Krankheit, ein unerwarteter Tod?
 

Kontakt mit der Familie, Aussprechen des Mitgefühls

Bevor man weitere Überlegungen für Gedenkfeier, Beerdigung und Abschiedsrituale anstellt, sollten die zuständigen Erzieherinnen die Eltern besuchen. Dies ist sicherlich kein leichter Besuch, jedoch darf man sich nicht darum drücken aus Sorge, den Eltern zu nahe zu treten, aus Angst vor eigenen Tränen (die ruhig mit den Eltern geweint werden dürfen) oder großer Unsicherheit, die das Herz bis zum Halse schlagen lässt.

Trauernde Menschen erfahren es immer wieder, dass sich Bekannte, Freunde, sogar Verwandte von Ihnen zurückziehen. Ihnen fällt der Umgang mit Trauernden zu schwer. Also erfahren Trauernde neben der Verlassenheit durch den Tod zusätzlich eine soziale Isolation.

In ihrer Trauer sind sie oft nicht in der Lage, selbst Hilfe zu holen. Sie benötigen ehrliche Menschen, die auf sie zugehen, die zuhören und damit schon damit trösten können. Die auch mitfühlen und sich eigener Tränen nicht schämen. Erzieherinnen sind natürlich durch den Beruf Grenzen in der Begleitung gesetzt. Jedoch kann ein Kindergartenteam die Familie auf Bücher, mögliche Selbsthilfegruppen und professionelle Begleiter, auch auf Hospizgruppen vor Ort aufmerksam machen.
 

Buchvorschläge

Sachbücher:

• „Tabuthema Trauerarbeit, Erzieherinnen begleiten Kinder bei Abschied, Verlust und Tod“ von Margit Franz im Don-Bosco-Verlag (2002)

• „Mit Kindern trauern“ von Gertraut Finger im Kreuz-Verlag (2001)

• „Kinder trauern anders“ von Gertrud Ennulat im Herder-spektrum-Verlag (2003)
Bilderbücher

• „Leb wohl, lieber Dachs“, ab 3J., Annette Betz-Verlag, (Fabel, Tod, Trauer, Erinnerung) (1984)

• „Wo die Toten zu Hause sind“ ab 4J., Tyrolia-Verlag, (Leben nach dem Tod bei Gott) (2004)

• „Abschied von der kleinen Raupe“, ab 3 J., echter-Verlag, (Die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling, Sterben und Weiterleben) (1998)

• „Großvater und Ich und die Geschichte mit dem kleinen Kätzchen“, Fotobilderbuch, Tod der Katze, später Tod des Großvaters, ab 4J., Brunnen-Verlag (1982)

• „Hat Opa einen Anzug an? ab 5 J., Hanser-Verlag, Wahrnehmung eines Kindes von Tod und Trauer, gelungene Sach-Geschichte, ein Buch, das erklärt und viele Fragen aufgreift (1997)

• „Warum, lieber Tod?“ ab 5 J., Rößler-Verlag, Ohne Schatten kein Licht: Gegensätze werden deutlich gemacht (2002)

• Von Sterben, Tod und Beerdigung den Kindern erzählt, Mischung zwischen Sach- und Bilderbuch, ab 5J., Butzon & Bercker-Verlag (2002)
 

Autorin

Mechthild Schroeter-Rupieper ist verheiratet und Mutter von 3 Söhnen und einer Pflegetochter, Erzieherin, langjährige freiberufliche Fortbildnerin und Trauerbegleiterin. Sie setzt ihren Schwerpunkt auf die Stärkung und Begleitung von Erziehenden, Pflegenden und Seelsorgern aus dem sozialen Umfeld von Kindern und Jugendlichen und geistig behinderten Menschen. In ihrer Praxis Lavia Institut für Familientrauerbegleitung in Gelsenkirchen begleitet sie ebenfalls Menschen jeden Alters vor einem anstehenden Tod und in der Zeit danach.

Autorin des Buches “Für immer anders. Das Hausbuch für Familien in Zeiten der Trauer und des Abschieds.”
 

Kontakt

Mechthild Schroeter-Rupieper
Weidekamp 16
45886 Gelsenkirchen
Tel: 0209 17 02 777
Fax: 0209 17 02 880

E-Mail
Internet
 

Erstellt am 18. Oktober 2005, zuletzt geändert am 19. November 2013