Hilfreiche Unterstützung für trauernde Kinder

Stephanie Witt-Loers

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Tod und Trauer sind für viele Erwachsene noch immer Tabuthemen, die Ängste und Unsicherheiten auslösen. Oft sind Bezugspersonen selbst betroffen und mit ihrer eigenen Trauer belastet. Mit trauernden Kindern umzugehen und sie hilfreich zu begleiten fällt deshalb häufig besonders schwer. Der vorliegende Artikel möchte Möglichkeiten aufzeigen, wie trauernde Kinder unterstützt werden können. Dabei sollen Unterstützungsmöglichkeiten die jeder geben kann, aber auch professionelle Hilfen in den Blick genommen werden, denn auch Kinder machen Trauererfahrungen und müssen lernen damit umzugehen. Sie brauchen Menschen, die sie in ihrer Situation sensibel wahrnehmen und sie auf ihrem ganz persönlichen Weg der Trauer begleiten.

Kinder trauern

Erwachsene glauben manchmal, dass Kinder den Tod eines nahestehenden Menschen nicht wahrnehmen, sie nicht trauern oder es besser sei, Kinder von diesen Erfahrungen zu verschonen. Der Tod eines nahestehenden Menschen ist für Kinder jeden Alters jedoch ein emotional spürbares und auch im Alltag oft folgenschweres Ereignis. Auch wenn Kinder noch jung sind nehmen sie den Tod und die damit verbunden Veränderungen bei sich selbst, ihren Bezugspersonen und die zusätzlichen Belastungen im Alltag sensibel wahr.

Kinder und Jugendliche wahrnehmen

Ein wichtiger Schritt der Unterstützung ist schon getan, wenn trauernde Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer und Lebenssituation wahr- und ernst genommen werden. Dementsprechend können sie ihrer Entwicklung und ihren Bedürfnissen entsprechend begleitet und mit für sie wichtigen Informationen versorgt werden.

Lisas Mutter trauert um ihren verstorbenen Mann und ist zudem mit den durch den Tod entstandenen Konsequenzen im Alltag sehr belastet. Lisa, ihre Tochter, ist 2 Jahre alt und kann die Bedeutung und Konsequenz von tot sein noch nicht verstehen, sie weiß noch nicht, dass ihr Papa nicht mehr wieder kommen wird, aber sie vermisst ihn und nimmt schmerzlich wahr, dass ihre Mutter nicht wie gewohnt sofort auf Lisas Bedürfnisse reagiert, sie abends nicht zu Bett bringt, ihr insgesamt weniger zugewandt ist.

Lisa reagiert mit Verunsicherung, Schlafstörungen und Weinen. Körperliche, seelische und Reaktionen im Verhalten sind normale Reaktionen auf einen schweren Verlust. Lisa braucht wie andere trauernde Kinder auch viel Zuwendung und Zuneigung, um mit dem Verlust und den daraus entstanden Konsequenzen zurecht zu kommen. Hilfreich ist es für Lisa und trauernde Kinder überhaupt, wenn nach dem Tod eines nahestehenden Menschen Alltagsstrukturen, z. B. bei der täglichen Versorgung und Rituale wie das „zu Bett bringen“, sowie feste Bezugspersonen möglichst erhalten bleiben.

Mit zunehmendem Alter und fortschreitender Entwicklung wird Lisa mehr und mehr verstehen, was Tod bedeutet. Nach und nach wird sie wissen, dass der Tod endgültig ist, alle Lebewesen sterben müssen und der Tod biologische Ursachen hat. Sie wird sich im Laufe ihres Lebens immer wieder neu mit dem frühen Tod ihres Vaters auseinandersetzen. Dafür benötigt sie über einen langen Zeitraum ihrer Entwicklung entsprechende, sachliche und klare Informationen sowie Unterstützung und das Verständnis ihres sozialen Umfelds. Werden Kinder nicht informiert, machen sie sich eigene Vorstellungen und Bilder, die oft beängstigender sein können als die Realität selbst. Auch wenn Eltern versuchen den Tod oder die Todesumstände geheim zu halten, werden Kinder spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie werden unsicher, beziehen das Verhalten der Bezugspersonen auf sich und verlieren das Vertrauen zu ihren Eltern. Deshalb ist es besser, Kindern ehrlich gegenüber zu treten, auch wenn es nicht auf alle Fragen im Zusammenhang mit Sterben, Tod und Trauer eine Antwort geben wird. Kinder quälen sich häufig mit Gedanken von Schuld. „Hätte ich die Oma öfter besucht, wäre sie sicher nicht gestorben.“ Kinder brauchen die Bestätigung, dass sie keine Schuld am Tod tragen.

Stein_PAPAWesentlich ist auch, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, den Verlust für sich zu begreifen, sich vom Verstorbenen zu verabschieden (noch etwas sagen, mitgeben, berühren, an der Trauerfeier teilzunehmen) sowie den Abschied aktiv mitzugestalten. Sie müssen ihren Gefühlen, Gedanken und Ängsten Ausdruck verleihen können, um sich in ihrer veränderten Lebenswelt wieder zu Recht zu finden.

FingerfarbenBezugspersonen können ihren Kindern altersentsprechende Angebote zu kreativem Tun, (wie z.B. zum Thema malen, schreiben, basteln, gemeinsam ein Buch lesen) anbieten. Zudem unterstützen Bewegung oder gemeinsame Rituale in der Familie (an der Trauerfeier teilnehmen und beteiligen, Besuch am Grab oder Unfallort, Kerze für den Verstorbenen anzünden, besondere Tage gemeinsam gestalten) den Trauerprozess des Kindes hilfreich.

Mit Kindern über den Verstorbenen zu sprechen, sich an ihn und gemeinsame Erlebnisse zu erinnern ist ein wichtiger Aspekt im Trauerprozess. Der Verstorbene darf weiterhin einen Platz im Leben des Kindes einnehmen und das Kind sich mit ihm verbunden fühlen, ohne dass der Tod als Fakt verleugnet wird. Eine positiv empfundene Verbundenheit mit dem Verstorbenen stärkt Kinder wie Erwachsene. Oft ist es für Trauernde, ob Klein oder Groß von Bedeutung im Nachhinein noch etwas über den Verstorbenen zu erfahren und Gegenstände zu bekommen, die an den Verstorbenen erinnern.

Informieren und Unterstützung in Anspruch nehmen

Zwar trauert jeder Mensch anders und geht eigene Wege in seiner Trauer, dennoch gibt es ähnliche Reaktionen und Prozesse, die in der Bearbeitung der Trauer bei vielen Menschen immer wieder auftauchen. Darüber informiert zu sein, kann dazu beitragen sich selbst, sowie trauernde Kinder besser verstehen und begleiten zu können. Hier bieten sich inzwischen vielfältige Möglichkeiten, um an Informationen zu gelangen: z.B. Literatur zum Thema, Internetseiten, Vereine und Verbände die trauernde Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen unterstützen, Selbsthilfegruppen, Trauerbegleiter, Seelsorger, Psychologen oder Hospize. Besonders ältere Kinder und Jugendliche sind entlastet und dankbar, wenn sie informiert werden über mögliche Trauerreaktionen. Sie sind erleichtert zu hören, dass viele beängstigende Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen die auftauchen normal sind und zum Trauerprozess gehören. So beruhigt es Rene (12 Jahre) zu erfahren, dass sein Einnässen und seine sehr intensiven nächtlichen Träume nach dem Tod seines Bruders Jona vorübergehende Trauerrektionen sind. Zudem sollten Eltern und Bezugspersonen sich auch nicht schämen, praktische Hilfe von außen (Essen kochen, einkaufen, Fahrtdienste übernehmen, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Beaufsichtigung der Kinder, Hilfe bei formellen Angelegenheiten) oder professionelle Trauerbegleitung in Anspruch zu nehmen.

Trauernde Bezugspersonen sollten gut für sich selbst sorgen

Spüren trauernde Kinder, dass ihre Eltern in ihrer eigenen Trauer und ihrem Schmerz trotzdem gut für sich sorgen, sich um ihre Gesundheit, Stabilität und Ressourcen kümmern oder selbst Unterstützung in Anspruch nehmen, wird es Kindern leichter fallen, sich auf ihren eigenen Trauerprozess einzulassen. Sie haben dann nicht das Gefühl, dass sie ihre Bezugspersonen mit ihrer eigenen Trauer verschonen müssen. Zudem wird dieses fürsorgliche Verhalten der Erwachsenen im Umgang mit sich und der Trauer auf das Kind abfärben. Dies gilt ebenso für eine Grundhaltung der Bezugspersonen, die vermittelt, dass sie sich trotz der Schwere der Situation zutrauen, mit der neuen Lebenslage zurecht zu kommen.

Zeit für Trauer – Zeit für Freude

SchiffchenFür Kinder wie für Erwachsene sind Trauerprozesse körperlich und seelisch anstrengend. Deshalb benötigen sie neben den Zeiten in denen getrauert wird, auch Zeiten und Räume in denen sie ihre Kräfte stärken können, in denen sie Freude erleben. Gefördert werden sollten darum Dinge die Spaß machen. (spielen, Freunde treffen, Hobbys nachgehen, Kino…) Kindern hilft es, wenn sie die ausdrückliche Erlaubnis von ihren Bezugspersonen bekommen, sich Zeit für schöne Dinge die Freude machen zu nehmen.

Der Verlust darf auch nach langer Zeit noch wehtun

Oft glauben Erwachsene, dass es mit der Trauer bei Kindern nach einiger Zeit wieder gut und die Trauer abgeschlossen sei. Weil Kinder sich ihren Fähigkeiten entsprechend aber immer wieder neu mit dem Verlust und den daraus entstandenen Konsequenzen auseinandersetzen, benötigen sie auch in folgenden Lebensphasen Zeit, Raum, Ausdruck und eine verständnisvolle Umgebung, die es ihnen ermöglicht, um das, was sie verloren haben, um das, was nie sein wird zu trauern und das Geschehene in ihre Lebensbiografie einzuordnen.

Offen sein in der Familie

Kindern fällt es leichter ihren eigenen Umgang mit der Trauer zu finden, wenn mit Gefühlen und Gedanken im Zusammenhang mit dem Verlust in der Familie offen umgegangen wird. Hilfreich ist es trauernde Kinder zu fragen, wie sie sich in der neuen Lebenssituation fühlen, was besonders schwer fällt, was ihnen helfen würde. Kinder fühlen sich dann von ihren Eltern wahr- und ernst genommen. Bezugspersonen sollten zudem darauf achten, dass Kinder keine Rollen oder Aufgaben übernehmen, die ihnen nicht entsprechen. (Vater, Mutter oder Geschwister ersetzen). Hilfreich wäre es für alle Familienmitglieder, wenn sie es schaffen würden, sich gegenseitig in der persönlichen und oft sehr unterschiedlichen Art zu trauern zu respektieren und den Weg, den jeder für sich findet, zu würdigen.

Soziales Umfeld informieren

Ist das soziale Umfeld (Freundeskreis, Kita, Lehrer) über den Tod und die damit verbundenen Konsequenzen für das Kind informiert, kann das trauernde Kind auch hier wichtige Unterstützung, Verständnis, und Zuwendung in seinem Trauerprozess erfahren. Aus der eigenen Betroffenheit heraus sind trauernde Bezugspersonen meist nicht in der Lage, solche Informationen selbst weiterzugeben. Hier, aber auch wenn Eltern sich nicht zutrauen die Todesnachricht oder die Begleitung bei der Trauerfeier zu übernehmen, sollten sie sich Unterstützung von außenstehenden Menschen holen.

Trauergruppe für Kinder

TrauergruppeOft teilen Kinder ihren Bezugspersonen ihre Sorgen, Ängste und Gefühle in der Trauer nicht mit, um diese nicht zusätzlich zu belasten. In einer Kindertrauergruppe bekommen Kinder die Möglichkeit mit außenstehenden Menschen über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen und werden durch Gespräche, Impulse, Texte, Musik, Filme und kreative Angebote in ihrem individuellen Trauerprozess begleitet. Hier finden sie Raum und Zeit für den Ausdruck ihrer Gefühle und Erinnerungen. Zudem ist ein Ziel der Trauergruppe auch positive Aspekte in der Trauer (Liebe, Dankbarkeit, schöne Erinnerungen) sowie persönliche Fähigkeiten und Ressourcen wahrzunehmen und diese zu stärken. So können wichtige Hilfen in der Bearbeitung der Trauer aktiviert werden. Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Trauergruppe ist die Erfahrung, dass Kinder ihre Gedanken, Gefühle und Sorgen mit anderen die ähnliches erlebt haben teilen und ihre Erfahrungen austauschen können. Gleichzeitig kann die Trauergruppe und idealerweise die gleichzeitige Begleitung der Bezugspersonen, die gesamte Familie durch Informationen, die Ermutigung einander Gedanken und Gefühle mitzuteilen, Verständnis und Respekt in der schweren Situation füreinander zu schaffen, in ihrem Trauerprozess unterstützen.

Einzelbegleitung

Kindern die in einer Trauergruppe nicht gut aufgehoben sind, weil sie vielleicht mehr oder eine andere Unterstützung benötigen, bietet sich die Möglichkeit einer Einzeltrauerbegleitung. Zudem können Kinder in einer Einzelbegleitung auch schon vor dem absehbaren Tod einer Bezugsperson begleitet werden. So kann das Kind altersentsprechend auf den Tod vorbereitet und der unabänderliche Abschied so gut wie möglich gestaltet werden. Eine Einzelbegleitung oder Trauergruppe kann auch nach Jahren noch wichtig sein, z.B. dann, wenn das Kind beim Verlust noch sehr jung war oder es keine Möglichkeit gab Abschied zu nehmen.

Literatur

Röseberg, Franziska / Müller, Monika (Hg.) (2014), Handbuch Kindertrauer. Die Begleitung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Oerter, R. u. Montada, L. (2008). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz Psychologie Verlags Union.
Paul, C. (2011) Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung. Hintergründe und Erfahrungsberichte für die Praxis. Gütersloh. Gütersloher.
Holzschuh, W. (2000). Geschwistertrauer, Erfahrungen und Hilfen aus verschiedenen Praxisfeldern. Regensburg. Friedrich Pustet
Worden, W. (2011). Beratung und Therapie in Trauerfällen. Bern: Hans-Huber
Rechenberger, P., Fischinger E. (2008). Kursbuch systemische Trauerbegleitung. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
Specht, M. , Tropper (2012) Zeit zu trauern. Kinder und Erwachsene verstehen und begleiten. Ostfildern. Patmos.
Witt-Loers, St. ( 2010) Trauernde begleiten. Göttigen. Vandenhoeck und Ruprecht
Witt-Loers, St. Halbe, B. (2013). Kindertrauergruppen leiten – ein Handbuch. Gütersloh: Gütersloher.

Anmerkung: für alle Fotos in diesem Beitrag liegt das Copyright beim Institut Dellanima.

Autorin

Stephanie Witt-Loers, verheiratet, drei Kinder, ist Trauerbegleiterin, Kinder- und Familientrauerbegleiterin, Dozentin, Buchautorin, Leiterin von Kindertrauergruppen sowie Trauerbegleiterin im Auftrag verschiedener Jugendämter und Kinderheime. Sie leitet das Institut Dellanima, bietet Fortbildungen, hält Vorträge, berät und begleitet Schulen und Kitas in akuten Krisenfällen oder präventiv. In ihrer Praxis bietet sie Einzel- und Gruppentrauerbegleitung für Menschen jeden Alters an. Bisherige Buchveröffentlichungen: „Sterben, Tod und Trauer in der Schule“ , „Trauernde begleiten“ , Beiträge in „Er wischt die Tränen ab von jedem Gesicht“ , „Trauernde Jugendliche in der Schule“, „Kindertrauergruppen leiten – Ein Handbuch“ .

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Erstellt am 15. Oktober 2013, zuletzt geändert am 15. Oktober 2013