Bist Du dann für immer weg?“ – Umgang mit Tod und Trauer in der Schule

Mechthild Schroeter-Rupieper
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„Ein Problem damit haben wir nicht, aber …“

Bis zum 18. Lebensjahr sehen Kinder und Jugendliche aufgrund von Fernsehen, Computerspielen und Gameboys über 250.000 Leichen. Stirbt jedoch die eigene Großmutter, dürfen viele Kinder sie meist nicht mehr sehen und sich verabschieden. „Nein, das ist nichts für Kinder“, so eine der Eltern-Erklärungen. Aus diesem Grund werden sie dann auch nicht mit zur Beerdigung genommen. „Zum Glück ist dieses Thema bei uns nicht aktuell“ oder: „Nein, für dieses Thema ist kein Bedarf angemeldet“, sind häufig Reaktionen von Schulämtern auf das Angebot von Lehrerseminaren zu Abschied, Tod und Trauer.

Das Umfeld stärken

Doch, es gibt ihn: Den Bedarf nach einer Auseinandersetzung mit Tod und Trauer in der Schule! Neben der alltäglichen Konfrontation, wie sie eingangs benannt ist, stellen Kinder in jedem Alter, in jeder Schulform, entwicklungsbedingt Fragen dazu. Lehrer reagieren oft hilflos, da sie nicht wissen, wie viele und welche religiösen Inhalte sie den Schülern und sich selbst „zumuten“ können und dürfen – und ob überhaupt.

Jüngere Schüler stellen oft neugierige Fragen zum Thema, da sie sich ohne Vorbehalte und Konventionen der Thematik nähern. Ältere Schüler dagegen haben den Tod biologisch verstanden, setzen sich aber häufig mit dem Sinn und Wert des Lebens auseinander und hinterfragen christliche Auferstehungsbilder. Dennoch wird die Auseinandersetzung mit dem Tod auch von Schülern nicht unbedingt als Bedarfsthema benannt, da es sie manchmal persönlich unsicher macht und Emotionalität für Jugendliche selbst aus einem bestimmten Anlass oft „uncool“ ist.

Schule als Ort täglicher sozialer Begegnungen

An der Schule, wo Beziehungen gelebt werden, soll auch getrauert werden. Wird jemand aus der Klassengemeinschaft herausgerissen, kann die Schule in der Trauerbewältigung nicht ausgespart werden.

Lehrer und Klassenkameraden sind die „zweite Familie“ eines Kindes. Sie sind diejenigen, die unterstützen sollen, Trauer aushalten müssen, aber auch aufklären oder Kontaktadressen für Begleitung benennen können. Lehrer dürfen traurig, erschrocken und entsetzt sein, sie dürfen eigene Hilflosigkeit zugeben – aber sie sollen wissen, dass sie sich mit einer Trauersituation auseinandersetzen müssen, egal ob sie Hilfe dazu holen oder sich mit Schülern und dem Kollegium gemeinsam auf einen Weg machen.

Todesvorstellungen – je nach Alter unterschiedlich

Todesvorstellungen von Kindern und besondere Erscheinungsformen von Trauer gehören zum psychologischen Hintergrundwissen, über das Lehrer als Miterziehende verfügen sollten. Bis zum Grundschulalter verstehen Kinder den Begriff „Tod“ nicht, wenn sie ihn noch nicht in ihrer nächsten Umgebung erlebt haben.

Der Tod ist für sie ein Ereignis, das anderen zustößt: dem Vogel oder der alten Nachbarin. Das haben sie schon gehört oder erlebt. Der eigene Tod oder der des Vaters ist noch nicht vorgekommen, demnach gibt es ihn für sie nicht. Die Endgültigkeit des Todes wird lange nicht begriffen, weil Kinder noch keine endgültigen Zeiträume kennen gelernt haben, wie Erwachsene sie kennen. Sie glauben, „tot sein“ ist wie eine schwere Krankheit, aber auch davon wird man irgendwann gesund.

Es ist wichtig, genau und gut zu beschreiben, woran jemand gestorben ist. Lehrkräfte sollten deutlich machen, dass Sterben nicht wie Schlafen ist – Schlafen könnte damit zur gefährlichen, Angst besetzten Sache werden. Lehrerinnen und Lehrer sollten auch Gründe für das Sterben benennen: Alter, Krankheit, Unfälle und Katastrophen. Machen Sie hierbei immer deutlich, dass niemand stirbt, weil man etwas Böses gedacht oder gesagt hat. Jüngere Kinder glauben manchmal, dass sie den Tod durch schlechtes Verhalten selbst verursacht haben.

Eine gute Gelegenheit, kindgemäße Fragen zu beantworten, ergibt sich durch den Tod eines Tieres. Hier können die Kinder sehen und begreifen, dass der Körper aufgehört hat zu funktionieren. Sie sehen und verstehen, dass das tote Tier nicht mehr laufen, atmen, fühlen oder Geräusche machen kann.

Grundschulkinder haben eine ausgeprägtere Vorstellung vom Tod, entwickeln aber eventuell aufgrund dessen beim Eintreten davon unbekannte Gefühle wie Verwirrung, Trennungs- oder Zukunftsängste, Deprimiertheit und Schuld. Auch ist das Thema Verwesung für sie interessant: Was passiert da unter der Erde? Ab wann ist man ein Skelett? Man könnte Kindern z.B. Verwesung anhand eines Komposthaufens erklären. Das ist ein natürlicher Vorgang, in der Regel nicht eklig oder beängstigend. Um dem Kind Sicherheit und Unterstützung zu geben, sollten alle Fragen so wahrheitsgemäß wie möglich beantwortet werden. Oft wiederholen sich Fragen immer wieder. Hier ist es wichtig, gelassen zu bleiben, immer wieder geduldig zu antworten, bis das Kind beginnt, das oftmals Unglaubliche zu verstehen.

Auch Gespräche mit religiösem Inhalt werden wichtig und der Gedanke an eine Trennung von Körper und Seele kann tröstlich wirken. Die Gedanken anderer, z.B. was nach dem Tod kommt oder ob man eine Seele sehen kann, haben für Kinder eine große Bedeutung. Hier wird auch der Lehrer in seiner Authentizität gefragt, nicht als Belehrender. Er kann Halt geben, indem er seine eigenen oder allgemeine religiöse Sichtweisen benennt, Gleichnisse aus Büchern oder Texte aus der Bibel anbietet. U. a. die Textstellen: Johannes14, 19c „Ich lebe und ihr sollt auch leben“, Jeremia 33,6:“…Siehe, ich will sie heilen und gesund machen…“, Offb. 21,4: “Gott wird abwischen alle Tränen…“, Matthäus 26,29: „…bis ich neuen Wein mit euch trinken werde in meines Vaters Reich.“, aber auch Lob- und Klagepsalmen können bei einer Auseinandersetzung einen Weg aufzeigen.

Sowohl das gemeinsame Gebet in der Klasse, wie auch Anregungen zum persönlichen Gebet (mit der Benennung einer Austauschmöglichkeit darüber), können Schülern weiterhelfen. Das Bilderbuch „Wo die Toten wohnen“ bezieht sich auf die Aussage von Jesus (Joh.14, 2-3) “In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Ich gehe voraus und bereite alles für euch vor.“. Das Bilderbuch (ab 4J.) bietet dem Leser verschiedene Bilder über ein mögliches Leben bei Gott an und ist wie ein Märchen zur Gesprächseinstiegsanimation für sämtliche Schulformen geeignet. In der Auseinandersetzung mit dem Sterben kommt auch immer wieder die Frage auf: „Wie kann Gott (der”liebe Gott “) das zulassen?“ oder: „Wenn er wirklich allmächtig ist, hätte er etwas dagegen unternommen.“ Eine häufige Folgerung ist dann: „Also gibt es keinen Gott, so einen Gott brauche ich nicht.“ Durch Unterrichtsinhalte wie z.B. „Verantwortung für die Schöpfung“, „Gottes Verantwortung – Eigenverantwortung – Teamgeist?“ „Der liebe Gott und der Schutzengel – wo waren sie denn?“ wird der Lehrer, der vielleicht selber mit diesem Gedanken durch erlebtes Leid hadert, neben Lehrinhalten wieder in seiner Authentizität gefragt.

Die Geschichte „Spuren im Sand“ bietet hier ein gutes Bild an. Es wird ein Gott (ein Schutzengel) aufgezeigt, der mich nicht, wie in der Versicherungswerbung, aus einer unumkehrbaren Situation herausreißt, sondern mich auf seine Schultern nimmt, bei mir ist, mir eine Situation ertragen hilft. Im Rückblick, auch auf ein relativ kurzes Schülerleben, kennt sicherlich jeder mind. eine Situation, die er überstanden hat, auch wenn es in dem Augenblick unmöglich erschien. Durchhaltevermögen, eine geistige oder körperliche Kraft könnten ein Bild für Begleitung ergeben.

Niemand kann wissen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, aber fast jeder hat eine eigene Vorstellung davon oder er glaubt und kann diesen Glauben weitergeben. Man kann den Schülern vielfältige Bilder vermitteln, indem sie Ihre Vorstellung, aber auch die anderer Menschen oder Kulturen benennen. Es ist gleich, welchem konkreten Glauben das fragende Kind angehört. Kinder und Jugendliche fragen nicht x-beliebige Personen: Die gefragte Lehrperson sollte sich hier über das Vertrauenskompliment freuen und so ehrlich und authentisch wie möglich sein.

Jugendliche verstehen den Tod als einen endgültigen Verlust, ein abschließendes und unausweichliches Ereignis. Ihr Interesse an diesem Thema lässt mit dem biologischen Wissen nach, denn der Tod bedeutet genau das Gegenteil von dem, was in ihrem Leben gerade wichtig ist: Freundschaft, Liebe, Disco, etc. Gleichzeitig setzen sie sich aber auch mit dem Sinn des Lebens und unter Umständen auch mit Möglichkeiten des Selbstmords auseinander. Sie verstehen Zusammenhänge ähnlich wie Erwachsene, jedoch ist ihre Gefühlswelt pubertätsmäßig anderen Bedingungen unterworfen. Ihre Reaktionen auf den Verlust einer nahe stehenden Person können vom Rückfall in kindliche Verhaltensweisen bis hin zum Suizidgedanken reichen. Der Jugendliche braucht die Unterstützung seiner Eltern und Lehrer bei der Trauerbewältigung, auch wenn er nach außen völlige Autonomie demonstriert.

Das magische Denken, bekannt aus der Kindheit, was besagt, dass durch die Kraft von Worten, Gedanken oder Ritualen eine Situation entstehen oder gebannt werden kann, gewinnt auch in der Pubertät wieder an Bedeutung. Wird aus dem Erziehungsumfeld keine sinnhafte Unterstützung angeboten, besteht die Möglichkeit, dass der Jugendliche sich Sekten oder Gemeinschaften anschließt, die ihm auf Dauer nicht gut tun, sondern schaden.

Neben der Einbeziehung in Planung und Durchführung von Abschiedsritualen braucht er auch den Freiraum, sich mit Freunden zu treffen und Hobbies nachzugehen. Es muss möglich sein, nach dem Tod der Mutter tanzen, „abtanzen“ zu gehen: wo würden die Emotionen stecken bleiben, was könnten sie alles verursachen, wenn nicht jeder einen Weg für sich sucht, sie herauszulassen? Zum Beispiel in Sprachlosigkeit, Depressionen, Magen-Darm- oder Herzkreislauferkrankungen, Angst- und Schlafstörungen, Leistungsverweigerung, aggressivem Verhalten etc. Für den Jugendlichen kann das Tanzen, ein möglicher Weg sein, der Erwachsene sucht vielleicht das Gespräch, das Gebet, Musik, den Spaziergang. Doch auch für ihn muss das Tanzen nicht ausgeschlossen sein, wenn er sich von dem Gedanken „Das macht man doch nicht!“ oder „Was sagt denn die Nachbarschaft dazu?“ befreit. Alles das, was in der Trauerbewältigung gut tut und andere nicht verletzt, ist akzeptabel.

Wissens- und Glaubensvermittlung – auch eine Aufgabe der Schule

Der Biologie- und Deutschunterricht kann sich zu dem Thema Tod mit wissenschaftlichen Untersuchungen und biologischen Vorgängen, der Religions-, Psychologie- und Ethikunterricht mit der Glaubensvermittlung auseinandersetzen. Im Musik-, Kunst-, Sprach- und Sportunterricht können diese Vermittlungen und der Ausdruck vielfältiger Gefühle auf einer anderen Ebene stattfinden.

Die präventive Auseinandersetzung mit Abschied, Sterben, Tod und Trauer kann u.a. durch Bücher, Geschichten, religiöse Feste, Gedenktage, Nachrichtenmeldungen, Vorgänge in der Natur ermöglicht werden. Trotz Prävention wird gleichzeitig immer auch die Aktualität deutlich, da man sich niemals nur allein mit dem Tod beschäftigen kann: Der Tod ist ein Teil unseres Lebensalltags, jederzeit sichtbar in den Naturkreisläufen – aber auch in jeder Nachrichtensendung. Spannend ist auch immer wieder das Erleben für Lehrer, dass der Unterricht oft durch die überraschend rege und interessierte Beteiligung zum „Selbstläufer“ innerhalb der Strukturierung wird. Während sich ein Kind mit dem Sterben beschäftigt, erkennt es: Ereignisse sind nicht immer schwarz oder weiß, nicht immer nur fröhlich oder traurig. Es gibt noch ganz viel dazwischen. Trotz Verlusten kann Leben wieder gut, auch besser sein – aber es wird immer wieder anders sein.

Praktische Hinweise für Lehrer

Wenn ein Mitschüler stirbt

Information

Holen Sie seriöse Informationen ein und machen Sie dabei deutlich, dass es Ihnen nicht um Neugierde, sondern um wichtiges Wissen zum Handeln in der Schule geht. Informieren Sie die Leitung und den Träger, evt. auch betroffene Kollegen.

Schüler über Ereignisse aus dem sozialen Umfeld so schnell wie möglich informieren!

Geschieht das nicht, nehmen sie nur die Unruhe, Aufregung und Trauer wahr – bekommen ihre Wahrnehmung aber nicht bestätigt. Das verwirrt und macht Angst. Kinder und Jugendliche vermuten dann ein gruseliges Geheimnis hinter dem Zurück-Halten von Informationen. Betrifft der Tod jemanden aus Ihrer Schule: Machen Sie es angemessen der Situation zum Thema! Unterstützen Sie Diskussionen oder den Ausdruck von Trauer z.B. in Form von Gedichten und Bildern in Ihrer Klasse.

Setzen Sie die ganze Schulgemeinschaft, nicht nur die betroffene Klasse über den Tod eines Schülers in Kenntnis!

Kein Kind ist zu jung für diese Information. Vieles haben die Kinder durch die Nachrichten, über ältere Geschwister und durch die Schulhofgespräche mitbekommen.

Überbringen Sie die Nachricht über den Tod eines Schülers Ihrer Klasse nicht alleine

In Ihrer eigenen emotionalen Betroffenheit benötigen Sie evt. Unterstützung einer vertrauensvollen Person aus dem Kollegium.

Lassen Sie das Sekretariat eine kurze Information an die Eltern schreiben!

Der Anlass und der weitere Unterrichtsablauf kann dort beschrieben werden, ebenso Hinweise zu Hilfsadressen und eine evt. Einladung zum Elternabend oder einer Gedenkfeier. Bieten Sie in dem Anschreiben Literaturhinweise oder Kontaktadressen von Hilfsmöglichkeiten an.

Elternabend

Eine Elternveranstaltung sollte zeitnah nach dem Geschehen stattfinden. Es ist sinnvoll, für die Moderation nach einer außenstehenden Person zu suchen, die über Sachverhalte, den weiteren Verlauf im Schulalltag und Hilfsadressen aufklärt, auch Raum für Fragen bietet. Sie sind als Lehrer wahrscheinlich selber emotional betroffen, müssen trauernde Schüler auffangen, Entscheidungen treffen und diese evt. vor den Eltern rechtfertigen. Das kostet Kraft, besonders, wenn Eltern das Thema tabuisiert sehen möchten. Die Moderation kann ein Kollege, der Schul- oder Notfallseelsorger, auch eine Trauerbegleitung durchführen.

Gedenkfeier

„An unserer Schule wurde alles tot geschwiegen. Es hieß nur, dass der Unterricht nicht ausfallen darf und dass eine Andacht nicht Sache der Schule ist.“ (Lena, 17 J.)

Gestalten Sie eine Andacht oder, falls die Familie es wünscht, den Trauergottesdienst mit. Das kann u. a. durch Lieder, Texte, Fürbitten, Bilder oder Gebete geschehen. Dies ist ein sehr wichtiges Zeichen für Schüler. Sie bekommen einen Ort um Trauer auszudrücken, Abschied zu nehmen und stellen den Verstorbenen noch einmal in den Mittelpunkt. Sie lernen gleichzeitig: Hier wird niemand einfach vergessen.

Zeigen Sie Flexibilität in den Unterrichtsinhalten, nicht in der Zeit

Verkürzen Sie nicht die Unterrichtszeit. Gerade in Zeiten der Trauer und Fassungslosigkeit benötigen Schüler einen geregelten Tagesablauf, der Halt in der unsicheren unbekannten Situation vermittelt und nicht alles durcheinander bringt.

Verabreden Sie, dass Gefühlsäußerungen im Klassenraum bleiben.

Die Schüler benötigen für Ihre Trauer einen geschützten Raum in der Schule.

Stressreaktionen in einer schwierigen Situation sind normal.

Benennen Sie dies in Ihrer Klasse. Stressreaktionen sind eine normale und gesunde Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse und gehen vorüber – das gilt für Lehrer wie für Schüler. Es ist nachvollziehbar, schlecht oder nicht zu schlafen, Träume zu haben, gefühlsmäßig aus dem Takt zu kommen. Das zeigt auf, dass jemand mit der Verarbeitung dieser Situation begonnen hat. Bleiben nach 3 bis 7 Tagen die Stressreaktionen aber unverändert oder steigern sie sich immer weiter, holen Sie beratende Hilfe, benennen Sie Bezugspersonen.

Trauer beeinträchtigt.

Da Trauer oft sehr anstrengend ist, verkürzt sich die Konzentrationsspanne von Schülern. Schularbeiten können dadurch beeinträchtigt werden. Nehmen Sie auf der einen Seite Rücksicht darauf, fordern Sie aber auch eine akzeptable Leistung ein. Zu viel Nachgiebigkeit kann sich negativ auswirken.

Unterschiedliche Reaktionen akzeptieren

„Da sind die doch selber schuld! So was Blödes könnte mir nicht passieren! Wer spielt denn schon in einer Baugrube!“

Bewerten Sie niemals Gefühle! Seien Sie nicht verärgert oder erschrocken, wenn ein Schüler anders als erwartet reagiert. Kinder reagieren unterschiedlich: Aggressivität, Angst, Wut, Weinen, Müdigkeit und rückläufige Entwicklung können Zeichen der Trauer sein. Das deutliche Abgrenzen von einer Situation kann eine Schutzreaktion sein. (“So was würde mir nie passieren!“ ) Reagieren Sie geduldig und gelassen, zeigen Sie aber auch Verhaltensgrenzen für verletzende oder störende Reaktionen deutlich auf.

Seien Sie für Ihre Schüler da!

Kinder und Jugendliche reagieren mit Verunsicherung, Ängsten und evtl. mit auffälligen Verhaltensweisen auf belastende Ereignisse. Sie brauchen in dieser Zeit – in der die Erwachsenen selber stark mit der entstandenen Situation beschäftigt sind – besonders viel Nähe, Zuwendung und Verständnis. Nehmen Sie die Ängste ernst! Überlegen Sie mit den Schülern gemeinsam: Was genau macht mir Angst, welche Situation? Droht tatsächlich eine reale Gefahr? Spielen sie diese Situation mit Ihrer Klasse gedanklich durch: Wie könnte man am besten reagieren? Woher könnte Hilfe kommen? Wie könnte eine evtl. Gefahr verringert werden?

Teilen Sie Ihre eigene Trauer mit.

Wer Kindern und Jugendlichen vom Tod erzählen möchte, sie in der Trauer unterstützen will, muss selber in der Lage sein, zu trauern. Sie müssen keine angebliche „Stärke“ zeigen. Es ist in Ordnung, zu weinen, wütend oder traurig zu sein. Trotz Trauer darf man auch lachen! Durch eigene Offenheit ermutigen sie die Kinder, eigene Gefühle zu zeigen. Solange Sie die Kinder nicht als Forum benutzen, um ihre eigene Trauer auszuleben, ist gemeinsame Trauer eine gute Trauerverarbeitung.

Tränen sind nicht schlimm!

Haben Sie keine Angst davor, eine ganze Klasse könnte weinen. Selbst wenn es so ist, niemand weint unendlich. Tränen kommen und Tränen gehen. Man weint, redet, lacht, erinnert sich. Es gibt eine wissenschaftliche Untersuchung die besagt, dass Tränen, die aus Leid geweint werden eine andere Zusammensetzung haben als Tränen, die man weint, weil man z.B. Zwiebeln schneidet. Diese Tränensubstanz bei Trauer hat oftmals eine beruhigende Wirkung. Erzählen Sie Ihren Schülern von dieser Wirkung.

Sprechen Sie den betroffenen Angehörigen Ihr Beileid aus.

Das kann durch eine rituelle Floskel „Herzliches Beileid“ ebenso geschehen wie durch eine herzliche Umarmung, einen Händedruck oder einen persönlichen Beileidsbrief. Machen Sie deutlich: „Es tut mir so leid für dich.“ Oder „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“ Bieten Sie die Möglichkeit eines Gesprächs, eines geschützten Raumes an. Moslems haben ein ähnliches Ritual. Sie ergänzen das „Herzliches Beileid“ mit „ Ihr werdet euch wieder sehen.“

Kondolenzbesuch

In Frankfurt wurde ein Schüler von seinem Nachhilfelehrer ermordet.
Der Schulsprecher ging mit einer Gruppe von Schülern aus der betroffenen Klasse zu den trauernden Eltern. Dort drückten sie persönlich ihr Beileid aus.

Auch das ist möglich und eine große Geste! Versetzen Sie sich in die Lage der Eltern: So traurig der Anlass auch ist, ist es nicht – neben allem Leid – ein gutes Gefühl, zu sehen, dass die Klassenkameraden sich getraut haben, zu kommen und Trauer auszudrücken? Dass sie den Sohn auch geachtet haben und nun vermissen? Wichtig ist in jedem Falle: hinzugehen, egal ob mit Kindern oder als Klassenlehrer (mit Vertrauensperson) und deutlich zu machen: Wir sind betroffen und fühlen mit Ihnen. Lehrer sind oft die zweitwichtigsten Bezugspersonen! Egal wie die Reaktion ist (abgewiesen werden, Tränen oder Redebedarf etc.). Die Eltern vergessen Ihnen nie, dass Sie da waren! Überreichen Sie auf diesem Wege den Angehörigen ein Symbol des Gedenkens: einen Blumenstrauß, Bilder, Gedichte, einen Abschiedsbrief, eine selbst gestaltete Kerze (nicht überfrachten, sich immer für ein Symbol, eine Geste entscheiden). Damit ermöglichen Sie es sich oder Ihren Schülern, Beileidsworte zu sagen, etwas zu überreichen und sich dann zu verabschieden. Vermeiden Sie die unangenehme Situation, mit leeren Händen und plötzlicher Sprachlosigkeit hilflos vor den Angehörigen zu stehen.

Gestalten Sie Gedenktage

Das kann der Geburtstag oder Todestag des betreffenden Schülers sein. Setzen Sie ein Zeichen im Umgang mit der Trauer, dass auch nach Monaten oder Jahren ein Mensch nicht vergessen wird. Das Gedenken kann durch ein Gespräch, ein Gebet, eine Geschichte oder das Entzünden einer Kerze geschehen. Auch eine „Runde“ Weingummifrösche auszugeben (die Verwandlung der Kaulquappe in einen Frosch, ein altes christliches Auferstehungssymbol) kann ein Einstieg zu dem Gespräch sein, welches Verwandlungsbild jeder einzelne von uns hat. Gedenktage machen auch deutlich: Nur weil jemand fort ist, ist er noch lange nicht vergessen. Auch hier bieten sich biblische Gleichnisse und Vorhersagungen an um in einen Gedankenaustausch zu kommen.

Mord oder Suizid
Auch Morde und Suizide müssen als solche benannt werden!

Inhalte sollten niemals ausgeschmückt werden, bis ins kleinste Detail beschrieben werden. Die Erklärung z.B.:„Es waren viele Messerstiche über den Körper verteilt.“ reicht aus. Sie müssen nicht die Anzahl der Stiche und die Verletzungen ausführlich beschreiben.

Beachten Sie Spielregeln!

Üben Sie keine Selbstjustiz, wenn ein Unfall, Suizid oder ein Verbrechen vorgefallen ist! Das soll kein Plädoyer für den Täterschutz sein, dennoch gilt für jeden Menschen: Jeder trägt gute und schlechte Anteile in sich. Eltern können niemals die Hand für ihre Kinder „ins Feuer legen“, Lehrer nicht für ihre Schüler. Gehen Sie mit dem mutmaßlichen Täter und seiner Familie so um, wie Sie es vor sich selbst verantworten können.

Es gibt keinen 100%-igen Schutz vor Verbrechen oder Unfällen!

Es gibt, bei aller Vorsicht, immer ein Restrisiko für Kinder und Jugendliche. Dennoch können Eltern, aber auch Sie als Lehrer Ihre Schüler gut begleiten, indem Sie sich – angemessen – für Hobbys und Kontakte interessieren. Sprechen Sie von Zeit zu Zeit übers Chatten, über Alkohol- oder Drogenkonsum, über Computer- und Gameboy-Spiele.

Machen Sie sich aber immer bewusst, dass nicht ständig die Gefahr lauert!

Durch die Medien und die aktuelle eigene Betroffenheit glaubt man manchmal: alles um uns herum ist gefährlich, traurig und schlecht. Das ist jedoch nicht so! Es ist wichtig, sich selbst und auch dem eigenen sozialen Umfeld dies immer wieder bewusst zu machen.

Eine Lehrerin/ ein Lehrer stirbt

Die Empfehlungen zur Trauerverarbeitung gelten hier ebenso wie im Falle eines verstorbenen Mitschülers. Allerdings ist jetzt eine verlässliche Vertrauensperson für die Schüler wichtig, ein steter Lehrerwechsel ist nicht wünschenswert.

Der Tod eines Geschwisterkindes
Doppelte Verlierer

Stirbt ein Geschwisterkind, sind oft die übrigen Kinder doppelte Verlierer. Neben dem Bruder oder der Schwester müssen die Kinder den Verlust ihrer Eltern ertragen, die sich oft durch die Trauer verändern, nicht mehr so sind wie früher. Überlebende Kinder werden in ihrer Trauer oft vom familiären und sozialen Umfeld übersehen, besonders wenn sie unauffällig reagieren. Stirbt ein Kind, erlebt die Familie immer erschwerte Trauer – eine Trauer, die meist Hilfe von außen benötigt. Als Lehrer/in haben Sie das Recht und die Pflicht, eine Familie darauf anzusprechen und Kontakte aufzuzeigen.

Der Tod eines Elternteils
Zusammenarbeit von Schule und Bezugspersonen

Mit dem Tod eines Elternteils verändert sich das Leben eines Kindes/ Jugendlichen oft vollkommen. Neben der eigenen Trauer erleben sie ihre nächsten Angehörigen mit unbekannten Trauerreaktionen. Veränderungen im Haushalt und finanzielle Sorgen können hinzukommen und zusätzlich belasten. Die Schule muss über anstehende oder aktuelle Sterbefälle aus dem engen familiären Netz informiert werden, um hilfreich eingreifen zu können.

Die Begegnung mit dem trauernden Schüler

Geben Sie die Informationen über den Tod eines Elternteils oder Geschwisterkindes, auch über Suizid, sachlich der Klasse aber auch allen Kollegen weiter, die den Schüler unterrichten; es sei denn, es wird von dem Schüler oder Angehörigen ausdrücklich nicht gewünscht. Damit beugen Sie Gerüchten und Phantasien hinter dem Rücken betroffener Schüler vor.
Überlegen Sie mit Ihrer Klasse:

  • Wie kann der Mitschüler am ersten Tag nach dem Trauer-Erlebnis in der Schule angesprochen werden?
  • Womit kann man ihn unterstützen?

„Man muss da ganz sensibel sein! Ich warte erst mal, ob der Schüler von sich auf mich zukommt.“

Bieten Sie dem Schüler an, sich aus dem Unterricht kurzzeitig zurückzuziehen, wenn es ihm nicht so gut geht. Sprechen Sie den Schüler immer direkt an, fragen Sie ihn, was er benötigt – und akzeptieren Sie es auch, wenn der Schüler keine Hilfe annimmt. Warten Sie nicht ab, bis die betroffene Person auf Sie zukommt – trauernde Menschen sind oft nicht in der Lage, Hilfe für sich zu organisieren.

Das erste Jahr nach einem Todesfall fällt oft den Trauernden am schwersten, alles ist zum ersten Mal „ohne dich“. Die Umgebung reagiert auf die Trauer verständnisvoll, erwartet danach aber eine Besserung. Trauernde, die gefasst reagieren, werden gelobt: “Respekt, wie er das hinbekommt!“ Dennoch weiß man heute, dass man auf die Menschen, die gefasst reagieren, am meisten achten muss. Sie „schlucken ihre Trauer herunter“ während andere z.B. durch Weinen und Erzählen Trauer zulassen und damit verarbeiten. Sprechen Sie die betroffene Schülerin/ den Schüler von Zeit zu Zeit wieder an. Haben Sie keine Sorge, alte Wunden wieder aufzureißen. Das, was zum Vorschein kommt, ist einfach noch vorhanden und braucht Ansprache. Trauen Sie sich, haben Sie keine Angst vor Tränen, auch nicht vor Ihren eigenen!

Versuchen Sie, praktische Hilfe zu organisieren, wenn Sie vermuten, dass der Schüler sie braucht. Benennen Sie ihm unterschiedliche Möglichkeiten. Sprechen Sie auch mit den Eltern, bzw. Bezugspersonen, dem Beratungslehrer oder den Schulpsychologen. Auch Mitschüler können in der Lage sein, zu unterstützen. Aber bedenken Sie, dass auch Helfer die Begleitung durch eine Bezugsperson oder Trauerbegleitung benötigen, um nicht überfordert zu sein.

Sorgen Sie als Lehrer auch für sich selber!

Alles, was Ihnen in der Verarbeitung einer belasteten Situation hilft, kommt letztlich auch den Schülern wieder zugute. Denken Sie daran. Lehrer sollen für sich Gesprächsmöglichkeiten schaffen und – falls erforderlich – Unterstützung (z.B. Beratung) in Anspruch nehmen.
Autorin

Mechthild Schroeter-Rupieper ist verheiratet und Mutter von 3 Söhnen und einer Pflegetochter, Erzieherin, langjährige freiberufliche Fortbildnerin und Trauerbegleiterin. Sie setzt ihren Schwerpunkt auf die Stärkung und Begleitung von Erziehenden, Pflegenden und Seelsorgern aus dem sozialen Umfeld von Kindern und Jugendlichen und geistig behinderten Menschen. In ihrer Praxis Lavia Institut für Familientrauerbegleitung in Gelsenkirchen begleitet sie ebenfalls Menschen jeden Alters vor einem anstehenden Tod und in der Zeit danach.
Autorin des Buches “Für immer anders. Das Hausbuch für Familien in Zeiten der Trauer und des Abschieds.”
 

Kontakt

Mechthild Schroeter-Rupieper
Weidekamp 16
45886 Gelsenkirchen

Tel: 0209 17 02 777
Fax: 0209 17 02 880

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Erstellt am 28. August 2007, zuletzt geändert am 19. November 2013