Sexualität in der Ehe

Prof. Dr. Kurt Starke

Ehen werden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus Liebe geschlossen. Die Brautleute fühlen sich in tiefer Zuneigung einander verbunden und wollen hinfort für immer und ewig zusammensein. Diese Liebe schließt die Geschlechtlichkeit der Partner ein. Der liebende Mensch heiratet keine kalte Statue, sondern einen Menschen zum Anfassen, und er ist auch selbst nicht gefühllos, sondern will küssen und geküßt werden. Liebe und Sexualität gehören im Denken und Fühlen der meisten Menschen eng zusammen. Bei aller relativen Selbständigkeit der beiden Bereiche – man kann sexuelle Gefühle haben, ohne zu lieben, und man kann lieben, ohne sexuell erregt zu sein – hat für die meisten Menschen die Sexualität in der festen Liebesbeziehung ihren idealen Platz. Sie gewinnt durch die Liebe ihre große menschliche Dimension, so wie zur Liebe Sexualität gehört.

Wenn die Ehe auf Liebe gegründet ist und wenn diese Liebe Sexualität einschließt, dann ist klar, wie wichtig Liebe und Sexualität für den Bestand der Ehe sind. Vergehen Liebe und Lust, dann hat die Ehe für Menschen, die gerade unter diesen Voraussetzungen geheiratet haben, ihren Sinn verloren; sie ist dann in den allermeisten Fällen kein Glück, sondern ein Unglück für sie. Von der reinen Beziehung bleibt nur die brüchige Form.
 

Funktionenvielfalt

Aus Liebe geschlossen, auf Liebe gegründet und die Liebe als edelste Form menschlichen Umgangs realisierend, erfüllt die Ehe vielfältige Funktionen. Sie ist im Regelfall Partnerschaft, Intimgemeinschaft, Lebensgemeinschaft, Wohngemeinschaft, Wirtschaftsgemeinschaft, Elternschaft. Der Ehemann (und entsprechend die Ehefrau) ist Geliebter – und zugleich Freund, Vertrauter, Lebensgefährte, Gesprächspartner, Spielgefährte, Freizeitgeselle, der wichtigste Sanktionsgeber, vielleicht auch Koch, Haushälter, Handwerker, Einkäufer, Wäscher, Putzmann, manchmal auch Krankenpfleger und im Regelfalle auch Vater und später Opa. Das meiste davon hat wenig oder gar nichts direkt mit Sexualität zu tun. Vor allem sind die beiden Ehepartner berufstätig; sie steuern beide ihren Teil zum Haushalteinkommen bei und schätzen die Eigenständigkeit durch eigene Teilhabe an der gesellschaftlichen Primärtätigkeit Arbeit. Daß mit der Eheschließung die Frau die Berufstätigkeit aufgibt, ist immer seltener geworden. Beide nehmen im Beruf oder neben dem Beruf am gesellschaftlichen Leben teil, pflegen Freizeitinteressen und Geselligkeit, haben Kontakte mit anderen Menschen. Die Ehe ist in ein Geflecht sozialer Beziehungen eingebunden und kann dadurch erst existieren.

Das Sexualverhalten in der Ehe hat es mit der Komplexität der ehelichen Funktionen und Bedingungen zu tun, es existiert nicht isoliert davon. Im weitesten Sinne ist es gesellschaftlich erlernt und realisiert sich unter konkreten gesellschaftlichen Bedingungen. Die Gründe für ein erfülltes Sexualleben, aber auch für Störungen in der Ehe, sind daher nicht in erster Linie ausschließlich im sexuellen Bereich zu suchen, sondern in den gesamtehelichen und den gegebenen sozialen Verhältnissen. Zugleich und im Zusammenhang damit ist das Sexualverhalten ein Teil des Gesamtverhaltens des Menschen, und das Verhalten in Liebe und Sexualität hängt immer von der ganzen Persönlichkeit ab. Die Persönlichkeit jedes der beiden Ehepartner offenbart sich in der gemeinsamen Sexualität, und zugleich wirkt dieses Intimverhalten auf die Individualität zurück. Eheschließung heißt nicht Schließung der Persönlichkeitsentwicklung, im Gegenteil: Die Jungvermählten haben den größten Teil ihres Lebens noch vor sich, und der Bestand ihrer Ehe, das familiäre Glück, wird gerade davon abhängen, wie sich die Ehepartner als Persönlichkeiten entwickeln, wie sie ihr Leben meistern, wie inhaltsreich ihr Alltag ist.

Sexuelle Übereinstimmung versus Konflikthaftigkeit der sexuellen Bedürfnisse

Die sexuelle Übereinstimmung bis hin zum intimsten Zärtlichkeitsaustausch ist weder ein isoliertes Geschehen, das nur das unmittelbar Sexuelle einschließt, noch ein für allemal gegebener paradiesischer Flitterwochenzustand. Die sexuelle Übereinstimmung ist von der Gesamt-Übereinstimmung der beiden Eheleute bestimmt und wirkt auf diese zurück. Sie ist von der Persönlichkeit beider getragen und beeinflußt das persönliche Verhalten weit über den sexuellen Bereich hinaus.

Allgemeinste Voraussetzung für die sexuelle Übereinstimmung in der Ehe ist, daß die Partner generell miteinander auskommen, sich mögen, sich riechen können, sich nicht voreinander ekeln. Aber ebenso wichtig ist, daß sie sexuell zueinander passen. Das bedeutet, prinzipiell die gleichen oder doch sehr ähnliche Ansichten von Liebe und Sexualität zu haben sowie willens und fähig zu sein, ein beiderseits befriedigendes Sexualleben zu gestalten. Sie finden sich erotisch, flirten gern miteinander, haben Lust aufeinander, sind sich körperlich sympathisch, wissen, was für beide gut ist, und verstehen sich im Bett.

Besteht eine solche grundsätzliche Übereinstimmung nicht und kann sie trotz größter Bemühungen nicht hergestellt werden, dann nimmt die Ehe meist keinen guten Verlauf. Partner, die sexuell überhaupt nicht zueinander passen, sollten – auch wenn sie sich sonst gut verstehen – gar nicht erst heiraten. Mit den sexuellen Konflikten stellen sich bald auch andere ein. Meine (und andere) Untersuchungen, auf die sich alle diese Aussagen stützen, zeigen, daß wirklich nur in Ausnahmefällen trotz sexueller Unverträglichkeit die Ehe möglich bleibt, so wie andererseits allein sexuelle Übereinstimmung eine Ehe nur in den seltensten Fällen zusammenhält. Allerdings: Prinzipielle Übereinstimmung bedeutet nicht, daß die beiden Ehepartner in jeder Beziehung und zu jeder Zeit sexuell übereinstimmen, daß man sich über das Wie und das Wie oft immer einig ist.

Wie soll man sich verhalten, wenn man sexuelle Wünsche hat, die sich bisher nicht erfüllt haben? Das beste Mittel besteht darin, sich seine Wünsche und auch das, was einem nicht so gefällt, mitzuteilen – die meisten Liebenden tun das erfolgreich mit Worten und Gesten. Es ist durchaus reizvoll, die geheimsten Wünschen des anderen kennenzulernen und darauf einzugehen, sie mit Gewinn vielleicht sogar zu seinen eigenen zu machen. Manchmal ist die Erfüllung solcher Wünsche erst die Voraussetzung dafür, daß das sexuelle Zusammensein überhaupt lustvoll, befriedigend und glücklich verläuft.

Es kann aber auch vorkommen, daß man nicht oder nicht immer auf die Wünsche des anderen eingehen kann, vielleicht, weil sie sehr ausgefallen sind oder weil die Wünsche des Partners den eigenen Empfindungen völlig widersprechen oder gar Abneigung gegen den Partner auslösen. Dann lohnt es sich, gemeinsam nach Kompromissen zu suchen. Leicht wird man finden, daß vieles möglich ist, was dem einen großes Vergnügen bereitet und dem anderen durchaus nicht unzumutbar ist. Die gegenseitige Achtung ist auch hier der entscheidende Gradmesser, die gegenseitige Achtung.

So wie die meisten Eheleute schnell herausfinden, was am meisten Lust spendet, so entwickeln sie auch einen Sinn für den richtigen Zeitpunkt und auch für die Häufigkeit des sexuellen Zusammenseins. Für die einen ist ein Mal im Monat gerade richtig, für die anderen zehn Mal. Im Durchschnitt haben Verheiratete 5-8mal im Monat Geschlechtsverkehr. Das entspricht etwas dem Lutherwort: “In der Woche zwier, schadet weder Dir noch mir” .

Die meisten Eheleute schlafen gern miteinander. Von einem Niedergang des heterosexuellen Koitus in der modernen Industriegesellschaft, in der Ehe oder in der Langzeitbeziehung kann nicht die Rede sein. Varianten sexueller Aktivitäten sind zwar häufiger geworden; ein eng koituszentriertes Denken, männlich bestimmt, wurde abgebaut. Dennoch wird die sexuelle Vereinigung Glied in der Scheide von den meisten Frauen und Männern als besonders intim, als etwas Besonderes empfunden. Die meisten Frauen kommen beim Geschlechtsverkehr genauso leicht zum Orgasmus wie bei der Selbstbefriedigung (und häufiger als bei allen anderen Formen), aber sie empfinden, das zeigen auch jüngste Untersuchungen, den koitalen Orgasmus als besonders intensiv. Bezüglich der weiblichen wie der männlichen Lust ist der Geschlechtsverkehr allen anderen Formen sexueller Interaktion überlegen, und manche Frauen kommen nur beim Koitus zum Orgasmus.

Was soll man tun oder lassen, wenn der Partner nicht so häufig wie man selber will? Das ist eine im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigende Situation, ein trauriger Zustand. Es bleiben wenige Möglichkeiten:

(1) Die naheliegende und vielleicht wichtigste besteht darin, daß man den Partner zu gewinnen sucht, ihn verführt. Aber das hat seine Grenzen. Sie sind durch Achtung vor dem Partner und dessen Begehren gezogen; jeder hat das Recht auf Unlust und auf seine eigenen Gefühle. So schön, lustig, ehrenvoll ein Werben sein kann, so schlimm, übel, verletzend ist ein Drängen, dem der Partner nicht folgen kann oder will und das übergriffig zu werden droht. Der Partner ist kein Automat, den man einfach mit Knopfdruck unter Strom setzen kann, und solch einen Automaten will ja auch niemand. Er ist auch keine Sache oder Ware, die man einfach benutzt, wenn einem gerade danach ist, und dann wieder beiseite legt. Er ist auch kein Sklave oder Untertan, der willenlos gehorchen oder einer ehelichen Pflicht genügen muß, sondern er ist eine selbständige Persönlichkeit, Subjekt des ehelichen Sexualverhaltens. Ein sexuelles Zusammensein, das für beide schön, leidenschaftlich und befriedigend sein soll, ist nur möglich, wenn beide wollen, können und mittun.

Es hilft auch nicht viel, durch allerlei erprobte Tricks allein die körperlichen Reaktionen seines Partners in Gang zu setzen und für seine Zwecke zu nutzen. Da wird leicht die Psyche des Partners mißachtet, er nur als Körper genommen. Meist hat das schädliche Folgen. Die Beziehung wird belastet, verbogen, entwürdigt – und das nächste Mal ist noch fraglicher.

(2) Eine andere Möglichkeit ist die Selbstbefriedigung, und diese Möglichkeit ist für viele das Mittel der Wahl. Sie wird betrieben, wenn der sexuelle Druck allzu groß wird (oder weil man – auch bei einem ansonsten befriedigenden Ehesex – einfach mal wieder Lust dazu hat). Dagegen ist nichts einzuwenden. Selbstbefriedigung ist harmlos und einfach. Aber sie ist nicht jedermanns und jederfraus Sache. Die einen (wenigen) glauben, sie sei überhaupt ein Übel, die anderen lassen sie – irrtümlicherweise – nur als Übergangserscheinung für pubertierende Jungen oder allenfalls in Notsituation gelten, die dritten tolerieren sie zwar, wollen sie für sich selber aber nicht. Manche sind auch nicht frei von überholten Auffassungen, die die Selbstbefriedigung verfemten und als unwürdig erklärten, und schämen sich auch vor dem Ehepartner, der das vielleicht bemerken und beleidigt sein oder beleidigend reagieren könnte. Andererseits wissen heute viele Ehepartner davon, daß der andere gelegentlich Selbstbefriedigung betreibt, und tolerieren das auch.

(3) Ein anderer Weg, die sexuelle Diskordanz in der Ehe auszugleichen, führt zu einem anderen Sexualpartner, mit oder ohne finanzielle Interessen, kurzzeitig, einmalig oder auch länger bzw. wiederholt. Dieser Weg wird durchaus häufig gegangen; oft zerstört er die Ehe (oder ist er ein Zeichen für eine zerstörte Ehe), meistens ergeben sich ungeahnte Komplikationen aller Art, und nur manchmal belastet er die Ehe nicht nur, sondern erhält sie: Die Monogamie sei nur durch die Polygamie lebbar, heißt es.

Die meisten Liebenden betrachten den Seitensprung jedoch nicht als Ausweg. Sie wollen demjenigen, den sie lieben, auch sexuell treu sein. Sie haben ein Liebesmodell, das zur Ausschließlichkeit tendiert. Die Treue ist zwar nicht mehr formal an die Ehe, wohl aber an die Liebe gebunden. Erst wenn diese vergangen ist, entfällt für sie der Treueanspruch. Das Nacheinander wird toleriert, aber nicht das Nebeneinander – nicht das liebende, und erst recht nicht das beliebige Nebeneinander.

(4) Die oft einzige Möglichkeit und zwangsläufige Lösung ist die, mit der sexuellen Spannung zurechtzukommen, sich anderen Dingen zuzuwenden, Geduld zu haben, den Frust nicht zu kultivieren und sich auf das nächste intime Zusammensein mit dem Partner zu freuen. Im Grunde trifft es nämlich nur selten zu, daß beide Eheleute genau das gleiche Verlangen haben. Meist bestehen mehr oder weniger große Unterschiede. Mal ist die Frau unersättlich und überfordert den Mann, der gerade seine Ruhe haben will, und mal ist es der Mann, für den die Ehefrau nicht liebevoll genug ist.

Auch in jungen Ehen ist dies oft so, z.B. wenn man noch nicht genügend aufeinander eingestellt ist, wenn man müde oder krank ist oder große Sorgen hat, von denen man sich im Bett nicht frei machen kann. Die junge Mutti, möglicherweise an Hausarbeit nicht genügend gewöhnt, fühlt sich überlastet, denkt an das vielleicht gerade kranke Kind und weniger an den gesunden Mann. Der junge Mann macht Überstunden oder baut nach Feierabend die Wohnung aus, vernachlässigt darüber eventuell seine sehnsuchtsvolle Frau. Die aktuelle sexuelle Bedürfnislage der Ehepartner kann durchaus verschieden sein, und sexuelle Konflikte sind nicht ungewöhnlich.

Sexuelle Konflikte oder Ehekonflikte

Oft sind die Konflikte gar nicht im Sexuellen zu suchen. Dahinter kann ein Partnerkonflikt einer viel größeren Dimension liegen, nicht selten mit einem Lebenskonflikt und einer Lebensunzufriedenheit überhaupt gekoppelt. Die Partnerbeziehung ist gestört, die Ehe instabil geworden. Will man sexuell wieder ins Reine kommen, dann muß die Beziehung in Ordnung gebracht werden. Das ist auch bei aktuellen Verärgerungen der Fall. Die meisten Eheleute, die sich wirklich lieben, finden im Bett nicht zusammen, wenn sie gefühlsmäßig gerade auseinander sind, wenn Unausgeräumtes zwischen ihnen steht.

Es kommt auch vor, daß man den Partner zeitweise über hat, oder glaubt, ihn über zu haben – oder daß man überhaupt auf nichts Lust hat. Solche Übersättigungserscheinungen gibt es in jeder Ehe, und sie sind nur mit Geduld und Feingefühl zu überwinden. Man lebt eben nicht nur sonntags zusammen oder trifft sich nur, wenn man will oder Lust hat, sondern man ist – jedenfalls in den meisten Ehen auch heute noch – ständig beieinander, egal wie man sich momentan fühlt. Keine Ehepartner schaffen es auf die Dauer, nur ihre Sonnenseiten zu zeigen, sich stets zusammenzunehmen, immer gerecht, liebevoll, aufmerksam, anziehend zu sein – das ist auch gar nicht notwendig. Vielmehr gehört zu einer wirklichen Partnerschaft, daß man entspannt sein kann, sich mal gehen läßt und über der kleinen Schwäche des Partners nicht die große Liebe vergißt. Zuviel Strenge, Diszipliniertheit, Beherrschung töten genauso wie eine endlose Beliebigkeit, maßlose Duldsamkeit, modische Libertät das Menschlich-Emotionale ab und verhindern zum Schaden für Leib und Seele ein aktives, spontanes, lustvolles Ausleben der Gefühle und deren Entwicklung. Das ist auch im sexuellen Bereich so. Ähnlich garantiert keine noch so sorgfältige Absprache, keine noch so gute Abmachung, keine noch so treffliche Vereinbarung zwischen den Eheleuten die Vermeidung aller Konflikte, das Ausbleiben von Verhaltensfehlern oder von gelegentlichen Mißverständnissen, wenn das Grundvertrauen zueinander geschwunden ist, das Urvertrauen fehlt.

Wenn davon absieht, daß ein gewisses Maß an sexueller Spannung überhaupt erst da sein muß, um ein sexuelles Begehren zu entwickeln, so muß es wohl jeder Menschen lernen, daß er sexuelle Spannungen – auch größere – erträgt. Keine Lebenssituation ist so, daß man sich jederzeit dem Liebesspiel hingeben kann. Danach streben wird man wohl. Und das ist ja auch die Basis dafür, daß Eheleute immer wieder zueinanderfinden, sich küssen und kosen und viele tausend Male miteinander schlafen.

Sexuelle Diskordanzen in der Ehe können ihre Ursache aber nicht nur in der Partnerbeziehung selber – im Eheinneren – haben, sondern sie können auch von äußeren Einflüssen begünstigt sein. Ängste aller Art, vor allem Zukunftsängste, die Aussichtslosigkeit, ein gesichertes Leben führen zu können, die Beschädigung des Selbstwertgefühls durch die Erfahrung, nicht gebraucht zu werden, schmerzhafte biografische Brüche oder soziale Einbrüche können die Partnerbeziehung in der Ehe asymmetrisch werden lassen und gravierend das Sexualverhalten beeinflussen. Erst durch ein Ändern der Lebensumstände kann dann wirklich eine Besserung gelingen.

Die Interessantheit des Zusammenlebens mit einem Menschen hängt von vielen Faktoren ab, vom Wesen dieses Menschen und von einem selber, von der Liebe zueinander, von dem Inhalt des gemeinsamen Lebens, von den beruflichen Aufgaben, von der Qualität der sozialen und personalen Beziehungen, die die beiden Partner haben, von ihrem kulturellem Profil, vom gesamten Lebensstil. Dazu kommen solche Faktoren wie Entwicklungsfähigkeit, Unternehmungslust, Aktivität, Ideenreichtum usw.

Der Reichtum der eigenen Persönlichkeit wird in die Ehe eingebracht und ist die Basis für ein interessantes Sexualleben. Aber es gibt auch spezielle Möglichkeiten der Verfeinerung, der Abwechslung, der Variation, die oft viel zu wenig genutzt werden. Sie schließen nicht aus, daß man irgendwann einmal den Körper des Partners und seine intimen Verhaltensweisen sehr genau kennt und von daher kein Neureiz mehr ausgehen kann, sondern nur der Reiz der Gewohnheit, der Gewißheit eines guten Miteinanders. Das ist viel. Ist die sexuelle Begegnung Ausdruck einer wirklich tiefen Bindung, dann gewinnt das rein Sexuelle ohnehin einen anderen Stellenwert. Die Langeweile in der Ehe, das soll damit gesagt werden, ist – wenn überhaupt – nicht in erster Linie durch sexuelle Interessantheit zu vermeiden, sondern durch einen reichen Gesamtinhalt der Ehe. Aber gleichzeitig ist alles zu tun, um sexuelle Eintönigkeit zu vermeiden und die gemeinsame Lust zu erhalten oder gar zu steigern.

Zärtlichkeit als erste Liebestechnik

Die erste und grundlegende Liebestechnik ist die Zärtlichkeit. Sie ist Ausdruck der Beziehungen zueinander und fördert diese Beziehung. Sie übt Sinnlichkeit und versinnlicht das Üben. “Eine zärtliche Frau macht sich selbst und ihren Geliebten glücklich” , sagt der weise Diderot, doch das gleiche gilt auch für den zärtlichen Mann. Die häufigste Assoziation zu Liebe wie zu Sexualität ist bei Frauen und bei Männern Zärtlichkeit. Liebe ist Zärtlichkeit, Sexualität ist Zärtlichkeit.

Nicht jeder Zärtlichkeitsaustausch ist erotisch und zielt direkt auf sexuelle Erregung. Er hat im Alltag der Eheleute eine umfassende und grundlegende Stellung. Zärtlichkeit bedeutet Wärme, Nähe, Kontakt, Zuwendung, Geborgenheit, Harmonie, Zuneigung, Aktivität, Entspannung, Sich-seinen-Gefühlen-hingeben-Können. Die Grenzen zum erotisch-sexuellen Zärtlichkeitsaustausch sind fließend.

Für Zärtlichkeiten ist fast jeder Millimeter des menschlichen Körpers empfindlich und empfänglich. Zärtlichkeiten kann man mit allem geben, was man hat. Es wäre zu eng, Sexualität in der Ehe lediglich auf den Geschlechtsverkehr einschließlich Vor- und Nachspiel zu beschränken. Das alte Modell, daß man abends vor dem Einschlafen einen (kurzen) Geschlechtsverkehr zur Befriedigung des Mannes durchführt, ist seit langem suspekt. Ausschlaggebend ist die erotische Gesamtform, die für beide die höchste Lust bringt. Jede Technik, die sich dafür eignet, ist gut, jede Variante, die das unterstützt, angemessen und willkommen. Jedes Paar wähle seine Sexualtechnik so, wie es sie für richtig und gut hält. Genügt ihm ein einziger Standard, um glücklich zu werden, so kann ihm das genauso wenig vorgeworfen werden wie das Verlangen nach Variation. Bücher über Sexualtechniken und Tipps aus den Massenmedien können informativ und anregend sein. Aber allerlei Tricks vermögen für sich genommen nicht, das Sexualleben in der Ehe in Schwung zu bringen.

Sexuelle Erfüllung

Sexuelle Erfüllung bedeutet, daß die Frau und der Mann zum sexuellen Höhepunkt, zum Orgasmus kommen. Das ist heute für Eheleute selbstverständlich geworden, wenngleich das intime Zusammensein auch ohne Orgasmus schön sein kann. Nicht in jeder Ehe kommt die Frau jedesmal zum Orgasmus, dafür andermal vielleicht zu einem besonders intensiven.

Die Hervorhebung des Orgasmus ist richtig und verständlich, aber insofern nicht der Weisheit letzter Schluß, als das sexuelle Zusammensein kein Wettkampf um einen Orgasmus ist, so wichtig er auch ist und so schön er auch sein kann. Letztlich geht es um die beiden Eheleute und ihre Gefühle, und nicht darum, irgendwie einen Orgasmus zu absolvieren – nicht um Orgasmuskult, sondern um Orgasmuskultur. Der Orgasmus ist ein, wenn auch besonderer Bestandteil des sexuellen Zusammenseins, in dem es um Nähe, Zärtlichkeit, Vertrauen, Wohlfühlen, Hin- und Hergabe, Freude am anderen und an der Gemeinsamkeit geht.

Die sexuellen Reaktionen von Mann und Frau sind viel zu verschieden, als daß sie immer synchron zu einem Höhepunkt geführt werden können. Der gleichzeitige Orgasmus ist ein Mythos. Gut eingespielte Ehepaare werden imstande sein, etwa gleichzeitig zum Höhepunkt zu kommen. Sie wissen aber auch, daß es darauf nicht unbedingt ankommt. Der genau gleichzeitige Orgasmus ist in der Sexualpraxis selten und eher zufällig, jedenfalls kann er noch weniger bewußt organisiert werden wie der eigene. Die spontanen Lustreaktionen entziehen sich auf einem bestimmen Plateau der Erregung der Kontrolle durch das Großhirn. Diese Kontrolle wäre der Lust auch abträglich.

Die Unterschiede in den männlichen und weiblichen Reaktionen sind immer wieder ein Quell für Konflikte im ehelichen Sexualverhalten. Da lohnt es sich für Ehepartner schon, sich damit zu theoretisch und praktisch befassen, auch die Besonderheiten der beiden Geschlechter und des anderen Körpers kennenzulernen. Das kann zum Beispiel heißen, die Körperstellen herauszufinden, die für Zärtlichkeiten und gezielte Stimulationen besonders empfänglich sind – die sogenannten erogenen Zonen oder Zentren. Das kann zum Beispiel entdecken lassen, ob und in welcher Weise der Partner (und man selber) Berührungen der äußeren Geschlechtsorgane mit Hand und Mund mag. Das kann zum Beispiel zur Bevorzugung einer bestimmten oder keiner bestimmten Stellung beim Geschlechtsverkehr führen. Das kann zum Beispiel bedeuten, den individuell günstigsten Rhythmus zu wählen.

Oftmals ist es notwendig, die eigene Aktion und Reaktion zu zügeln oder zu beschleunigen, wenn es dem eigenen und dem gemeinsamen Genuß dient. Der Mann, insbesondere der junge, wird bestrebt sein, den Samenerguß hinauszuzögern und die präorgastische Lust zu genießen. Das läßt sich trainieren. Dadurch kommt er nicht in die Situation, daß sein Glied wegen schneller Erschlaffung nur kurze Zeit in der Scheide bleibt und er im Grunde nicht viel Lust erlebt. Die meisten Männer sind nicht in der Lage, sofort wieder Lust zu haben und eine Erektion zu bekommen oder einen weiteren Samenerguß zu haben. Vielen, aber nicht allen, bereitet der Zärtlichkeitsaustausch trotzdem Freude. Aber besser ist es auf jeden Fall, wenn Mann sich mit dem Samenerguß Zeit läßt, auch in dem guten Gespür, wenn seine Frau selbst den Samenerguß wünscht. Die Frau hingegen muß sich im allgemeinen nicht bremsen, sie ist manchmal zu mehrfachen Orgasmen fähig, die auch ineinander übergehen können. Doch gibt es auch Frauen, die nur den einen großen Orgasmus wollen.

Sehr wichtig ist es für den Mann zu erkennen, wodurch bei seiner Frau Lust und Orgasmus ausgelöst werden. Meist kommt er nicht allein zu dieser Erkenntnis; die Frau wird ihm dabei helfen. Genauso sollte der Mann seiner Frau dabei behilflich sein herauszufinden, was für ihn am schönsten ist. Allein die Tatsache, daß er zum Samenerguß kam, ist noch kein Zeichen dafür, daß dem Mann das Liebesspiel wirklich gefallen hat. Die Frau ist sensibel, der Mann auch. Der normale Mann kann von einer erfahrenen Frau meist schnell zu einem Erguß gebracht werden, es ist dann für ihn schnell aus und vorbei. Er ist auch in seiner Lust jederzeit zu sabotieren, zur sichtbaren Impotenz zu bringen. Er kann dann einfach nicht. Der Mann wiederum kann nur auf sich bedacht sein, die Gefühle der Frau mißachten, gar übergriffig werden. In schlechten Ehen kann ein solches Verhalten Teil eines Ehekrieges sein.

In guten Ehen ist das sexuelle Zusammensein ein gemeinsam angestrebtes Erleben, bei dem sich beide ein Maximum an Lust bereiten wollen. Durch die Zweisamkeit entsteht eine neue Qualität der Lust: ein Einssein. 1+1=1.

Geplante Elternschaft

Die Ehepartner haben Geschlechtsverkehr, weil sie sich lieben und ihnen das gefällt – und nicht, um Kinder zu zeugen. Auch ältere Paare, Eltern, Großeltern verkehren aus den gleichen Gründen sexuell miteinander. Dennoch: Für die meisten Menschen gehören auch heute noch Kinder zum Glück einer Ehe, wenngleich heute weit mehr Ehen kinderlos bleiben als früher. Den meisten Ehepaaren fällt es leicht, ein Kind zu zeugen. Kommt es nicht gleich zu einer Schwangerschaft, tritt schnell Unruhe oder gar Angst ein, meist unbegründet, denn alles braucht seine Zeit – und den richtigen Zeitpunkt der Befruchtung: die fruchtbaren Tage. Klappt es aber doch nicht, dann ist Rat zu suchen. Heute gibt es viele Möglichkeiten, Frauen zu helfen, die nicht ohne weiteres schwanger werden, oder Männern, die nicht viele oder nicht sehr aktive Samenzellen produzieren. Vielen Ehen mit unerfülltem Kinderwunsch kann besser als früher geholfen werden (vgl. die Artikel “Infertilität und künstliche Befruchtung” und “Psychologische Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch”).

Das Ideal der meisten Eheleute und der Normalfall sind heute das Wunschkind und die geplante Elternschaft. Paare wollen frei darüber entscheiden, wann sie ein Kind haben werden, und ohne Furcht vor einer unerwünschten Schwangerschaft Geschlechtsverkehr ausüben. Dank moderner Kontrazeptiva besteht heute diese Möglichkeit, und sie wird von Millionen Ehepaaren genutzt. Wenngleich es meist die Frau ist, die etwas gegen eine Befruchtung unternimmt (Pille, Spirale), so haben doch beide Verantwortung. Das ist der grundsätzliche moralische Ausgangspunkt, und der ist für die meisten Ehen selbstverständlich.

Heute wird ziemlich spät geheiratet und spät auch das erste Kind bekommen, oftmals bereits jenseits des biologisch günstigsten Alters. Damit verändern sich die Familienstrukturen. Die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Kindes sinkt rapide. Eine Großelternschaft rückt in weite Ferne. Der Abstand zwischen den Generationen wird größer. Dabei haben Enkel gern junge Großeltern, und Großeltern wiederum betrachten ihre Kinder und Enkel als wichtig für ihr Lebensglück. Wenn es heute schwer ist, jung – oder überhaupt – Mutter und Vater zu sein, dann darf sich keiner damit abfinden, vor allem die Ehepaare selber nicht – am besten sie zeugen einfach ein Kind.

Was nun die Sexualität betrifft, so bringen Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Kleinkindbetreuung erhebliche Irritationen mit sich (vgl. Artikel “Sex in der Schwangerschaft”). Generell ist davon auszugehen, daß nach der Geburt eines Kindes das gewohnte und gewünschte Sexualverhalten sich umso rascher wieder einstellt, je liebevoller die Ehepartner vor und in der Schwangerschaft zueinander waren, und wenn das Kind erwünscht ist und nicht einfach nur als eine Belastung, sondern als eine Belebung der Ehe betrachtet wird (vgl. Artikel “Nach der Geburt – ab wann ist Geschlechtsverkehr wieder möglich?”). Im übrigen haben Frauen mit Kindern nicht weniger, sondern häufiger Geschlechtsverkehr als kinderlose und generell mehr sexuelle Lust – und mehr Lust am Leben und Lieben.

Sexualität der Eltern – Sexualität der Kinder

Dürfen die Kinder die Sexualität der Eltern bemerken? Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, vor den Heranwachsenden die eigene sexuelle Aktivität zu verleugnen. Das ist auch gar nicht möglich. Wenn sie auch keinesfalls Augenzeugen beim Geschlechtsverkehr oder anderen sexuellen Praktiken sind oder sein sollten, bekommen die Kinder und Jugendlichen so oder so etwas mit. Entscheidend ist, wie sie es erleben, bewerten, verarbeiten. Sind sie überrascht, erschrocken? Ist ihnen die Angelegenheit peinlich oder gar eklig, abstoßend, häßlich? Fühlen sie sich zurückgesetzt? Welche Folgerungen ziehen sie für ihr eigenes Verhalten in Liebe und Sexualität daraus?

Das sind die eigentlich wichtigen Fragen. Die Antworten werden von den soziokulturellen Traditionen, den gesamtgesellschaftlichen Normen und den innerfamiliären Bedingungen gegeben, unter denen die Kinder aufwachsen. Gilt die Sexualität als Sünde, als Verbotenes, als Niedriges, als etwas, das nur jungen Eheleuten zwecks Fortpflanzung zusteht, dann werden die Kinder wenig Verständnis dafür entwickeln, daß auch ältere Leute – und als solche werden die Eltern ja angesehen – noch Geschlechtsverkehr haben und Spaß daran finden. Verhindert die Erziehung in der Familie beim Heranwachsenden die Ausbildung zarter Gefühle, dann wird man auch kein Verständnis seitens so erzogener Kinder erwarten dürfen. Sie werden zwangsläufig ablehnend und verständnislos auf sexuelle Bedürfnisse und Aktionen ihrer Eltern reagieren.

Inzwischen hat sich diesbezüglich viel geändert. In den meisten Elternhäusern ist die Einstellung zu Liebe und Sexualität positiv. Die Heranwachsenden bemerken, daß die Eltern nicht nur zu den Kindern, sondern auch zueinander zärtlich sind. Wichtig ist, daß die Kinder spüren, daß die elterliche Liebe keine Abwendung von den Kindern bedeutet, sondern im Gegenteil den emotionalen Reichtum der ganzen Familie vergrößert. Unter nichts leiden Kinder mehr als unter Abwesenheit von Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit.

Natürlich, jedes Familienmitglied, auch Mutter und Vater, hat ein eigenes und selbständiges Recht auf Liebe und Sexualität. Die Achtung vor den Eltern schließt auch die Bejahung der elterlichen Sexualaktivität ein, bei der sie ungestört sein wollen. Die sexuelle Begegnung ist eine sehr intime Angelegenheit, die die zwei Partner betrifft und bei der andere keine Funktionen haben. Diese Intimität ist in jeder Weise zu akzeptieren, genauso wie die Eltern später die ersten sexuellen Aktivitäten ihrer jugendlichen Kinder achten.

Forschungsergebnisse zeigen eindeutig, daß liebes- und ehefähige Jugendliche weitaus häufiger aus Elternhäusern kommen, in denen es liebevoll zugeht, in denen Liebe und Sexualität nicht tabuisiert sind, in denen die Kinder mit Mutter und Vater über Liebe, Partnerschaft und Sexualität reden können, wenn sie es wollen, in denen Mutter und Vater zärtlich zueinander sind und eine positive Einstellung zum Sexuellen besitzen. Ein erfülltes Liebes- und Sexualleben der Eltern hat nicht nur Nahwirkung auf das eigene Wohlbefinden, sondern auch Fernwirkung auf die nachfolgende Generation.

Autor

Prof. Dr. habil. Kurt Starke ist Soziologe/ Sozialforscher und Sexualwissenschaftler. Er leitet die Forschungsstelle Partner- und Sexualforschung Leipzig und ist Gründungsvorsitzender der Gesellschaft für Sexualwissenschaft e.V. Leipzig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Jugendforschung, Familienforschung und Sexualforschung. Seit 1972 hat er empirische Untersuchungen mit über 55.000 Personen durchgeführt.

Jüngste Buchpublikationen

  • Kurt Seikowski und Kurt Starke: Sexualität des Mannes. Lengerich: Pabst Science Publishers 2002
  • Kurt Starke: Fit for SexPower? Eine sexualwissenschaftliche Untersuchung zu BRAVO GiRL! Frankfurt am Main: Peter Lang 2001
  • Cornelia Helfferich in Zusammenarbeit mit Wilfried Karmaus, Kurt Starke und Konrad Weller: frauen leben. Eine Studie zu Lebensläufen und Familienplanung im Auftrag der BZgA. Forschung und Praxis der Sexualaufklärung und Familienplanung. Band 19. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2001
  • (Mitarbeit) Gunter Schmidt (Hg.): Kinder der sexuellen Revolution. Gießen: Psychosozial-Verlag 2000

Kontakt

Prof. Dr. habil. Kurt Starke
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Erstellt am 14. Juni 2002, zuletzt geändert am 16. März 2010