Stress und Partnerschaft

Prof. Dr. Guy Bodermann

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Stress im Alltag wirkt sich nachweislich negativ auf das Paar und das Familienklima aus. Man bringt seinen Stress von draussen (z.B. vom Arbeitsplatz) nach Hause und vergiftet damit die Interaktion mit dem Partner. Gestresste Partner sind gereizter, unwirscher und aggressiver oder ziehen sich zurück und wollen ihre Ruhe. Beides ist für den anderen Partner störend und enttäuschend, sodass es aufgrund von paarexternem Stress häufig zu paarinternen Konflikten kommt. Bei chronischer Stressbelastung kommt es daher zu negativen Partnerschaftsverläufen und einem höheren Scheidungsrisiko. Doch Paare sind auch nicht machtlos. Erkennen sie den negativen Einfluss von Stress auf ihre Beziehung, können sie ihre gemeinsamen Stressbewältigungsressourcen nutzen. Diese erweisen sich als wichtige Grundlage für eine glückliche und stabile Partnerschaft.

Stress ist in den westlichen Industriegesellschaften weit verbreitet und wird zusehends zu einem kollektiven Schicksal. Kaum jemand klagt nicht über Stress im Beruf, im Beziehungsalltag, ja selbst in der Freizeit. Stress scheint im Bewusstsein der Bevölkerung allgegenwärtig zu sein und bedeutet längst nicht mehr nur ein Modewort. Doch was ist Stress eigentlich?

Der Stressbegriff hat in den letzten Jahrzehnten in der Psychologie unterschiedliche Bedeutungen gehabt und wandelte sich von der Sicht von Stress als Auslöser von psychischen und physischen Krankheiten, über Stress als Reaktionsverlauf bis hin zum heute allgemein anerkannten Verständnis von Stress, wonach Stress eine Beziehung zwischen einer Person und deren inneren und äusseren Umwelt darstellt. Diese Beziehung wird als die eigenen Kräfte und Bewältigungsmöglichkeiten in besonderem Masse beanspruchend oder übersteigend eingeschätzt. Dabei wird eine Gefährdung der eigenen Gesundheit, der sozialen Anpassung oder der Leistungsfähigkeit wahrgenommen.

Stress stellt somit immer ein Ungleichgewicht zwischen inneren und äusseren Anforderungen an die Person und ihren Möglichkeiten darauf zu reagieren dar, wobei dieses Ungleichgewicht objektiv nicht unbedingt bestehen muss, jedoch subjektiv so erlebt wird. Stress löst bei der betroffenen Person das Gefühl aus, den an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen zu sein; sie empfindet sich als hilflos und ausgeliefert, ahnt negative Konsequenzen. Stress kann Folge von Überforderung wie Unterforderung sein.

Neben negativem Stress (“distress”) kann positiver, aktivierender Stress (“eustress”) unterschieden werden. Letzterer spielt für eine optimale Leistungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Es ist heute bekannt, dass die völlige Abwesenheit von Stress (z.B. Antriebslosigkeit, Lethargie, Apathie) ebenso ungünstig ist wie ein zu hohes Maß, welches im Leistungskontext zu Black-out führen kann. Die beste Leistungsfähigkeit liegt bei einem Mittelmaß an Stress vor.

Welchen Einfluss hat Stress auf die Paarbeziehung und deren Entwicklung?

Die Ergebnisse belegen signifikante negative Effekte von Stress auf die Partnerschaftsqualität und ein höheres Scheidungsrisiko bei Paaren mit viel Belastungen. Wir wissen jedoch heute nicht nur, dass sich Stress negativ auf die Paarbeziehung auswirkt, sondern kennen auch die Mechanismen, welche zu den destruktiven Auswirkungen führen. Es liegen direkte und indirekte Zusammenhänge vor.

Stress reduziert die gemeinsame Zeit und unterhöhlt so das “Wir-Gefühl”

Unter Stress ist die für den Partner und die Partnerschaft verfügbare Zeit eingeschränkt, wodurch die gemeinsam verbrachte Zeit – als eine wichtige Grundlage für das Funktionieren der Beziehung – fehlt. Paare, die stressbedingt wenig Zeit miteinander verbringen, haben weniger Möglichkeiten des affektiven Austauschs, der tieferen, emotionalen Kommunikation und einer befriedigenden sexuellen Begegnung.

Sorgen, Probleme und intime Gesprächsinhalte lassen sich nicht zwischen Tür und Angel ansprechen, sondern brauchen gemeinsamen Raum und Zeit, in der sich die Partner begegnen und emotional austauschen können, um auf der Basis des Spürens der physischen und psychischen Präsenz des Partners das Vertrauen zur Selbstöffnung zu gewinnen. Hektik und wenig Zeit sind die ärgsten Gegner dieser fundamentalen Form der Begegnung in der Partnerschaft und führen zum schleichenden Zerfall der Intimität und Nähe. Stress führt häufig zu floskelhaftem, oberflächlichem affektivem Austausch (man küsst oder umarmt den Partner, ist aber in Gedanken anderswo). Stress tangiert damit das “Wir-Gefühl” des Paares, unterhöhlt es und schädigt auf diese Weise die Partnerschaft nachhaltig.

Stress reduziert die partnerschaftliche Kommunikationsqualität

Weiter zeigen Studien, dass Stress zu einer deutlichen Verschlechterung der Kommunikation führt und so längerfristig die Unzufriedenheit mit der Partnerschaft bewirkt. Unter Stress nimmt die Qualität der Kommunikation um rund 40% ab, wie eigene Untersuchungen unter standardisierten Bedingungen gezeigt haben. Dabei ist nicht nur eine Abnahme der positiven Kommunikationssignale (Zustimmung, Lob, Anerkennung, Bewunderung etc.) feststellbar, sondern insbesondere eine Zunahme negativer Äußerungen und hier speziell von paraverbal negativen Gesprächsinhalten, d.h. der Tonfall wird gereizt, sarkastisch und unangenehm.

Unter paraverbaler Negativität verstehen wir Äußerungen, welche nicht verbal, d.h. im Inhalt, negativ sind (wie z.B. eine Kritik, ein Vorwurf usw.), sondern durch die Intonation (Betonung, Dehnung der Wörter, gemeiner Unterton usw.) und häufig rein durch die Bedeutung (“Du bist wie Deine Mutter”) negativ sind. Diese Form der Negativität ist besonders destruktiv, da zum einen schwierig darauf zu reagieren ist (die Negativität ist häufig nicht konkret fass- und festmachbar, da verbal keine negativen Inhalte kommuniziert werden) und zum anderen der Gehalt der Negativität deutlich höher ist und in der Regel unter die Haut geht. Eine durch starke paraverbale Negativität gekennzeichnete Kommunikation eines Paares ist äußerst problematisch und hat sich in unseren Untersuchungen als relevanter Scheidungsprädiktor (Vorhersagefaktor) erwiesen.

Interessant ist nun, dass diese destruktive Form der Kommunikation insbesondere dann unter Stress erhöht ist, wenn die Partner individuell ungünstig mit Stress umgehen. Das heißt, Personen, welche mangelnde Stressbewältigungskompetenzen aufweisen, haben ein höheres Risiko, unter Stress in dieser Art und Weise mit dem Partner zu kommunizieren.

Damit schließt sich der Teufelskreis. Stress führt zu einer ungünstigeren Kommunikation, verunmöglicht eine tiefe, emotionale Begegnung, in welcher Selbstöffnung und affektiver Austausch stattfinden kann, und führt so zur Entfremdung der Partner, zum Erkalten der Liebe und schließlich zum Zerfall der Partnerschaft. Der Einfluss von Stress ist mit einem korrosiven Prozess vergleichbar. Lange Zeit unbemerkt nagt der Rost am Eisen, bis es bricht.

Stress kann auch über eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Partner zur Belastung für die Beziehung werden

Neben dem negativen Einfluss von Stress auf die Kommunikation wird auch häufig eine Verschlechterung der Gesundheit unter längerfristigen Belastungen berichtet, welche negativ mit der Partnerschaftsqualität zusammenhängen kann. Es können dabei sowohl stressbedingte Störungen zu einer Einbuße der Partnerschaftsqualität führen, wie auch umgekehrt eine durch Stress reduzierte Beziehungsqualität das Risiko für psychische und physische Störungen erhöhen kann. So können stressbedingte Erkrankungen eines Partners (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Ulcus, Krebs usw.) erhebliche Einschränkungen im Leben (z.B. hinsichtlich gemeinsamer sportlicher, sozialer, kultureller oder sexueller Aktivitäten) für das Paar mit sich bringen, einen erhöhten Pflegeaufwand und eine stärkere Rücksichtnahme bedeuten sowie das Gleichgewicht in der Partnerschaft empfindlich stören – wodurch sich das Leben des Paares drastisch verändern kann.

Stressbedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen können längerfristig zu Unzufriedenheit, Hader und Resignation in der Partnerschaft führen. Entsprechend finden sich in mehreren Studien negative Zusammenhänge zwischen einer ungünstigen somatischen Befindlichkeit respektive psychischen Gesundheit und der Partnerschaftszufriedenheit, wobei somatische Beschwerden insgesamt weniger relevant für eine negative Paardynamik zu sein scheinen als psychische Krankheiten.

Stress demaskiert

Stress führt zudem zu einer Demaskierung, d.h. negative Persönlichkeitsmerkmale treten deutlicher hervor und werden dem Partner häufig erst unter Stresssituationen bewusst. Unter Stress fällt es schwerer, seine positiven Seiten zu zeigen. Man reagiert häufig gereizt, sarkastisch, dominant, rücksichtslos, rigid und egoistisch, wenn man gestresst ist. Dies führt beim Partner zu Enttäuschung, Ernüchterung, Desillusionierung und Frustration. Erneut trägt dies zur emotionalen Distanzierung zwischen den Partnern bei und zum Zerfall der Beziehung.

Stress sagt einen ungünstigen Partnerschaftsverlauf vorher

Eine von uns durchgeführte 5-Jahres-Längsschnittstudie verdeutlicht, dass Paare mit viel Stress im Alltag im Verlauf der fünf Jahre einen deutlich negativeren Verlauf ihrer Partnerschaft aufwiesen als Paare mit wenig Stress oder welche gut in der Lage waren, ihren Stress angemessen zu bewältigen. Die Partnerschaftszufriedenheit der gestressten Paare nahm deutlich stärker ab als bei den anderen Paaren. Zudem stieg das Scheidungsrisiko signifikant an.

Stress allein führt nicht zum Zerfall der Partnerschaft – der Umgang mit Stress ist entscheidend

Detaillierte Analysen der partnerschaftlichen Interaktion zeigen jedoch, dass der negative Effekt von Stress auf die Partnerschaft individuell (durch gut ausgebildete individuelle Belastungsbewältigungsressourcen) abgepuffert werden kann, dass allerdings insbesondere die Art und Weise, wie das Paar mit Stress umgeht, entscheidend ist. In sämtlichen Untersuchungen erwies sich die partnerschaftliche (dyadische) Stressbewältigung als relevanter als die individuelle.

Unter dyadischer Stressbewältigung verstehen wir die Art und Weise, wie Paare bei gemeinsamem Stress (welcher beide Partner in etwa gleichermaßen betrifft; z.B. Geburt eines Kindes, Umzug, Wohnungssuche usw.) gemeinsam in die Problemlösung und gegenseitige Emotionsregulation investieren bzw. wie sie bei Stress, der primär nur den einen Partner betrifft (z.B. Ärger am Arbeitsplatz), sich wechselseitig Unterstützung geben, um dem anderen wirksam bei der Bewältigung des Stresses beizustehen. Konkret sind hierzu kommunikative Fertigkeiten (Stressäußerung) ebenso notwendig wie Verständnis, Wertschätzung und Einfühlungsvermögen (Empathie) sowie konkrete emotions- und problembezogene Unterstützungsvorschläge.

Viele neuere Studien zeigen nicht nur, dass zufriedene oder stabile Paare mehr auf diese gemeinsame Stressregulation zurückgreifen, sondern dass auch die Wahrnehmung von Stress beim Partner besser ist, dass die Reaktionsbereitschaft höher ist, den Partner zu unterstützen bzw. gemeinsam Belastungen anzugehen und dass günstigere Formen der Stressbewältigung angewendet werden. Dyadische (partnerschaftliche) Stressbewältigung führt zu einer deutlich besseren Qualität der Paarbeziehung und zu einem geringeren Scheidungsrisiko. Wenn Paare Stress im Alltag gemeinsam bewältigen stärkt dies ihr Wir-Gefühl, ihr Wissen, dass sie aufeinander zählen können, das wechselseitige Vertrauen und die Bindung zwischen den Partnern.

Die Stressforschung bei Paaren hat durch diese Erkenntnisse einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von destruktiven Beziehungsverläufen und Scheidung geliefert. Wir wissen heute nicht nur, welcher Typ Stress besonders gefährlich für die Partnerschaft ist und wie er zum Zerfall der Paarbeziehung führt, sondern auch, wie Stress individuell und auf der Ebene des Paares (dyadisch) wirksam bewältigt werden kann. Es ist davon auszugehen, dass bei einem Großteil der Paare Stress die Ursache der Unzufriedenheit und der Trennung oder Scheidung ist. Paare müssen den Feind Stress erkennen und ihn gemeinsam zu bewältigen suchen. Geschieht dies zu lange nicht, findet ein korrosiver Prozess statt, welcher die Partnerschaft unterhöhlt und bei entsprechenden Auslösern (kritisches Lebensereignis, Möglichkeit einer neuen Partnerschaft, Lebensveränderungen usw.) in Richtung Trennung/Scheidung mündet. Stress in der Partnerschaft wirkt sich zudem negativ auf die Entwicklung der Kinder aus und bildet damit den Nährboden für Störungen aller Familienmitglieder.

Was kann man aus diesen Erkenntnissen folgern?

Paare sollten lernen, mit Alltagsanforderungen besser umgehen zu können. Stress sollte sowohl individuell wie als Paar angemessen bewältigt werden, damit ungünstige Folgen für die Partnerschaft und andere Familienmitglieder reduziert werden können oder ausbleiben. Falls einer oder beide Partner dies nicht in ausreichendem Masse zu tun imstande sind, sollten sie einen Präventionskurs (siehe Paarlife) in Anspruch nehmen.

Weiterführende Literatur

  • Bodenmann, G. & Fux, C. (2013). Was Paare stark macht. Zürich: Beobachterverlag.
  • Bodenmann, G. (2005). Beziehungskrisen: Erkennen, verstehen und bewältigen. (3. Auflage). Bern: Huber.
  • Bodenmann, G. (2006). Stress und Partnerschaft. Den Alltag gemeinsam bewältigen (4. Auflage). Bern: Huber.
  • Bodenmann, G. (2000). Stress und Coping bei Paaren. Göttingen: Hogrefe.

Informationen zu Paarlife

siehe entsprechenden Beitrag im Online-Familienhandbuch

Deutschland/Schweiz

siehe Paarlife-Website

Autor

Prof. Dr. Guy Bodenmann
Universität Zürich
Psychologisches Institut
Binzmühlestrasse 14/Box 23
8050 Zürich

Tel.: +41/26/3007653
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Erstellt am 6. Juni 2001, zuletzt geändert am 9. August 2013