Konflikte bewältigen: kleiner Leitfaden für Paare

Dr. Claudia Wölfer
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“In allen Partnerschaften gibt es Konflikte. Partner haben immer mal wieder verschiedene Bedürfnisse, die sich entgegenstehen. Dieser kleine Leitfaden soll Ihnen als Paar helfen, Konflikte auf konstruktive Weise auszutragen und eine Lösung für Ihr jeweiliges Streitthema zu finden, mit der Sie beide zufrieden sind (siehe hierzu meinen Beitrag “Faires Streiten”).”

Zu Beginn mag es sehr ungewohnt sein, mit Hilfe des Leitfadens “nach Plan” vorzugehen. Wählen Sie zunächst einfachere Konfliktthemen, um sich die einzelnen Schritte vertraut zu machen.

I. Regeln für das Gespräch festlegen

Legen Sie gemeinsam Regeln für das Gespräch fest: Kommunikationsregeln, auf die sich beide Partner geeinigt haben, sollen dazu beitragen, dass das Gespräch gut verläuft. Eine mögliche Regel, die nützlich sein könnte, wäre: “sich gegenseitig ausreden lassen” . Notieren Sie Ihre Regeln auf ein Blatt Papier, das während des Gesprächs zwischen Ihnen liegen bleibt. Auf diese Regeln können beide Partner im Gespräch hinweisen.

II. Konfliktthema festlegen

Sammeln Sie alle aktuellen Streitthemen beider Partner und formulieren Sie sie möglichst neutral, so dass sie keine Beschuldigungen beinhalten (nicht: “deine Schlampigkeit” , sondern: “Ordnung in unserer Wohnung” ). Die Themen sollten recht konkret gefasst werden, z.B.: “Übernachtung der Kinder beim Vater” .
Bestimmen Sie die Wichtigkeit der Themen aus der Sicht jedes Partners: Rangreihen bilden.
Einigen Sie sich auf ein Thema. Legen Sie gegebenenfalls einen Zeitpunkt für ein zweites Thema fest, wenn es zwei dringende Themen gibt. Das Thema sollte eventuell auf einem vorliegenden Blatt Papier notiert werden.

III. Sichtweisen/Bedürfnisse beider Partner darstellen und verstehen

Beide Partner stellen nacheinander ihre Sichtweisen des Konfliktes und ihre Bedürfnisse dar: Hilfreiche Fragen sind dabei: Worum geht es mir genau? Welches Bedürfnis liegt meiner Position zu Grunde? Was wünsche ich mir? Was muss für mich sicher gestellt sein, wenn wir eine Lösung gefunden haben?
Während ein Partner seine Sichtweise darstellt, hört der andere zu, ohne zu unterbrechen oder zu kommentieren. Bestimmen Sie gegebenenfalls eine Redezeit, z.B. etwa 3-5 Min.
Dann versucht der Partner in eigenen Worten wiederzugeben, worum es dem anderen geht. Er vergewissert sich, ob er es richtig verstanden hat. Wenn nicht, versucht er es noch einmal, oder der erste Partner erklärt erneut, um welche Bedürfnisse es ihm geht, und der zweite Partner versucht dann ein weiteres Mal, wiederzugeben, was er verstanden hat. Diese Schleife läuft so lange, bis der erste Partner sich sicher ist, richtig verstanden worden zu sein in dem, worum es ihm bei diesem Konfliktthema geht.
Danach wechseln die Rollen: Der zweite Partner erklärt, um welche Bedürfnisse es ihm bei diesem Thema geht. Und der erste Partner erklärt, was er verstanden hat, bis auch der zweite Partner sich sicher ist, dass er vom anderen in seinen Bedürfnissen verstanden worden ist.

IV. Eine wechselseitige Problembeschreibung formulieren

Versuchen Sie gemeinsam, das Problem so zu beschreiben, dass die Bedürfnisse beider Partner darin berücksichtigt werden, z.B. in der Formulierung: “Wir suchen also eine Lösung für unser Konfliktthema, die zum einen für dich sicher stellt, dass dein Bedürfnis XY erfüllt wird, und die zum anderen für mich sicher stellt, dass mein Bedürfnis YZ erfüllt wird.”

V. Viele Lösungsmöglichkeiten suchen

Sammeln Sie viele, auch ganz abwegig scheinende Lösungsideen. Schreiben Sie alle Ideen auf, die das eine oder das andere Bedürfnis oder gleich beide zufrieden stellen könnten, ohne sie zu bewerten, ohne sie selbst oder beim anderen zu kommentieren. Nehmen Sie sich dafür viel Zeit, also nicht allzu bald damit aufhören. Oft kommen besonders kreative Ideen, nachdem die nahe liegenden genannt sind.
Gehen Sie schließlich alle Ideen nacheinander durch und bewerten Sie sie mit Blick auf die genannten Bedürfnisse: Jeder Partner bewertet jede Lösungsidee, indem er beurteilt, inwieweit damit sein zuvor genanntes Bedürfnis erfüllt ist.

VI. Verhandeln und Vereinbaren

Jetzt wird eine Lösung ausgehandelt. Dazu muss nicht eine der Lösungen ausgewählt werden; es können auch die verschiedenen Lösungsideen miteinander kombiniert oder in Teilen einbezogen werden. Handeln Sie miteinander aus, was Sie dem anderen geben können, wenn er einem Teil der von Ihnen gewünschten Lösung zustimmen würde. Legen Sie gegebenenfalls einen Zeitraum fest, in dem die Lösung gelten soll. Schauen Sie nach dem größten gemeinsamen Nutzen der Lösungsideen.
Prüfen Sie gemeinsam, ob die Lösung alltagstauglich ist: Sprechen Sie miteinander konkret die Situationen durch, die nun anders werden, und fragen Sie sich kritisch, ob die Lösung umsetzbar ist. Vielleicht müssen noch bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden? Überlegen Sie gemeinsam, wie Ihre Lösung im Alltag bestehen kann.
Wenn Sie sich auf eine Lösungsidee geeinigt haben, besiegeln Sie diese: Reichen Sie sich z.B. die Hände, oder halten Sie die Vereinbarung schriftlich fest und unterzeichnen Sie sie.

Gutes Gelingen!

Autorin

Dr. Claudia Wölfer, Psychologische Psychotherapeutin, Weiterbildungen in Tiefenpsychologischer Psychotherapie (WIAP), Focusing (DAF), Systemischer Paar- und Familientherapie (IGST e.V.), Eltern-Säuglings-Beratung (Universitität Heidelberg) und Mediation (BAFM); Freiberuflich tätig als Psychotherapeutin und Supervisorin.

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Erstellt am 17. Januar 2002, zuletzt geändert am 10. Juni 2013