Aversionen und Hass in Liebe verwandeln

Beatrice Bachmann
Bachmann

 

 

Aversionen sind immer wieder Thema der Ehe- und Familienberatung, wenn ein Partner (oder beide) voller Hass gegen den anderen ist oder eine Aversion gegen bestimmte Verhaltensweisen entwickelt hat. Betroffene bemerken oft lange Zeit nicht, dass sie sich im Kreis drehen; sie haben das vage Gefühl, dass alles immer schlimmer wird – die Liebe nimmt ab oder hat sich bereits in Hass verwandelt. Wie kann eine Aversion geheilt, wie Hass in Liebe verwandelt werden?

Frau P., bisher freundlich und umgänglich, gerät in Rage, wenn sie über ein Verhalten ihres Mannes spricht: “Ich hasse seinen Tick, über den Flohmarkt zu streifen und Gerümpel anzuschleppen! Er macht das absichtlich. Die voll gestopfte Wohnung ekelt mich an; ich kann das Zeug nicht mehr sehen. Vor allem wenn wir uns gestritten haben, zieht er am nächsten Morgen auf den Flohmarkt und kauft noch mehr Sachen, bloß um mich zu ärgern!”

Die Wurzel der Aversion: Unerfüllte Bedürfnisse

Der Begriff “Aversion” kommt von dem lateinischen Begriff “avertere” und heißt “umdrehen, abwenden”. Er hat im psychologischen Zusammenhang die Bedeutung, dass sich die Liebe in Hass verdreht und ein Partner sich vom anderen ab- oder gegen ihn wendet.

Häufig handelt es sich um ältere Paare, deren Bedürfnisse gegenseitig längere Zeit nicht erfüllt wurden. Doch auch junge Paare haben mit Aversionen zu kämpfen. Die Aversion zeigt sich, indem ein Partner hartnäckig ein bestimmtes Verhaltensmuster des anderen thematisiert, auf das sich sein ganzer Hass bündelt. Meist geht es um eine Verhaltensweise, die dem Partner wichtig ist und die er keinesfalls abstellen möchte. Diese Verhaltensweise hat häufig Sucht-Charakter wie Alkoholismus, Nikotin-Sucht, Arbeitswut und Ähnliches.

Die Aversion und das sie auslösende Verhalten können beide als Symptom für tiefer liegende Probleme gewertet werden. Es handelt sich in der Regel um die Unfähigkeit der Partner, sich abzugrenzen, gemeinsam Abmachungen zu treffen, die Rücksicht auf die eigenen und gegenseitigen Bedürfnisse nehmen, sowie anfallende Aufgaben in gegenseitiger Absprache zu verteilen. Noch größere Bedeutung messen wir der Enttäuschung bei, die sich bei Partnern einstellt, wenn sie nach der ersten Liebe vom Partner für Gewohnheiten und Eigenschaften kritisiert werden, die vorher keinen Anlass zur Kritik boten.

Auch Defizite aus der Kindheit können eine Ursache sein, wenn vom Partner die annehmende Liebe erwartet wird, die die Eltern nicht gegeben haben. Zu der Enttäuschung über unerfüllte Bedürfnisse kommt in diesem Fall die unterdrückte Aggression gegen die eigenen Eltern hinzu, die damals elementare Bedürfnisse nicht erfüllen konnten. All diese Gefühle können sich hinter einer Aversion verbergen, was dazu führt, dass die emotionalen Äußerungen von großer Heftigkeit sein können.

Gefangen im negativen Kreislauf

Eine Aversion führt häufig zu einem negativen Regelkreis der verhassten Verhaltensweisen. Ein Regelkreis ist ein sich wechselseitig steuerndes Verhalten von zwei (Ehepaar) oder mehr Personen (Familie), das sich zu einem Selbstläufer ausgebildet hat. Die sich in dem Regelkreis befindlichen Personen haben über ihr Verhalten die Kontrolle verloren, d.h., sie steuern ihr Verhalten nicht mehr bewusst und aktiv, sondern reagieren nur noch auf das Verhalten des/der anderen Person/en. Regelkreise haben eine Tendenz zur Verstärkung, und der ausgelöste Leidensdruck kann unerträglich werden.

Herr P. ist über die Angriffe seiner Frau frustriert: “Ja, es stimmt, wenn sie mich mit ihren Schrei-Anfällen nieder macht, dann gehe ich anschließend auf den Flohmarkt, um mich aufzuheitern und ein gutes Geschäft zu machen – danach fühle ich mich besser!” Frau P. sieht das als Angriff ihres Mannes auf ihre Bedürfnisse nach Ordnung und finanzieller Sicherheit. Sie greift ihn verbal an – worauf er wieder den Flohmarkt aufsucht.

Für die Beteiligten ist es oft schwierig, einen negativen Regelkreis zu erkennen und von innen aufzubrechen. Um ihn aufzubrechen hilft es häufig schon, ihn zu erkennen. Um dies zu erreichen, sollten die einzelnen Punkte des Konflikts definiert werden.

Frau P. kommt in der Sitzung zunehmend mit spitzen Bemerkungen auf die Flohmarkt-Streifzüge ihres Mannes zu sprechen, bis wir sie bitten, darüber zu sprechen. Nach dem anfangs beschriebenen Ausbruch übersetzt der Berater die Bedürfnisse von Frau P.: “Ihre Frau leidet darunter, dass Sie ihr zu viele Dinge vom Flohmarkt in die Wohnung stellen”.

Herr P.: “Das ist eben mein Hobby. Und mein Ausgleich, wenn hier wieder Frust herrscht. Mir macht es eben Freude, und sie ist auch froh, wenn ich Sachen gewinnbringend verkaufen kann. Früher hat sie sich nie darüber aufgeregt”.

Berater: “Ihrem Mann ist sein Hobby wichtig. Es macht ihm Freude, und früher hat Sie das nicht gestört”.

Frau P.: “Früher haben wir nicht zusammen gewohnt. Da hatte ich mein eigenes Geld. Früher hat er mich auch nicht damit geärgert”.

Berater: “Ihre Frau fühlt sich durch die Sachen in den Wohnbereichen gestört, die Sie gemeinsam bewohnen. Sie möchte auch nicht, dass Sie die Sachen auf Kosten der Familie kaufen. Und sie hat das Gefühl, Sie kaufen die Sachen, um sie zu ärgern”.

Herr P.: “Um sie zu ärgern nicht, aber wenn wir streiten, bin ich frustriert, dann baut es mich auf, wenn ich auf dem Flohmarkt günstig Sachen kaufen und Gewinn machen kann”.

Berater: “Ihr Mann macht das nicht extra, um Sie zu ärgern, aber es ist eine Reaktion darauf, wenn er von Ihrem Verhalten verletzt ist”.

Frau P.: “Jetzt sagen Sie mir nur noch, ich bin daran schuld, dass er mir die Sachen in die Wohnung stellt!”

Berater: “Wir haben hier einen Regelkreis… (erklärt den vorliegenden Regelkreis). Ein Regelkreis ist ein Ablauf von Reaktionen, die sich verselbständigt haben. Da niemand von Ihnen sie mehr in der Hand hält, haben Sie beide das Gefühl, nichts dafür zu können. Tatsache aber ist, dass Sie beide daran beteiligt sind. Das hat den Vorteil, dass Sie ihn beide ändern können”.

Frau P.: “Ja, mir wär’ eigentlich schon geholfen, wenn er nicht alle Zimmer voll stellt”.

Es folgt eine Beratung des Ehepaars, wo die Sachen stehen könnten.

Berater: “Sie erwähnten vorhin, es gäbe damit finanzielle Probleme”.

Es folgt ein Gespräch über die Budgetierung der vorhandenen Finanzen in Form eines Taschengelds für die Partner.

Berater: “Sie sprachen vorhin von Streit. Streit warum?” Hier nimmt der Berater Bezug auf die Gefühle und Bedürfnisse, die sich hinter der Aversion verbergen.

In der nächsten Sitzung stellt sich heraus, dass Frau P. bemängelt, dass ihr Mann sich auf Kosten der Familie zu viele Freiheiten nimmt, die sie sich nicht zugestehen kann. Ihm fehlen Informationen über seine Aufgaben als Ehemann und Vater, sodass er seinen Aufgaben nicht angemessen nachkommt.

Mut zur Abgrenzung!

An zwei Punkten macht sich in diesem Gespräch eine Unfähigkeit der Partner zur Abgrenzung bemerkbar: Es wurde kein Platz oder Zimmer bestimmt, wo der Mann die Sachen hinstellen darf, und es wurde kein Budget bestimmt, mit dem der Mann seiner Leidenschaft frönen kann, ohne auf Kosten der Bedürfnisse anderer Familienmitglieder zu leben. Auch das tiefer liegende Problem hinter der Aversion der Frau kommt zur Sprache: Der Mann kennt seine Mann-spezifischen Rechte und Aufgaben in der Familie nicht und weist einen Mangel an Fähigkeiten auf, die Bedürfnisse von Frau und Kindern zu berücksichtigen und zu befriedigen. Die Frau hingegen sollte die Fähigkeit entwickeln, eigene Bedürfnisse zu verwirklichen und ihn in dieser Zeit für die Beaufsichtigung der Kinder einzusetzen.

Auf der Unfähigkeit zur Abgrenzung basieren viele “Ehe-Spiele”, die nicht selten den Charakter eines “Ehe-Kriegs” annehmen können. Dieses Verhaltensmuster kann auf kindliche Prägungen der Partner hinweisen. Im Rahmen von Regelkreisen können in der Kindheit geprägte Verhaltensweisen sich mit dem Ehepartner wiederholen.

Frau H., deren Vater als Alkoholiker ihre Mutter und sie stark vernachlässigt hat, heiratet einen Mann, der im Laufe der Ehe Alkoholiker wird. Wie ihre Mutter richtet sie ihre Energie darauf, ihren Mann “vom Alkohol weg zu kriegen”. Die Mittel aber, deren sie sich bedient – Beschuldigungen, Beschimpfungen, Herabsetzen vor den Kindern, Nachbarn und Bekannten – erzeugen genau die gegenteilige Wirkung: Herr H. verliert jegliche Selbstachtung, verwirft seine guten Vorsätze und verfällt weiter dem Alkohol.

Jede Sucht kann nur angegangen werden, wenn sie von den Betroffenen erkannt wird. Dazu muss auch der Co-Abhängige, also die nicht süchtige Person, die ebenso wie der Süchtige in dem Negativen Regelkreis gefangen ist, erkennen, welche Funktion sie ausübt. Nach der Information über den vorliegenden Regelkreis kann das leichter fallen. Positiv daran ist: Da an dem tragischen “Spiel” immer (mindestens) zwei Personen beteiligt sind, reicht es, wenn eine Person “aussteigt” und das Spiel nicht mehr mitspielt, um einen grundsätzlich neuen Handlungsbedarf für den Partner zu schaffen.

Tipps

Personen oder Paare, die mit Aversion zu kämpfen haben, können überlegen:

  • Was ist der Auslöser für unseren Streit?
  • Kann es sein, dass wir in einem Negativen Regelkreis fest gefahren sind? Wie sieht er aus? Was passiert dabei? Wie reagiere ich auf deine Handlung? Wie reagierst du auf meine Handlung?
  • Wie lauten die einzelnen Punkte unseres Problems?
  • Wie können wir uns gegen unerwünschte Verhaltensweisen besser abgrenzen – finanziell, räumlich, zeitlich, durch Änderung der Umstände?
  • Welches Bedürfnis steckt hinter der Abneigung gegen die verhasste Handlung?
  • Was wünsche ich mir von dir?

Hier können schon im gemeinsamen Gespräch Ursachen einer Aversion ausgeräumt werden. Hat sich die Abneigung verfestigt, regen wir an, eine Liste zu erstellen, die folgende Fragen beantwortet:

  • Was hat Ihnen damals, als Sie sich kennen lernten, an Ihrer Frau / Ihrem Mann gefallen?
  • Was waren die Gründe, warum Sie sich in sie / ihn verliebt haben?
  • Was gefällt Ihnen heute noch an ihm / ihr?
  • Was schätzen Sie an Ihrem / r Partner / in besonders?

Hier kann Paaren bewusst werden, dass sie früher – meist ist es noch gar nicht so lange her – ein besseres Bild von ihrem/r Partner/in hatten. Manchmal sind sie schockiert, dass sie sich so weit von ihren ursprünglichen Gefühlen entfernt haben. Den meisten Paaren ist in der von Aversionen bestimmten Gefühlslage nicht bewusst, wie sehr sie sich lieben.

Durch die genannte Aufgabe kann die Bedeutung des Partners wieder ins Bewusstsein rücken. Dadurch und durch die Bereitschaft zur Veränderung im gemeinsamen Gespräch kann ein neuer Grundstein gelegt und Hass in Liebe verwandelt werden: “Genieße an jedem einzelnen Tag, der dir beschieden ist, das Leben mit der Frau / dem Mann, den du liebst, was hast du sonst von deinem kurzen Leben?” (nach: Bibel, Buch Prediger, Kap. 9, Vers 9).

Autorin

Beatrice Bachmann, M.A., leitet den Verein für Christliche Ehe- und Familienarbeit e.V. (http://www.cef-ev.de) mit dem Ziel der Scheidungs-Prävention. Sie bieten nach biblischem Konzept Ehe-Beratung, Ehe-Seminare und Seminare zum Ehe-Berater.

Bücher: „Handbuch der Ehe- und Familienberatung“, “Zeit-Management für die Familie” u.a.
 

Kontakt

Beatrice Bachmann, M.A.
Christliche Ehe- und Familienarbeit CEF e.V.
Schlossstr. 18
88441 Mittelbiberach

Tel. 07351/300 37 36
Fax: 07351/300 36 45

E-Mail

Verein Christliche Eltern- und Familienarbeit

 

Erstellt am 1. Juni 2004, zuletzt geändert am 19. Februar 2016