Muss man Zwillinge anders erziehen?

Sigrun Rux
Rux

Die meisten Eltern erziehen ihre Kinder intuitiv “richtig” , und das ist bei Zwillingen nicht anders, daher sollte man gar nicht erst versuchen, fixe Regeln für die “Zwillingserziehung” aufzustellen. Situationen, die im Zwillingsalltag zu Problemen führen, sind von verschiedenen Umständen abhängig und sollten daher flexibel gehandhabt werden. Anstatt nach einheitlichen Lehrsätzen zu suchen, wie man Zwillingskinder erziehen soll, ist es viel wichtiger, jedes Kind für sich zu beobachten und auf die speziellen Bedürfnisse jedes einzelnen einzugehen. Natürlich erschwert die Situation, dass zwei gleichaltrige Kinder nebeneinander aufwachsen, manchmal, individuelle Unterschiede zu machen, aber sobald die Kinder ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und ihre Wünsche deutlich ausdrücken können, ergibt es sich ja von selbst, dass auch Zwillinge unterschiedlich behandelt werden.

Besonderheiten in der Erziehung von Zwillingskindern

Die Gefahr, beide Kinder in der Erziehung in einen Topf zu werfen, ist sehr groß. Eltern sollten sich daher bemühen, jedes Kind einzeln anzusprechen und die Pluralform in allgemeinen zu vermeiden.

Die meisten Eltern berichten, dass es bei Zwillingskindern schwieriger ist als bei “Einlingen” , sie zurechtzuweisen, denn der oder die Einzelne fühlt sich oft gar nicht direkt angesprochen. Das macht es für Mütter, die oft den ganzen Tag allein mit ihren Kindern verbringen nicht gerade einfach. Aber versetzen Sie sich einmal in die Situation von Zwillingen. Vom ersten Tag an verbringen die beiden mehr Zeit miteinander als mit irgendeinem anderen Menschen. Egal ob eineiig oder zweieiig – eine enge Verbundenheit zwischen Zwillingsgeschwistern ist im Kleinkind- und Kindergartenalter fast immer stark ausgeprägt. Nach dem Prinzip “Zusammen sind wir stark” behaupten sich Zwillinge gerne gegenüber ihrer Umwelt. Ich sehe das als unvergleichbaren Vorteil, der Zwillingen in die Wiege gelegt wird, auch wenn es für mich selbst oft sehr anstrengend ist, mich gegen meine – oft recht willenstarken – Kinder durchzusetzen.

Dazu kommt noch, dass die beiden mit “Strafen” oder Zurechtweisungen viel unbekümmerter umgehen, denn sie haben ja einander und gehen daher kein allzu großes Risiko ein, wenn die Mama einmal böse ist. Einige Eltern von älteren Zwillingen erzählten mir, dass sie nach einigen Versuchen ihre Kinder halbwegs stressfrei zu erziehen, die Erfahrung gemacht hätten, dass ein gewisses Maß an Disziplin helfen kann, spätere Probleme in den Griff zu bekommen.

Wogegen fast alle Eltern und auch später Kindergärtnerinnen und Lehrer machtlos sind, ist das betonte gemeinsame Auftreten von Zwillingen, besonders wenn es von schlechtem Benehmen begleitet ist. Auf Mädchen trifft das häufiger zu als auf Jungen. Ob sie nun durch freche Bemerkungen oder lautes Kichern auffallen, zu zweit sind sie kaum zur Raison zu bringen, diese Erfahrungen machen vor allem Eltern von Zwillingen im Schulalter, ganz besonders von pubertierenden Zwillingen.

Bei Jungen macht sich zwar nicht immer so eine ausgeprägte Innigkeit bemerkbar, ihre Stärke steckt mehr im gemeinsam verursachten Lärmpegel oder wilden Raufereien.

Eine Situation, die sich bei den Zwillingen selbst schwierig auswirken kann, ist eine zu starke Abhängigkeit voneinander. Bei Zwillingen dominiert fast immer ein Kind. Solange sich derjenige, der häufiger nachgibt, nicht unterdrückt fühlt, ist gegen eine solche Rollenverteilung auch nichts einzuwenden. Nur wenn der Nachgiebige offensichtlich unter der Situation leidet und sich nicht von selbst wehrt, sollten Eltern eingreifen, indem Sie das Kind bestärken und ermutigen. Es besteht sonst die Gefahr, dass sich das schwächere Kind immer wieder von anderen ausnutzen lässt.

Die Frage, ob es ratsam ist, Zwillinge im Kindergarten oder in der Schule zu trennen, sollten Eltern aus der ganz persönlichen Situation heraus entscheiden. Es gibt einiges, was für und anderes, was dagegen spricht, aber sicher keine fixen Regeln. Wenn mich Eltern danach fragen, gebe ich ihnen folgenden Tipp: Beobachten Sie ihre Kinder. Solange nicht ein Kind total im Schatten des anderen steht, lassen Sie sie die Vorteile des gemeinsamen Auftretens genießen. Für die meisten Kinder ist es ohnehin schwer genug, sich in einer neuen Gruppe erstmals ohne die Mutter zu orientieren.

Zwillinge und ihre Identität

In der Kindheit orientieren sich viele Zwillinge sehr stark aneinander, doch im Laufe der Jahre gelingt es den meisten, ohne Schwierigkeiten ihre eigene Persönlichkeit zu entdecken. Eltern können dennoch zu einer möglichst frühen Identitätsfindung ihrer Kinder beitragen, das beginnt schon bei der Vermeidung von Sammelbegriffen wie “Zwillinge” oder “die Zwei” . Auch gelegentliche separate Aktivitäten unterstützen das Bedürfnis nach Privatsphäre bei den Zwillingskindern.

Selbst bei eineiigen Zwillingen werden im Laufe der Zeit eine Menge Unterschiede im Wesen der Zwillinge offenkundig. Trotzdem sollten Eltern und Erzieher nie versuchen, Charaktereigenschaften der Kinder zu kategorisieren. Besonders eineiige Zwillinge scheinen ihre Eltern oft zum Narren zu halten, weil sie von einem Tag auf den anderen ihre Verhaltensweisen “austauschen” .

Auch das Fördern individueller Neigungen und Talente unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung von Zwillingen. Oft lässt sich schon im zarten Alter von einundeinhalb Jahren erkennen, ob ein Kind mehr sprachlich begabt ist, während beim anderen eher das sportliche Talent im Vordergrund steht.

Zwillingseltern müssen sich selbst dazu erziehen, in den beiden gleichaltrigen – und vielen Dingen ähnlichen – Kindern zwei Individuen zu sehen, die ihr eigenes Entwicklungstempo, eigene Begabungen und eigene Wesensmerkmale haben. Ständige Vergleiche, besonders in Anwesenheit der Zwillinge, schaden oft mehr als sie nützen. Das ist vor allem dann von großer Bedeutung, wenn ein Zwillingskind ungeschickter, weniger aufgeschlossen oder einfach schwieriger als das andere ist, da es das Selbstvertrauen dieses Kindes sehr schwächen kann, wenn immer nur von den (angeblichen) Vorzügen des Geschwisters geredet wird.

Schon im Kindergartenalter ist es wichtig, dass jedes Kind seinen eigenen Freundeskreis aufbaut. Zwillinge neigen nämlich oft dazu, Freundschaften gemeinsam zu “benutzen” und verabsäumen dabei, eine Beziehung ohne den anderen anzuknüpfen. “Wann dürfen” unsere “Freundinnen einmal kommen” , fragten mich meine Zwillingsmädchen Margit und Astrid neulich. Nachdem sie ein halbes Jahr im Kindergarten waren, erzählten sie mir eines Tages ganz stolz, dass jede bei einem Spaziergang mit einem anderen Mädchen aus der Gruppe Hand in Hand gegangen wäre. Ich war zuerst ein bisschen verwundert, denn ich hatte eigentlich den Eindruck, die beiden hätten sich in der Gruppe gut integriert. Die Kindergärtnerin erzählte mir jedoch, dass sie bei bestimmten “Ritualen” wie bei der gemeinsamen Jause oder beim Weggehen immer zu zweit wären, obwohl sie sonst den ganzen Vormittag auch mit anderen Kindern spielen. Ich bin mir selbst oft nicht im Klaren, ob ihre innige Beziehung zueinander einmal nachteilige Folgen für Beziehungen zu anderen Menschen haben kann. Doch momentan sehe ich nur Positives darin, daher gibt es für mich keinen Grund zu trennen, was von Anfang an zusammen war.

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Literatur

  • Bryan, E.: Zwillinge, Drillinge und noch mehr … Praktische Hilfen für den Alltag, H. Huber, Göttingen 1994.
  • Fauland, C.; Simbruner, G.: Zwillinge – Glückskinder? Sorgenkinder? München 1988.
  • Gratkowski, M. von: Zwillinge. Wie Sie mit Ihnen fertig werden, ohne selbst fertig zu sein, Stuttgart 1999/3.
  • Haberkorn, R.: Zwillinge, Rowohlt Verlag, Hamburg 1995.
  • Autorin
  • Sigrun Rux, Journalistin, Fachgebiete: Medizin und Psychologie

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Erstellt am 30. Januar 2002, zuletzt geändert am 30. Januar 2002