Vater sein heißt, etwas gemeinsam zu unternehmen

Steve Biddulph

Als unser Sohn noch klein war, wohnten wir an einer ruhigen Landstraße (und das heißt in Australien wirklich ruhig!), etwa 500 Meter vom Postamt und einem Einkaufsladen entfernt. An einem sonnigen Morgen benötigte man etwa zehn Minuten zu Fuß, um die Milch und die Post zu holen. Es sei denn, man hatte ein zweijähriges Kind dabei! Zweijährige denken nicht wie Erwachsene – sie wissen nichts von “langfristigen Zielen” . Sie kümmern sich nicht einmal um die “als Nächstes anstehende Aufgabe” . Alles andere, aber nicht das. Über jeden Meter entlang des Weges muss zäh verhandelt werden!

Aus reiner Hingabe an die Wissenschaft machte ich einmal ein Experiment: Ich gab in allem nach und ließ “das Kind” alles erforschen – jedes Loch, jeden Graben, jede Pfütze, jeden toten Wurm und jeden Stein (wenn frühe Prägungen spätere Karrieren bestimmen, wird mein Sohn Rohan es im Abwasserkanalwesen weit bringen). Und so dauerte unser Ausflug zum Postamt geschlagene zweieinhalb Stunden! Das Erstaunlichste: Nach einiger Zeit der Ungeduld machte es auch mir Spaß, alle Kleinigkeiten am Weg neu zu entdecken!
Aus allem, was wir über Familienstrukturen wissen, geht deutlich hervor, dass Kinder – vor allem Jungen – von dem Zusammensein mit ihren Vätern profitieren. Väter verhalten sich anders als Mütter, ergänzen deren Verhaltensmuster. Und meistens heißt das Zusammensein mit dem Vater, etwas “gemeinsam zu machen” . Das spielt sich nicht so ab wie im Kino oder wie bei den Waltons (ich bin sicher, diese Serie war auch in Deutschland zu sehen), wo man sich an den Tisch setzt und “offen alles miteinander bespricht” . Anfang des Jahrhunderts mag das in den USA so gewesen sein – und wenn es noch so ist, umso besser -, bei uns in Australien jedenfalls (und ich vermute einmal, auch bei Ihnen in Deutschland), bekäme man Zustände, wenn man sich ständig so gegenübersäße. Meiner Auffassung nach brauchen Vertrauensbildung und Selbstmitteilung Raum, um sich zu entfalten. Familien auf dem Land erzählten mir, dass man durchaus miteinander rede und einander zuhöre, doch dass dies eher nebenbei geschehe, meist während man etwas zusammen erledigt, z.B. während man Holz auflade, am Auto bastle oder die Schafe reinhole.

Das Leben auf dem Land hat seine Vorteile. In der Stadt gibt es weniger zu tun, d.h. weniger, was eine gemeinsame Anstrengung erfordern würde. Man kann den Müll nur einmal zur Mülltonne bringen! Eltern, die in der Stadt leben, erzählten mir, dass der Kontakt mit den Kindern am ehesten während der Autofahrten zum Klavierunterricht, zum Ballett, zum Sport oder anderen Hobbys zustande komme. Auf diesen Autofahrten bietet sich die Gelegenheit, zu fragen, wie es den Kindern geht, und mit ihnen losgelöst von ihrer – sie so beanspruchenden – Welt zu kommunizieren.

Unternehmungen mit Vätern sind für Kinder besonders wichtig. Die Gespräche wandern wie von selbst auch in tiefere Bereiche. Dinge kommen ganz plötzlich heraus, ja es ist wohl so, dass ein umgänglicher Vater die Lebensrichtung seiner Kinder tatsächlich beeinflussen kann – was viel besser ist, als wenn Hollywood oder die Jugendgruppe das für Sie erledigen.

Nicht erwarten, dass etwas erreicht oder abgeschlossen wird!

Vor allem mit Kleinkindern (zum Beispiel auf dem Weg zur Post) ist der Weg das Ziel. Möchten Sie ihnen zeigen, wie man einen Schraubenzieher oder andere Werkzeuge benutzt, sollten Sie den Gedanken an die zu erledigende Arbeit fahren lassen. Geben Sie Ihrem Nachwuchs Gelegenheit, die Dinge zunächst einmal zu untersuchen. Nach einer Weile verliert Ihr Sprössling vielleicht das Interesse, und Sie können die verlorene Zeit rasch wieder aufholen.

Nur Dinge tun, bei denen Sie sich auch entspannt fühlen

Wenn Ihnen die Kinder bei der Frühjahrssaat helfen, sollten Sie nicht den Anspruch auf einen makellosen Garten aufrechterhalten. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie einige Zeit mit Ihren Kindern verbringen oder eine Arbeit so schnell, wie Sie es gewohnt sind, verrichten möchten. Wenn Sie beides gleichzeitig versuchen, bleiben Ihnen Frustrationen kaum erspart. Wenn ich am Computer schreibe, kann ich es nicht ausstehen, wenn man mich unterbricht. Also versuche ich gar nicht, mein Kind mit einzubeziehen.

Das Elternsein genießen – es dauert nicht sehr lange!

Ich war in den Dreißigern, als mein Sohn auf die Welt kam, und bin mir bewusst geworden, dass meine Elternschaft nur von kurzer Dauer ist. Kommt er vorbei, während ich gerade beschäftigt bin, freue ich mich darüber und versuche, ihm dann gleich etwas beizubringen – Schreiben am Computer allerdings nicht!

Zusammengefasst heißt das: Als Vater sollte man sich jedes Mal klar entscheiden, was im Augenblick wichtiger ist; manchmal sind das die Kinder, manchmal nicht. Wenn Sie sich aber für die Kinder entscheiden, dann profitieren Sie selbst auch davon, denn Sie müssen Ihre Drehzahl herunterfahren und entdecken aufs Neue den Wert kleiner Freuden. Das ist das Geschenk, das Kinder bringen. Zeit, die man mit den Kindern verbringt, ist nie vergeudete Zeit.

Quelle

  • Aus: Steve Biddulph: Das Geheimnis glücklicher Kinder: Was Kinder wirklich bewegt. München: Beust Verlag, 16. Aufl. 2002, S. 60-63 (ISBN 3-89530-000-4, EUR 14,90). Mit freundlicher Genehmigung des Beust Verlags.

“Das Geheimnis glücklicher Kinder” des weltbekannten Familientherapeuten und Psychologen Steve Biddulph revolutioniert mit seinem von Humor und Einfühlungsvermögen geprägten Schreibstil das Sortiment an herkömmlichen Erziehungsratgebern. Biddulph beschränkt sich dabei nicht auf die Theorie, sondern bietet Eltern praktische Handlungsanleitungen, mit Kindern fröhlich, konfliktfrei und entspannt umzugehen. Der Leser erfährt, was wirklich in den Köpfen von Kindern vor sich geht – und wie man am besten darauf reagiert. Das Wohl der Eltern kommt dabei keineswegs zu kurz.

Autor

Steve Biddulph wurde 1953 in England geboren und lebt heute mit seiner Frau Shaaron und seinen beiden Kindern in Australien. Er ist einer der bekanntesten Familienpsychologen und Therapeuten Australiens und ging bei den wichtigen Pionieren der Kinderpsychologie und Erziehungsberatung in Australien und den USA in die Lehre. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen von Universitäten und Bildungseinrichtungen. Er war Leiter des Collinsvale-Zentrums für Lehrer, Therapeuten und Erziehungsberater in Hobort, Australien.

Erstellt am 10. Juni 2002, zuletzt geändert am 10. Juni 2002