Vaterschaft heute

Prof. Dr. Matthias Petzold

Mpetzold

In diesem Beitrag wird ein gut verständlicher Überblick über die Ergebnisse der soziologischen und insbesondere der psychologischen Väterforschung geleistet. Im Mittelpunkt stehen die Düsseldorfer Studien über die Beteiligung von Männern an der Erziehung ihrer Kinder.

Väter als Männer

Die Rolle des Vaters scheint sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt zu haben. Dabei blieb aber offen, ob dies bereits auf einen grundlegenden Einstellungswandel der Väter hinweist. So könnte es z.B. sein, dass die Teilnahme an der Geburt nur im Sinne einer sozialen Erwünschtheit erfolgt. Wie entsprechende Untersuchungen zeigten, ist aber gerade die innere Einstellung der Väter für ihr späteres Engagement bedeutsam, nicht dagegen die bloße Tatsache einer Teilnahme an der Geburt (vgl. Petzold, 1991, 1994; Werneck, 1998).

In einer soziologischen Studie, die Anfang 1998 mit 1.200 Männern durchgeführt wurde, wurden Männer nach ihrem Selbstbild und ihrer Einstellung zu allen wesentlichen Lebensbereichen gefragt (Zulehner & Volz, 1999).

Die Ergebnisse erlauben es, vier Männertypen zu unterscheiden:

  1. Der traditionelle Mann: 19 Prozent der 1.200 Befragten werden dieser Kategorie zugeordnet. Ein traditioneller Mann ist immer noch der Ansicht “Ich bin der Ernährer der Familie. Meine Frau braucht nicht zu arbeiten, sie soll sich um Heim und Herd und Kinder kümmern”. Entscheidungen trifft immer der Mann. Niemals sollte eine Frau in der Beziehungssuche den ersten Schritt tun.
  2. Der neue Mann (ebenfalls 19%) ist das klare Gegenteil zu seinem traditionell eingestellten Geschlechtsgenossen: Frauenemanzipation hält er für wichtig und unterstützenswert. Er ist der Ansicht, dass Mann und Frau gleichermaßen die Existenz der Familie sichern sollten. Ideal wäre, wenn beide nur halbtags tätig sind und Haushaltspflichten und Kinderbetreuung gleichmäßig auf beide Partner verteilen. Der neue Mann erlebt es als persönliche Bereicherung, wenn er als Vater sein Kind im Erziehungsurlaub betreuen kann.
  3. Der pragmatische Mann (25%) akzeptiert traditionelle Elemente, versucht aber gleichzeitig, neue Rollenelemente zu integrieren. Er hält es für eine positive Entwicklung, wenn Frauen berufstätig sind, und meint, dass sich Männer genauso um Haushalt und Kinder kümmern sollten wie Frauen. Emanzipation und Erziehungsurlaub für Väter sind für den pragmatischen Mann keine Schreckenswörter: Beides beurteilt er positiv. Dennoch glaubt der pragmatische Mann, dass Frauen besser Kinder erziehen können als Männer, dass Männer vor allem aus der Arbeit Befriedigung schöpfen und ein Mann den ersten Schritt tun sollte, wenn er eine Frau kennen lernen will.
  4. Der unsichere Mann (37%) akzeptiert weder die traditionelle Männerrolle, kommt aber auch nicht mit der neuen Rolle zurecht. Diese größte Gruppe ist durch eine große Verunsicherung geprägt. Der amerikanische Soziologe Connell (1999) hebt als Problem dieser Gruppe hervor: Sehr viele Männer fühlen sich stark von den Frauen herausgefordert, und sind sich im Unklaren darüber, wie sie Mann sein sollen in der neuen Welt der Massenarbeitslosigkeit, der wechselhaften globalen Märkte, der selbstsicheren Frauen und der sich wandelnden sexuellen Kodierungen.

Psychologische Vaterforschung im Wandel

Die wohl älteste heute noch verbreitete Sicht der Vater-Kind-Beziehung geht auf die psychoanalytische Theorie zurück (vgl. z.B. Camus, 2001). In der klassischen Psychoanalyse nach Freud ist die Mutter die Hauptperson für das Kind. Der Vater tritt erst etwa ab dem 4. Lebensjahr als Auslöser des Ödipuskomplexes in Aktion. Erst in neueren theoretischen Ansätzen wird auch die Bedeutung des Vaters in der vorödipalen Phase anerkannt; der Vater wird als wichtige Identifikationsfigur gerade für den Sohn gesehen.

Aus wissenschaftlicher Sicht gleichfalls überholt ist die Theorie der biologisch-genetischen Determinierung des Aufzuchtsverhaltens. Hier spielt das Konzept der Mutterschaft die zentrale Rolle. Es wird gefolgert: Da nur Frauen Kinder gebären können, sind auch nur Frauen in der Lage, diese aufzuziehen. Voraussetzung dafür ist, dass nicht nur die biologische, sondern auch die soziale Mutterschaft genetisch bedingt ist – dass es also “gegen die Natur” ist, wenn ein Mann, der ja diese genetischen Voraussetzungen nicht hat, Kinder aufzieht. Auch wurde häufig sämtliches Aufzuchtsverhalten als genetisch bedingt angesehen. Heute hat sich die Forschung zu der Frage hin verschoben, wie viel des beobachtbaren Verhaltens genetisch und wie viel durch die Umwelt bestimmt wird. Ist also die Mütterlichkeit vieler Frauen vielleicht anerzogen? Und: was spricht dagegen, dass auch Männer, falls sie das Aufzuchtsverhalten nicht “in die Wiege gelegt bekommen” , es doch noch lernen?

Für die psychologische Sozialisationsforschung spielten auch ältere soziologische Ansätze eine Rolle. Eine klassische Theorie zu den Unterschieden der Vater- und Mutterrolle in der Familie entwickelte der Soziologe Talcott Parsons. Er schrieb der Frau grundsätzlich die expressiven Rollen, dem Mann die instrumentellen Rollen zu. So ist der Vater der Stellvertreter der Gesellschaft in der Familie und vertritt andersherum diese auch in der Gesellschaft. Er ist das Verbindungsglied nach außen. Der Mann ist derjenige, der plant und Entscheidungen fällt. Die Frau dagegen ist der ausführende, hinnehmende Teil. Ihr Wirkungsfeld liegt in der Familie, in der sie zwischen allen Mitgliedern vermitteln und für Harmonie sorgen muss; sie ist für die Gefühle, der Mann für das Denken zuständig.

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive wurde die Bedeutung des Vaters für Säuglinge und Kleinkinder bis Mitte der 70-er Jahre nur vereinzelt diskutiert, und zwar fast ausschließlich unter dem Aspekt, welche Folgen sich aus dem Fehlen des Vaters ergeben. Er trat also für diese Altersgruppe – aus wissenschaftlicher Perspektive – vorwiegend als Abwesender in Erscheinung. Ein entscheidender Grund dafür ist in den vorherrschenden theoretischen Konzepten zur Eltern-Kind-Beziehung zu sehen, etwa in der Attachment-Theorie. In Anlehnung an die Annahmen, wie sie John Bowlby im Jahre 1951 erstmals in seinem viel zitierten Gutachten für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert hatte, galt die Mutter als die von der Natur dafür vorbestimmte primäre Bezugsperson von Säuglingen und Kleinkindern. Neben der Pflege- und Betreuungsfunktion fiel ihr vor allem die Aufgabe zu, eine stabile emotionale Bindung zum Kind aufzubauen. Der Vater war daran nicht nur durch seine beruflichen Aufgaben stark gehindert, sondern man ging in Übereinstimmung mit den vorherrschenden Rollenstereotypen auch von der Annahme aus, dass ihm dafür grundlegende biologische Voraussetzungen fehlen. Seine Mitwirkung bei der Betreuung und Erziehung des Kleinkindes sah man deshalb in erster Linie darin, den Lebensraum von Mutter und Kind wirtschaftlich abzusichern und die Mutter emotional zu unterstützen.

Nach dem Grundkonzept der Bindungstheorie soll sich zwischen Mutter und Kind bereits in den ersten Lebenstagen – und vertiefend in den folgenden Wochen und Monaten – ein spezifisches emotionales und kommunikatives Beziehungssystem entwickeln. Dieses bildet die Voraussetzung für eine gesunde körperliche und psychische Entwicklung, insbesondere auch bezüglich der Lernfähigkeit sowie der Ausbildung sozialer Kompetenzen. Nach den inzwischen vorliegenden Ergebnissen kann man davon ausgehen, dass Säuglinge über eine Reihe von spezies-charakteristischen Verhaltensweisen verfügen, die als Signale gegenüber der Mutter oder Bezugsperson dienen und die Funktion besitzen, eine enge Bindung herzustellen. Die Sensitivität und Kompetenz der Betreuungsperson, diese Signale wahrzunehmen und darauf angemessen zu reagieren, stellen entscheidende Verhaltensvariablen dar, die den Aufbau eines solchen Kommunikationssystems ermöglichen.

Hier ergibt sich nun das grundlegende Problem, ob es sich dabei um Verhaltensmerkmale handelt, die nur Müttern bzw. Frauen eigen sind, oder ob sie auch von Vätern in angemessener Weise realisiert werden können. Seit den Studien von Parke und Sawin (1976) ist in verschiedenen Untersuchungen belegt worden, dass Väter sehr wohl sensibel auf die Signale von Säuglingen reagierten. Wenn Säuglinge z.B. Unbehagen ausdrückten, dann reagierten auch Väter auf das Niesen, Spucken oder Husten in gleicher Weise wie die Mütter, indem sie das Füttern unterbrachen, das Kind genau anschauten und mit ihm sprachen. Der einzige Unterschied lag darin, dass die Väter im Allgemeinen vorsichtiger mit dem Kind umgingen. Kein Unterschied dagegen zeigte sich in der konsumierten Milchmenge der Kinder. Die Väter erwiesen sich demnach nicht nur als einfühlsam bzw. feinfühlig im Sinne des Attachment-Konzepts, sondern sie waren zugleich auch kompetent und erfolgreich.

In zahlreichen ethologischen Studien wird die These einer möglichen biologischen Verankerung der sensitiven Zuwendung bzw. kompetenten Interaktion auch von Vätern diskutiert. Es wird davon ausgegangen, dass die bei Müttern und Vätern in gleicher Weise beobachtete Feinabstimmung mit Neugeborenen und Säuglingen nicht ausschließlich erlernt sein kann. Begründete Hinweise dafür, dass auch Väter über biologisch verankerte Verhaltensweisen verfügen, die ihnen erlauben, kindliche Signale in einfühlsamer Weise wahrzunehmen und angemessen zu beantworten, erbrachten insbesondere Untersuchungen einer amerikanischen Forschergruppe um Frodi und Lamb. Dabei wurden die physiologischen Reaktionen von Eltern auf ruhige, lächelnde und weinende Säuglinge untersucht. Es zeigte sich, dass in den autonomen physiologischen Reaktionen auf kindliche Signale zwischen Müttern und Vätern kein Unterschied bestand (vgl. Fthenakis, 1988).

Die Annahme, dass es sich bei einer begleitenden nachgehenden Mimik in der Interaktion zwischen Vätern und Säuglingen um angeborene instinktive Verhaltensmuster handelt, wird ferner dadurch erhärtet, dass man ähnliche Reaktionen kulturübergreifend feststellen konnte. Weiterhin spricht dafür die Tatsache, dass eine entsprechende mimische Reaktion im Umgang mit Säuglingen sogar schon bei sehr jungen Kindern beobachtet werden kann. Man darf deshalb wohl davon ausgehen, dass es sich um eine genetisch verankerte, allgemein menschliche Fähigkeit handelt.

Die neuere entwicklungspsychologische Forschung widerspricht also eindeutig den zu Beginn dieses Abschnitts genannten älteren Theorien. Vielmehr können wir aus den vorliegenden Ergebnissen zwei Schlussfolgerung ableiten: Erstens reagieren Väter bei der Interaktion mit Neugeborenen und Säuglingen nicht nur im Verhalten, sondern auch auf physiologischer Ebene äußerst sensibel. Zweitens verfügen Väter ähnlich wie Mütter über bestimmte biologische Prädispositionen als Bezugspersonen.

Düsseldorfer Studien zur Rolle des Vaters

Die tatsächliche Beteiligung des Vaters an der Pflege, Betreuung und Erziehung von Säuglingen und Kindern wurde seit 1980 in der Universität Düsseldorf in mehreren Studien untersucht. Schmidt-Denter (1984) stützte sich auf eine repräsentative Fragebogenerhebung an 1.033 Familien aus Nordrhein-Westfalen. In diesem Zusammenhang sollten die Eltern u.a. zu Art und Umfang ihrer Tätigkeit in sechs verschiedenen Funktionsbereichen Stellung nehmen: Pflege, Schutz, Bindung, Kontrolle, Spiel und Lernen/ Anregen. Dabei zeigte sich, dass Väter schwerpunktmäßig andere Betreuungsbereiche bevorzugten als Mütter. Während z.B. Schutz- und Pflegefunktionen bei den Müttern die ersten beiden Rangplätze einnahmen, belegten sie bei den Vätern mittlere oder letzte Rangplätze. Auf den beiden ersten Rangplätzen lag bei Vätern dagegen das Auslösen von Bindungsverhalten durch emotionale Zuwendung. Die Väter beteiligten sich vorrangig also gerade in jenen Bereichen, die nach traditioneller Auffassung eine besondere Domäne der Mutter bilden. Allerdings zeigte sich, dass Väter in diesen Bereichen keineswegs nur das Mütterverhalten duplizierten, sondern eher ergänzten.

Die Frage, ob und in welchem Umfang sich Väter engagierten, hing allerdings von verschiedenen Bedingungen ab: der sozialen Schichtzugehörigkeit, der regionalen Herkunft, dem Lebensalter und der Kinderzahl. Diese Faktoren hatten zusammengefasst folgende Auswirkungen: Je höher die Sozialschicht, desto engagierter waren die Väter. Die stärkste Beteiligung zeigten Väter aus Großstädten, die geringste Beteiligung Väter aus ländlicher Wohnumgebung. Jüngere Väter beteiligten sich wesentlich mehr an der Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern als ältere. Je geringer die Kinderzahl war, desto mehr engagierte sich der Vater. Diese Ergebnisse von Schmidt-Denter (1984) konnten auch in einer weiteren Studie (Petzold, 1991, 1998) bestätigt werden. Etwas vereinfachend wurde folgende Schlussfolgerung gezogen: Väter sind dann eher bereit, sich an der Betreuung ihrer Kleinkinder zu beteiligen, wenn sie noch relativ jung sind, einer höheren Sozialschicht angehören, in Großstädten wohnen, und wenn es sich um das erste oder zweite Kind handelt.

Väter nehmen in den letzten Jahrzehnten in steigender Zahl an Geburtsvorbereitungskursen teil. Dabei handelt es sich in der überwiegenden Mehrzahl um Säuglingspflegekurse, aber auch um Kurse, die explizit partnerorientierte Atem- und Entspannungsübungen einschließen. Eine systematische Evaluation im Sinne einer Effektivitätsüberprüfung solcher psychologischen Vorbereitungsmaßnahmen für Väter erfolgte im Rahmen einer Längsschnitt-Pilotstudie zur Vorbereitung auf Schwangerschaft und Geburt sowie zur Eltern-Kind-Interaktion im ersten Lebensjahr (vgl. zusammenfassend Nickel, 2002; Petzold, 1999). Die überwiegende Mehrzahl der Väter (91%) nahm an der Geburt teil, 78% waren sogar während der ganzen Zeit im Kreißsaal anwesend, 13% nur bei einzelnen Phasen. Die Väter, die die Geburt ihres ersten Kindes miterlebt hatten, beschrieben das Geburtserlebnis in allen Fällen als positiv, und auch alle Mütter – bis auf eine Ausnahme – nahmen die Anwesenheit des Vaters als ausgesprochen unterstützend wahr. Nach einer anderen deutschen Untersuchung war die emotionale Befindlichkeit von Vätern zu verschiedenen Zeitpunkten kurz vor und nach der Geburt stabiler als die der Mütter. Umgekehrt gibt es von anderen Autoren auch Hinweise dafür, dass Mütter unerwartete Belastungen während des Geburtsvorgangs besser verarbeiten können als Väter (vgl. Olbrich & Brüderl, 1986; Petzold, 1998).

In der Betreuungsfunktion in den ersten sechs Lebenswochen des Kindes ergab der Vergleich der beiden Vätergruppen eine Reihe statistisch bedeutsamer Unterschiede zugunsten der vorbereiteten Väter. Sie beteiligten sich insgesamt intensiver an der Betreuung, so wickelten sie ihre Kinder häufiger, trugen sie öfter am Körper – z.B. im Tragetuch – und fuhren sie öfter im Kinderwagen spazieren. Es zeigten sich ferner bedeutsame qualitative Unterschiede: So bevorzugten vorbereitete Väter proximale Beziehungen, die einen engen Körperkontakt implizieren. Bei Befragungen gaben sie an, dass ihnen gerade diese engen Kontakte am meisten Spaß bereiteten. Dagegen beschränkten sich unvorbereitete Väter signifikant häufiger auf bloße Körperberührungen und waren auch im körperlichen Umgang mit dem Kind eher unsicher.

Von besonderem Interesse war nun die Frage, ob und ggf. in welcher Weise sich das unterschiedliche Verhalten der beiden Vätergruppen auch auf das Verhalten bzw. die Entwicklung der Kinder auswirkt. Dazu wurden die Kinder während der Beobachtungssituationen im dritten und neunten Lebensmonat ebenfalls einer Verhaltenseinschätzung unterzogen. Im dritten Lebensmonat ließen sich noch keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen nachweisen. Dagegen ergaben sich im neunten Lebensmonat bei der Verhaltenseinschätzung mehrere bedeutsame Differenzen: Im freien Spiel wurden die Kinder vorbereiteter Väter auf allen drei Skalen höher eingestuft. Für die “Qualität der Lautäußerung” und die “Responsivität” waren die Unterschiede auf dem 10%- bzw. 5%-Niveau signifikant; die Zufallswahrscheinlichkeit für den Unterschied auf der Skala “Heiterkeit” lag nur knapp oberhalb des 10%-Niveaus. Analoge Unterschiede fanden sich auch dann, wenn man die Kinder nicht explizit nach der Vorbereitung der Väter, sondern nach deren Engagement bei der Betreuung gruppierte. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es tatsächlich das Vaterverhalten ist, das als Ursache für entsprechende Effekte angesehen werden kann.

Diese Düsseldorfer Längsschnittstudie wurde im Jahre 1986 fortgesetzt (vgl. Petzold, 1998). Die Analysen bestätigen die Vermutung, dass sich zwar die Einstellung von Vätern, aber erst wenig das praktische Verhalten der Väter in der Familie geändert hat. Unsere Ergebnisse entsprechen soziologischen Studien, die allesamt darauf hinauslaufen, dass sich im Alltag der Familien mit kleinen Kindern noch keine großen Veränderungen der Geschlechterverhältnisse ergeben haben (vgl. Stein-Hilbers, 1989). In der Betreuung des Kindes sind die traditionellen Geschlechtsrollenstereotypen nach wie vor wirksam. In einzelnen Details wird jedoch deutlich, dass auch neuere Tendenzen in dieser Stichprobe nachgewiesen werden konnten: Solche Väter, die in der Pflege aktiv engagiert sind, haben eine stärkere Beziehung zum Kind. Bei den Müttern ist deutlich, dass sie bei eigener Erwerbstätigkeit nicht so stark in der Betreuung des Kindes eingebunden sind. Allerdings sind es nur zum Teil die Väter, die eine erwerbstätige Mutter spürbar entlasten. Dennoch gibt es einzelne Beispiele von aktiven neuen Vätern bis hin zu den wenigen Beispielen der Hausmänner mit erwerbstätiger Ehefrau und Kindern.

In weiteren von Horst Nickel geleiteten Studien zeigte sich, dass auch Väter über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, bereits vor und unmittelbar nach der Geburt ein einfühlsames Beziehungsverhältnis zu ihren Kindern aufzubauen. Weiterhin wurde deutlich, dass sich ein entsprechendes Engagement deutlich positiv auf die frühkindliche Entwicklung auswirkt. Väter mit unterschiedlichen Vorerfahrungen unterscheiden sich dabei insbesondere bezüglich solcher Verhaltensweisen, die Ausdruck eines sicheren und einfühlsamen Umgangs mit dem Kind sind. Darüber hinaus ergab sich im interkulturellen Vergleich, dass das Erleben und Verhalten junger Väter wesentlich durch die jeweiligen sozialkulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Das gilt nicht nur für die Rollenauffassungen von Vätern und Müttern, sondern ganz besonders für ihre kindbezogenen Einstellungen (im Sinne von psychologischem Wert und erlebter Belastung) sowie für die wechselseitige partnerschaftliche Zufriedenheit. Selbst bei kulturell so ähnlichen Ländern wie Deutschland und Österreich wirkte sich die jeweilige makrosystemische Feinstruktur entsprechend modifizierend aus.

Das besonders auffallende Ergebnis eines interkulturellen Vergleichs (Nickel & Quaiser-Pohl 2001) war, dass die Bewältigung des Übergangs zur Elternschaft bei deutschen Vätern die größten Probleme aufwarf. Dies könnte möglicherweise darauf hinweisen, dass sich die Einstellungen und Erwartungen westdeutscher Eltern besonders stark verändert haben – und zwar in weitaus größerem Ausmaß als die entsprechenden sozialpolitischen Rahmenbedingungen, auch wenn sich diese in Deutschland durchaus noch am günstigsten darstellen. So äußerten deutsche Väter vor der Geburt ihres Kindes mit Abstand die egalitärsten Rollenauffassungen – ihr späteres Verhalten nach der Geburt wich jedoch in vielen Fällen ganz erheblich davon ab. Ein Teil der Väter reagierte auf eine offensichtliche Überforderung beziehungsweise die Erfahrung, den eigenen Konzepten nicht entsprechen zu können, mit erhöhter Stresssymptomatik bis hin zu psychosomatischen Störungen. Das zeigt, dass die Verbindung von Kindesbetreuung und erfolgreicher Berufstätigkeit nicht nur für Mütter ein Problem darstellt, sondern dass auch Väter, die sich stark für ihre neugeborenen Kinder engagieren möchten, vor ähnlichen Schwierigkeiten stehen.

Die Rolle des Vaters in der Familie heute

An einer für Deutschland repräsentativen Studie von Fthenakis und Mitarbeitern, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wurde, nahmen 1.058 Männer/ Väter (sowie 725 Frauen/ Mütter und 333 Jugendliche) teil. Die Ergebnisse (vgl. Fthenakis & Minsel, 2001) stützen die Annahme, dass heute bei Vätern neben dem traditionellen Vaterbild häufig ein erweitertes Vaterschaftskonzept vertreten wird. Denn an erster Stelle wird die soziale Funktion des Vaters genannt, gefolgt von der ökonomischen Funktion (der Vater als Brotverdiener). An dritter Stelle folgt die instrumentelle Funktion. Der Karriereverzicht spielt eine untergeordnete Rolle. Die soziale und instrumentelle Funktion ergeben zusammen den Typ “Vater als Erzieher” , während die ökonomische Funktion und die fehlende Bereitschaft des Vaters, auf Karriere zu verzichten, den Typ “Vater als Ernährer der Familie” ergibt. Diese Studie bestätigt, dass wir gegenwärtig von einer “sanften Revolution” im Vaterschaftskonzept bundesweit sprechen können. 66% der Männer, unabhängig davon, ob sie Kinder hatten oder noch kinderlos waren, und unabhängig vom Entwicklungsstand ihres Kindes, definieren sich als “Erzieher des Kindes” und nur 34% als “Brotverdiener der Familie” . Diese Auffassung teilen auch ihre Partnerinnen bzw. Frauen und die befragten Jugendlichen. Es handelt sich also um eine neue soziale Norm, die Vaterschaft neu definieren lässt.

Die Geburt des ersten und noch einmal des zweiten Kindes veranlasst die Paare, ein traditionelles Modell zu etablieren, das die von ihnen angestrebte Symmetrie in den Rollen aufhebt und sowohl Frauen als auch Männern ein Modell des Zusammenlebens aufdrängt, das nicht in Einklang mit ihren Konzepten zu bringen ist. Diese Traditionalisierung des Zusammenlebens ist in vielen Fällen der Beginn eines innerfamilialen Prozesses, der dazu führt, dass eine Erosion in der Qualität der Partnerschaft stattfindet, von der sich viele Paare nicht mehr erholen.

Fthenakis und Minsel (2001) konnten auch bestätigen, dass sich das Vaterschaftskonzept selbst beim Übergang zur Elternschaft im Mittel nicht ändert. Aber es treten in Abhängigkeit von der Partnerschaftsqualität Veränderungen in unterschiedliche Richtungen auf: Je besser die Partnerschaftsqualität ist, desto mehr ändert sich das Vaterschaftskonzept der Männer in Richtung des Typs “Vater als Erzieher” , und je schlechter die Partnerschaftsqualität ist, desto mehr ändert sich das Vaterschaftskonzept in Richtung “Vater als Ernährer” . Beim Übergang zur Elternschaft tritt in der Aufgabenteilung eine Traditionalisierung ein. Für die Haushaltsaufgaben kann man beobachten, dass nach der Geburt die gleichmäßige Partizipation deutlich abnimmt und die Frau mehr Aufgaben allein übernimmt. Die Geschlechtsrolleneinstellung der Männer hat einen starken Einfluss auf die Idealvorstellung der Aufgabenteilung. Egalitär Eingestellte wollen gleichmäßige Partizipation, traditionell Eingestellte wollen Aufgabendifferenzierung. Der Einfluss auf die tatsächliche Aufgabenteilung ist zwar noch vorhanden, aber deutlich geringer. Das führt zu einem Schereneffekt, der darin besteht, dass die Differenz zwischen Ideal und Realität bei den Personen mit der ausgeprägtesten egalitären Einstellung am höchsten ist. Die größte Ähnlichkeit zwischen Ideal und Realität bezüglich gleichmäßiger Partizipation findet man bei den traditionell Eingestellten. Die traditionell eingestellten Mütter sind denn auch nach der Geburt am zufriedensten mit der Aufgabenteilung im Haushalt, die egalitär eingestellten Mütter sind am unzufriedensten.

Die Aufgaben mit dem Baby wollen sich die Partner vor und auch nach der Geburt gleichmäßig teilen (Idealvorstellung: über 70% der Aufgaben in gemeinsamer Verantwortung, 20% bis 30% der Aufgaben soll die Mutter übernehmen, 1% bis 3% soll der Vater übernehmen) – tatsächlich übernimmt aber die Mutter mehr als die Hälfte der Aufgaben allein. Allerdings beteiligen sich die Väter dann mehr an Aufgaben mit dem Kind, wenn die Mutter eine egalitäre Geschlechtsrolleneinstellung hat und wenn sie ein Vaterschaftskonzept vertritt, das den Karriereverzicht und die soziale Funktion besonders hoch gewichtet. Diese Mütter trauen ihren Männern offenbar mehr zu und überlassen ihnen eher das Kind alleine. Das führt dazu, dass die Väter von Anfang an die Chance bekommen, den Umgang mit dem Kind einzuüben.

Die Ergebnisse neuerer Studien zeigen also, dass sich tatsächlich eine gewisse Trendwende abzuzeichnen scheint. Väter sind heute mehr als früher bereit, sich aktiv und mit erheblichem Einsatz im Alltag für ihre Kinder zu engagieren; sie sind bereit, an der Alltagssorge und Erziehung mitzuwirken. Gleichwohl ist deutlich, dass es nur einer geringen Zahl von Vätern tatsächlich gelingt, dies im Familienalltag zu verwirklichen. Die Frage, ob dies nun daran liegt, dass Väter die Realisierung dieser neue Rolle erst noch erlernen müssen, also selbst Förderung und Erziehung brauchen (vgl. Nickel, 2002), oder ob es daran liegt, dass die gegenwärtigen Arbeits- und Lebensbedingungen eine größeres Maß an Beteiligung kaum zulassen (vgl. Fthenakis & Minsel, 2001; Zulehner & Volz, 1999), kann nicht beantwortet werden. Die Diskrepanz zwischen den Wünschen vieler Väter, mehr Zeit für die Kinder zu haben, und der Unmöglichkeit, dieses Bild heute umzusetzen, ist jedoch wissenschaftlich empirisch belegt.

Literatur

  • Camus, J. (2001). Väter. Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes. Weinheim: Beltz.
  • Connell, R.W. (1999). Der gemachte Mann. Opladen: Leske & Budrich.
  • Fthenakis, W.E. (1988). Väter (2 Bde.). München: Deutscher Taschenbuchverlag (dtv).
  • Fthenakis, W.E. u.a. (1999). Engagierte Vaterschaft. Opladen: Leske & Budrich.
  • Fthenakis, W.E. & Minsel, B. (2001). Die Rolle des Vaters in der Familie. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  • Nickel, H. (2002). Väter und ihre Kinder nach der Geburt. In H. Walter (Hrsg.), Männer als Väter (S. 556-579). Gießen: Psychoszial-Verlag.
  • Nickel, H. & Köcher, E.M.T. (1986). Väter von Säuglingen und Kleinkindern: Zum Rollenwandel in der Bundesrepublik Deutschland. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 33, 171-184.
  • Nickel, H. & Quaiser-Pohl, C. (2001). Junge Eltern im kulturellen Wandel. Weinheim: Juventa.
  • Parke, R.D.; Sawin, D.B. (1976). The father´s role in infancy: A re-evaluation. Family Coordinator, 25, 365-371.
  • Petzold, M. (1991). Vorbereitete und unvorbereitete Väter fünf Jahre nach der Geburt des ersten Kindes. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 38, 263-271.
  • Petzold, M. (1994). Der Vater im Übergang zur Elternschaft. Psychosozial (Heft 58), 61-74.
  • Petzold, M. (1998). Paare werden Eltern (2. Aufl.). St. Augustin: Gardez-Verlag.
  • Petzold, M. (1999). Entwicklung und Erziehung in der Familie. Baltmannsweiler: Schneider-Hohengehren.
  • Schmidt-Denter, U. (1984). Die soziale Umwelt des Kindes. Berlin: Springer.
  • Stein-Hilbers, M. (1989). Frauen und Männer: Erste Anzeichen eines Wandels von Geschlechterverhältnissen. Sozialwissenschaftliche Informationen (SOWI), 4, 221-227.
  • Walter, H. (Hrsg.) (2002). Männer als Väter. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Werneck, H. (1998). Übergang zur Vaterschaft. Wien: Springer.
  • Zulehner, P.M. & Volz, R. (1999). Männer im Aufbruch. Ostfildern: Schwabenverlag 

Autor

Prof. Dr. Matthias Petzold ist Familienpsychologe, arbeitet an den Universitäten Düsseldorf und Köln sowie in freier Praxis in Köln. Hauptarbeitsgebiete: Entwicklungspsychologische Familienforschung, Mediennutzung in der Familie, Gutachten für Familiengerichte.

Kontakt

Prof. Dr. Matthias Petzold
Erziehungswissenschaftliches Institut
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
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Erstellt am 25. November 2002, zuletzt geändert am 18. Mai 2011