Vaterbilder und Vaterfunktionen

Dr. Michael Matzner

Vaterschaft wird innerhalb einer bestimmten sozialen und kulturellen Umwelt gelebt und gestaltet. Die jeweilige Kultur, die sich auch in Form von Leitbildern und Normen, Sitten und Gewohnheiten widerspiegelt, hat einen großen Einfluß auf die Konzeption und Ausgestaltung von Männer- und Väterrollen, von Frauen- und Mütterrollen sowie von Kindheits- und Familienmodellen. Was wird innerhalb einer bestimmten Gesellschaft von Vätern erwartet? Welche Aufgaben, Funktionen und Kompetenzen werden ihnen zugeschrieben? Welche Stellung nehmen Väter innerhalb und außerhalb der Familie ein? Wie verhält es sich mit dem Verhältnis zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an Väter und ihrem tatsächlichen Handeln?

Diesen Fragen wird in den folgenden Abschnitten nachgegangen:

Das Vaterbild

Im Vaterbild spiegelt sich wider, wie innerhalb einer bestimmten Epoche und Kultur über Väter und über Vaterschaft gedacht, gesprochen und geschrieben wurde bzw. wird. Vaterbilder können sowohl Stereotypen – also die Wahrnehmungen in der Gesellschaft über das angebliche Denken, Fühlen und Handeln von Vätern – als auch Idealbilder der Gesellschaft darüber beinhalten, wie Väter denken, fühlen und handeln sollten. Ein bestimmtes Vaterbild muß nicht unbedingt die gesellschaftliche Realität widerspiegeln, was das tatsächliche Handeln von Vätern betrifft, kann aber als Leitbild im Zusammenspiel mit anderen Einflüssen durchaus verhaltensprägend auf Väter und Mütter einwirken. Mit dem Begriff des Vaterbildes steht derjenige der Vaterfunktion in engem Zusammenhang. Vaterfunktionen umfassen die Stellung und Aufgaben des Vaters innerhalb seiner Familie sowie der Gesellschaft.

Im Vergleich zu den Müttern hat die Kultur bei den Vätern eine noch höhere und auch spezifisch andere Bedeutung, wenn es um die Definition eines Bildes von Vaterschaft und die Ausgestaltung einer Rolle als Vater geht. Bei den Müttern bewirkt das Zusammenwirken von Natur und Kultur, daß in jeder Kultur der Mutter die Aufgabe der Kinderbetreuung und -versorgung, zumeist als hauptverantwortliche Person, zugeschrieben wird. Mütter haben normativ nicht die Möglichkeit, ihre soziale Rolle als Mutter nicht anzunehmen. Ist dies der Fall, so gelten sie als “Rabenmutter” . Mütter dürfen zwar manche Dinge delegieren, jedoch nicht den Kern der gesellschaftlich definierten Mütterlichkeit im Sinne von enger emotionaler und liebevoller Zuwendung zum Kind. Bei den Vätern verhält es sich etwas anders. Da der Vater trotz seiner Erzeugerfunktion, biologisch gesehen, zunächst vergleichsweise “weiter” von seinem Kind “weg” ist als die Mutter, hängt es bei ihm noch mehr als wie bei der Mutter von der entsprechenden Kultur ab, wann und wie er sozialer Vater wird. “Aber nicht die Biologie, sondern die Kultur bringt Vater und Sohn an einen Tisch” (Grieser 1998, S. 12).

In Vergangenheit und Gegenwart gab bzw. gibt es mehr voneinander unterscheidbare Modelle von Vaterschaft als wie von Mutterschaft, da Väter außer der Verpflichtung zur wirtschaftlichen Versorgung der Familie grundsätzlich mehr Spielraum haben, was die Annahme und insbesondere die Gestaltung ihrer Rolle als Vater betrifft. Vaterschaft unterliegt noch mehr als die Mutterschaft mit ihrem “härteren” biologischen Kern dem sozialen Wandel. Vaterbilder und Vaterfunktionen haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder nachhaltig verändert.

Patriarchen und Hausväter

Hildegard Macha (1991) zufolge hat bis in das 18. Jahrhundert hinein über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ein weitgehend eindeutiges Vaterbild in europäischen sowie in anderen Hochgesellschaften existiert. Erst aufgrund des Wandels der Lebens- und Arbeitsformen im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung sei es zu umfassenden Veränderungen im Vaterbild gekommen, welche die bis dahin “gesicherte Vateridentität” gefährdeten und schließlich zu einer “Rollendiffusion” bei den Vätern führten. Der bisherige Hausvater wurde zu dem das Haus tagsüber verlassenden Vater.

Das Bild des pater familias der römischen Antike hat sehr stark bis in die frühe Neuzeit hineingewirkt. Der pater familias war als Familienoberhaupt die oberste Autorität der Familie bzw. des Hauses und vertrat die Familie nach außen. Er besaß rechtliche, wirtschaftliche, politische und soziale Vorrechte, aber auch Pflichten gegenüber seinen Angehörigen sowie den sonstigen Hausbewohnern. Neben diesen weltlichen Funktionen genoß er aufgrund seiner Priesterfunktion auch eine sakrale Verehrung. Man kann den pater familias als König, Richter und Priester der Familie sehen, der die ihm zugeschriebene pietas (Pflichtgefühl) des liebenden Vaters in Form von clementia (Milde) und diligentia (Fürsorge) mit der ihm zugleich zugeschriebenen potestas (väterliche Gewalt) in Form von severitas (Strenge) und disciplina (Zucht) in seiner Person als Vater miteinander vereinen sollte.

Das patriarchalisch geführte Haus bildete das Fundament der Gesellschaft und beinhaltete wesentlich mehr Funktionen und Aufgaben als heutige Familien. Neben dem pater familias (Familienvater) existierten die Vaterbilder und -funktionen des paters patriae (Vaterlandsvater) und des paters coeli (Himmelsvater), der die Gemeinschaft von himmlischem und irdischem Hausherrn verkörperte. Für alle frühen und späteren Hochkulturen können wir von einem solchen Vorrang des Vaters ausgehen.

Die oben genannten Vaterfunktionen waren in den spezifischen Kulturen und Epochen unterschiedlich ausgeprägt. Sie wandelten sich oder fielen auch weg. Für die Antike nennt der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen neben anderen Vaterfunktionen drei kindbezogene zentrale Aufgaben von Vaterschaft. Dies sind das Nähren (nutritio) im Sinne von Unterhalt der nachwachsenden Generation, das Schützen von Leib und Leben der Kinder sowie deren Wohlergehen (protection) sowie das Zeigen von Welt (deixis).

Im deutschsprachigen Raum existierte zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert eine Kultur der Vaterschaft, welche sich auch in der Hausväter-Ordnung sowie der Hausväterliteratur widerspiegelte. Im Hausvater verkörperte sich die besondere rechtliche und soziale Stellung des Vaters. Nach wie vor wurden ihm die Alleinverantwortung für und die Macht über die Familie zugeschrieben, wenn gleich zunehmend Funktionen an die Mutter oder den Staat abgegeben wurden. Auch für die Aufgabe der Betreuung und Erziehung der Kinder wird der Vater noch bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts als Hauptadressat von Pädagogen, Pädiatern und Staatsrechtlern angesehen.

In den vergangenen zweihundert Jahren verstärkte sich der Funktionsverlust des Vaters. Ehemals väterliche Funktionen, insbesondere bezüglich der Erziehung und Sozialisation der nachwachsenden Kinder, vor allem der Söhne, wurden von anderen Personen (z.B. Mütter, Lehrer, Handwerksmeister) und Institutionen (z.B. Schulen, Betrieb) übernommen. Dieser Prozess der Entväterlichung in der Gesellschaft muß nicht zwingend bedeuten, daß die Väterlichkeit auf der individuellen Ebene grundsätzlich verloren gehen mußte, wie uns die Forschung zeigt. Trotzdem fand eine Veränderung auf der individuellen Ebene insofern statt, als daß es weitgehend zum Verlust der Funktion des Schützens und zumindest partiell der Funktion des Zeigens von Welt führte, wobei sich letztere zunehmend auf immer geringer werdende Teilbereiche konzentrieren mußte. Selbst die Funktion des Alimentierens in Form von direktem Ernähren und Versorgen als letztlich verbliebene spezifische Funktion des Vaters neben der des Erzeugers, die heute ebenfalls in Frage gestellt werden kann, erscheint für die Zukunft gefährdet, wenn mit Mutterschaft zunehmend auch Berufstätigkeit verknüpft wird. Trotz der zunehmenden außerhäuslichen Berufstätigkeit als Ernährer der Familie verlor der Vater auch im 19. Jahrhundert nicht seine beherrschende Stellung gegenüber Frau und Kindern.

Seit dem 18. Jahrhundert veränderten sich zunehmend die gesellschaftlichen Vorstellungen über Kinder. Das Interesse ihnen gegenüber als “erziehbare Wesen” wuchs zunächst im Bürgertum zunehmend und äußerte sich in einer Erziehungsdiskussion, welche die Eltern aufforderte, ihre Kinder selbst zu erziehen. Die neuen Erziehungsmaximen verlangten den Verzicht auf drakonische Strafen und Prügel als dominierende Erziehungsmittel. Das Erziehungsziel des “vernünftigen Menschen” sollte vor allem durch Empathie erreicht werden. In diesem Sinne wurde eine Reduktion der Vaterautorität gefordert. “Der Vater blieb zwar oberste Autoritätsperson, er war jedoch nicht mehr wie im ´ganzen Haus´ primär befehlender und züchtigender Hausvater, sondern wurde – der Idee nach – zum Ratgeber und Freund” (Rosenbaum 1982, S. 270).

Der Vater als Ernährer und Bestrafer

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbrachten viele Väter immer mehr Zeit außerhalb ihrer Familien. “Der Vater war nicht mehr Hausvater, sondern primär Berufsmensch” (Schütze 1988, S. 123). Die pädagogische und medizinische Ratgeberliteratur konzentrierte sich zunehmend auf die Person der Mutter. Ihr allein wurde jetzt die natürliche Fähigkeit zugeschrieben, eine emotionale Bindung zum Kind zu entwickeln. Mit dieser Zuschreibung ging parallel eine solche des männlichen Geschlechtscharakters einher. So wurde von den Männern die Unterdrückung von Gefühlen, Ängsten und anderen Schwächen erwartet. Sie sollten ihrer Gefühle “mannhaft Herr werden” (ebd., S. 127).

Die herrschenden Normen am Ausgang des 19. Jahrhunderts, die über dieses hinweg weit in das 20. Jahrhundert hinein wirkten, verlangten unbedingt die Wahrung der männlichen Autorität, welche in den Augen vieler Väter durch zu enge emotionale Bindungen zum Kind gefährdet werden konnte. Die Beschäftigung mit Kindern galt eher als “unmännlich” . Die Zuschreibung von Vernunft, Disziplin und Härte an den Mann und Vater bewirkte dessen “Zuständigkeit” innerhalb der Erziehung als “oberster Normenvollstrecker” , vor allem gegenüber seinen Söhnen.

Die polare Geschlechterordnung kam auch im Familienrecht des am 1. Januar 1900 in Kraft getretenen Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zum Ausdruck. Der Vater war qua Gesetz für den Lebensunterhalt der Familie verantwortlich, während die Mutter verpflichtet war, für Haus und Kinder zu sorgen. Es wurde jetzt nicht mehr von der väterlichen Gewalt gesprochen, sondern von der elterlichen Gewalt. Allerdings konnte die Mutter die volle elterliche Gewalt erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz des Jahres 1957 bekommen. Bis dahin verfügte der Vater über die elterliche “Hauptgewalt” , während die Mutter nur eine auf die Personensorge beschränkte “Nebengewalt” hatte (Stein-Hilbers 1994).

Seit den zwanziger Jahren kam es allmählich zu einer Aufwertung der Frauen- und Mutterrolle. Zumindest innerhalb bestimmter städtischer Milieus ging damit eine langsam zunehmende Emanzipation der Frau einher. Die Übernahme “männlicher” Aufgaben während der Kriegs- und Nachkriegszeiten bewirkte zusätzlich, daß die Stellung der Frau und Mutter innerhalb der Familie aufgewertet wurde. Auch wenn der Mann und Vater weiterhin, zumindest nach außen hin, das Familienoberhaupt war.

Für die Vater-Kind-Beziehung in der Familie während der ersten Hälfte des Jahrhunderts läßt die Forschungssituation keine generalisierbare Aussage zum Typischen dieser Zeit zu. Die beruflich bzw. militärisch bedingte Abwesenheit vieler Väter sowie die damals verbreiteten Leitbilder von Männlichkeit und Väterlichkeit lassen vermuten, daß sich dies in vielen Familien auch im sozialen Handeln zwischen Vätern und Kindern in Form einer Randständigkeit des Vaters bzw. einer primären Zuständigkeit für die Versorgung der Familie sowie die “Zucht” seiner Kinder, insbesondere der Söhne, widerspiegelte. Trotzdem sollten wir uns aufgrund des Mangels an empirisch gestützter Forschungen zu diesem Thema nicht zu sehr in eine eindimensionale Richtung festlegen lassen.

Die vaterlose Gesellschaft

Max Horkheimer hat sich in seiner Studie Autorität und Familie in der Gegenwart (1947/1949) auch mit der Figur des Vaters auseinandergesetzt. Die Rolle des autoritären Vaters beinhalte idealerweise ein aktives Miterziehen der Kinder. Innerhalb der autoritären Familienform als verkleinertem Abbild der Gesellschaft hätte der Vater “die Kinder an Bescheidung und Gehorsam zu gewöhnen” . Eine weitere wesentliche Aufgabe des Vaters sei die Förderung geistiger Fähigkeiten sowie der Fähigkeit zu ausdauernder Arbeit. Aufgrund der umfassenden Industrialisierung sei es zu einer bedeutenden Schwächung des Vaters gekommen. Der Vater als kleiner Angestellter oder Arbeiter habe die Autorität des Vaters als Kleinunternehmer oder Landwirt verloren, so daß die Söhne keine Identifikationsfigur mehr gehabt hätten.

Alexander Mitscherlich geht in seiner Studie Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft (1963) aus den gleichen Gründen wie Horkheimer von einer zunehmenden “Entväterlichung” des Sozialisations- und Erziehungsgeschehens aus. Die Autorität des Vaters habe sich immer mehr entleert. Gleichzeitig habe sich seine innerfamiliale Machtposition verringert, wodurch sich die Vater-Kind-Beziehung und ganz besonders die Vater-Sohn-Beziehung entscheidend verändert hätten. Dieser Mangel an strukturbildender Vaterfunktion könne für die moralische Entwicklung des Kindes sehr ungünstig sein.

Krise der Vaterschaft – Unsichere Väter

Manche Wissenschaftler wie beispielsweise die Niederländerin Trudie Knijn (vgl. 1995) sehen die Vaterschaft am Ende des 20. Jahrhunderts in einer umfassenden Krise. Zur Zeit wüßten viele Männer einfach nicht, was von ihnen als Väter erwartet wird. Die Vaterrolle sei nicht mehr selbstverständlich. Als Mann müsse man sich bewußt dafür entscheiden, ob man Vater werden und wie man die Vaterrolle ausüben wolle. Viele prominente und unbekannte Männer ließen sich gerne als Vater fotografieren, schoben stolz den Kinderwagen oder trugen ihr Baby eng am Körper. Trudie Knijn spricht vom “Coming-out” des Vaters, der als engagierter Vater erkannt werden wolle. Man könne solche Phänomene als eine Verteidigung der Vaterschaft interpretieren, was gleichzeitig bedeute, daß die “Selbstverständlichkeit der traditionellen Vaterschaft nicht mehr existiert” (ebd., S. 175). Viele Väter suchten sozusagen erst nach ihrer neuen pädagogischen Rolle und seien verunsichert. Manche Väter hätten die neue pädagogische Rolle bereits gefunden, indem sie Spiel- und Freizeitkamerad ihrer Kinder geworden seien. Auch die Versorgung und Betreuung gehöre manchmal zu den neuen pädagogischen Aufgaben dieser Väter, wobei hier noch Ambivalenz und Unsicherheit herrschten, da aktive Vaterschaft noch immer nicht zu “echter Männlichkeit” passe.

Schattenväter, Freizeitväter und mißbrauchende Väter

Manchmal wird eine tatsächliche oder vermeintliche Vaterlosigkeit in kultureller als auch in individueller Hinsicht gar nicht beklagt, sondern eher als belanglos oder gar günstig für die Gesellschaft bzw. die Entwicklung des Kindes bzw. das Wohlbefinden der Mutter bewertet. Vaterschaft wird dann vor allem als problematisches oder gar negatives Phänomen diskutiert. In den entsprechenden Diskursen tauchen Väter vor allem als egomanische Workaholics auf, die vor ihrer Verantwortung als Vater flüchten oder als geschiedener Vater keinerlei Verantwortung mehr für ihre Kinder übernehmen wollen. Daneben dominierten eine Zeit lang Diskurse, die sich notwendiger- und sinnvollerweise mit dem Phänomen des sexuellen Mißbrauches von Kindern beschäftigen, wobei allerdings manchmal der Focus zu einseitig und damit wider die empirische Situation auf die leiblichen Väter eingestellt wurde anstatt auch auf die quantitativ deutlich relevantere Gruppe der “sozialen” Väter, also der neuen Partner einer geschiedenen Mutter, oder auch auf das Phänomen des Mißbrauchs durch Mütter einzugehen (vgl. Deimling 1999, vgl. auch Amendt 1999). Anfang der neunziger Jahre interessierte man sich in der sozialwissenschaftlichen Forschung sowie in den Medien vor allem dann für die Person des Vaters, wenn dieser als Mißbraucher seiner Kinder auftrat. Dieter Lenzen (1991) spricht hier von “fortgesetzte(n) Diffamierungen und vaterfeindliche(n) Tendenzen, Tendenzen der Liquidation des Vaters, Tendenzen zur Reduktion väterlicher Funktionen” (S. 239).

Weiterhin steht oft das Engagement von Vätern innerhalb ihrer Familien im Mittelpunkt der Diskussionen. “Die” Väter kümmerten sich zuwenig um ihre Familien, sie seien gar faul, zumeist abwesend, gleichgültig oder gar nicht vorhanden. “Die” Väter seien bei der Hausarbeit in der Regel passiv und übernähmen allenfalls angenehme Tätigkeiten. Bei der Kinderbetreuung engagierten sich einige etwas mehr, jedoch ebenfalls nur bei angenehmen Tätigkeiten. Oft wurden bzw. werden Väter pauschal als Schattenväter, Wochenendväter oder Freizeitväter bezeichnet.

Die einschlägigen deutschen Forschungen und Daten zum Thema Engagement von Familienvätern (z.B. Fthenakis 1999, Fthenakis/Minsel 2001, Matzner 1998, Rosenkranz/Rost/Vaskovics 1998) verdeutlichten, daß väterliches Engagement im Sinne von Handeln in den Bereichen Kinderbetreuung und -erziehung bezüglich der Anzahl der beteiligten Väter statistisch gesehen insgesamt stark zugenommen hat. Dabei müssen wir verschiedene Gruppen von Vätern mit verschieden ausgeprägtem Engagement und Vaterschaftskonzept unterscheiden (vgl. Fthenakis 1999, Fthenakis/Minsel 2001, vgl. Schmidt-Denter 1984, vgl. auch Matzner 1998).

Neue Väterlichkeit – Die neuen Väter

Innerhalb der seit den achtziger Jahren zunehmend etablierten Väterforschung wird im Unterschied zu früheren Zeiten vor allem der Nutzen eines engagierten, gefühlvollen, partnerschaftlichen und kompetenten Vaters für die Entwicklung des Kindes sowie für das Wohlergehen aller Familienangehörigen in den Vordergrund gestellt. Der Vater erscheint hier für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung nahezu unverzichtbar. Aufgrund der nunmehr in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit erkannten hohen Bedeutung des Vaters in Verbindung mit dem Phänomen eines zunehmenden Engagements vieler Väter herrscht in der aktuellen deutschen Forschung eine eher optimistische Orientierung vor, was die Zukunft der Väter betrifft (z.B. Fthenakis 1999, Fthenakis/Minsel 2001). Die Position des Vaters innerhalb der Familie habe sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert “von einer vorwiegend strafenden und machtausübenden Instanz, die sich primär über die Funktionen des Zeugens, Beschützens und Ernährens definieren ließ, hin zu einer auch emotional zugänglicheren Ansprechperson mit modifizierten Erzieheraufgaben und Funktionen als Identifikationsobjekt bzw. auch zunehmend als Freizeitpartner” (Werneck 2001, S. 6).

In den letzten Jahren tauchte in der Diskussion verstärkt der Begriff des Neuen Vaters auf. Mit diesem verbindet man eine neue, positive Väterlichkeit, die sich deutlich vom altbekannten traditionellen Vater unterscheide. Doch was versteht man genau unter einem neuen Vater? Welche Eigenschaften hat er? Manchmal werden damit vor allem diejenigen Väter gemeint, die zum primär betreuenden Vater oder zum allein verantwortlichen Vater werden; also die vergleichsweise kleine Zahl von Vätern im Erziehungsurlaub, von Hausmännern oder Alleinerziehenden.

Andere verbinden mit dem Bild des neuen Vaters vor allem eine neue Form der Vater-Kind-Beziehungen. Der Soziologe Rolf Stein (vgl. 2000, S. 61ff.) spricht vom Bewußtsein und von der Praxis der neuen Väterlichkeit. Die heutigen neuen Väter seien oft toleranter, solidarischer, großzügiger, zärtlicher, fürsorglicher und kooperativer gegenüber ihren Kindern. Ihre Vaterschaft erlebten sie im bewußten Gegensatz zu den eigenen Vätern und verständen sich oft eher als Partner und Spielkamerad ihrer Kinder. Sie seien deutlich engagierter innerhalb ihrer Familien und verbrächten den Großteil ihrer Freizeit zuhause bei ihren Kindern. Für Stein stellt sich die Frage, ob wir bereits auf dem Weg in eine “parentale Kultur” seien. Man könne im Zuge der Modernisierung “deutliche Traditionsbrüche hinsichtlich des Vaterbildes” feststellen. “Dieser Wandel der Väterlichkeit kann als ein Wandel von der traditionellen autoritären, repressiven und marginalen Rolle des Vaters hin zu einer freundschaftlichen, liebevollen und zentralen Rolle in der Familie umschrieben werden” (ebd., S. 63).

Für Dieter Lenzen (1991, S. 239ff.) existiert der neue Vater mehr auf der medialen und Diskursebene als in der Realität. Teilweise käme es dabei zu skurrilen Begründungsversuchen wie der Diskussion um den schwangeren Mann, das sogenannte Couvade-Syndrom. Nicht nur die soziale Rollenverteilung werde problematisiert. Vielmehr solle der Geschlechtsunterschied selbst hinsichtlich der Gebär- und Nährfunktion als zu vernachlässigend beschrieben werden, so daß man hier von einer “Feminisierung der Vaterrolle” sprechen könne. Eine solche Nivellierung der Geschlechterdifferenz in der Eltern-Kind-Konstellation sei jedoch sicher nicht das, “was den Psychologen und Sozialpsychologen vorschwebt, wenn sie heute auf die Unentbehrlichkeit der Vaterfunktion hinweisen” (ebd., S. 246). Mit dem Bild der neuen Väterlichkeit gehe die Propagierung einer neuen Mütterlichkeit einher, so daß es langfristig zu einer Auflösung beider Rollen innerhalb einer androgynen Elternschaft kommen könne.
Ausblick

Zur Zeit scheint es kein normativ verbindliches einheitliches Vaterbild zu geben, an welchem sich Väter und auch Mütter orientieren könnten. Die gegenwärtig diskutierten Vaterbilder zeichnen sich oft durch polarisierte Einseitigkeiten aus. Entweder ist der Vater abwesend oder gar ein Mißbraucher. Oder als neuer Vater ist er ein fast perfekter Vater, indem er die mütterliche Rolle einnimmt und dabei womöglich seine spezifische männliche Väterlichkeit verliert. Vaterschaft in den Industrieländern ist insgesamt als amorphes Phänomen anzusehen, welches derzeit prinzipiell über eine große Spannweite von Repräsentationen des Vaterseins und von Vaterschaft verfügt.

Literatur

  • Amendt, G. (1999): Vatersehnsucht. Annäherung in elf Essays. Universität Bremen: Institut für Geschlechter- und Generationenforschung. Bremen
  • Deimling, G. (1999): Die Kriminalisierung der Väter oder Die feministische Destruktion der Väterlichkeit. In: Drinck, B. (Hrsg.): Vaterbilder. Eine interdisziplinäre und kulturübergreifende Studie zur Vaterrolle. Bonn
  • Drinck, B. (1999): Das “ganze Haus” des “Pater familias” . In: Dies. (Hrsg.): Vaterbilder. Eine interdisziplinäre und kulturübergreifende Studie zur Vaterrolle. Bonn
  • Fthenakis, W. u.a. (1999): Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie. Opladen
  • Fthenakis, W./Minsel, B. (2001): Die Rolle des Vaters in der Familie. Zusammenfassung des Forschungsberichts. Hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin
  • Grieser, J. (1998): Der phantasierte Vater. Zu Entstehung und Funktion des Vaterbildes beim Sohn. Tübingen
  • Horkheimer, M. (1985): Autorität und Familie in der Gegenwart (1947/1949). In: Gesammelte Schriften Band 5. Frankfurt am Main
  • Knijn, T. (1995): Hat die Vaterschaft noch eine Zukunft? Eine theoretische Betrachtung zu veränderter Vaterschaft. In: Armbruster, L.C./Müller, U./Stein-Hilbers, M. (Hrsg.): Neue Horizonte? Sozialwissenschaftliche Forschung über Geschlechter und Geschlechterverhältnisse. Opladen
  • Lenzen, D. (1991): Vaterschaft. Vom Patriarchat zur Alimentation. Reinbek bei Hamburg
  • Macha, H.: Die Renaissance des Vaterbildes in der Pädagogik. In: Pädagogische Rundschau, 45/1991, S. 197-214
  • Matzner, M. (2004): Vaterschaft aus der Sicht von Vätern. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Matzner, M. (1998): Vaterschaft heute. Klischees und soziale Wirklichkeit. Frankfurt/New York
  • Mitscherlich, A. (1973): Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. München
  • Rosenbaum, H. (1982): Formen der Familie. Untersuchungen zum Zusammenhang von Familienverhältnissen, Sozialstruktur und sozialem Wandel in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main
  • Rosenkranz, D./Rost, H./Vaskovics, L.: Was machen junge Väter mit ihrer Zeit? Die Zeitallokation junger Ehemänner im Übergang zur Elternschaft. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg. ifb-Forschungsbericht Nr. 2. Bamberg 1998
  • Schmidt-Denter, U. (1984): Die soziale Umwelt des Kindes. Berlin/Heidelberg/New York/Tokio
  • Stein, R.: Familiensoziologische Skizzen über die “Vaterlose Gesellschaft” . In: Zeitschrift für Familienforschung. 12. Jahrgang, Heft 1/2000, S. 49-71
  • Stein-Hilbers, M. (1994): Wem “gehört” das Kind? Neue Familienstrukturen und veränderte Familienbeziehungen. Frankfurt/New York 1994
  • Werneck, H. (2001): “Die “neuen” Väter, Online-Familienhandbuch

Autor

Dr. Michael Matzner, Erziehungswissenschaftler und Soziologe,
Aktuelle Buchpublikationen: Handbuch Migration und Bildung, Handbuch Jungen-Pädagogik, Handbuch Mädchen-Pädagogik, Soziale Arbeit mit Jungen und Männern

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Erstellt am 30. November 2001, zuletzt geändert am 25. Februar 2015