Oma weiß alles besser

Ingrid Leifgen
Leifgen Ingrid

Wenn aus Kindern Eltern werden und aus Eltern Großeltern rücken Familien oft wieder enger zusammen. Manchmal kommen dabei aber auch alte Konflikte zutage, zumal wenn sich Oma und Opa in die Erziehung einmischen. Es lohnt sich, die jetzt auszuräumen.

Uta steht am Wickeltisch und beobachtet, wie ihr Enkel frisch gemacht wird. “Du musst den Kopf hoch halten.” “Wenn du ihn umdrehst geht das besser.” “Ich würde lieber xy-Creme nehmen.” So kommentiert sie ohne Pause und kriegt dabei nicht mit, wie ihre Tochter Marion immer nervöser wird. Manche Großeltern nehmen einfach kein Blatt vor den Mund: “Lars sollte aber wirklich langsam lernen, anständig zu grüßen.” “Mein Gott, warum nimmst du den Kleinen bei jedem Pieps auf den Arm?” “Lass die Jungs sich doch mal austoben!” Wer könnte jungen Eltern wirkungsvoller ins Erziehungsgeschäft hineinreden als die eigene Mutter oder der eigene Vater? Die jungen Eltern reagieren häufig gefühlsgeladen. Dabei käme ihnen ein guter Rat manchmal ganz gelegen. Schließlich lernt man Elternschaft nicht wie einen Beruf, sondern – mühsam genug – im Tun. Unterstützung durch erfahrene Menschen kann dabei eine große Hilfe sein. Dass die gerade innerhalb der Familie nicht selten daneben geht, hat spezielle Gründe.

Die Karten werden neu gemischt

Wenn das erste Kind zur Welt kommt, dann ändert sich nicht nur das Leben seiner Eltern radikal. Auch für die Eltern der Eltern bedeutet die Geburt eines Enkels oftmals einen tiefen Einschnitt. Unvermittelt wechseln sie in eine andere Generation, die der “Alten” nämlich. Und diejenigen, die bisher ihre Kinder waren, “steigen” in die Gesellschaft der Erwachsenen “auf”, bleiben aber gleichzeitig ihre Kinder. Auch die Jungen spüren eine Statusänderung. Sie fühlen sich einerseits “erwachsener”, andererseits bleiben sie Kinder ihrer eigenen Eltern. Zudem rückt meist die Familie im Ganzen wieder enger zusammen, wenn ein Kind geboren wird. Sind vorher Erwachsene ihrer eigenen Wege gegangen, so bekommt Familie jetzt eine größere Bedeutung. Ein Baby macht den Sinn des “Clans” wieder augenfällig. Das bisherige Gefüge gerät also in Bewegung, die Rollen werden neu besetzt und alle Beteiligten müssen eine andere Position finden. Das geht oft nicht ohne Konflikte.

Immer die gleichen “ollen Kamellen”

Die Eltern-Kind-Beziehung unterscheidet sich von allen anderen. Sie ist gekennzeichnet durch extreme Abhängigkeit und Unterlegenheit auf der Seite des Kindes und einem enormen Einsatz an Verantwortung und Verbindlichkeit auf Seiten der Eltern. Erst allmählich, mit dem Heranwachsen der Kinder, werden beide Anteile schwächer. Im Idealfall gleichen sich an. Tatsächlich ist es aber oft so, dass die gegenseitige Ablösung nicht wirklich gelingt. Als Kinder tun wir von Anfang an alles, um die Liebe unserer Eltern zu gewinnen und zu erhalten. Nur so können wir überleben. Die Mittel eines kleinen Kindes sind aber relativ beschränkt, außerdem besteht die Gefahr, dass es die Erwachsenen missversteht und falsche Schlüsse zieht. Das Schwierige für uns als Erwachsene ist, dass vieles zu einer Zeit passierte, als wir noch sehr klein waren. Wir können uns nicht erinnern. Wenn es sich um schmerzliche Ereignisse handelte, wollen wir uns vielleicht auch nicht erinnern. Ohne Erinnerung und Wissen bleiben uns aber leider viele Dinge unverständlich. Wenn Kinder Eltern werden und Eltern Großeltern, dann kommen manche Ungereimtheiten wieder zu Tage und alte Konflikte brechen auf.

Der schwere Abschied von der Kindheit

Nehmen wir zum Beispiel Marion: Wenn die frisch gebackene Großmutter zu Besuch kommt, fühlt sie sich ständig beobachtet. Das ist wie früher, als sie unter Aufsicht der Mutter Hausaufgaben machen musste. Immer hatte die etwas zu kritisieren. Marion empfand ihre Mutter als perfekte, allmächtige Leiterin der Familie und sich selbst als dumm, klein und unwissend. Wenn ihre Mutter jetzt dauernd erklärt, wie sie mit ihrem Baby umgehen soll, kommt sich Marion vor wie ein Kind, das alles falsch macht. Sie gerät deswegen richtig in Stress und das macht sie wütend. Sie hat den Eindruck, Mutter wolle in ihrer kleinen Familie das Sagen haben, so wie früher. Das will sie sich nicht gefallen lassen. Allerdings wagt sie nicht, einen offenen Streit anzufangen, weil sie Angst hat, dass Uta wochenlang böse sein könnte. Unbewusst dauern so kindliche Gefühle fort. Dadurch bleibt Marion in emotionaler Abhängigkeit und erlaubt der Mutter, weiterhin die Stärkere zu sein. Sie ist ihr gegenüber nicht erwachsen geworden.

Der schwere Abschied von den Kindern

Für Uta sieht die Sache ganz anders aus. Sie war eine engagierte Mutter ihrer drei Kinder. Ihren Job hatte sie mit der Geburt des Ältesten an den Nagel gehängt. Die Kinder brauchten ihre ganze Aufmerksamkeit, fand sie. Als dann eines Tages ihre Jüngste das Haus verließ, fiel sie in ein regelrechtes Loch. Monatelang schien ihr das Leben fast sinnlos. Die Geburt des ersten Enkels bedeutet so etwas wie Balsam auf diese alte Wunde. Utas Mütterlichkeit erwacht zu neuem Leben, und ihre Erfahrung drängt danach, genutzt zu werden. Ihr ist fast so, als hätte sie zwei neue Kinder bekommen. Die – scheinbar – hilfsbedürftige Tochter und das wunderbare, süße Baby. Ehe sie sich’s versieht, fällt sie in die alte Rolle der perfekten (Über-)Mutter, die alles weiß und alles im Griff hat. Uta hat es nicht wirklich geschafft, ihre Tochter als eigenständige, erwachsene Person zu sehen. Irgendwie sind sie und ihre Geschwister immer Utas “Kleine” geblieben. Auf diese Weise hat sie bisher vermieden, sich dem Trennungsschmerz zu stellen, an dem viele Mütter leiden, wenn sie ihre Kinder ins Leben entlassen (müssen).

Im Konflikt liegt eine Chance

Beide Seiten, (Groß-)Eltern wie erwachsene Kinder, halten oftmals an überholten Beziehungsmustern fest, weil sie schmerzliche Gefühle vermeiden wollen. So lange sie sich nur auf Familienfesten treffen, mag das reibungslos funktionieren. Sobald aber durch die Geburt eines Enkels eine neue Verbindung entsteht, macht sich der Sand im Getriebe bemerkbar. In diesem Moment liegt eine große Chance. Wenn alte Konflikte aufbrechen, bietet sich die Möglichkeit, ihnen auf den Grund zu gehen und sie auszuräumen. Alle Beteiligten können dabei gewinnen, sich persönlich weiter entwickeln und ein Stück erwachsener werden. Im Interesse auch der jüngsten Generation, gedeiht die doch in einer entspannten Atmosphäre viel besser. Außerdem ist eine liebevolle Beziehung zu Großeltern für die Enkel von unschätzbarem Wert.

Wer sich aber aufmacht die Dinge zu klären, sollte dabei dieses im Hinterkopf haben:

  • Erziehung ist Sache der Eltern: Sie bestimmen, wo es lang geht und tragen die Verantwortung!

Einmischung ist ein Ausdruck von Interesse: Eltern lieben ihre großen Kinder und identifizieren sich mehr oder weniger mit ihnen. Auch wenn sie wissen, dass sie ihre Kinder in die Selbständigkeit entlassen müssen, fällt ihnen das doch oft nicht leicht. Dies gilt besonders für die (Groß-)Mütter. Wenn sie sich in die Erziehung der Enkel einmischen, dann tun sie das, weil ihnen die Kleinen am Herzen liegen. Und auch die jungen Eltern.

Alle haben gute Gründe für ihre Handlungsweise: Das zeigt das Beispiel von Marion und Uta. Mutter wie Tochter haben ihre jeweils eigenen Erfahrungen gemacht. Mag Utas Einmischung auch “objektiv” ungeschickt und verletzend sein, ihr selbst erscheint sie richtig. Denn, was sie tut, geschieht aus ihrer subjektiven Sicht. Die ist ihr aber gar nicht bewusst.

Ihr Vater oder ihre Mutter handelt nicht gegen Sie, sondern für sich: Großeltern wollen nicht bewusst verletzen, sondern eigentlich unterstützen. Uta will Marion helfen und lebt dabei ihre Müttergefühle aus. Dass die Tochter dadurch unter Druck gerät, hat sie einfach nicht mitgekriegt.

Streit muss sein: Wenn Großeltern ungefragt in die Kindererziehung reinreden und damit regelmäßig Ärger auslösen, dann ist Streiten allemal besser als grollender Rückzug. Damit aber bei einer Auseinandersetzung wirklich etwas Gutes herauskommt, muss sie konstruktiv geführt werden. Das geht nur, wenn sich die jungen Eltern klar machen, warum sie so empfindlich auf die Einmischung reagieren. Da ist natürlich die eigene Unsicherheit, weil man oft selbst nicht weiß, was richtig ist und sich überfordert fühlt. Meist steckt aber mehr dahinter. Alte Abhängigkeiten und ungelöste Konflikte, wie bei Marion und Uta.

Finden Sie heraus, worum es wirklich geht

Versuchen Sie, so genau wie möglich für sich herauszufinden, was wirklich los ist. Eine hilfreiche Methode, den eigenen Standpunkt zu klären, ist das Schreiben. In einem Brief legen Sie alles dar, was Sie Ihren Eltern immer schon mal sagen wollten. Nehmen Sie sich aber von Anfang an vor, ihn nicht abzuschicken. Nun lassen Sie Ihren Gefühlen freien Lauf. Es kann gut sein, dass Ihnen dabei Ereignisse einfallen, an die Sie sich zuvor nicht erinnern konnten. Lesen Sie den Brief nach einiger Zeit wieder, und schreiben Sie eventuell einen neuen, weil sich Ihr Standpunkt inzwischen etwas verändert hat. Dieses Verfahren können Sie so oft wiederholen, wie es Ihnen gefällt, bis Sie eine sichere Position gefunden haben, von der aus Sie mit Ihren Eltern sprechen können.

Was sie außerdem tun können: Versuchen Sie, Ihren Konflikt mit den Eltern in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Vater und Mutter sind ja nicht als Ihre Eltern auf die Welt gekommen. Sie haben vielmehr ihre eigene Geschichte und die ist wieder Teil einer weiter zurückliegenden, komplexeren Vergangenheit. Es gibt verschiedene Mittel, diesem Hintergrund auf die Spur zu kommen. Sprechen Sie zum Beispiel mit älteren Verwandten. Manche betagte Tante ist ein wahrer Quell an Informationen. Sie werden sich wundern, was dabei alles zutage kommen kann. Plötzlich sehen sie ihre Eltern in einem anderen Licht. Na, so was, die waren ja gar nicht immer so streng, wie sie Ihnen erschienen sind. Waren sie überhaupt streng? Oder wollten sie ihre Kinder beschützen? Auch dafür gibt es möglicherweise einen Grund. Ihre Mutter hatte einen jüngeren Bruder, der als kleines Kind gestorben ist. Das war für die Familie eine schreckliche Tragödie, erzählt die ältere Verwandte. Was die Tragödien betrifft, so ist es möglich, dass Sie davon einiges mehr erfahren. Jede Familie hat ihre dunklen Episoden, die sie lieber unter der Decke hält. Seien Sie dankbar, wenn die Tante endlich das Schweigen bricht.

Erstellen Sie einen Stammbaum Ihrer Familie. Nehmen Sie dabei auch die Hilfe Ihrer Eltern in Anspruch. So ein Stammbaum gibt ihnen Aufschluss über die große Entwicklungslinie Ihrer Vorfahren. Sie erfahren, welche Werte Ihnen wichtig waren, wo sie herkamen, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Berufe sie ausübten und welche Schicksalsschläge sie zu ertragen hatten. Mit diesem Wissen erfahren Sie auch eine Menge über das, was sich zwischen Ihnen und Ihren Eltern abspielt.

Oder knöpfen Sie sich Ihre Fotoalben vor. Alte Kinderbilder, aus der Perspektive der Erwachsenen betrachtet, enthüllen manchmal Verblüffendes über unser früheres Leben. Warum stehe ich auf jedem Foto neben Papa und mein kleiner Bruder Paul dicht bei Mama? Anscheinend war ich immer das Papa-Kind. Was mag dahinter gesteckt haben und welche Konsequenzen hatte das wohl für uns alle?

Für manche Menschen, die einen Zugang zu Spiritualität haben, ist Meditation und Gebet ein gutes Mittel, sich innerlich zu distanzieren, Gefühle zu klären und für sich herauszufinden, worum es eigentlich geht.

Wenn wir uns auf eine solche Spurensuche einlassen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass wir unter Umständen auf schmerzliche Dinge stoßen, auf Gefühle von Angst, Wut, Demütigung oder Einsamkeit. Diese früh erworbenen Einstellungen leben verborgen in uns Erwachsenen weiter. Ein Streit um die Einmischung der Großeltern könnte Anlass sein, sich diesen “ollen Kamellen” zuzuwenden um sie dann liebevoll zu verabschieden. Das gelingt nicht von heute auf morgen, aber es lohnt sich. Wir werden uns selbst von einer Last befreien. Unsere Beziehung zu den Eltern wird leichter und schöner. Wir können unbeschwert um Rat fragen, den wir oft dringend brauchen. Wir schaffen eine sichere Grundlage für die Liebe zwischen unseren Kindern und ihren Großeltern. Denn die ist etwas Kostbares.

Literatur

  • Ingrid Leifgen: Immer diese Besserwisser! Was tun, wenn andere sich in die Erziehung einmischen? Herder Verlag 2001 (antiquarisch/Internet)
  • Elisabeth Schlumpf: Enkel sind ein Geschenk. Kösel Verlag 2010

Autorin

Ingrid Leifgen ist freie Journalistin und Autorin mit dem Schwerpunkt Familie und Erziehung. Sie hat drei Kinder.

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Erstellt am 16. April 2003, zuletzt geändert am 25. Juli 2013