Noch ein Geschwisterchen?

Barmer und Mehr Zeit für Kinder e.V.

Ja zum Einzelkind

Die Vorurteile gegen Einzelkinder halten sich hartnäckig, obwohl wissenschaftliche Studien schon vor Jahren bewiesen haben, daß sie unbegründet sind. Einzelkinder haben sehr gute, in manchen Fällen sogar bessere Entwicklungsmöglichkeiten als Kinder aus größeren Familien. Fest steht außerdem, daß es das typische Einzelkind nicht gibt.Was das Sozialverhalten von Einzelkindern anbelangt, so haben Sie als Eltern viele Chancen, die Entwicklung Ihres Kindes positiv zu beeinflussen. Wie wichtig der Umgang mit anderen Kindern ist, können Sie im Kapitel Vom Säugling zur Persönlichkeit nachlesen. An dieser Stelle sei es nur noch einmal erwähnt: Es ist unerläßlich, daß sich Ihr Kind mit anderen Kindern auseinandersetzt, damit sich sein Sozialverhalten entwickelt. Das gilt bei Einzelkindern natürlich ganz besonders. Indem Sie Ihr Kind zu Krabbeltreffen, in Spielgruppen oder zur zeitweisen Betreuung in die Kindertagesstätte geben, ermöglichen Sie diesen Kontakt schon vor dem Kindergartenalter. Welche Betreuungsformen es gibt, lesen Sie ausführlich in der Rubrik Kindertagesbetreuung. Laden Sie außerdem so oft wie möglich Spielkameraden für Ihr Kind ein, damit es sich nicht ständig allein oder mit Erwachsenen beschäftigen muß.Eltern von Einzelkindern neigen öfter als Eltern von mehreren Kindern dazu, überfürsorglich und damit einschränkend zu werden. Fragen Sie sich hin und wieder, ob Sie Ihr Kind nicht zu sehr in den Mittelpunkt Ihres Lebens stellen. Je älter das Kind wird, um so mehr Freiräume braucht es, um sich frei entwickeln zu können.

Hilfe, wir ertrinken!

Der Umfang an Arbeit erhält für die Eltern mit jedem weiteren Kind eine neue, vorher ungeahnte Dimension. Manche Eltern haben nach der Geburt des zweiten Kindes vielmehr das Gefühl, sie ertrinken in Arbeit. Andererseits bestätigen sie, daß sie viel sicherer und gelassener mit dem neuen Baby sind, als sie es beim ersten Kind waren.

Es ist ganz einfach doppelt so viel Arbeit, morgens zwei Kinder zu waschen (oder zum Waschen zu überreden), anzuziehen und mit Frühstück zu versorgen. Den ganzen Tag über fordern zwei Kinder ihr Recht, wollen Bücher vorgelesen haben, möchten zur Freundin gefahren werden, bekommen einen Trotzanfall, brauchen Trost, haben Hunger und tausend andere Bedürfnisse mehr.

Die Vorteile und Erleichterungen, die ein Geschwisterkind bringt, stellen sich aber spätestens dann ein, wenn es zum Spielgefährten für das große Kind wird. Jedes neue Familienmitglied ist mit seinen ganz einmaligen und einzigartigen Eigenschaften und Fähigkeiten eine wunderbare Bereicherung für alle anderen. Das können sogar die “entthronten” älteren Kinder mit der Zeit einsehen und empfinden.

Eins, zwei, drei, ganz viele!

Es gibt keine Regel, wie viele Kinder eine Familie “am besten” haben sollte. Wichtig ist, daß Sie und Ihr Partner sich bewußt für den Familienzuwachs mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen entscheiden.

Auch einen idealen Altersabstand gibt es nicht. Kommen die Kinder sehr dicht hintereinander zur Welt, dann stellt das Ihre Belastbarkeit als Eltern in den ersten Jahren auf eine harte Probe. Andererseits fangen die Kinder bald an, sich als echte Spielgefährten zu entdecken und ihre Kindheit und Jugendzeit gemeinsam zu durchleben. Das bedeutet für Sie dann wieder eine große Entlastung.

Ein Abstand von zwei Jahren ist deshalb problematisch, weil Ihr älteres Kind zwischen zwei und drei Jahren ohnehin in einer schwierigen Phase steckt. Die Kinder neigen zu heftigen Trotzanfällen und haben mit zwei Jahren noch nicht gelernt zu warten, wenn sie ein Bedürfnis haben. Rücksicht auf das Baby können Sie von Ihrem Kind deshalb nur sehr begrenzt verlangen. Andererseits ist der Altersabstand noch so gering, daß die Kinder viel gemeinsam spielen werden.

Bei einem Abstand von drei und mehr Jahren scheint es die wenigsten Konflikte zu geben. Ihr älteres Kind ist relativ selbständig, hat eigene Freunde und kann auf sein Glas Tee auch mal warten, bis das Baby gewickelt ist. Bei drei und mehr Jahren Altersunterschied kann es allerdings sein, daß die Bindung der Geschwister nicht so eng ist.

Eifersucht

Die Eifersucht des älteren Kindes bei der Ankunft eines neuen Familienmitgliedes können Sie nicht vermeiden. Es merkt, daß das Baby viel Aufmerksamkeit von den Eltern bekommt. Dadurch fürchtet es, daß ihm mit der intensiven Zuwendung auch die Liebe der Eltern weggenommen wird. Daher ist es wichtig, sich nach der Geburt eines Geschwisterchens besonders viel Zeit für das ältere Kind zu nehmen. Lassen Sie das “große” Kind spüren, daß Sie es genauso lieb haben wie zuvor. Wenn das Baby schläft, sollten Sie sich nicht nur um den Haushalt kümmern. Lesen Sie zuerst ein Buch mit dem älteren Kind und gönnen Sie ihm, seine Mama oder seinen Papa einmal wieder ganz für sich allein zu haben.

Sprechen Sie auch vor der Geburt schon oft von der bevorstehenden Ankunft des Babys. Verlangen Sie aber unmittelbar nach der Geburt nicht, daß Ihr Kind besonders begeistert reagiert. Vielleicht braucht es etwas Zeit. Bitten Sie auch Freunde und Verwandte, daß sie vor lauter Freude über das Baby nicht vergessen, das ältere Kind zu beachten. Wichtiger als das große Geschenk für den neuen Erdenbürger ist eine kleine Aufmerksamkeit und Zuwendung für das ältere Geschwisterkind.

Außerdem sollten Sie dafür sorgen, daß das größere Kind auch ab und zu in aller Ruhe malen, bauen und spielen kann. Achten Sie darauf, daß das freundliche kleine Krabbelbaby ihm nicht immer dazwischen funkt.

Verstärken Sie die positiven Gefühle der Geschwister zueinander. Vielleicht können Sie die Blicke und Laute des Babys für das große Geschwisterkind deuten. “Siehst du, wie dein Schwesterchen dich anstrahlt?” , könnten Sie fragen, wenn sich das Baby dem größeren Kind erfreut zuwendet. “Sie will immer in deiner Nähe sein, sie findet dich ganz toll!”

Wie äußert sich die Eifersucht?

Die Eifersucht der “Großen” kann sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern. Manche Kinder verlangen mit drei oder vier Jahren plötzlich wieder einen Schnuller, wenn ein neues Familienmitglied angekommen ist. Andere nässen vorübergehend wieder ein. Viele Kinder reagieren gar nicht direkt aggressiv gegen das Baby, sondern scheinen sich mit heftigen Trotzanfällen oder Anklammern gegen die Eltern zu richten. Und so ist es ja auch tatsächlich: Es sind die Eltern, von denen das ältere Kind die gleiche Zuwendung und Liebe einfordert, die es vor der Geburt des Babys erfahren hat. Manche Kinder werden auch plötzlich in der Spielgruppe auffallend aggressiver als zuvor, obwohl sie zu ihrem Geschwisterchen rührend lieb sind.

Versuchen Sie, sich in Ihr “großes” Kind hineinzuversetzen. Wenn Sie empört und verärgert auf seine Eifersucht reagieren, wird das Kind sich noch unglücklicher fühlen. Es ist überzeugt, daß Sie es nun wirklich nicht mehr so lieb haben wie vorher.

Freunde

So wichtig es einerseits ist, daß Sie eine harmonische Geschwisterbeziehung fördern, so notwendig ist es andererseits, daß Sie jedem einzelnen Kind den Umgang mit Gleichaltrigen ermöglichen. Freundschaften außerhalb der Geschwisterbeziehung sind für die Entwicklung Ihres Kindes wichtig. Und nach einem Nachmittag im Haus der besten Freundin freut sich die ältere Schwester vielleicht wieder richtig auf das Spiel mit dem jüngeren Bruder – und umgekehrt. Das gilt übrigens auch für Mehrlinge. Zwillinge spielen in aller Regel sehr intensiv miteinander. Es hat den Anschein, als bräuchten Sie gar keine anderen Spielgefährten. Das ist aber ein Trugschluß. Eigene Freunde und vielfältige Kontakte zu anderen Kindern sind auch für Zwillinge notwendig!

Quelle

Barmer und Mehr Zeit für Kinder e.V. (Hrsg.): Eltern sein – Die ersten Jahre. Ideen, Informationen und Gesundheitstipps für die junge Familie. 2. Auflage 2002

Das Buch ist erhältlich bei Mehr Zeit für Kinder e.V.

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Erstellt am 25. März 2003, zuletzt geändert am 25. März 2003