Mit dem zweiten Kind wird alles anders

Helga Gürtler
Hguertler

Wenn man mehrere Kinder hat, ist manches besser, manches schlechter, einiges einfacher, anderes schwieriger – jedenfalls vieles anders als mit nur einem Kind.

  • Machen Sie sich Gedanken, wie Sie und Ihr Erstes die Geburt eines Geschwisters verkraften werden?
  • Versuchen Sie, in einer “Patchwork-Familie” alle unter einen Hut zu bringen?
  • Sind Ihre Kinder ständig eifersüchtig auf einander?
  • Gehört Streiten und Hauen zu ihren Lieblingsbeschäftigungen?
  • Gibt es in Ihrer Familie ein schwarzes Schaf, bei dem einfach alles daneben geht?

In diesem Beitrag finden Sie (hoffentlich) Anregungen, wie Sie mit all dem besser umgehen können, – aber auch Entlastung, weil Sie feststellen werden, dass es nicht nur Ihnen so geht.

Das zweite Kind – die doppelte Mühe?

Manche jungen Eltern, die sich gerade mit viel Fürsorge und Engagement der Pflege und Erziehung ihres ersten Kindes widmen, kapitulieren vor der Aussicht, doppelt so viele Schlafstörungen verkraften zu müssen, doppelt so viele Löffelchen täglich in doppelt so viele Schnäbelchen zu stopfen. Sie nehmen die Zeit, die sie täglich ihrem Kind widmen, mal zwei und stellen fest: Das können wir einfach nicht schaffen! Aber da kann ich Sie trösten. Zwei Kinder machen nicht doppelt so viel Mühe wie eines, denn…

Erstens wird manches Routine, was Sie jetzt noch mit viel Aufwand betreiben. Das übt sich mit der Zeit.

Zweitens muss einiges gar nicht so perfekt sein wie Sie es jetzt noch handhaben. Dass die Eltern schon beim zweiten Kind manches übersehen, was beim ersten noch ungebrochenen pädagogischen Eifer auslöste, bekommt den Kindern oft gar nicht so schlecht.

Drittens ist so manches “ein Abwasch” : Ob in der Nacht ein Kind oder zwei unter die Bettdecke gekrochen kommen, macht den Kohl auch nicht mehr fett. Wenn Sie mit zweien auf den Spielplatz ziehen, für zweie Wäsche kaufen oder Geschichten vorlesen, ist der Aufwand kaum größer.

Wenn kleine Kinder plötzlich groß werden

Wer ein Geschwister bekommt, ist plötzlich der oder die Große und kann doch selbst gar nichts dazu.

Pia ist acht. Sie hat zwei Brüder von 14 und 15 Jahren. “Nun lass doch mal die Kleine” , sagen oft nachsichtig die Eltern. “Immer auf die Kleinen!” schimpft sie selbst, wenn die Brüder mal grob werden.

Max ist drei. “Sei doch mal vernünftig, du bist doch schon so groß!” Das hört er neuerdings oft. Und das allein auf Grund der Tatsache, dass er vor einem halben Jahr ein Schwesterchen bekommen hat. So relativ kann das sein!

So bestimmt also nicht der Entwicklungsstand, sondern die Stellung in der Geschwisterreihe, ob man noch für klein oder schon für groß gehalten und entsprechend behandelt und gefordert wird. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wenn einem beim älteren Kind Verhaltenseigentümlichkeiten auffallen, die dadurch vielleicht eine Erklärung finden.

Das Erlebnis, entthront zu werden, bleibt keinem Ältesten erspart

Jedes Kind, das ein Geschwister bekommt, steigt auf vom meist etwas ängstlich umsorgten Erstling zum “Großen” , von dem man erwartet, dass es vernünftig ist, Rücksicht nimmt, eine schwierige Situation nicht noch durch sperriges Verhalten erschwert und später auch bereit ist, Verantwortung für das Jüngere zu übernehmen. Das muss ihm nicht schlecht bekommen. Vielen Kindern wird ja an Eigenständigkeit eher zu wenig als zu viel zugetraut, und Verantwortung zu haben nährt auch das Selbstwertgefühl.

Vergessen Sie aber nicht, dass auch Ihr Großes noch klein ist. Übertreiben Sie es nicht mit Appellen an Rücksicht und Verantwortung. Wer zum Beispiel von einem Älteren verlangt, das Kleinere niemals zu schlagen, der ignoriert, wie gemein und berechnend jüngere Geschwister manchmal sein können. Und zu oft auf Kleinere aufpassen zu müssen, wenn man selbst unbeschwert spielen möchte, kann manches Geschwisterverhältnis dauerhaft stören.

Da soll man nicht eifersüchtig werden?

Sie müssen sich die Situation einmal vorstellen! Da lebt ein Kind mindestens ein Jahr lang, meistens länger, in sehr enger Bindung mit einem oder mehreren Erwachsenen. Es steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Jeder Entwicklungsschritt, jede neue Fähigkeit wird begeistert zur Kenntnis genommen. So ein Erstgeborenes fühlt sich doch wie der Nabel der Welt. Etwas anderes kann es sich nicht vorstellen, denn was es um sich herum erlebt, das hält es für den selbstverständlichen Normalzustand.

Und dann erscheint da mehr oder weniger plötzlich ein Konkurrent, der in ganz unpassenden Augenblicken seine Forderungen in die Welt brüllt. Und die Eltern laufen mit fliegenden Fahnen zu dem Neuling über. Sie springen den ganzen Tag um das Baby herum, reden über es, mahnen auch noch, es ja gut zu behandeln. Wenn es besonders hart kommt, kriegt das Neue auch noch das Babybett, aus dem der Kronprinz ausquartiert wurde, und einen Platz gleich neben der Mama.

Wenn es Ihnen gelingt, diese Perspektive des ersten Kindes zu verstehen, können Sie viel dazu tun, ihm die Auseinandersetzung zu erleichtern. Aber dass Wut und Eifersucht nie auftreten, dürfen Sie nicht erwarten.

Dem Ersten die Umstellung erleichtern

Widerstehen Sie der Versuchung, die große zusätzliche Belastung auszugleichen, indem Sie an die Selbständigkeit Ihres ersten Kindes appellieren, weil es doch jetzt schon “so groß” sei. Denn gerade wenn ein Kind ein Geschwister bekommt, hat es oft nicht die geringste Neigung, groß und vernünftig zu sein, bekommt es doch gerade vorgeführt, wie viel Fürsorge es einbringt, wenn man ganz klein und hilflos ist. Es wird wahrscheinlich sogar zeitweise hinter den Stand zurückfallen, den es vorher schon erreicht hatte, wird wieder in die Hosen machen, nicht mehr aus der Tasse trinken wollen, abends nicht allein einschlafen können.

Geben Sie ihm ruhig wieder ein Fläschchen, windeln Sie es ohne Vorwurf so fürsorglich wie das Kleine. Machen Sie ihm vor allem klar, dass es Ihrer uneingeschränkten Zuneigung sicher sein darf, egal wie “groß” oder “klein” es sich im Moment benimmt.

Vielleicht können Sie gelegentlich mit ihm allein etwas Besonderes unternehmen, wobei man so ein kleines Baby einfach noch nicht gebrauchen kann.

Andererseits dürfen Sie aber die Besorgnis um die Reaktionen des Älteren auch nicht übertreiben. Wenn Sie das zweite Kind nur noch aus der Warte seiner Wirkung auf das erste sehen, benachteiligen Sie es, bevor oder kaum dass es geboren ist. Und übertriebene Anteilnahme kann sich dem Erstgeborenen auch als Verunsicherung mitteilen, die ihm die Verarbeitung nicht erleichtert, sondern erschwert.

Gib das Baby doch zurück!

Die meisten Kinder freuen sich auf das zu erwartende Baby, schildern die Eltern ihnen das, was da auf sie zukommt, doch eher in rosigen Farben – süßes Baby, immer jemand zum Spielen…

Aber die Wirklichkeit ist dann oft anders – zunächst jedenfalls. Zum Spielen ist das Baby zu unbeweglich, und wenn es dann endlich laufen kann, macht es alles kaputt, was ihm in die Finger kommt. Das hält die gutwilligste Geschwisterliebe oft nicht aus. Und dann kommen eines Tages so nahe liegende Vorschläge wie: zurückgeben, verkaufen, verschenken. Oder es passieren gar versehentliche oder absichtliche Übergriffe auf den Störenfried. Eltern erschreckt das. Geschwister sollen sich doch lieb haben!

Sicher, wünschenswert ist das schon, aber es lässt sich durch moralische Appelle nicht erzwingen. Im Gegenteil: Stehen die bösen Gefühle unter einem moralischen Tabu, muss das Kind sie verdrängen, darf sie nicht einmal vor sich selbst zur Kenntnis nehmen. Aber weg sind sie deshalb noch lange nicht.

Die Folge kann dann so aussehen: Eine Vierjährige überschüttet das wenige Monate alte Brüderchen mit Liebesbeweisen. Eifersüchtig wacht sie darüber, dass niemand Unbefugtes sich ihm auch nur nähert. Dabei wirkt sie aber unruhig und keineswegs glücklich. Sie hat wenig Appetit und macht nachts wieder ins Bett. Vor wenigen Tagen ging sie so stürmisch mit dem Kinderwagen um, dass der umgekippt ist. Und heute hat sie dem Kleinen versehentlich einen Ball auf den Kopf geworfen. Dann ist sie jedes Mal ganz verzweifelt.

Diese Vierjährige will offenbar ihr Brüderchen sehr lieb haben, kann es aber nicht. Ihre eigenen bösen Gefühle machen sie unglücklich, verschaffen sich aber Ausdruck, ohne dass das ihrem Willen zugänglich ist. Schimpfen oder strafen die Eltern jetzt noch bei solchen Missgeschicken, entsteht leicht ein Teufelskreis, der die Liebe zum Brüderchen arg belastet.

Moralischer Druck entfremdet nur

Wenn Kinder ihren Eltern gegenüber Ärger über die “blöde Schwester” nicht äußern dürfen, können die Eltern sich weiter in der Illusion wiegen, ihre Kinder seien ein Herz und eine Seele. Je mehr man aber genötigt wird, sich unfreundliche Äußerungen über einander zu verkneifen, ständig – wenn auch zähneknirschend – freundlich zu einander zu sein, desto mehr wachsen Eifersucht und Unmut im Verborgenen.

Fragen Sie mal Bekannte nach Kindheitserfahrungen mit Geschwistern. Gerade die, deren Gefühle füreinander unter moralischen Druck gesetzt wurden, entfremden sich leicht, wenn der Druck aufhört. Wenn sie Glück haben, finden sie später unter neuen Bedingungen eine bessere Beziehung zueinander.

Zum Teufel mit dem Brüderchen!

Es kommt den Beziehungen unter Geschwistern zu Gute, wenn auch Wut, Enttäuschung und Hass ausgedrückt werden dürfen, ohne gleich moralisch verurteilt zu werden. Ein Kind, das im vertraulichen Gespräch mit Mutter oder Vater auch sagen darf, dass es manchmal Bruder oder Schwester zum Teufel wünscht, dass es das Leben ohne sie schöner fände, das erlebt, dass es mit allen seinen Eigenheiten von den Eltern angenommen wird und nicht immer nur gut sein muss, um geliebt zu werden. Gefühle, die es äußern darf, muss es nicht verdrängen, die kann es ans Licht holen und mit Elternhilfe genauer erforschen:

  • Warum bin ich eigentlich so böse auf meinen Bruder?
  • Was an seinem Verhalten stört mich so?
  • Wie könnten wir das ändern?

Wenn Ihnen Ihre Vierjährige also das nächste Mal vorschlägt, das kleine Brüderchen einfach zurück zu geben, dann schelten Sie sie nicht. Nutzen Sie eher die Gelegenheit für eine Liebeserklärung, die ihr sicher gut tun wird: “Das kann ich nicht. Denn ich habe es genau so lieb wie dich, und dich würde ich ja auch niemals zurückgeben!”

Patchwork-Familien – plötzlich kinderreich

Ein Drittel aller Ehen werden heute wieder geschieden. Elternpaare trennen sich, werden Alleinerziehende, finden neue Partner. Mit neuen Paarverbindungen entstehen oft neue Geschwisterkonstellationen. Da bekommen zwei kleine Mädchen auf einmal einen großen Bruder, der sie ärgert und ihre Spiele stört. Oder einer, der bisher großer Bruder war, hat jetzt einen noch größeren über sich.

Unter Geschwistern sind mit der Zeit bestimmte Rollen fest verteilt. Wer was besser kann, wer wen beschützen muss, wer was schon oder noch nicht darf. Kommen Kinder dazu, wird das alles neu aufgemischt. Ob nun der Zuwachs freudig begrüßt oder misstrauisch beäugt wird – mindestens die ersten Monate sind wahrscheinlich geprägt von Hahnenkämpfen und Kompetenzgerangel. Und hinter mancher Zickigkeit verbirgt sich die Angst, bei der Neuverteilung von Zuwendung und Wichtigkeit zu kurz zu kommen.

Lassen Sie sich in diese Auseinandersetzungen der Kinder möglichst nicht einseitig Partei ergreifend hineinziehen, denn immer tun Sie dabei einem anderen Unrecht.

Wutanfälle aus Angst vor Verlust

Manches Kind wird in solcher Situation mit psychischen Auffälligkeiten reagieren. Es wird besonders aggressiv oder weinerlich, bringt schlechte Zensuren nach Hause oder macht gefährliche Dummheiten. Die Mutter ist dann vielleicht enttäuscht, dass ihr dieses Kind den Start in die neue Beziehung unnütz erschwert. Das lässt sie das Kind spüren. Und das Kind, hinter dessen Verhalten ja gerade die Angst steckt, Zuwendung zu verlieren, fühlt seine Angst bestätigt und reagiert umso heftiger. Und so kann ein Prozess in Gang geraten, bei dem dann das Kind als schwarzes Schaf abgestempelt wird. Alles könnte so schön sein, wenn dieses Kind nicht immer…

Nichts unausgesprochen gären lassen

Haben Sie Angst, dass die Unarten und Streitigkeiten der Kinder die Beziehungen zu Ihrem Partner ernsthaft gefährden könnten? Sprechen Sie möglichst jede Besorgnis, jeden Unmut in dieser Richtung gleich aus. Überlegen Sie gemeinsam, wie Sie den Kindern bei der Klärung ihrer Situation helfen können. Je gelassener, je freier von eigenen Ängsten Sie reagieren, desto eher können Sie auch den Kindern eine Hilfe sein.

Beziehen Sie ältere Kinder in solche Klärungen mit ein. Setzen Sie sich regelmäßig, vielleicht einmal pro Woche, um einen Tisch. Und jeder kann vorbringen, was ihm das Zusammenleben mit den anderen erschwert. Gemeinsam kann man dann beratschlagen, wie es in Zukunft besser gemacht werden könnte.

Gleich lieb haben heißt nicht gleich behandeln

Eltern, die mehrere Kinder haben, stellen sich oft die kritische Frage, ob sie wirklich alle gleich lieb haben. Denn das wollen sie. Aber sie können es nicht immer. Wenn zum Beispiel ein Kind längere Zeit krank ist, braucht es besonders viel Zuwendung. Und da wird den Eltern die Liebe, die sie für das kranke Kind empfinden, besonders bewusst. Eines Tages bemerken sie dann vielleicht mit Schrecken, dass sie das andere dabei fast aus den Augen verloren, etwas Wichtiges, das es inzwischen erlebt hat, kaum zur Kenntnis genommen haben.

Oder ein Kind strapaziert die Nerven der Eltern jeden Tag mit neuen Dummheiten. Die Eltern richten daraufhin alle positiven Gefühle auf das andere, das derweil lieb und pflegeleicht ist. “Ein Glück, dass wir noch die Sarah haben!” Das Verhalten des Kindes und die Reaktion der Eltern können Kreisprozesse in Gang setzen, die ein Kind zum schwarzen Schaf der Familie machen und in dieser Rolle festhalten. Davon wird später noch die Rede sein.

In den meisten Fällen wechseln solche Phasen zum Glück wie Krankheiten. So schwankt zwar die Zuwendung der Eltern, aber letztlich kommen alle zu ihrem Recht.

Machen Sie selbst sich gerade solche Vorwürfe? Dann denken Sie bitte zurück: Wie lange ist die Konstellation schon so wie jetzt? War Ihr Liebling schon immer Ihr Liebling, oder waren es zeitweise auch Bruder oder Schwester? Wie lange, denken Sie, wird es wohl so wie jetzt noch bleiben? Was können Sie tun, um die Position mal wieder zu wechseln?

Mal Papas, mal Mamas Liebling

Stoßen Sie sich nicht an dem Wort Liebling, weil es in einer Idealfamilie keine Lieblingskinder geben darf. Es ist doch im Moment so! Versuchen Sie zu erreichen, dass jedes Kind mal in den Genuss kommt, Lieblingskind zu sein. Lässt sich vielleicht sicherstellen, dass der, der Mamas Liebling zurzeit nicht sein kann, so lange Papas Liebling ist? Lassen sich vielleicht auch noch Oma und Opa mit einspannen?

Auch wenn Sie sicher sind, dass Sie alle Ihre Kinder gleich lieb haben, heißt das noch nicht, dass Sie immer alle gleich behandeln müssen. Das können Sie gar nicht. Schon das unterschiedliche Alter zwingt Sie zur Ungleichbehandlung. Oder wollen Sie der Zweijährigen auch Schlittschuhe kaufen, weil die Achtjährige gerade welche bekommt?

Sie können sich außerdem mit dem Bemühen um Gleichbehandlung noch so verrückt machen – die Kirschen im Kompott abzählen, die Schokoladenstückchen abwiegen -, Sie werden trotzdem nicht dem gelegentlichen Vorwurf entgehen, Sie hätten eines der Geschwister bevorzugt. Das ist nun mal so.

Es ist auch nicht nötig, dass der Vierjährige eine kleine Schultüte bekommt, weil die Schwester eingeschult wird, dass zu jedem Kindergeburtstag alle was geschenkt bekommen, damit nur ja keines eifersüchtig ist. Wird nicht jedes die Bevorzugung von Bruder oder Schwester akzeptieren, sobald es begreifen kann, dass es selbst damit auch mal dran ist? Ist es nicht sogar schön zu wissen, dass jedes mal etwas ganz für sich allein haben kann? Jedes möchte doch etwas ganz Besonderes sein, einmalig und unverwechselbar, nicht genau das gleiche wie die anderen.

Nicht allen das Gleiche, sondern jedem das Seine

Jedes Kind kommt mit dem Bedürfnis zur Welt, in der Gemeinschaft, zu der es gehört, geliebt, geachtet und anerkannt zu werden. Wächst es heran, lernt es, sich so zu verhalten, dass es diese Beachtung in ausreichendem Maße erhält. Findet es Geschwister vor, wird es versuchen, sich die Aufmerksamkeit der Eltern auf Gebieten zu sichern, auf denen das nicht schon ein anderes tut. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich Geschwister oft sehr unterschiedlich entwickeln – dass da dem Flatterhaften ein Zielstrebiges, dem sehr Sportlichen ein besonders Musikalisches, dem Aufsässigen ein Friedfertiges folgt.

Jedes verlangt also nach unserer Aufmerksamkeit auf seine ganz eigene Weise. Und deshalb ist es auch gerechter, mit dem einen anders umzugehen als mit dem anderen. Geben wir jedem Kind das, was es gerade braucht – jedem das Seine, nicht allen das Gleiche. Wir dürfen allerdings nicht den Blick dafür verlieren, dass sich solche Eigenheiten auch ändern können.

Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Schwester!

Wenn Eltern ein zweites Kind bekommen, ist es nahe liegend, dass sie das erste als Maßstab verwenden. Was ihnen beim ersten noch Sorgen machte, nehmen sie beim zweiten gelassener: “Das geht vorbei, das hat sein Bruder auch gemacht” . Was beim ersten noch ehrfürchtiges Staunen auslöste, wird jetzt für selbstverständlich genommen: “Das machen wohl alle in dem Alter, das war bei der Großen auch so” . Fällt aber das zweite hinter dieses Maß zurück, werden sie leicht ungeduldig: “Die Große hat in dem Alter längst durchgeschlafen!”

Konkurrenz belebt nicht immer das Geschäft

Später werden solche Vergleiche vom Alter unabhängig. Wenn beide in die Schule gehen, heißt es zum Beispiel: “Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Schwester, die macht ihre Hausaufgaben immer allein” . Und, was hat die andere davon? Kann sie was dafür, dass sie so ein As von Schwester hat, die alles gleich begreift und Liebling der Lehrerinnen ist? Bei dieser Konkurrenz machen Schreiben und Lesen überhaupt keinen Spaß mehr. Wozu soll sie sich da anstrengen, wenn sie bestenfalls genau so gut werden kann, aber eben nichts Besonderes. Jedoch im Sport, da ist sie viel besser – flinker, mutiger, lebendiger. Und wenn sie mit der Schwester Streit hat, versucht sie es mit Ringen und Boxen, da zieht die meist heulend den Kürzeren.

Vergleiche stören die Beziehung

Würden Sie einen Arbeitskollegen besonders mögen, von dem man Ihnen sagt, er sei in manchem besser als Sie, und Sie sollten sich an seiner Aktenführung, an seiner Art, mit Kunden umzugehen, ein Beispiel nehmen? Wären Sie nicht eher darauf aus, Fehler an ihm zu bemerken, festzustellen, dass Ihnen Ihre Art jedenfalls lieber ist als seine? Leidet nicht die Bereitschaft, sich jemanden zum Vorbild zu nehmen, wenn man dazu aufgefordert wird?

Auch für das Kind, das dem anderen als gutes Beispiel vorgehalten wird, ist das eher von Nachteil. Entweder ist ihm das gute Verhältnis zu Bruder oder Schwester wichtiger als die Bewunderung der Eltern. Dann wird es den Spaß an hervorstechenden Leistungen verlieren, die so vergiftende Folgen haben. Es wird sich in Zukunft eher zurückhalten. Es wird sonntags morgens nicht mehr den Tisch decken, wenn ihm sein Bruder, der das nicht tut, dafür den ganzen Tag böse ist. Und das wollten Sie doch wohl nicht erreichen?

Oder womöglich sonnt es sich in seiner Vorbildrolle, fängt selbst an, sich für besser zu halten, den Bruder zu bevormunden, seine Rolle als Elternliebling auszuspielen. Finden Sie das besser?

Eigentlich wollten Sie doch mit dem Vergleichen etwas anderes erreichen: Sie wollten das eine Kind da, wo es Schwächen hat, mit dem Beispiel des Besseren anspornen. Mit dieser Methode aber erreichen Sie das nicht. Versuchen Sie es anders: Schauen Sie nicht so sehr auf die Schwächen, die ein Kind hat. Achten Sie auf seine Stärken. Jedes Kind hat welche!

Jedes Kind hat seine Stärken

Freuen Sie sich deutlich sichtbar über das, was Ihr Kind gut macht. Und wenn es dann doch mal Ansporn braucht, dann messen Sie es eher am eigenen guten Beispiel: “Denk mal, beim Schwimmenlernen hast du doch auch erst gedacht, du schaffst es nie, und jetzt bist du so gut darin!” Allerdings macht auch hier der Ton die Musik: “Wenn du mal beim Hausaufgabenmachen so ausdauernd wärst wie beim Telespielen” – so meine ich es nicht!

Stelle ich ein Kind dem anderen als Beispiel hin, geht das Lob an die eine Adresse, der Tadel an die andere. Das demotiviert und verdirbt die Beziehung. Sporne ich ein Kind mit seinen eigenen Stärken an, dann gehen Lob und Tadel sozusagen an die gleiche Adresse. Der Hinweis auf die Schwäche ist gleichzeitig eine Anerkennung für die Stärke. Das ermutigt. Und schont das Verhältnis zu Bruder oder Schwester.

Das schwarze Schaf der Familie

In vielen Familien mit mehreren Kindern gibt es so ein schwarzes Schaf. Eines, das ständig Unsinn macht, wenn die anderen lieb sind, das die anderen immer wieder ohne ersichtlichen Grund haut oder sich penetrant weigert, in der Schule so brav zu lernen wie Bruder oder Schwester. Eltern sehen das manchmal als unverständlichen Schicksalsschlag. Die anderen sind doch so wohl geraten – aber dieses…

Wie gerät ein Kind in die Rolle des schwarzen Schafes?

Am besten mache ich das an einem Beispiel klar: Der zwölfjährige Daniel hat eine neunjährige Schwester, Maria. Schon als erstes Kind hatte sich die Mutter lieber ein Mädchen gewünscht, weil sie, wie sie sagt, “mit Jungen nicht so recht kann” . Und in Daniel fand sie nichts von dem, was sie sich wünschte. Daniel war nie besonders zärtlich, er ist eher spröde und ruppig. Was er anfasst, macht er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit kaputt. Und wie ständig all die Flecken und Risse an seine Hände, Knie und Hosen kommen, weiß er selbst nicht. Die Schulleistungen – na ja!

Bei Maria ist das alles ganz anders. Aber Daniel ist der Überzeugung, dass Maria sich bloß so ranschmeißt, um ihn auszustechen. Das macht ihn oft wütend. Wenn er so einen Wutanfall kriegt, gibt Maria oft nach, schiebt ihm zum Beispiel das Stück Kuchen rüber, um das sie gerade gestritten haben. Das macht Daniel eher noch wütender – scheinheilige Ziege!

Je mehr Maria sich um Nachsicht bemüht, desto gereizter wird Daniel. Manchmal reicht es ihm schon, wenn sie wieder so ein schrecklich liebes Gesicht macht (Ob er insgeheim ein schlechtes Gewissen hat und deshalb immer gereizter wird?). Und die Mutter himmelt immer nur Maria an (Möchte Daniel nicht insgeheim auch mal so angehimmelt werden?).

Die Mutter ist entsetzt über Daniels Undank. Wo Maria doch so nachgiebig ist! Wie soll sie freundlich oder gar stolz auf Daniel sein, wenn er so unberechenbar und gemein zu seiner Schwester ist? Sie muss die Kleine doch ständig vor diesem Rowdy in Schutz nehmen. Je mehr sie das aber tut, desto überzeugter ist Daniel, dass sie ihn sowieso nicht leiden kann. Und so bestätigt einer immer die negativen Erwartungen des anderen.

Und wie sieht das Ganze aus Marias Perspektive aus? Ist es wirklich nur Güte und Nächstenliebe, die sie so oft nachgeben lässt?

Maria spürt recht genau, dass dieses Verhalten ihr die Bevorzugung durch die Mutter sichert. Sie braucht gewissermaßen Daniels Wutausbrüche, um sich ins rechte Licht zu setzen. Und sie weiß ihr Verhalten so einzurichten, dass Daniel oft wütend wird.

Auch die Mutter ist an dieser Rollenfestlegung nicht unbeteiligt. Sie spürt, dass ihr Maria näher ist als Daniel. Das macht ihr ein schlechtes Gewissen. Eine gute Mutter sollte doch wohl alle Kinder gleich lieb haben! Aber wenn sich doch eines ständig so daneben benimmt… Daniels Verhalten liefert ihr eine Rechtfertigung für ihre Gefühle.

Den Teufelskreis durchbrechen

Gibt es in Ihrer Familie auch solche Teufelskreise, die ein Kind in die Rolle des schwarzen Schafes schieben könnten? Möchten Sie etwas dagegen tun? Dann versuchen Sie zunächst einmal, Ihre eigene Perspektive zu verändern. Ihr Sohn ist nicht nur der, der immer gleich draufhaut, er hat auch noch andere, liebenswertere Eigenschaften. Haben Sie die ganz aus dem Blickfeld verloren? Schreiben Sie gleich mal alles auf, was Sie am Verhalten Ihres Jungen freut. Und sagen Sie ihm das auch häufiger! Beißen Sie sich nicht so fest an dem, was Sie ärgert. Und suchen Sie Antworten auf folgende Fragen:

  • Welchen Vorteil haben die Geschwister von der Existenz des schwarzen Schafes?
  • Welchen Vorteil haben Sie, die Eltern?
  • Wie passt sein Verhalten in das Rollengefüge der Familie?
  • Wie ließe sich etwas daran ändern?

Rollenwechsel tut Not

Sicher gibt es auch bei Ihnen häufig Auseinandersetzungen, die wie nach einem festen Regieplan ablaufen. Sie wissen meist schon vorher, was gleich kommt. Sobald Sie das erkannt haben, müssen Sie versuchen, den Regieplan zu verändern. Verhalten Sie sich anders als Sie es in der Regel tun, als Sie es auch dieses Mal am liebsten tun möchten. Kann man das Ganze nicht auch anders sehen, anders darauf reagieren?

Was wäre, wenn Daniels Mutter, anstatt zu schimpfen, Daniel möglichst ruhig fragt, was ihn so ärgert? Was wäre, wenn sie aufhörte, Maria ständig in Schutz zu nehmen? Ob die sich nicht auch selbst helfen könnte? Ob Maria sich auch anders verhielte, wenn sie nicht immer so viel Anerkennung für ihre Nachgiebigkeit fände? Der Teufelskreis wäre jedenfalls erst mal unterbrochen.

Wenn das alles nicht reicht, gehen Sie zu einer Erziehungsberatungsstelle. Die Mitarbeiterinnen dort sind darauf spezialisiert, solche Zusammenhänge zu erkennen und Ihnen beim Verändern zu helfen.

Was sich liebt, das haut sich

Eigentlich heißt der Spruch ja anders. Aber zum Trost für gestresste Eltern sollte er umgeschrieben werden. Eltern möchten gern, dass ihre Kinder sich sprichwörtlich lieben wie Bruder und Schwester. Na und? Die meisten tun das ja auch. Allerdings anders als Eltern sich das vorstellen. Mindestens dreimal täglich geraten sie sich lautstark in die Haare. Und führen sich dann auf, als wollten sie einander umbringen.

Aber ich hoffe, Sie hatten auch schon mal Gelegenheit, Ihre Kinder zu beobachten, wenn sie gemeinsam in fremder Umgebung sind, wenn gar einem von ihnen Gefahr droht. Es kann einem das Herz wärmen, wie da meistens eines für das andere einsteht.

Streit muss sein – aber richtig

Unser Erziehungsziel kann es nicht sein, den Streit unter Geschwistern abzuschaffen – das geht einfach nicht. Es gibt Untersuchungen darüber, dass, zum Beispiel im Kindergarten, gerade die Kinder häufig aneinander geraten, die sich gern mögen:

  • Denn erstens haben Kinder, die sich emotional näher sind, eher auch gemeinsame Reibungsflächen. Kinder, die mit einander nichts anzufangen wissen, gehen sich eher aus dem Wege.
  • Zweitens sind Freunde und erst recht Geschwister einander gute Trainingspartner für Abgrenzung und Selbstbehauptung. Sie streiten sich ungehemmter, weil sie im Grunde wissen, dass ihnen dabei nicht so viel passieren kann.
  • Drittens müssen in jeder Familie Rollen, Rechte und Grenzen immer wieder neu verhandelt und geklärt werden. Und je jünger Kinder sind, desto eher nehmen sie den Begriff wörtlich. Sie verhandeln mit Händen (und Füßen), weil ihnen – besonders wenn sie aufgeregt sind – Worte noch nicht so gut zur Verfügung stehen. Ihre Stimme benutzen sie dabei lieber zu lautstarkem Geschrei.

Es ist unsere Aufgabe, sie durch unser Beispiel nach und nach das Austragen von Streit durch Worte zu lehren. Aber das dauert!

Wut muss sich Luft machen dürfen

Wie reagieren Sie, wenn Sie in Wut geraten? Hauen Sie mit der Faust auf den Tisch? Das verträgt der Tisch sicher besser, als wenn Sie auf den losgehen, der die Wut verursacht hat. Knallen Sie mit den Türen? Wenn Sie in einem soliden Altbau wohnen, kann das eine gute Methode sein. Wie ist es mit Schimpfen und Fluchen? Ein deftiges Schimpfwort kann sehr entlastend wirken. Aber welche Schimpfworte sind noch vertretbar, welche nicht?

Die Ansichten darüber werden in verschiedenen Familien ganz unterschiedlich sein. So ein Kanon des noch Vertretbaren muss in jeder Familie ausgehandelt werden. Er muss für Eltern genau so verpflichtend sein wie für Kinder.

Kindern fällt es noch sehr schwer, ihre Wut zu zügeln. Aber Eltern müssen immer wieder einfordern, dass sie selbst im Zorn bestimmte Grenzen nicht übertreten dürfen. Die könnten etwa heißen:

  • Niemals mehrere auf einen.
  • Niemals mit einem harten Gegenstand in der Hand schlagen.
  • Niemals mit Schuhen an den Füßen treten.
  • Wenn einer weint oder sich nicht mehr wehren kann, muss Schluss sein.

Vielleicht sind Sie entsetzt über diese Vorschläge. Vielleicht möchten Sie in Ihrer Familie die Norm durchsetzen, dass Handgreiflichkeiten grundsätzlich nicht erlaubt sind, dass Konflikte nur im wohltemperierten Wortgefecht ausgetragen werden dürfen. Aber ein erzwungener, alles vertuschender Burgfrieden garantiert noch lange keine stabile Demokratie. Und bedenken Sie dabei: Auch ein Kind, das nie lauthals und handgreiflich streiten durfte, wird irgendwann einmal so wütend, dass dieses Verbot nicht mehr greift. Da es aber nicht geübt hat, selbst im Zorn bestimmte Grenzen einzuhalten, schießen seine Reaktionen leicht über jedes vertretbare Maß hinaus. Denn auch Streiten muss eben gelernt werden!

Eltern als Schlichter und Richter?

Eltern fühlen sich vom ständigen Streit ihrer Kinder oft sehr belastet. Sie möchten mahnen, regeln, schlichten. Aber oft mit fragwürdigen Ergebnissen. Ein Beispiel: Der fünfjährige Max und der vierjährige Alexander spielen im Kinderzimmer. Der Vater hört sie, wie so oft, miteinander streiten. Plötzlich lässt ihn lautes Geschepper und wütendes Gebrüll in das Kinderzimmer eilen. Max stampft vor Wut tobend auf einem Haufen wild durcheinander geworfenen Spielzeugs herum, das sonst im Regal stand. Empört herrscht ihn der Vater an: “Wie kannst du denn das alles durcheinander werfen, wer soll denn das wieder einräumen? Und jetzt machst du auch noch alles kaputt!”

Lieber erst durchatmen, dann reagieren

Max ist inzwischen so außer sich, dass er kein verständliches Wort mehr herausbringt. Stattdessen geht er mit Fäusten auf den Vater los. Der ist darüber so empört, dass er ihn recht grob anpackt und hinauswirft. Aber da fällt dem Vater auf, dass Alexander bei all dem ein merkwürdig unbeteiligtes Gesicht macht – zeigt es nicht sogar eine Spur von Genugtuung?

Schließlich stellt sich heraus, dass Max gar nicht der Verursacher des Durcheinanders war. Alexander hatte vom Sofa aus das Regal angekippt, so dass das ganze Spielzeug auf Max nieder regnete.

Jetzt haben die Eltern Max gegenüber ein schlechtes Gewissen. Sie bemühen sich den Rest des Tages ganz besonders um ihn. Mit Alexander reden sie kein Wort. Wie kann er nur so gemein zu seinem Bruder sein!

Alexander ist ständig auf Max eifersüchtig. Max ist umsichtiger und vernünftiger, darf schon so manches, was die Eltern dem quirligen, unaufmerksamen Alexander noch nicht zutrauen.

Der Kampf um Aufmerksamkeit und Zuwendung

Max hat allerdings eine Schwäche: Wenn er wütend wird, gerät er leicht völlig außer sich. Und das nutzt Alexander zielsicher aus, um ihn vor den Eltern ins Unrecht zu setzen. Aber auch Max ist eifersüchtig. Immer soll er vernünftig sein, während dem jüngeren Bruder so manches nachgesehen wird.

Im Grunde verfolgen beide mit ihren Streitereien das gleiche Ziel: Jeder versucht, Vater oder Mutter auf seine Seite zu ziehen. Und während die sich noch bemühen, eine Benachteiligung, die sie dem einen angetan zu haben glauben, durch besondere Zuwendung auszugleichen, nähren sie im anderen schon wieder das Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Eltern erreichen also das Gegenteil dessen, was sie erreichen möchten, und strapazieren sich dazu noch in unerträglichem Maße.

Oft können Kinder ihre Probleme selbst lösen

Was könnten die Eltern stattdessen tun? Sie könnten versuchen, sich aus den Streitereinen der beiden weitgehend herauszuhalten, vor allem aber nicht für den einen oder den anderen Partei zu ergreifen bzw. die Funktion des Richters zu übernehmen. Wer hat mehr Schuld, wer hat angefangen, wer hat das Schlimmere gemacht, wer hat Recht, wer muss sich entschuldigen – eine unlösbare Aufgabe, bei der man fast immer dem einen der Streithähne Unrecht tut.

Wenn die Kinder mit ihren Streitereien nicht mehr das Ziel erreichen, die Eltern zum Eingreifen, zur Parteinahme zu zwingen, werden sie selbst Lösungen finden müssen, um besser mit einander auszukommen.

Ohne Aufmerksamkeit weniger Streit

Viele Kinder streiten gerade dann besonders heftig, wenn Mutter oder Vater in Hörweite sind. Greifen die dann jedes Mal ein, erreichen die Kinder ein gemeinsames Ziel: Mutter kommt gelaufen und kümmert sich, Vater nimmt sich Zeit für ein klärendes Gespräch. Spielen die Geschwister dagegen ruhig und friedlich, sind die Eltern froh, dass sie mal eine Weile Ruhe haben. Deshalb ist es sinnvoller, sich Zeit für die Kinder zu nehmen, wenn sie freundlich und umgänglich sind, Streitereien aber weniger zu beachten.

Einmischen müssen sich Eltern allerdings,

  • wenn einer ganz offensichtlich unterlegen ist, sich nicht wehren kann,
  • wenn die weiter oben genannten Grundregeln des fairen Streitens verletzt werden,
  • wenn die Kinder offensichtlich keine eigene Lösung finden.

Aber Eingreifen muss ja auch nicht heißen, einen Schuldigen zu finden, ihn gar zu bestrafen. Das nährt nur neue Wut. Jedes der Kinder soll vielmehr die Möglichkeit bekommen, den Streitfall aus seiner Sicht zu schildern und seine Vorstellungen von einer Lösung zu erklären, ohne beschimpft oder unterbrochen zu werden. Die Eltern können Lösungsvorschläge machen, und dann können die Kinder sich auf eine einigen, die beiden gerecht erscheint. Wer nun eigentlich angefangen hat, wer Schuld war, ist dabei gar nicht so wichtig.

Autorin

Helga Gürtler ist Diplom-Psychologin. Sie schreibt Bücher und Zeitschriften-Artikel zu Erziehungsthemen, hält Vorträge, arbeitet mit Elterngruppen und in der Fortbildung von Erzieherinnen.

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Helga Gürtler
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Erstellt am 11. April 2003, zuletzt geändert am 9. September 2013