“Nesthocker-Familien” – zwischen Solidarität und Symbiose

Dr. Christiane Papastefanou

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“Im Hotel Mama kenne ich das Personal”

Diese so treffende Formulierung geht auf einen Artikel im Spiegel (4/1987) zurück und meint folgendes Szenario: Sonntags später Vormittag, ansprechendes Ambiente eines Einfamilienhauses in einer westdeutschen Kleinstadt – zwei Endzwanziger im Schlafanzug, notdürftig gekämmt mit ihren Eltern beim Brunch. Die Tafel ist reichlich gedeckt, alles liebevoll von der Mutter angerichtet, für jeden etwas Leckeres dabei. Wer ließe sich das nicht gern gefallen? Es wird entspannt geplaudert, die Stimmung ist locker, man versteht sich. Mit wohligem Völlegefühl geht dann jeder wieder seiner Wege, die Eltern werkeln in Haus und Garten, machen es sich gemütlich. Die “Kinder” ziehen sich in ihr Reich zurück, um sich von den Strapazen der Woche und der durchtanzten und durchzechten Disconacht zu erholen. Kurzum: Trautes Heim, Glück allein, so das Klischee.

Während es junge Menschen in den 70er Jahren früh in die Unabhängigkeit zog, froh, endlich der häuslichen Kontrolle zu entfliehen, lebt heute ein beträchtlicher Teil junger Menschen glücklich und zufrieden bei Mama und Papa – Tendenz steigend. Die Annehmlichkeiten des Lebens in Mutters Stuben werden der ungewissen und unbequemen Unabhängigkeit vorgezogen. Nesthocker genießen es, verwöhnt zu werden und sich nicht mit den Unbilden eines eigenen Hausstandes herumzuplagen. Die Räumlichkeiten sind gepflegt, ohne dass man groß darum bitten müsste. So können sie sich voll und ganz ihren Studien oder dem Berufsleben widmen, unbehelligt von alltäglichen Unerfreulichkeiten, die das Leben draußen so mit sich bringt. Der Kühlschrank ist immer voll, das warme Essen steht pünktlich auf dem Tisch, wie bestellt. Und Mama weiß natürlich, was ihre Lieblinge mögen. Immer abwechslungsreich, frisch und gesund, nicht so wie die Einheitsravioli in mehlig-klebriger Saucenpampe aus der Mensa. Kann denn Alleinleben schöner sein?

Und die Schattenseiten? Der französische Kinohit “Tanguy” spricht vielen Eltern aus dem Herzen, die sich bisher mit diesem Problem allein fühlten. Spätestens seit Tanguy wissen wir: es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Eltern reagieren auf Dauer genervt, die Stimmung sinkt, die Spannung wächst. Das Zusammenleben wächst sich zum Dauerstress für beide Seiten aus. Ihren wohlverdienten Feierabend können die Eltern nicht richtig genießen. Das Wohnzimmer ist mit fröhlich-lärmenden jungen Menschen bevölkert, nachts will einfach keine Ruhe einkehren. Da kann man es schon verstehen, das Eltern ein bisschen nachhelfen, um ihren Nachwuchs los zu werden, zur Not auch mit drastischen Mitteln. Aber auch für junge Menschen ist diese Situation nicht so leicht, wie es anmutet. Der Intimsphäre sind enge Grenzen gesetzt, die Rückzugsmöglichkeiten sind begrenzt. Nur eine dünne Wand trennt das Kinderzimmer vom Familiengeschehen. In den elterlichen Räumlichkeiten können sie sich nicht altersgemäß entfalten. Die Eltern haben das Sagen: “So lange du deine Füße unter unseren Tisch steckst” – wer kennt diesen Spruch nicht? Wie ein normaler Erwachsener kann man so nicht leben.

Während das Thema in der Öffentlichkeit demnach zunehmend Beachtung erfährt, hinkt das wissenschaftliche Interesse deutlich hinterher. Das Auszugsverhalten junger Menschen fällt traditionellerweise in das Ressort der Soziologen, während die Entwicklungspsychologie das Thema vernachlässigt (Papastefanou, 2000).

Das Auszugsverhalten der heutigen jungen Generation

Seit den 80er Jahren wird in vielen Ländern Westeuropas sowie in den USA ein Anstieg des durchschnittlichen Auszugsalters beobachtet, wobei Italien mit seinen besonders anhänglichen erwachsenen Söhnen an der Spitze steht (Buba, Früchtel & Pickel, 1995; Cherlin, Scabini & Rossi, 1997; Nave-Herz, 1997; Weick, 1993; Zinnecker, Strozda & Georg, 1996). In den alten Bundesländern ziehen junge Männer aktuell mit durchschnittlich 26 Jahren aus, junge Frauen dagegen deutlich früher, zwischen 21 und 22 Jahren (s. Abb. 1, Weick, 2002). Die Altersangaben weichen in einzelnen Studien etwas voneinander ab, weil diese auf unterschiedliche Datenquellen zurückgreifen. Der “Auszug” als biographischer Übergang ist heutzutage nicht leicht zu definieren, da er sich oft über einen längeren Zeitraum hinzieht und es nicht selten nach einem ersten Versuch zumindest vorübergehend zu einem Wiedereinzug ins Elternhaus kommt ( “Generation boomerang” ). Erst mit der Gründung eines eigenen Hausstandes ist dieser Prozess definitiv abgeschlossen. Außerdem gestalten sich Auszugsmuster zunehmend individueller. Weit verbreitet sind Mischformen: etwa ein Fünftel der jungen Erwachsenen pendelt zwischen dem Elternhaus und einer zweiten Wohnmöglichkeit, z. B. Studentenwohnheim (Silbereisen, Vaskovics & Zinnecker, 1997). Schließlich herrscht Uneinigkeit darüber, ab welchem Alter man von einem Spätauszug sprechen kann, in einigen Studien wird das 25., in anderen das 23. Lebensjahr angesetzt (Nave-Herz, 1997).

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Abb. 1: Alter beim Auszug aus der elterlichen Wohnung / Westdeutschland (Weick, 2002)

Auszugsalter

Als Risikofaktoren des verspäteten Auszugs kristallisierten sich das Bildungsniveau, der Familienstand und das Geschlecht der jungen Erwachsenen heraus (Weick, 1993; Zinnecker et al., 1997). Der “typische Nesthocker” ist männlich, ledig und gehört der höheren Bildungs- und Einkommensschicht an. Allerdings sieht die individuelle Situation von Spätausziehern ganz unterschiedlich aus. Vascovics und Mitarbeiter (1990) unterscheiden verschiedene “Ablösungstypen” . Das Spektrum reicht von den “Wohnraumnutzern” , die kostenfrei im Elternhaus wohnen, aber ansonsten sehr selbständig leben, bis zu den “Umsorgten” , die sich praktisch um gar nichts kümmern und alles den Eltern überlassen.

Die gesellschaftlichen Hintergründe des Nesthockertums

Als Hauptursache des zögerlichen Auszugsverhaltens junger Menschen gilt die allgemeine Bildungsexpansion: lange Ausbildungszeiten und oft anfänglich befristete Arbeitsverhältnisse verlängern die ökonomische Abhängigkeit von den Eltern (Vascovics, 1997). Unsichere Perspektiven infolge der ungünstigen Wirtschaftslage machen es jungen Menschen schwer, sich beruflich zu etablieren und ökonomisch auf eigenen Füßen zu stehen. Auch die wachsende Arbeitslosigkeit trifft junge Menschen hart und kann ihre Pläne vereiteln, einen eigenen Hausstand zu gründen. Nicht wenige Spätausziehende sind daher vermutlich Wiedereinzieher, die nach einer Phase des Alleinlebens ins Elternhaus zurückkehren, wenn sie z. B. ihren Arbeitsplatz verloren haben (Schnaiberg & Goldenberg, 1989). Jeder fünfte “Nesthocker” war schon einmal ausgezogen (Zinnecker et al., 1996).

Die Ergebnisse zum Bildungsstand sind widersprüchlich. Auf der einen Seite erreichen Jugendliche mit einer geringeren beruflichen Qualifikation früher ökonomische Selbständigkeit und können daher auch früher eine eigene Wohnung unterhalten. Auf der anderen Seite wird behauptet, junge Erwachsene aus höheren Bildungsmilieus würden früher ausziehen, weil sie von ihren Eltern eher in ihrer Autonomieentwicklung gefördert und auch finanziell unterstützt werden (z. B. Wagner & Huinink, 1991).

Ein zentraler Einflussfaktor auf das Auszugsverhalten ist das Geschlecht der jungen Erwachsenen. Junge Frauen ziehen in der Regel früher aus, weil sie meist kürzere Ausbildungen absolvieren und daher früher über ein eigenes Einkommen verfügen (Boyd & Pryor, 1989; Nave-Herz, 1997; Wagner & Huinink, 1991; Weick, 2002; Zinnecker et al., 1996). Darüber hinaus gehen sie früher eine feste Bindung ein als junge Männer. Im Elternhaus lebende junge Erwachsene sind größtenteils ledig, während knapp die Hälfte (48%) der allein Lebenden verheiratet ist und auch eine Familie gründen will (Zinnecker et al., 1996).

Nicht zu vergessen ist das unmittelbare Lebensumfeld der jungen Erwachsenen. Spätauszieher finden sich gehäuft in kleineren Gemeinden (Zinnecker et al., 1996). Auf dem Land ist es durchaus üblich, dass Kinder als Erwachsene mit ihren Eltern unter einem Dach leben, während in Großstädten dieses Muster seltener anzutreffen ist. Nicht zuletzt trägt die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu dieser Entwicklung bei, die junge Menschen besonders benachteiligt, denn das Angebot des Wohnungsmarktes richtet sich an der finanzkräftigen Nachfrage aus (Gaiser & Müller, 1996).

Neben dem Verlassen des Elternhauses verzögern sich heutzutage noch andere Schritte im Prozess des Erwachsenwerdens wie Heirat und Familiengründung. Insgesamt zieht sich der Übergang zum Erwachsenenalter deutlich länger hin: zwischen dem (immer früheren) Eintreten der psychosexuellen Reife und dem Erreichen der klassischen Symbole des Erwachsenenstatus (fester Arbeitsplatz, Heirat) können bis zu zehn Jahre liegen. So ist eine Art Zwischenphase zwischen Jugend und frühem Erwachsenenalter, die sog. “Post-Adoleszenz” entstanden, im Sinne eines verlängerten Moratoriums, das mit verschiedenen Rollen zu experimentieren erlaubt. Zudem gestaltet sich der Übergang immer individueller, die einzelnen Schritte folgen keinem normativen Muster (Auszug, Heirat, Familiengründung) wie in früheren Generationen (Arnett, 2000).

Die Motive des verspäteten Auszugs

Die Gründe für einen Auszug haben sich im Lauf der Zeit deutlich gewandelt. Der traditionelle Grund, Heirat, spielt heutzutage keine nennenswerte Rolle mehr (Wagner & Huinink, 1991), die meisten jungen Erwachsenen wollen vor der Heirat erst einmal eine Zeit lang allein leben. Vielmehr ist ein Auszug in den modernen westlichen Industrienationen hauptsächlich durch das Streben nach persönlicher Autonomie motiviert. Junge Menschen wollen über ihr Leben selbst bestimmen und ihre vier Wände nach ihren Wünschen gestalten. Schließlich werden oft äußere Gründe, z. B. die Aufnahme eines Studiums an einem weiter entfernt liegenden Ort, angegeben (Papastefanou, 1997). “Konflikte mit den Eltern” sind dagegen insgesamt kein gewichtiger Grund, dem Elternhaus den Rücken zu kehren.

Die Entscheidung für oder gegen einen Auszug ist ein komplexer vielschichtiger Prozess, der oft auf der Basis von Kosten-Nutzen-Überlegungen getroffen wird (Ott, 1986). Solange die Vorteile des Zusammenlebens überwiegen, besteht für die jungen Erwachsenen kein Grund, ihre Situation zu verändern. Je komfortabler die Wohnbedingungen im Elternhaus (Eigenheim), desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass junge Erwachsene den status quo lange aufrecht halten (Wagner & Huinink, 1991; Zinnecker et al., 1996). Der erwartete Gewinn des eigenständigen Wohnens ist nicht hoch genug, um diesen Schritt in die Ungewissheit zu vollziehen (Schnaiberg & Goldenberg, 1989).

Als Hauptmotiv für den Spätauszug kristallisierten sich ökonomische Gründe heraus (Shehan & Dwyer, 1989; Papastefanou, 1997). Dahinter verbergen sich meist finanzielle Schwierigkeiten oder Probleme bei der Wohnungssuche. In Familien der unteren Einkommensgruppen müssen Jugendliche zu Hause wohnen bleiben, damit die Eltern die Kosten für ihre Ausbildung aufbringen können. Das Zusammenleben ist hier als eine Form der intergenerativen Solidarität zu bewerten. In besser verdienenden Familien dagegen stehen die hohen Ansprüche junger Menschen an Freizeit und Konsum dem frühen Auszug entgegen. Besonders junge Männer sind oft im dritten Lebensjahrzehnt auf exzessives, kostenintensives Freizeitverhalten orientiert. Des Weiteren trägt das liberale Erziehungsverhalten der heutigen Elterngeneration zum Nesthockertum bei. Eltern gewähren den erwachsenen Kindern im Zusammenleben viele Freiheiten. Die “Zufriedenheit mit dem Zusammenleben mit den Eltern” war daher der zweithäufigste Grund (Papastefanou, 1997). Folgendes Zitat aus unseren Interviews verdeutlicht dies: “Meine Eltern lassen mir jede Freiheit offen, so dass es mir nicht schwer fällt, hier zu bleiben” . “Bequemlichkeit” als Grund, im Elternhaus zu verweilen, fiel dagegen kaum ins Gewicht, wobei nicht auszuschließen ist, dass es sich hierbei um einen Effekt der sozialen Erwünschtheit handelt.

Schließlich sollten die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens bedacht werden, die sicher auch zur Entstehung des Nesthockerphänomens beitragen. In der heutigen Generation vollzieht sich der Übergang zum Erwachsenenalter auf einem sehr hohen Komplexitätsniveau, was zu vielen Ängsten und Verunsicherung führt. Die Familie bietet in solchen Zeiten der wirtschaftlichen Rezession und der allgemeinen Desorientierung einen wichtigen emotionalen Rückhalt. Die Gesellschaft bietet den jungen Menschen kaum eine sichere Perspektive und lässt sie mit ihren Zukunftssorgen allein.

Psychologische Mechanismen

Entwicklungspsychologen nähern sich dem “Nesthocker” -Phänomen aus einer Entwicklungsperspektive, d. h. sie untersuchen einerseits, was diesem Phänomen im Lebenslauf vorausgeht und andererseits, welche Folgen es für den weiteren Entwicklungsverlauf nach sich zieht. Die Arbeitsgruppe um Zinnecker (1996) stellte bei jungen Erwachsenen, die noch im Elternhaus wohnen, sog. “adoleszente Verspätungen” fest, und zwar sowohl im Kontakt mit dem anderen Geschlecht (z. B. sich zum ersten Mal verlieben) als auch bei gewissen haushaltstechnischen Fertigkeiten (z. B. Zubereiten von Mahlzeiten). Meine eigenen Untersuchungen weisen in die gleiche Richtung: Spätausziehende fallen dadurch auf, dass sie bestimmte jugendspezifische Ablösungsaktivitäten (z. B. in einer Jugendgruppe verreisen) zu einem späteren Zeitpunkt realisiert haben und länger mit ihren Eltern in Urlaub gefahren (17;7 Jahre) sind als diejenigen, die rechtzeitig den Absprung geschafft haben (16;3 Jahre) (Papastefanou, 1997). Sie werden später selbständig und die Ablösung von den Eltern ist ihnen weniger wichtig. In der Folge trauen sie sich das Alleinleben weniger zu und fürchten sich mehr vor der Einsamkeit. Der Auszug ist für sie ein “Sprung ins kalte Wasser” und weniger ein Anlass zur Freude. Der Spätauszug kann somit als Bestandteil eines allgemein verzögerten Entwicklungsprozesses verstanden werden.

Familienpsychologisch gesehen ist hier von einer Wechselwirkung mit dem elterlichen Verhalten auszugehen, denn die spezifische Art der Erziehung in diesen Familien verstärkt das zögerliche Verhalten der erwachsenen Kinder. Die Eltern der Spätausziehenden neigen im Vorfeld des Auszugs zu überfürsorglichem Verhalten und räumen ihren Kindern Probleme aus dem Weg, was diese in ihrer Autonomieentwicklung bremst (Papastefanou, 1997). Mütter von Spätausziehenden geben zu, in bezug auf die Selbständigkeitserziehung ihrer Kinder etwas versäumt zu haben. Beispielsweise äußerte sich eine Mutter in unseren Interviews über ihren 25jährigen Sohn: “Er wird noch umhegt wie in jüngeren Jahren” . Ferner weist die Gruppe der Mütter von Spätausziehenden ausgeprägtere Ängste angesichts der bevorstehenden räumlichen Trennung auf. Dies könnte bei den Kindern Schuldgefühle auslösen, wenn sie das “Nest” verlassen.

Über die Auswirkungen des aufgeschobenen Auszugs kann man bisher wenig sagen, zumal es an Längsschnittstudien zu diesem Thema mangelt. Es liegt nahe, dass Spätausziehende auch andere Schritte des Erwachsenwerdens hinauszögern. Der Wunsch nach “Selbständigkeit” ist bei “Spätausziehenden” geringer ausgeprägt als bei ihren Peers, die sich früher abnabeln (Papastefanou, 1997). Auffällig ist, dass Spätausziehende dazu neigen, direkt aus dem Elternhaus mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin zusammenzuziehen. Das bedeutet, sie haben kein Bedürfnis, eine Zeitlang allein zu leben und begeben sich sozusagen von einer Abhängigkeit in die nächste. Vielversprechend wäre es zu untersuchen, inwieweit diese enge Bindung auf die nächste Generation übertragen wird und ob die Spätausziehenden wiederum ein einengendes Klima in ihren eigenen Familien schaffen.

Die Rolle des Auszugs im Ablösungsprozess

Im Folgenden geht es darum, die Bedeutung der räumlichen Trennung im Gesamtprozess der jugendlichen Ablösung näher zu beleuchten. Die Ablösung von den Eltern ist ein traditioneller Schwerpunkt der Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Typischerweise wird die Ablösung mit der klassischen “Sturm-und-Drang” -Phase assoziiert, in der die Jugendlichen sich gegen ihre Eltern auflehnen. “Von den Eltern unabhängig werden” gilt als wichtige Entwicklungsaufgabe des Jugendalters. Die moderne Jugendforschung zeigt jedoch, dass es normalerweise nicht zu dramatischen Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern kommt, sondern Konflikte eher um alltägliche Dinge kreisen, ohne die Grundfesten der Beziehung zu erschüttern. Vielmehr erreicht die Eltern-Kind-Beziehung eine neue gleichberechtigtere und eher partnerschaftliche Ebene. Aus diesem Grund wird neuerdings statt “Ablösung” der Begriff “Individuation” im Sinne einer “Abgrenzung innerhalb der Beziehung” bevorzugt.

Allerdings wird der Begriff “Ablösung” uneinheitlich verwendet. Neben dem Erreichen emotionaler Unabhängigkeit gehören dazu noch das Erreichen von geistig-moralischer (z. B. das Erarbeiten eigener Standpunkte) und Verhaltensautonomie (z. B. das Treffen von Entscheidungen). Aufschlussreich sind Befragungen zum subjektiven Verständnis von “Ablösung”, die ergeben haben, dass Spätjugendliche diesen Begriff sehr vielschichtig definieren (Moore & Hotch, 1987). An erster Stelle steht die “Selbstbestimmung” , während räumliche Trennung und emotionale Unabhängigkeit von den Eltern im unteren Bereich rangieren. Viele junge Erwachsene streben eine emotionale Ablösung gar nicht an, der Begriff ist für sie negativ besetzt (Papastefanou, 1997). So äußert sich z. B. eine Studentin: “Ich fühle mich nicht abgelöst, will mich auch nicht abgelöst fühlen, weil ich möchte mein Leben lang, so lang es geht, Vater und Mutter haben. Ich finde es schön so” . Die Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit bleibt lebenslang ein Thema in der Eltern-Kind-Beziehung. Als Erwachsene können beide Seiten Vertrauenspersonen füreinander sein und sich gegenseitig unterstützen.

Oft wird die räumliche Trennung als eine Art Endpunkt der Ablösung verstanden, weil das Kind damit aus der Herkunftsfamilie ausscheidet. Weit verbreitet ist die Sicht, dass eine erfolgreiche Ablösung ohne räumliche Trennung nicht möglich ist, d. h. dieser Prozess ist so lange nicht abgeschlossen, bis der Auszug stattgefunden hat. Demzufolge bezeichnen Schnaiberg und Goldenberg (1989) Nesthocker als “unvollständig abgelöste junge Erwachsene” . Die Studie der Autorin belegt, dass die Gründung eines eigenen Hausstandes eine Art katalysatorische Wirkung auf das Gefühl der Ablösung hat: die jungen Erwachsenen glauben, nach erfolgtem Auszug die Entwicklungsaufgabe “sich von den Eltern ablösen” besser bewältigt zu haben (Papastefanou, 1997). Es gibt aber auch junge Erwachsene, die sich schon im Zusammenleben mit den Eltern als “abgelöst” verstehen und dem Auszug keine große Bedeutung beimessen. Und schließlich findet man unter bereits allein wohnenden jungen Erwachsenen solche, die noch viele Routinen ihres Alltags (z. B. Steuererklärung, Bankangelegenheiten) von den Eltern regeln lassen. Eine Garantie für erfolgreiche Ablösung ist der Auszug demnach nicht. Ganz zu schweigen davon, wenn dreimal täglich telefoniert wird.

Wie ergeht es den Eltern im “vollen Nest” ?

Wie sich das verlängerte Zusammenleben von erwachsenen Kindern und ihren Eltern auf ihre Beziehung auswirkt, ist bisher unklar geblieben. In den Medien wird ein Bild gezeichnet, demzufolge die Nesthocker im Elternhaus alle Rechte für sich beanspruchen und keine Pflichten übernehmen würden. Man erhält den Eindruck, als würden die Kinder ihre Eltern nur ausnutzen. Der Begriff “Hotel Mama” weckt die Assoziation eines angenehmen elterlichen Servicebetriebes. Dies scheint mir etwas überzogen bzw. nur für einen Teil von Familien zuzutreffen. In meinen Befragungen waren auch andere Töne zu hören. Es gibt durchaus junge Erwachsene, die ihre Eltern in vielerlei Hinsicht tatkräftig unterstützen, z. B. bei der Betreuung von älteren pflegebedürftigen Familienmitgliedern oder beim Erledigen größerer Einkäufe oder Reparaturen im Haus. Die Eltern verlassen sich darauf, dass ihre Kinder in der Regel für sie da sind, wenn es wirklich einmal darauf ankommt. In Familien mit alleinerziehenden Müttern wird die Hausarbeit gerechter aufgeteilt, ähnlich wie in einer Wohngemeinschaft. Einige Eltern sehen im Zusammenleben die Chance, im Kontakt mit ihren Kindern zu bleiben und etwas für sie zu tun. Aber beide Seiten laufen Gefahr, typischen Eltern-Kind-Mustern verhaftet zu bleiben, die nicht altersangemessen sind. Folgende Aussage einer Mutter in unseren Interviews mag das verdeutlichen: “Das ist zwangsläufig so, wenn ein junger Mensch im Haushalt wohnt, dass man sagt, wo gehst du hin? Das steckt halt so in einem drin, man ist halt ewige Zeiten Mutter” (Papastefanou, 1997).

Einerseits wird in der Forschungsliteratur bei den Eltern das Belastungsmoment hervorgehoben. Ihre Lebenszufriedenheit sinke und sie wollten diese Situation nur für einen begrenzten Zeitraum dulden (Clemens & Axelson, 1985). Die Situation scheint sich zuzuspitzen, wenn die erwachsenen Kinder arbeitslos sind und den Eltern auf der Tasche liegen. Ab einem gewissen Alter haben Eltern den Anspruch, ihre Ressourcen wieder überwiegend für sich zu nutzen. Die von den Eltern erbrachten Arbeitsleistungen sind immens, ohne von den Kindern auch nur im Entferntesten ausgeglichen zu werden. Andererseits kamen Aquilino und Supple (1991) zu dem Ergebnis, dass Eltern mit dem Zusammenleben überwiegend zufrieden sind, allerdings in Abhängigkeit von der Konfliktintensität in der Beziehung zu den Kindern. Nehmen Auseinandersetzungen überhand, sinkt die Stimmung. Nicht zuletzt leidet mitunter die Partnerschaft der Eltern darunter, die in dieser Phase der “nach-elterlichen Gefährtenschaft” erwarten, mehr Freiraum für sich haben und sich mehr auf sich besinnen zu können. Ist die Ehe dagegen unglücklich, versuchen Eltern ihre Kinder zu halten, weil diese eine Art Pufferfunktion bei den Konflikten zwischen den Eltern innehaben.

Literatur

  • Aquilino, W.S. & Supple, K.R. (1991). Parent-child relations and parents´ satisfaction with living arrangements when adult children live at home. Journal of marriage and the family, 53, 13-21.
  • Arnett, J. J. (2000). Emerging adulthood. A theory of development from the late teens through the twenties. American Psychologist, 55 (5), 469-480.
  • Boyd, M., Pryor, E.T. (1989). The cluttered nest: the living arrangements of young canadian adults. Canadian Journal of Sociology, 14, 461-477.
  • Buba, H. P., Früchtel, F. & Pickel, G. (1995). Haushalts- und Familienformen junger Erwachsener und ihre Bedeutung im Ablösungsprozeß von der Herkunftsfamilie – Ein Vergleich in den neuen und alten Bundesländern. In B. Nauck, N. Schneider & A. Tölke (Hrsg.), Familie und Lebenslauf im gesellschaftlichen Umbruch (S. 119-136). Stuttgart: Enke.
  • Cherlin, A.J., Scabini, E. & Rossi, G. (1997). Still in the nest. Delayed home leaving in Europe and the United states. Journal of family issues, 18 (6), 572-575.
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  • Gaiser, W. & Müller, H.-U. (1996). Jugend und Wohnen – Probleme und Lösungsversuche. Diskurs, 2, 49-57.
  • Nave-Herz, R. (1997). Still in the nest. The family and young adults in Germany. Journal of family issues, 18 (6), 671-689.
  • Ott, N. (1986). Ausscheiden erwachsener Kinder aus dem elterlichen Haushalt. In K.F. Zimmermann (Hrsg.), Demographische Probleme der Haushaltsökonomie. Bochum.
  • Papastefanou, Ch. (1997). Auszug aus dem Elternhaus. Weinheim: Juventa.
  • Papastefanou, Ch. (2000). Der Auszug aus dem Elternhaus – ein vernachlässigtes Thema der Entwicklungspsychologie, ZSE, 55-69.
  • Schnaiberg, A. & Goldenberg, S. (1989). From empty nest to crowded nest: the dynamics of incompletely launched young adults. Social Problems, 36, 3, 251-268.
  • Silbereisen, R., Vascovics, L. & Zinnecker, J. (1997). Jungsein in Deutschland. Opladen: Leske & Budrich.
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  • Vaskovics, L.A., Buba, H.P., Eggen, B. & Junge, M.(1990). Forschungsbericht zum Projekt “Familienabhängigkeit junger Erwachsener und ihre Folgen” . Universität Bamberg.
  • Vascovics, L.A. (1997). Generationenbeziehungen: Junge Erwachsene und ihre Eltern. In E. Liebau (Hrsg.), Das Generationenverhältnis. Weinheim: Juventa (S. 141-160).
  • Wagner, M. & Huinink, J. (1991). Neuere Trends beim Auszug aus dem Elternhaus. Acta Demographica, 2, 39-62.
  • Weick, S. (2002). Auszug aus dem Elternhaus, Heirat und Elternschaft werden zunehmend aufgeschoben. ISI, 27, 11-14.
  • Zinnecker, J., Strozda, Ch. & Georg, W. (1996). Familiengründer, Postadoleszente und Nesthocker. In H.P. Buba & N. Schneider (Hrsg.), Familie zwischen gesellschaftlicher Prägung und individuellem Design. (S. 289-306). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Autorin

Dr. Christiane Papastefanou
Privatdozentin am Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft II
Universität Mannheim
Schloss Ehrenhof Ost
68131 Mannheim
 

Erstellt am 9. Januar 2003, zuletzt geändert am 9. Januar 2003