Zusammenwachsen als Stieffamilie … das erfordert Zeit

Lieselotte Wilk, Isabella Knall, Renate Riedler-Singer und Martina Gschwandtner

Je nach Alter und Reife benötigen Kinder und Jugendliche mehr oder weniger starke Unterstützung, um sich an die neuen Partner ihrer leiblichen Eltern und gegebenenfalls auch an neue Stiefgeschwister gewöhnen zu können. Der Artikel beschreibt die unterschiedlichen Phasen, die mit der Gründung von Stieffamilien einhergehen können und greift dabei Erwartungen und Wünsche, aber auch Konflikte realistisch auf.

Ihre Entscheidung, eine Stieffamilie zu gründen, bringt eine Vielfalt von Veränderungen: neue Beziehung, neuen Partner, neue Erzieher, neuen Freundeskreis, möglicherweise eine neue Umgebung – ein neuer Abschnitt des Lebens beginnt.

Alter, Geschlecht, Zahl und Herkunft der Kinder, die bisherigen Familien- und Lebenserfahrungen aller Beteiligten sowie deren Persönlichkeitsmerkmale, Einstellungen und Erwartungen beeinflussen selbstverständlich den Verlauf einer Stieffamiliengründung.

Darüber hinaus hängt viel davon ab, ob und wie das Kind (oder die Kinder) die Trennung der Eltern verarbeitet hat. Das Ende einer Partnerschaft ist natürlich nicht das Ende der Elternschaft! Für die Kinder bleibt entscheidend, dass ihre leiblichen Eltern für sie weiterhin da sind und Verantwortung tragen.

Altersspezifische Reaktionen der Kinder

Für Säuglinge und Kleinstkinder ist die bisherige Hauptbezugsperson entscheidend. Bleibt sie (das kann Vater oder Mutter sein) beim Kind, kann dieses eine Trennung leichter verkraften.

Ist das Kind jünger als zwei Jahre, wird es dem “Stief” in der Regel relativ leicht gelingen, die Zuneigung des Kindes zu gewinnen. Eine vorübergehende Veränderung im Verhalten ist aber nicht ungewöhnlich, da der gewohnte Lebensrhythmus des Kleinkindes ja unterbrochen worden ist. Es muss bei einer Stieffamiliengründung eventuell mit einer neuen Wohnsituation, in jedem Fall zumindest mit einer neuen Person erst vertraut werden.

Kindergarten- und Vorschulkinder können sich auf eine Stieffamilie einstellen, wenn ihnen Zeit und Hilfe gegeben wurde, über die Trennung von Vater oder Mutter zu trauern. Wichtig: Kinder dieses Alters glauben oft, selbst Urheber aller Probleme zu sein. Auch die Trennung glauben sie durch “Böse-sein” ausgelöst zu haben. Daraus können sich natürlich Schuldgefühle entwickeln, die wiederum stark wechselnde Empfindungen des Kindes gegenüber dem “Stief” auslösen: Wut, Zorn, Eifersucht, Trauer sind typische Reaktionen. Sie treten quasi automatisch auf. Der “Stief” sollte sie also nicht persönlich nehmen – er spielt hier eine Rolle, die sich im Lauf der Zeit verändert.

Kinder zwischen 6 und 12 Jahren scheinen es am schwersten zu haben – sie sind meist schweren Loyalitätskonflikten ausgesetzt. Für Sie als Stiefeltern bedeutet das mehreres, vor allem aber eines: Übertreiben Sie Ihr Bemühen um die Zuneigung des Kindes (der Kinder) nicht. Warum? Weil das Kind zuerst auf jeden Fall Abstand braucht. Wenn Sie ihm den nicht geben, verschafft es sich Distanz, und das geht selten ohne Kränkung ab.

Wieso ist das so? Eigentlich ist es (theoretisch) sehr eindeutig – praktisch ist es enorm schwierig: Das Kind leidet unter der Trennung. Ein (meist) geliebter Mensch ist von ihm entfernt worden. Zeigt sich das Kind jetzt Ihnen als neuem Vater oder neuer Mutter liebevoll, kommt es sich selbst als Verräter an der “alten” Liebe vor.

Das Kind glaubt, dass große Zuneigung zum neuen “Stief” die nunmehr getrennte Mutter, den nunmehr getrennten Vater kränkt – und oft wird es damit Recht haben. Wir sind alle keine Übermenschen, und es ist in einer meist sehr schwierigen Beziehungskiste häufig so, dass man Verbündete gegen den bisherigen Partner sucht – viele Väter und Mütter finden diese in den eigenen Kindern. Kinder als “Munition” – ein bisschen ist niemand vor solchem Loyalitätsmissbrauch gefeit. Eine ganz schwer zu schluckende Pille für die betroffenen Kinder ist, dass oft die Entscheidung für Vater oder Mutter gleichzeitig eine Entscheidung gegen den jeweils anderen ist.

Wie kommen Kinder eigentlich dazu, sich ohne es zu wollen gegen Mutter oder Vater entscheiden zu müssen? Sie wollen mit beiden beisammen bleiben! Mittel und Wege, das auch in komplizierten Situationen zu ermöglichen, gibt es aber in fast jedem Fall – optimal wird zwar keine der Lösungen sein; “grenzoptimal” wäre das Ziel!

Jedenfalls: Betreuungs-, vor allem aber Erziehungsaufgaben können Stiefeltern erst mitübernehmen, wenn sie und die Kinder einander auf Vertrauensbasis näher gekommen sind.

Möglicherweise trifft das alles auf Ihre Familie und auf Ihre Kinder nicht zu. Bedenken Sie aber, dass nicht nur Sie, sondern auch Ihre Kinder eine Fassade aufbauen können. Sie tun dann so, als würden sie “vernünftig” sein – dahinter aber fließen Tränen; bloß unsichtbar, oder: nur bei genauerem Hinsehen sichtbar.

Das Kind im Jugendalter ist durch seine geistige Reife in der Lage, die Beweggründe der Trennung der Eltern zu verstehen. Es befindet sich aber trotzdem in einem Konflikt zwischen der Notwendigkeit des Zusammenwachsens der neuen Familie einerseits und dem altersgemäßen Streben nach Eigenständigkeit andererseits. Für den Stiefelternteil kann es jetzt schwierig werden, von den Jugendlichen Autorität zuerkannt zu bekommen.

Phasen in der Entwicklung von Stieffamilien

Zudem ist die Entstehung einer Stieffamilie ein langdauernder Prozess. Es gibt dabei, wie mehrere wissenschaftliche Studien gefunden haben, bestimmte Phasen, welche alle Stieffamilien durchlaufen.

Im ersten Stadium haben die Familienmitglieder häufig unrealistische Erwartungen und Wünsche an sich und die anderen. Die Erwachsenen haben vielleicht die Vorstellung, dass die neue Familie von Anfang an in perfekter Harmonie funktioniert. Mit anderen Worten, sie verlangen sich ab, dass der “Stief” den nunmehr getrennt lebenden Vater (oder die Mutter) vollständig ersetzt, was sich bald als Illusion herausstellt und seifenblasenartig platzt.

Speziell schwer haben es da Stiefmutterfamilien. Selbst der aufopferndste Einsatz der Stiefmutter wird von den Kindern (auf Grund ihrer Loyalität zur leiblichen Mutter) selten belohnt. Die Stiefmutter hat eher mit Verweigerung, Trotz oder Herausforderung durch das Kind zu rechnen. Die Kinder wünschen häufig, dass der/die Abwesende in die Familie zurückkehrt oder dass der “Stief” nicht dessen/deren Rolle übernimmt.

In der zweiten Phase des Eintauchens in die Realität wird meistens bewusst, dass diese Fantasien im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen.

In der dritten Stufe, der bewussten Wahrnehmung dieser Realität, können die Familienmitglieder nun auch die Wünsche und Bedürfnisse der anderen erkennen und verstehen. Realistische Einschätzungen der Besonderheiten der eigenen Familie ermöglichen nun den Aufbau einer Stieffamilie mit neuen, eigenen Gesetzen. Nicht ein Abbild der “alten” , sondern etwas ganz neues.

In der letzten Phase werden Konflikte bewältigt, Gewohnheiten und Regeln spielen sich ein. Zuneigung und Nähe können sich entwickeln, der “Stief” findet seinen festen Platz in der Familie. Das “neue” Familienmitglied wird am Ende der Stieffamiliengründungsphase vertraut und einschätzbar sein, und alle fühlen sich nun als Teil der neuen Familie. Man gehört zusammen, unternimmt Gemeinsames, alle schätzen einander. Die Erwachsenen tragen Sorge für die Kinder, sie teilen sich Betreuung und Erziehung, und die Kinder können sich auf das Leben mit allen Erwachsenen verlassen, ihnen vertrauen und “Kind” sein – klingt wieder wie ein Märchen, ist auch für viele unerreichbar, für andere gar nicht anstrebenswert, je nachdem.

Familienkultur findet statt zwischen den Polen Friede, Freude, Eierkuchen – und fliegenden Fetzen.

Grundsätze

Die Anfangsphase einer Stieffamilie erfordert

…die Bewältigung der Trennung der leiblichen Eltern durch diese selbst und die betroffenen Kinder.

…Zeit, die Stieffamilie langsam und behutsam zu gründen und dabei zu versuchen, das Kind einzubeziehen, sodass sich alle gründlich kennen lernen können.

…die Respektierung der speziellen Bindung zwischen leiblichen Eltern und Kind und die Anerkennung der Bedeutsamkeit dieser Beziehung für beide.

…die Aufgabe der Erwartung seitens des “Stief” , vom Kind spontan geliebt zu werden.

…Geduld des “Stief” im Umgang mit dem Kind: Dieses muss ihn erst kennen und ihm vertrauen lernen, bevor er sich um es kümmern, und es insbesondere erziehen darf.

…Höflichkeit zwischen dem “Stief” und dem Kind.

…Reden, Verhandeln und Kompromisse schließen: Jedes Familienmitglied hat das Recht, mitzureden, wie das Leben in dieser “neuen” Familie gestaltet werden soll.

Quelle

Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen (Hrsg.): Die Patchwork-Familie, oder Der Die Das Stief … Ein Ratgeber für Familien und solche, die es noch werden wollen. Wien: Selbstverlag 2001, S. 27-33
 

Weitere Informationen

Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen
Abteilung V/7
Franz Josefs-Kai 51
A – 1010 Wien

Tel.: 01/71100-3330

Erstellt am 18. Dezember 2001, zuletzt geändert am 16. März 2010